Sexismus-Debatte

welt–henryk-m-broder-Die-Banalisierung-des-Begriffs-Sexismus

Henryk M. Broder schreibt einen schönen Kommentar zur Sexismus-Diskussion rund um Herrn Brüderle. Richtig ist, dass die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in den letzten Jahrzehnten einen veränderten Verlauf genommen haben. Man lebt immer häufiger getrennt, allein, und wie es Herr Broder beschreibt, könnte man diese Umstände noch auf die Spitze treiben.

Was sind denn die (offensichtlichen) Themen, die wir alle in der Gesellschaft gemeinsam behandeln müssten?

Wie geht man mit Sex um, mit sexuellen Bedürfnissen? Darüber sollte eine öffentliche Diskussion stattfinden.

Ist die Frage der »sexuellen Befriedigung« wirklich nur Privatsache? Oder können wir uns, auch öffentlich, dem Thema gemeinsam konkreter nähern. Hier bitte keine Denkhemmungen aufbauen, denn es geht um die Verhinderung von Gewalt und Unrecht. Und statt Täter bestrafen zu müssen, sollten wir uns gegenseitig helfen, mit Bedürfnissen angemessen umzugehen. Also warum nicht mal gedanklich eingefahrene Gleise verlassen, und Lösungen statt Strafen [1] sich überlegen.

Hinzukommt, in unseren (hochindustrialisierten) Gesellschaften ist eine »Arbeits-Geilheit« vorherrschend, die massiv von Regierungen gefördert, aber auch erzwungen wird (Hartz4), und ihre Ergänzung findet, in einer Pornografie-Geilheit (womöglich gleich am Arbeitsplatz genutzt). Beides ist das Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen, die eine Kommunikation zwischen den Menschen auf ein Mindestmaß reduziert (man hat ja keine Zeit dafür), so dass auch sexuell nur »schnelle Sachen« in Betracht kommen.

Wenn Sexualität aber auf zwischenmenschlichen Beziehungen aufbaut, so müssen diese Beziehungen erstmal (zeitlich!) ermöglicht werden. Dazu sind die heutigen Regierungen nicht mehr bereit, dies der Bevölkerung zu gönnen. Und die Bürgerinnen und Bürger fordern nicht für sich solche Rahmenbedingungen ein, so eingeschüchtert scheinen die Menschen bereits zu sein. Zeit für Beziehungen hätten wir hingegen in einer Gesellschaft, in der es ein Bedingungsloses Grundeinkommen gibt (ein Argument mehr für diesen Systemwechsel).

Was also bietet die »Sexismus-Debatte«? Sie bietet die Chance, verkrustete Strukturen aufzubrechen und Lebensbereiche neu zu denken.

Natürlich kann man diese »heiklen« Themen auch weiterhin als Privatsache behandeln. Dann aber haben wir ein fortlaufendes Palaver über Vorfälle und Ereignisse, ohne jegliche Chance auf Veränderungen oder sie kommen »von selbst«, was dann eher unsere Gestaltungs-Ohnmacht verdeutlicht. – Und wer will das?

Nachtrag:
Der Werbeschmutz (anders kann man das mittlerweile kaum beschreiben, was einem von den Litfaßsäulen und auf Bannern und Plakaten zwangsweise vor Augen gehalten wird) ist tatsächlich in weiten Teilen sexistisch. [2] Und das weder die Werbeagenturen, noch die Firmen, die diesen »Müll« beauftragen, es merken, dass solche Darstellungen nicht mehr in die Zeit passen, zeigt, in welch‘ abgeschotteten Welten viele Menschen (Männer?) überwiegend leben.
Der Pirelli-Kalender hängt natürlich nicht in öffentlichen Verkaufs- und Serviceräumen, in denen Männer, Frauen, Kinder mit Erwachsenen ihr Auto aus der Inspektion abholen wollen oder in Arbeitsbereichen an der Wand, in der die übrigen MitarbeiterInnen durch die »Vorlieben« einzelner Kollegen belästigt werden. – Das sollte eigentlich klar sein.

[1] DLF-Beitrag, Deutschland aktuell
gpodder–dradio-deutschland-heute-freiburg-sexsteuer

[2]
Sexismus Werbung

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