Beschneidung – Was ist Toleranz

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Jenseits der heftig geführten Diskussion über Beschneidung ist ein dramatischer Mangel an Toleranz zu konstatieren. Toleranz, so definiert der Ethiker Michael Bongardt, bedeutet: »Ich dulde etwas, was ich aus meiner eigenen Perspektive mit guten Gründen für falsch halte.« Das gilt auch für die Beschneidung. Es geht also nicht darum, dass die Mehrheitsgesellschaft, verstehe sie sich mehr christlich oder mehr säkular, die jüdischen und islamischen Beschneidungsrituale gut findet. Es geht um Duldung, um Toleranz. Und die darf nicht geopfert werden.

Der Autor ist Rettungsmediziner in Frankfurt und einziges jüdisches Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Leo Latasch übergeht aber ein, zumindest für mich, zentrales Argument in der Beschneidungsdiskussion. Und das sind die Menschenrechte. Toleranz gegenüber Menschenrechtsverletzungen. Geht das?

Stéphane Hessel in seinem Traktat »Engagiert Euch!«:

1945 ging es darum, die Menschheit von der schrecklichen Last des Totalitarismus, des Nationalsozialismus, des Faschismus zu befreien und hierfür die UNO-Mitgliedstaaten auf Rechte von universeller Geltung einzuschwören. Das Ziel war ungeheuer ehrgeizig. Die Länder des Südens, des Westens und des Ostens, des Okzidents und des Orients sollten sich auf einen Kodex von Werten, Freiheiten und allgemeinen Rechten einigen, auch wenn diese nicht unbedingt ihrer Tradition entsprachen. Es sollte ein Text entstehen, der den Kulturen aller Länder offenstand und kein Land schockierte. Dieses ehrgeizige Ziel wurde am 10. Dezember 1948 erreicht, als 48 Staaten im Pariser Palais de Chaillot für die Annahme der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stimmten. Da gab es nun auf einmal eine Weltorganisation und dazu einen Menschenrechtstext, der von sehr unterschiedlichen politischen Regimes verfasst worden war. Noch nie zuvor war von »Menschenrechten« im Weltmaßstab die Rede gewesen! Zum ersten Mal erschien vor unseren Augen die Weltgesellschaft als einheitliches, interdependentes und solidarisches Gebilde. Das war unerhört neu — auch dieses anspruchsvolle Adjektiv: universell. Ja, wir meinten die Gesamtheit der Frauen und Männer in aller Welt, ohne Ausnahme.

Ich fühle mich zuallererst den universellen Rechten ALLER Menschen verpflichtet und kann nicht diese Rechte den Partialinteressen von Gruppen und Einzelpersonen opfern, wenn sie ein bestimmtes Ausmaß überschreiten. Die Menschenrechte meinen die Möglichkeiten, die ALLEN auf der Erde zustehen sollten, unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit. Und diese Möglichkeiten beinhalten auch das »Recht auf körperliche Unversehrtheit« (Grundgesetz).

In der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht:

Artikel 3
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

und weiter

Artikel 12
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben ….. ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

Wenn man die Situation sieht, was bei der Beschneidung gemacht wird und dies mit den universellen Regeln und Gesetzen, genannt »Menschenrechte« vergleicht, kann man nicht verdrängen, dass hier gegen diese Vereinbarungen verstoßen wird. Es wird Gruppenrecht über universelles Menschenrecht (des Einzelnen!) gestellt.

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