Lehren aus der Vergangenheit ziehen

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Im Tagesspiegel wird über die »Machtergreifung« Hitlers geschrieben. Zu dem recht nüchtern geschriebenen Artikel von Michael Wildt gibt es ein Foto aus dieser Zeit, auf dem die zukünftigen Täter bei der »Arbeit« gezeigt werden. In Wichsstiefeln, den Stiernacken rasiert, mit Lederklamotten »glänzend« ausstaffiert, führen sie »Razzien« durch. Wo? In Wohnvierteln.

Das ganze Szenario regt eigentlich zum Nachdenken an. Allein schon das Foto. Wohnviertel. Da, wo Menschen ganz dicht beieinander wohnen und wo das private Leben stattfindet. Man sehe sich mal die Häuserfronten an. Über Jahre und Jahrzehnte haben die späteren Täter und Opfer nebeneinander gewohnt, sind miteinander in die Schule gegangen, haben zusammen die Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Studienplätze geteilt und man kam sich höchstens auf Versammlungen in die Quere. Frauen schauen im ersten Stock aus den Fenstern. Ein »Nähmaschinenladen« links. Was machen da die Nazis? Sie gehen in Häuser, um Juden und Andersdenkende aus ihrem Leben herauszuzerren, um sie zu töten, ins Gefängnis zu werfen, sie zu verletzen.

Wildt schreibt, dass noch kurz vor der Machtübernahme »jüdische Handwerker« eine Versammlung abhielten. Handwerker? Also Leute, die zu einem in die Wohnung, ins Haus kamen. Leute, die man kannte. Und die wurden jetzt angegriffen und ihrer Existenz beraubt. Von wem. Von ihren Kunden?

Wie ist diese Entwicklung möglich gewesen? Ich bin mir sicher, dass ein Grund der Neid war. Neid ist wie eine kleine Quelle, die sich zu einem riesigen Strom entwickeln kann. Neid setzt bei der Feststellung an, der hat was, was ich nicht habe. Und die Begründung, warum der andere »mehr« hat, ergibt sich aus der Sonderstellung des anderen. Die Begründung des persönlichen Erfolgs war überholt, weil nicht alle auf diesem Weg für sich Wohlstand, oder heute würde man sagen, ein »bescheidenes, aber menschenwürdiges Leben« erreichen konnten. Deshalb wurde daran gearbeitet, die bürgerliche Gesellschaft zu vernichten und das Volkswohl für alle ohne Ausnahme, zu denken. Bei dieser Logik haben sich die Deutschen Blut an die Hände geholt, dass sie nie mehr abwaschen können.

Wäre denn ein anderer Weg möglich gewesen? Rudolf Steiner hat in seinen Arbeitervorträgen immer wieder auf die Weltsituation und auf die Verhältnisse im deutschsprachigen Raum Bezug genommen (er hat natürlich darinnen überwiegend eine andere Sicht auf den Menschen überhaupt entwickelt). Er hat das Unglück des ersten Weltkrieges angesprochen und mit seinen Überlegungen Wege formuliert, die man hätte beschreiten können. Das war Anfang der 20er Jahre, bis zu seinem Tod 1925. Aber nichts ist passiert. Stattdessen haben sich viele auf einen Kampf gegen »Feinde« eingeschworen, die angeblich Schuld an der Armutssituation vieler Menschen waren. Diese Personen organisierten sich bei den »Sozialisten«. Nationale oder kommunistische Sozialisten. Sie lebten in erster Linie mit einem Feindbild. Der Gegner war der Reiche, der Bessergestellte. Selbst wenn Hitler mit dieser gleich am Anfang rigorosen Gleichschaltung der Gesellschaft eine klassenlose Gesellschaft im Auge hatte, wäre vielleicht das gigantische Unheil zu verhindern gewesen, wenn die Nazis eine Gesellschaft formuliert hätten, in der man gemeinsam in Frieden zusammenleben konnte. Aber die »Lösung« bestand nur in der Vernichtung der Feinde. Das Feindbild, der Klassenkampf diente bloß als Vorwand um einen einfachen Weg zu gehen: die Menschen, die Ideen zu denen man einfach keinen Bezug herstellen konnte, wurden eliminiert (Bücherverbrennung, Menschenverbrennung). Dass es keine Lösung war, sieht man daran, dass dieses »Experiment« von außen abgebrochen wurde, weil es den ganzen Erdball mit seinem Wahnsinn bedrohte.

Und hat man denn Erkenntnisse gewonnen, aus diesen Alpträumen, nicht mehr solche Wege zu gehen? Nein. Heute wird wieder der Klassenkampf aufgebaut, heute werden wieder Feindbilder gepflegt. Sei es durch nationale oder linke »Sozialisten«. Und das kann auch wieder ein »kleines Bächlein« sein, das zu einem großen Strom anwächst, an Neid und Hass. Deswegen sollten wir alle jeglicher Feindbild-Ideologien abschwören und darauf verzichten irgendwie geartete politische Wege zu gehen, die auf solches Denken aufbauen. – Eine gerechte und geschwisterliche Gesellschaft ist auch ohne solchen Unfug möglich, zum Beispiel wenn die Wertschöpfung der Gemeinschaften gerechter verteilt wird.

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