Nachdenken über Juden

Der Antisemitismus ist aber mehr als ein moralisches, er ist auch ein intellektuelles Problem. Ein Denken, das vom Judenhass angefressen wurde, ist von innen her faul. Solange die Aufklärer, Fortschrittsfreunde und Gottesleugner sich also weigern, ihre eigene judenfeindliche Tradition in Augenschein zu nehmen, solange sie dieses Erbe wie bewusstlos immer weiter tragen, stimmt mit ihnen etwas ganz Grundsätzliches nicht. Sie sind dann zumindest in dieser Hinsicht nicht besser als fundamentalistische Muslime oder die reaktionären Katholiken von der »Piusbruderschaft«.

Solange die Aufklärer sich über ihren eigenen Antisemitismus nicht aufklären lassen wollen, sind sie als Gesprächspartner in der öffentlichen Debatte kaum ernst zu nehmen.

Hannes Steins Beitrag in der Welt ist eine Sammlung von Überlegungen, die nicht zwingend wirklich logisch verknüpft sind.

Das »Nachdenken« über Juden ist wahrlich eine intellektuelle Aufgabe! Richtig ist, dass es einer Masse von Menschen nicht schwerfällt, auch ohne »in der Tradition« von irgendwas zu stehen, Antipathien aufgrund von Eindrücken und Erfahrungen zu entwickeln. Stein hätte untersuchen können, wie das möglich ist. Und wahr ist, wer einmal »die Fährte aufgenommen hat«, tut sich womöglich schwer, ein unbefangenes und freundliches »Denken über Juden« zu leisten.

Eine »judenfeindliche Tradition«, was für ein Unfug. Denken tun Menschen immer alleine. Und ihr Denken müssen diese Personen auch immer für sich überprüfen. Da braucht man nicht und steht man nicht »in einer Tradition«, sondern »trial and error« entscheiden die Hirnvorgänge. Und das hat auch nichts mit einem »Erbe« zu tun, wie Stein es hier zusammentüftelt.

Und im letzten Absatz dann noch dies: Stein stellt fest, dass von ihm Titulierte sich »aufklären lassen wollen« sollen. Die wirklich Wissenden sind er und seinesgleichen. Und wer sich nicht in diese (untergeordneten) Rollen fügt, habe erst gar nichts in der »öffentlichen Debatte« verloren.

Wenn das nicht Zensur- und Manipulationsversuche sind, dann weiß ich nicht.

Man kann aber Steins Beitrag dafür nehmen, wie schwer es ist, öffentlich und unbefangen ein Denken über Juden zu leisten. Überall lauert der Antisemitismus-Verdacht. Die Crux ist, dass dies dazu führen kann, dass wieder in sogenannten Geheimzirkeln die Leute über die Dinge sprechen, über die zu sprechen in der Öffentlichkeit verboten ist. Und wem nutzt das? Wem nutzt die Verhinderung von Diskussion und Gespräch? Ich glaube nicht, dass es den Juden und den Nicht-Juden nützt. Ziel allen Gesprächs, Nachdenkens und Auseinandersetzung kann doch nur sein, ein friedliches Zusammenleben aller Menschen zu erleichtern und zu ermöglichen. – Mit diesem Ziel im Blick, lässt sich jede Diskussion angstfrei in Angriff nehmen.

http://www.welt.de/kultur/article108335884/Die-grossen-Aufklaerer-waren-oft-Judenhasser.html

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