Die Zeit – und wie die Menschen sie nutzen

Bei jeder neuen technischen Entwicklung stellt sich die Frage, braucht man das jetzt auch noch. Viele Leute haben schon die Computerentwicklung verpasst. Ab Mitte der 90er Jahre gab es Windows 95. Ich treffe heute noch Personen, 40, 50, 60 Jahre alt, die kaum Ahnung haben im Umgang mit dieser Technik. Sie haben sich nicht damit beschäftigt und ihre Zeit mit anderen Dingen verbracht. Heute fehlt ihnen das Wissen, um zum Beispiel schnell sich in die neuen »sozialen Netzwerke« einzuarbeiten oder um die Unterschiede zu wissen, zwischen Online- und Offline-E-Mail-Programmen oder was virtuelle Laufwerke bedeuten etc.

Als technikinteressierter Mensch mahnt man immer wieder an, sich doch mal mit den Dingen auseinanderzusetzen, aber manche Leute haben regelrechte Blockaden und dann natürlich auch gegen die ständig sich weiterentwickelnden Techniken. Wer kennt Tablet-PCs, oder nutzt sie bereits. Es gibt Personen, die jetzt erst anfangen, sich mit den Funktionsweisen von Handys auseinanderzusetzen. Scheinbar ein Nachholbedarf ohne Ende. Aber man muss immer wieder sagen, ein zeitfressender.

Welchen Dingen wendet man sich im Leben zu? Die technischen Neuerungen sollen das Leben erleichtern, Handlungen und Prozedere vereinfachen. Das tun sie auch! Dennoch bleiben andere Sachen, die zu erledigen wären, liegen, wenn man jeder neuen Entwicklung hinterherhechelt. Was gibt es denn noch? Der Materialismus, was ja die Beschäftigung mit den technischen Dingen darstellt, macht den Lebensinhalt des Menschen zu einseitig. Zwar gibt es einen Bedarf an immer weiterer technischer Vervollkommnung, aber es gibt so viele Bedarfe beim Menschen. Eine Therapiestunde dauert 50 Minuten. Also noch nicht mal eine Stunde, obwohl es »eine Stunde« genannt wird. Das zeigt, wie knapp die Zeit ist, für manche Angelegenheiten. Die Zeit des technischen Fortschritts, mit Buchdruckkunst, Dampfmaschine und Eisenbahn nimmt unser aller Lebenszeit in Anspruch, ohne danach zu fragen, ob es noch weitere wichtige Verrichtungen gibt, die wir in Lebzeiten angehen möchten. Rudolf Steiner spricht davon, dass uns die geistigen Fähigkeiten und Bezugnahmen in dem Maße verloren gehen, wie wir uns ausschließlich mit dem Materialismus beschäftigen. Aber haben wir denn die Möglichkeit, das Tempo der Beschäftigung und die Beschäftigungen selbst auszuwählen? Sowohl mit der russischen Revolution als auch mit den Taten der Nazis sind ja Abrechnungen mit der Vergangenheit und Schlussstriche gezogen worden, in ungeheuerster Brutalität. Beide »Sozialismen« wollten und haben mit absolutem Vernichtungswillen die Vergangenheit beendet und gezielt Teile der Bevölkerung vernichtet, sowie eine totale Anpassung der Menschen an »neue« Verhaltensweisen und Lebensperspektiven erzwungen. Hätte man sich nicht Zeit lassen können, für organische Entwicklungen? Das Leben vieler Menschen wäre verschont geblieben. Um diese Prozesse damals zu erklären, wird immer wieder die Armut eines Teils der Bevölkerungen angeführt, die mit eingeflossen sei, in die fatalen Entscheidungen der Diktatorischen. Andererseits sieht man doch zum Beispiel in Indien, dass sich trotz technischem Fortschritt, Atombombenbau und indischen ComputerspezialistInnen, die archaischen Strukturen in diesem Land erhalten haben, das Kastenwesen, die »natürliche« Unterdrückung und Ausbeutung der Frauen.
Wäre das russische Bürgertum nicht total vernichtet worden, durch die »revolutionären« Kräfte, wären in Deutschland nicht Volksgruppen ermordet, Minderheiten verfolgt, würde ja heute noch ein enormer Schatz an Altem bestehen, in gelebter Tradition, der durch diese Vernichtungsakte uns heute verloren ist. Die Frage wäre, ob eine Verlangsamung der Entwicklungen, also ein evolutionärer Fortschritt nicht menschengemäßer sei. Warum muss, um Armut zu beenden, ein solcher Furor wüten. Warum fiel den Bürgerlichen nicht ein, die Armen besser zu versorgen, um ein annäherndes Gleichgewicht in den Lebenslagen zu erreichen. (Oder war es unter praktischen Gesichtspunkten einfach unmöglich. Zum Beispiel weil die Versorgung nicht für alle reichte?) Warum hatten die demokratischen, egalitären Kräfte in den Ländern nicht die Macht, das national-völkische Element niederzuringen? Zumindest fällt auf, dass die letztlich durchgeführten Entscheidungen über diese Umstände, scheinbar nur den gewaltbereiten und gewaltfähigen Menschen in den Gesellschaften zufällt. (Das ist übrigens auch ein wichtiges Thema: die gewaltbereiten und gewaltfähigen Menschen sich einmal sehr genau anzuschauen. Und warum ausgerechnet die das Schicksal ganzer Bevölkerungen bestimmen. Ob man dies ändern müsste. Wie? Und was »das Gewaltbereite« überhaupt bedeutet.)

Geistige, seelische Bedürfnisse können nur eine Antwort finden, in Gesellschaften, die die Beschäftigung mit diesen Themen ermöglichen. Wenn eine Therapiestunde 50 Minuten lang ist und zu D-Mark Zeiten 100 DM kostete, dann sieht man, wie absurd die »Angebote« sind. Erst wenn man sich den geistigen und seelischen Themen »im Übermaß« zuwenden kann, besteht die Chance, den Anliegen gerecht zu werden. Seien es nun »Nachhol-Aufgaben«, Heilung, Sammlung. Ganz zu schweigen von den geistigen Aufgaben und Notwendigkeiten, die heute brachliegen und den Menschen zutiefst einseitig sein lassen, mit all den damit verbundenen Schädigungen und gesellschaftlichen Nachteilen. Wenn wir Menschen existentiell abgesichert sind, können wir selbst entscheiden und herausfinden, welche Schritte für unsere Persönlichkeit am wichtigsten sind. Wir hätten tatsächlich »frei Wahl«, bezüglich einer Außen- oder Innengewandtheit.

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