Archiv für den Monat August 2013

Europa und die ganze Welt

In einem Schwimmbad blockieren 30 bis 50 Jugendliche den Sprungturm. Sie gehören einer Glaubensgemeinschaft an und wollen provozieren. Interessant ist, wie jetzt die Bademeister und die hinzugerufene Polizei reagieren. Es kommt nicht zu einem »Kampf der Kulturen«, sondern den hitzköpfigen Jugendlichen wird klargemacht, dass die Regeln anders sind, und sie sich gefälligst daran halten sollen.

Wow. Was für eine Welt. Es ist egal, aus welchem Teil der Erde du kommst, dort wo du bist, gelten Regeln und du hast dich daran zu halten. Die Regeln sind auch nicht x-beliebig, sondern sie orientieren sich an einem fairen und angemessenem Zusammenleben. Die versuchte Provokation führt ins Leere!

Sicher kann die Provokation in einem anderen Fall zu mehr Aufregung führen, zu tragischen Zwischenfällen, aber es geht um die Tendenz. Und die besagt, dass wir keine Zeit mehr dafür haben, uns lange aufzuhalten, an vergangenen Wichtigkeiten, auch wenn manche Menschen durch die Provokation daran erinnern wollen. Wir müssen einfach so zusammenleben, dass es gelingt und dabei erweist es sich auf einmal, dass sich die scheinbaren Besonderheiten in die zweite Reihe rücken müssen. – Was also ist Kultur?

Richard Wagner schreibt in seinem Buch »Der deutsche Horizont«, Europa hätte eine Identität, die man erhalten wolle. Wer denn? Dazu müsste man die Grenzen dicht machen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Eine Identität erhalten, hieße eine »alte« Identität konservieren. Aber wir entwickeln sie beständig weiter. Vielleicht brauchen wir überhaupt keine Grenzen mehr. Die Menschen wollen sowieso da leben, wo sie eben sind oder hinwollen, alles in Freiheit entscheiden. Wer also würde Grenzregeln aufstellen und Zu- und Abgang kontrollieren? Das passt nicht mehr in unsere Zeit.

In einer großen Gemeinschaft, der Weltgemeinschaft, sind das größte Problem Interessensgruppen, die auf Kosten anderer sich besser stellen und für sich Vorteile holen wollen. »Kultur« meint in Zukunft, die Kultur des fairen Umgangs miteinander.

Die »europäischen Grundlagen« sind nach Meinung von Richard Wagner:

Die griechisch-römische Antike, die jüdisch-christliche Religionsformel, das daraufberuhende Mittelalter, die Renaissance mit ihrem Rückgriff auf die Antike, die Aufklärung, die angelsächsischen Verfassungsideen, der Individualismus und das Arbeitsethos der Moderne.

Kann man darauf im Alltag heute irgendwie zurückgreifen? Eigentlich nicht. Wie will ich mich auf die griechisch-römische Antike oder die jüdisch-christliche Religionsformel beziehen?

Den Bezugsrahmen auf das Europäische auszurichten, gelingt vielleicht damit, dass wir die Regeln, mit denen wir erfolgreich das Zusammenleben der Menschen beeinflussen, über diese Geschichte erworben haben. Als entscheidend sehe ich die Menschenrechte. Sie müssen immer Grundlage für alle Rechtsbeziehungen zwischen uns Menschen sein. Sind sie Ergebnis der europäischen Geschichte, so hat auch diese Geschichte rückblickend ihren Wert. Aber eben nur »rückblickend«. Die Welt, in der wir heute leben, ist weder »europäisch« noch »angelsächsisch« oder »atlantisch«. Sie ist längst vermischt mit vielen anderen Strömungen und Wirkkräften und die Politik meidet dementsprechend jegliche Identifizierbarkeit mit einer bestimmten Ausprägung. Und wenn sie es doch tut, ist sie vielfältigen Angriffen ausgesetzt.

Weitere Begriffe, die Wagner unter »Mentalität« der westlichen Welt subsumiert sind:

Rechtsstaat, Freiheitsbegriff, christliches Menschenbild, säkularer Staat, Bürgerrechte, Liberalismus, Innovationsfähigkeit.

