Kultur, relativ zur Freiheit

Mathias Doepfner hält eine Rede, in der er vielerlei zusammenpackt, teilweise erscheint es mir nicht schlüssig und besonders heraussticht eine Anekdote, die er erzählt, über den Dissidenten Nathan Scharansky.

Dieser lehnt das John-Lennon-Lied über die Freiheit (Imagine) ab, weil es eine Freiheit ist, die keinerlei Werte nennt, die es zu verteidigen und für die es zu Sterben sich lohnen würde.

achgut-antikapitalismus_antiamerikanismus_und_antisemitismus

John Lennon – Imagine Lyrics

Imagine there‘s no countries
It isn‘t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people living life in peace

Ich war irritiert, hatte das Gefühl ein Vergleich beider Positionen sei gar nicht möglich. Das, was Lennon meinte, schien mir nichts zu tun zu haben, mit dem was Scharansky ansprach. Wieso verwendete Scharansky diesen Liedtext, um seine Position zu beschreiben?

Scharansky ist ja nicht frei. Er ist in seine Konfession hineingeboren. Er hat diese ja nicht im Alter von sagen wir 20 Jahren selbst gewählt, und dann vielleicht mit 45 festgestellt, es ist doch nicht so das Wahre und wäre wieder aus seiner Kirche ausgetreten. Das wäre Freiheit!

Wer sich mit dem Los identifiziert, dass ihm zuteil wurde, steht vielleicht etwas besser da, als jemand, der einen lebenslangen inneren und äußeren Protest lebt. Aber frei ist er überhaupt nicht.

Scharansky verklärt die Zuteilung, die das Schicksal vorgenommen hat, indem er die Identifikation und Verteidigung des »Gewordenseins« erst freiheitsstiftend nennt. Frei sei derjenige, der auch dann noch seinen Standpunkt verteidigt und zu ihm steht, wenn seine physische Existenz bedroht ist.

Aber ist nicht alles relativ? Und sollten man es nicht dem einzelnen Individuum überlassen, was es ist, die »Freiheit«? Lennon hat sehr wohl recht mit seiner Sicht von Freiheit, wenn er andeutet, dass die »von außen kommenden Reglements« nicht verpflichtend sein dürfen, damit der Einzelne für sich Freiheit gewinnen kann.

Politische und religiöse Orientierungen können nur »in Freiheit« individuell selbst gewählt werden, zum Beispiel dann, wenn man dazu als Person reif genug ist.

Scharansky will mit der Lennon-Kritik andeuten, dass es eine Beliebigkeit geben kann, wenn Menschen von Freiheit sprechen, beliebig im Sinne von »nicht gruppenabhängig«, nicht sinnabhängig, sondern völlig frei, »ich mache, was ich will«. Dies lehnt er ab. Der Mensch lebt in einem Kontext, der ihm Aufgaben und Verpflichtungen auferlegt, von denen man sich eben nicht »befreien« kann.

Scharansky sieht in dieser Zeile von Lennon eine gefährliche Form von Kulturrelativismus. Das Ende der Freiheit, eine Kapitulation des selbstbestimmten Lebens vor der schieren biologischen Existenz.

Kultur als Zwangskultur. Kulturzwang?

Dazu passt folgendes Bild:

Menschen, die als Kinder gezwungen wurden, eine bestimmte Privatschule zu besuchen, weil die Eltern gerne selber in diese Schule gehen würden, wenn sie denn jetzt Kinder wären. Aber sie sind nicht mehr Kinder, sondern haben Kinder. Und diese wollen sie gemäß ihrer eigenen Bedürfnisse etwas mitmachen lassen, was sie diese Kinder überhaupt nicht gefragt haben, ob diese das denn wollen. (Und wenn sie gefragt haben, dann auf eine Art und Weise, bei der die Kinder einfach nicht »Nein« sagen konnten.) – Das Ergebnis sind traurige Schicksale von Menschen, die frühzeitig erlebten, dass sie die Ideen, Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen (ihrer Eltern) leben sollen, statt frei zu sein, selbst zu entscheiden, welchen Bildungsweg sie probieren und gehen möchten.

Was ist die Pflicht? Sie besagt, das der nicht Einsichtige, dennoch ethisch handeln kann, indem er sich des »rechten Weges« verpflichtet fühlt. – Für wen könnte dies gelten? Nun, zum Beispiel für die Soldaten überall. Die meisten wissen nicht, ob die Entscheidungen ihrer Staatsführung letztlich richtig sind, aber sie verpflichten sich dennoch, zu diesen zu stehen und sich der »Führung« anzuvertrauen (und für diese im Notfall zu sterben).

Der Einsichtige hingegen bedarf nicht der Pflicht, weil er in die Dinge hineinschauen kann und »einsieht«, welchen Weg er selbst gehen muss. – Die Pflicht ist ein »Hilfsmittel« in der Weltbewältigung. »Frei« ist der Einsichtige, weil er aus seinem eigenen Weltverständnis heraus handelt. Traditionen, Kultur, Religion können ihn bei einem Erkenntnisprozess unterstützen.

Individualisierung geschieht in einem Akt permanenter Kontraktion, im Sinne einer Annäherung an die Weltgemeinschaft und Teilnahme, Mitwirkung, und einer Abstoßung von ihr, um das eigene Wesen »rein« zu ergründen und zu empfinden.

culture-Ia

Advertisements