Die deutsche Wirtschaft bei Richard Wagner (Schriftsteller)

Richard Wagner hat einen Abschnittsbereich in seinem Buch „Der Deutsche Horizont“, in dem er sich u.a. mit der Arbeitsmarktsituation in Deutschland beschäftigt: „Die begrenzte Marktwirtschaft“ (und folgende). Das ist für mich interessant, weil das Buch in der Zeit erschien, in der Hartz4 eingeführt und die sogenannte Agenda 2010 von den GRÜNEN und der SPD der Bevölkerung aufgedrückt wurde.
Der Schriftsteller Richard Wagner hat einen angenehmen Schreibstil, in flotter und sehr konkreter Weise zeigt er auf die Zustände in Deutschland und gibt ihnen einen Namen. Das macht Spaß.

Der Abschnitt über die Wirtschaft und Arbeitsmarkt-Situation interessierte mich auch deshalb, weil ich nun schon seit einigen Jahren mich mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beschäftige und die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens zeitgleich mit der Armutseinführung in Deutschland immer mehr Befürworter fand.
Wie geht also Wagner mit dem Umstand um, dass in Deutschland die Arbeit immer teurer, Arbeit ins Ausland verlagert wurde und Schröder und Fischer auf die Idee kamen, von der Bevölkerung etwas »fordern« zu wollen?

Erstmal überrascht er mit der völlig richtigen Einschätzung, dass der sogenannte Arbeitsmarkt gar keiner ist: „Arbeit ist nicht nur das Ergebnis eines Auftrags, sondern auch eines Angebotes.“ (S.222)
Der Anbieter von Arbeit(sleistung) müsste auch die Freiheit besitzen, das Angebot wieder zurückziehen zu können, sonst ist es nicht wirklich ein Angebot. Aber von diesem kleinen Highlight mal abgesehen, sind Wagners Einschätzungen eher eine große Katastrophe. Er schreibt, es herrsche eine „folgenschwere Verknüpfung von Arbeit und Sicherheit, die zu Faulheit und Trägheit verleitet“. Ein schon komisches Denken und Schlussfolgerung: Wenn der Mensch nach Sicherheit strebt, käme „Faulheit und Trägheit“. Und er schreibt: Die Idee der Vollbeschäftigung aufzugeben ist prekär, weil an die Arbeit der Broterwerb und damit die individuelle Freiheit gebunden ist.“ (S.224)

Genau dieses Denken ist aber die Sackgasse, in die sich die „Fachkommission“ aus Wirtschaftsleuten und Gewerkschaften hineingedacht hatte und als Ergebnis dann „Agenda2010“ auf den Plan setzte, was die GRÜNEN und die SPD in der Folge abnickten. Angeblich weil es keine Alternativen gab und es waren ja auch Schuldige ausgemacht, die faulen Säcke, „Arbeitslose“ genannt, die sich um die Arbeit drückten und von denen man endlich was „fordern“ musste.
Wagner haut in dieselbe Kerbe, ist also nicht viel besser wie Peter Hartz, oder er sieht es ganz genauso wie dieser aufhetzte Mob. Packt sie, die Arbeitslosen und zwingt sie zur Arbeit. Nur so geht es.
Das Recht auf Arbeit müsse bestehen bleiben, schreibt Wagner. (S.224) Dabei ist vielmehr gemeint, „die Pflicht zur Arbeit“ (wie es Götz Werner in seinem Buch „Einkommen für alle“ 2008 schreibt. (S.73)).
Auch Richard Wagner will die Daumenschrauben anziehen:

»Die Angestelltenmentalität ist zu überwinden. Das geht nur, wenn Sicherheit und Arbeit getrennt werden. Die Löhne müssen fallen dürfen. Die Existenzsicherung sollte von der geleisteten Arbeit abhängen und nicht vom Arbeitsplatz garantiert sein. Mobilität sollte selbstverständlich sein. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung werden Arbeitsplätze eingerichtet wie Wohnraum.«

Seine Arroganz, wie er mit diesen Worten über die Lebensplanung der Menschen verfügen will, ist schon atemberaubend.
Sein Buch ist von 2006. Er schreibt (S.225):

»Die Ideallösung für den Einzelnen ergibt sich heute aus der Kombination von Sozialhilfe und Schwarzarbeit. Die Grundversorgung kommt vom Amt, die Extras werden selbst erwirtschaftet. Diesem Phänomen ist unter den gegebenen Umständen kaum beizukommen.«

Das sind natürlich schöne Argumentationshilfen für Schröders Agenda. Hier ist Wagner in staatstragender Funktion. Und er beschreibt eigentlich auch das, was mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen heute, einige Jahre später (nach den Erfahrungen mit den Menschenrechtsverletzungen durch Hartz4) angestrebt wird: Die Grundversorgung kommt von der Gemeinschaft, die Extras werden selbst erwirtschaftet. Aber nicht mehr »schwarz«, sondern »offiziell«. 🙂

Letztlich kommt man als Leser aber nicht umhin, diesen Richard Wagner selbst anzuschauen. Der Mann, der eine Innenansicht wagt, hat dieses Land (Deutschland) im Alter von 35 Jahren aufgesucht. Und er lebt nicht irgendwo in Deutschland, sondern in Berlin (vielleicht auch noch West). Berlin-West, ein »Kunstprodukt«, ausgeformt im Ost-West-Konflikt (also in keinster Weise exemplarisch für „Deutschland“).
Oder andersherum gesagt, er ist nicht in Deutschland aufgewachsen, hat keine Ahnung von der deutschen Kultur, ganz zu schweigen von den gravierenden Unterschieden zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland. Trotzdem schwadroniert er drauflos, was in Deutschland falsch und richtig läuft (viele seiner Einschätzungen gefallen mir). Der Leser sollte sich aber durchaus bewusst sein, dass Herr Wagner die ersten 35 Jahre seines Lebens in Rumänien gelebt hat, einem Land, in dem Ceaușescu ein kommunistisches Terrorregime führte und sein Volk planmäßig Menschen zeugen und ausbrüten lies (Verbot von Verhütung, bei Strafe; 5 Kinder pro Familie als Pflicht). In dem Bespitzelung der Bevölkerung die Regel war, durch einen stark ausgebauten Geheimdienstapparat.
Aus so einem Erfahrungshintergrund kommend mokiert sich Wagner über „die Ideologie der Überheblichkeit“ und der „Besserwisser“ in Deutschland. (S.229)
Kann man so jemanden ernst nehmen? Nur bedingt. Was bleibt, Wagner hat wirklich einen schönen Schreibstil. 🙂
Anmaßend und vorwitzig ist aber sein Urteilen über Deutschland in Teilen, wenn man sieht, dass er doch nur von außen, und „verspätet“ überhaupt, sich in den Verhältnissen (in Westdeutschland) zu orientieren begann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Wagner_(Schriftsteller)
http://de.wikipedia.org/wiki/Nicolae_Ceau%C8%99escu

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