An den Pranger gestellt – was hat das mit Recht und Gesetz zu tun.

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Laut US-Verfassung sind „cruel and unusual punishments“ verboten. Doch Entehrungen gelten nach oberster Rechtsauffassung nicht als grausam. Überhaupt unterscheidet sich das amerikanische Rechtsverständnis vom deutschen fundamental. Nicht ein schriftlich fixiertes, der abstrakten Römischen Tradition entlehntes Gelehrtenrecht, das man studiert haben muss, um es richtig anwenden zu können, wird in den USA praktiziert, sondern ein durch Präzedenzfälle und Erfahrung geprägtes Gewohnheitsrecht. Oft befindet allein eine Jury, die aus Laien besteht, über Schuld und Unschuld des Angeklagten. Das bindet das Rechtsverständnis sehr stark an das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden. Was Recht ist, muss sich auch gerecht anfühlen. Das öffnet den Raum für Vergeltungskriterien, was wiederum in Deutschland als archaisch betrachtet wird.

Interessant sind diese Informationen. Wir haben hier bei uns ein »Gelehrtenrecht«, während es in den USA ein »Gewohnheitsrecht« gibt. Eine Jury aus »Laien« fällt in den USA ein Urteil.

Aber was besagt das?

Bei Gewalttaten, körperlicher Gewalt, Überfälle, aber auch häusliche Gewalt, Gewalt gegen Kinder, Anvertraute, geht es doch in erster Linie darum, zu verhindern, dass der Täter nochmal solche Taten begeht. Zumindest sehe ich das hier bei uns als wichtigste Perspektive im Umgang mit dem Täter.

In den USA scheint da noch der Aspekt der Vergeltung eine Rolle zu spielen, den ich eigentlich nicht so wichtig finde. Obwohl ich sehr gut die Gefühle der Opfer und der Freunde und Angehörigen verstehen kann, »Rache« üben zu wollen. Aber trotz dieser vorhandenen Gefühle finde ich es besser, darauf zu verzichten.
Denn dort, wo es doch praktiziert wird, wirkt es archaisch, primitiv. Und von solchen Völkern hat man keinen guten Eindruck.

Aber auf die Frage der Verhinderung weiterer Taten haben wir hier bei uns auch keine richtige Antwort. Die Ohnmacht und Ratlosigkeit drückt sich bei uns in dem Instrument der »Sicherungverwahrung« aus. Sie gibt es deshalb, weil Therapien und Re-Sozialisierung nicht sicher wirken oder erst gar nicht in Anwendung kommen. Oder aber die Täter werden trotz tätlicher Angriffe gegen Mitmenschen nicht inhaftiert oder in geschlossene Heime verbracht, weil sie scheinbar zu jung dafür, oder diese Intrumentarien gar nicht entwickelt sind, aus gesellschaftlicher Unsicherheit, ob denn diese Maßnahmen in der Öffentlichkeit geduldet werden, oder ob die Initiatoren dieser Maßnahmen nicht vielleicht öffentlich bloßgestellt werden, wegen »menschenrechtsverletzender« Vorgehensweisen.
Lieber verlagert man dann dieses nicht gelöste Problem wieder an die Bevölkerung zurück, in dem die Täter kurz nach der Tat einfach wieder freigelassen werden. Bis sie wieder jemanden angreifen und verletzen und dann wieder festgenommen werden und so weiter. So kann es vorkommen, dass sogenannte »Mehrfachtäter« immer wieder durch Gewalttaten auffällig, aber nicht eingesperrt werden. Und eine verantwortliche Stelle schiebt das Problem auf die nächste.

Tja, so haben wir in unserem Rechtssystem auch unsere »Baustellen«.

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