Fleiß, Erfolg und Leistung

In einem Interview mit dem Schweizer Soziologen Ueli Mäder wird überlegt, ob die Armen (Unterschicht) Interesse an Fleiß, Erfolg und Leistung haben.

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Wie steht es um Werte wie Fleiß, Erfolg und Leistung? Wüllenweber findet, dass diese in der Unterschicht einen geringen Stellenwert hätten. Er meint, dass die Unterschicht das Gefühl für Leistung verloren habe.

Dann kennt er die Realität nicht! Nehmen wir die Working Poor: Die leisten viel und kommen auf keinen grünen Zweig. In der Schweiz ist das Armuts­problem auch ein Working-Poor-Problem. Bei einzelnen Sozialbezügern kann es sein, dass aufgrund schlechter Erfahrungen der Wille schwindet. Aber wir haben mit 600 Haushalten von Working Poor geredet, und ich habe nicht einen getroffen, dem der Wille gefehlt hätte, das Haushaltseinkommen zu erhöhen. Deshalb reagiere ich etwas genervt, wenn die Armen beschrieben werden, als würden sie nur die hohle Hand hinhalten.

Maeder wehrt sich gegen die Perspektive, die offenbar von dem deutschen «Stern»-Journalisten Walter Wüllenweber vertreten wird. Aber warum müssen sich Arme diesen unverschämten Fragen eigentlich stellen?

In Deutschland gab es in den 90er Jahren eine Zurschaustellung der »Unterschicht« in den Talkshows.[1] Anfangs häufig zu Sexthemen, später zu egal was, Hauptsache die »Unterschicht« wurde vorgeführt als doof und faul, aber gierig nach Nahrung (sie sind dick), Sex (sie sind versaut), Alkohol, Zigaretten (sie leben ungesund). Auf vielen Kanälen konnte man sehen, wie sich die Betroffenen selbst zum Affen machten oder von den Moderatoren und dem Publikum zu solchen gemacht wurden.

Rückblickend kann man aber meinen, dass diese »Offenbarungen« dann als Grundlage dienten (promotet über das sich immer wieder allen Beteiligten anbiedernde Hetzblatt BILD), um Anfang der 00er Jahre gegen genau diese »Unterschicht« die Hartz4 und Agenda2010-Maßnahmen zu begründen und einzuführen (Florida-Rolf lässt grüßen).

So als ob man doch irgendwie Erklärungen beitreiben können müsste, um diese Leute denunzieren und berechtigt benachteiligen zu können. Quasi musste der gesellschaftliche Unfriede mit Gewalt herbeigeführt werden. (In den 70er Jahren war Alkoholgenuss weit verbreitet in der Gesellschaft. Überhaupt war eine Genuss-Orientierung Teil des erlebbaren Wohlstandes für viele. Die 90er Jahre müssen hier als Umbruchsphase gesehen werden, in der eine Neu-Definition der gesellschaftlichen Teilhabe vorbereitet wurde.)

Was nun Wüllenweber feststellt und dem dann Ueli Mäder vehement widerspricht, sind eigentlich Zuweisungen an eine Gruppe von Menschen, die sich plötzlich als die Außenseiter wiederfinden.

Früher waren die Wochenendbeilagen der großen Zeitungen voll mit Stellenanzeigen. Heute ist der »Stellenmarkt« eine hauchdünne Blättersammlung. Was die »Unterschicht« in der Freizeit machte, war damals (in den 60er bis 80er Jahre) egal oder wurde in akzeptierter Weise behandelt und vermarktet (heute als Restbestand, die Sportbegeisterung). Die gesamte Schwer-Industrie wurde aufgebaut von den heute Ausgegrenzten, überhaupt schwere Arbeit war das, was diese Menschen leisteten. Heute sind sie erschöpft, müde, körperlich ruiniert, ausgebrannt, werden aber dann in dieser niederträchtigen Art und Weise angesprochen, wie sie es den mit den Werten »Fleiß, Erfolg und Leistung« hielten. Bei den Jungen wird unterstellt, sie würden von diesen Werten nichts halten, weil sie in der Schule versagten oder im Leistungsvergleich die Schlechteren sind. Aber das ist eben erst heute ein Problem. Früher war es halt die körperliche, schmutzige Arbeit, die zur Genüge vorhanden war und jeder hatte seine Berechtigung zu leben, indem er sich bei dieser Arbeit beteiligte und seinen Anteil dafür bekam. Heute ist keine solche Arbeit mehr da (oder zuwenig, um alle Arbeitslosen angemessen bezahlt unterzubringen) und der Notendurchschnitt, die schulische Leistung muss dafür herhalten, als Alibi, für die niederträchtige Behandlung dieser Menschen durch Verarmungs- und Zwangsarbeitsregelungen (zur Ausbeutung in den Niedriglohnbereichen), die sich dann die deutschen Regierungen in den 00er Jahren ausgedacht haben. – Diesen Leuten in der Politik, aber auch in der Wirtschaft, in unserer Gesellschaft überhaupt, ist nichts Besseres eingefallen, als die Arbeitslosen zu drangsalieren, zu bestrafen, zu benachteiligen und zu verarmen.

1. Und diese Zurschaustellung gibt es scheinbar auch heute noch

Oliver Kalkofe über das Nachmittags-Fernsehprogramm (überwiegend bei den Privaten):

Mit dem Nachmittag meinen Sie diese Scripted-Reality-Geschichten?

Formate mit der Aussage: Guck mal, wie scheiße die Welt ist, wie doof die Leute da draußen alle sind. Programme, die boshaft Menschen vor die Kamera schubsen und zum Auslachen vorführen, damit die Blöden unter den Zuschauern denken können: Cool, die sind ja noch bekloppter als ich!

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