Der öffentliche Raum – Textkorrekturen bei bekannten Autoren

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Kann man sagen, dass es Zensur ist? Es ist ein Zurechtrücken des Autors. Weil Texte Literatur sind, könnte man glauben, es sei unser aller Literatur, »deutschsprachige« Literatur zum Beispiel. Deshalb glaubt man, man könne in den Werken dieser Menschen herumfuscheln, reinschreiben, korrigieren. Weil diese Literatur ja uns repräsentiert, gegenüber anderen. So denkt man.

Würden wir aber Texte, Schriften, als Werk eines Einzelnen begreifen (inklusive der UnterstützerInnen, die korrekturlesen) und nicht als »nationale« Literatur, wäre der Drang zur Verbesserung vielleicht nicht so groß. Im »Meer der Schriftsteller«, gibt es nun mal solche und solche. Man liest halt nicht das, was einem nicht gefällt. Deshalb muss man es noch lange nicht zensieren.

Es liegt also einmal an der Überbewertung der Mitteilungen. Im Übrigen, was ist denn das für eine Tendenz, wenn sich die Neigung durchsetzt, die Äußerungen der Mitmenschen korrigieren zu wollen. Sind das nicht Verhaltensweisen, typisch für totalitäre Staaten? Andere Menschen dominieren, über sie herrschen, sie bestimmen, deren Äußerungen »korrigieren« wollen? Sind das nicht Herrenmenschen, die so mit den anderen umgehen möchten, und das auch noch »in Ordnung« finden, wenn sie in die Werke der Mitmenschen hineinschreiben?

Argumentieren tun diese Leute aber genau umgekehrt. Diejenigen, die korrigiert werden müssen, seien die »Herrenmenschen«, denn sonst hätten sie nicht solchen Stuss geschrieben. Ja, aber oft kann man die Motive des Schreibers nicht mehr eruieren, weil er tot ist. Und bei den Lebenden, na die wehren sich, wie Frau Nöstlinger zum Beispiel. Sie sagt, eine jüdische Person hätte sie auf den Begriff aufmerksam gemacht. Also meine persönliche Meinung, ich bin mir nicht sicher, weil wenn sie Kinderbuchautorin ist, hätte ich ihr zugetraut, den Begriff nachzuforschen. Aber da fällt mir jetzt ein, zu der Zeit in den 70er Jahren, gab es ja noch kein Internet, mit dem das Forschen ja so einfach ist, wahrscheinlich ist also die Version von Frau Nöstlinger doch die Wahrheit.

Es zeigt sich halt, dass Öffentlichkeit ein sensibler Raum ist.

Wer sich in ihn wagt, muss aufpassen. Personen werden schnell angegriffen, wenn sie dort etwas falsch machen. Die Menschen wollen, dass Öffentlichkeit ein befriedeter Bereich ist. Wer in diesen Raum mit seinen Äußerungen Unfrieden bringt, ist nicht wohlgelitten. Dennoch müssen wir uns alle in den öffentlichen Raum wagen, denn wie wollen wir sonst uns mitteilen, oder an der Gestaltung der eigenen Umwelt mitwirken? Zur Kommunikation müssen wir Worte, Sprache benutzen und mitwirken heißt auch die Welt prägen. Wie es »richtig« ist, erfahren wir durch Korrekturen der Anderen. Wenn Kinder »schlechte Worte« sich angeeignet haben, auf der Straße, dann werden sie von ihren Eltern korrigiert. Aber ab irgendeinem Zeitpunkt sind unsere Äußerungen Ausdruck unserer Persönlichkeit. Wenn wir mit unseren Mitteilungen die Aggression der Mitmenschen hervorrufen, hat dies Wirkung auf uns selbst. Kommunikation ist ein Balanceakt zwischen »Freiheit des Wortes« und Anerkennung durch andere und »Äußerungsverbot«, Strafen und Verfolgung durch die staatliche (gemeinschaftliche) Ordnung.

Nachtrag:
spiegel–denis-scheck-rassistischer-sketch-in-ard-sendung-druckfrisch

Denis Scheck, ein Buchkritiker, scheint gehörig in den Morast getreten zu sein. Er hatte sich in einer Fernsehsendung schwarz angemalt (er sagt jetzt in »Kultur heute« im DLF, »wie beim Karneval, als Neger«) und hat damit in den Medien Aufruhr verursacht. Weil das Anmalen in den USA eine Methode des Rassismus gegen die Schwarzen war und auch dort verboten ist (Blackfacing). Herr Scheck wusste davon nichts (aber er als »Kulturexperte«?).

Ich selbst hatte vor nicht langer Zeit im Tagesspiegel über „Blackfacing“ gelesen. Es ging um Dieter Hallervordens Theater in Berlin.

tagesspiegel–theater-und-rassismus-schwarz-auf-weiss

Scheck meinte außerdem, die alten Schriften seien »Kunstwerke« und niemand hätte das Recht in ihnen die Texte zu verändern.

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