Was hat davon heute noch Bestand? Das Buch von Wagner erschien 2006. Rechtsstaat, Freiheitsbegriff und Bürgerrechte sind in Bedrängnis durch die Datenschutz-Affäre in den USA und Großbritannien, sowie durch die Hartz4-Gesetze und Agenda2010 in Deutschland. Christliches Menschenbild spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wer erinnert sich daran, was das denn sein soll. Zu Liberalismus fällt mir die FDP ein, die nach einem weiteren Mehrfachmord durch einen Sportschützen wieder mal die Lobbyarbeit für die Schützenvereine übernimmt. Gütiger Gott, brauchen wir wirklich noch Liberalismus? Bleibt noch »Innovationsfähigkeit«. Jetzt sah ich einen Film über den schnellsten Zug in Japan, oder die Pläne von Elon Musk, den Hyperloop. Europa?

Die »Werte der europäisch-atlantischen Schicksalsgemeinschaft« sind nach Richard Wagner:

Demokratie, individuelle Freiheit, Bürger- und Menschenrechte, freie Marktwirtschaft und Privateigentum.

Wieso ausgerechnet »Privateigentum«. Aber das passt zu der ganzen Idee der Abgrenzung, der Wagner das Wort redet. Das »Bodenunrecht« ist ihm scheinbar nicht bekannt. Demokratie ist ein Container-Begriff. So wie »Demokratie« im europäisch-atlantischen Bündnis gelebt wird, ist sie überholt. Die Parlamentarische Demokratie schließt die Bevölkerung von der Mitgestaltung aus. Sie ist zur Parteien-Diktatur mutiert und kann eigentlich nur durch Direkte Demokratie abgelöst werden. Aber die übrigen Werte wie individuelle Freiheit, Bürger- und Menschenrechte, freie Marktwirtschaft, sehe ich gar nicht in diesem engen Kontext, wie es Wagner hier macht. Es sind eigentlich universelle Werte, die vielleicht in diesem europäisch-atlantischen Wirkfeld entstanden sind, aber was spielt das für eine Rolle im Alltag. Man muss das einfach fühlen und spüren, welche Entscheidungen, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Menschen geeignet sind. 🙂

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Im Wald, da sind die Räuber

tagesspiegel–hawaii-deutsche-touristin-nach-hai-attacke-gestorben

Wer ins Meer gehe, gehe in die Wildnis, sagte der Behördenchef. „Haie spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem und der Ozean ist ihr zu Hause. Die Gäste sind wir.“ Es gebe im Wasser bedrohliche Tiere.
„Die Möglichkeit eines Angriffs ist aber verschwindend gering, verglichen mit der Zahl der Badenden jeden Tag.“

So ist das. In der Schweiz haben die Menschen es wieder mit Wölfen zu tun. In Kanada kann einem der Bär im Wald begegnen. – Es sei denn, den Menschen gefällt das nicht, wenn sie angegriffen werden. Dann versuchen sie, den Gegner zu eliminieren und die Tiere sieht man wieder nur im Zoo oder sind ausgestorben.

Projektbeteiligte

Wenn wir Menschen ein Projekt starten, dann hat vielleicht der eine die Idee, und andere sind damit involviert, diese Idee umzusetzen, zu realisieren. Das Projekt kann sich dann »Firma« nennen, eine Rechtsform haben (GmbH?) und die Beteiligten nennen sich Firmeninhaber, Geschäftsführung, weitere Mitarbeiter.

Nun wird behauptet, dass es »natürlich« sei, wenn die Firmenleitung Gewinn und Profit machen will und die Löhne und Gehälter als Kosten abgerechnet werden. Im Kapitalismus sei der Egoismus eine ganz natürliche Angelegenheit. Man könnte jetzt einfach sagen, das sei dummes Zeug, Firmen sind auch ganz anders gründbar, eine völlig andere Struktur innerhalb des Unternehmens ist möglich. Wenn dazu die Freiheit besteht, warum gibt es dann nicht viel mehr Unternehmen, die so arbeiten?

In der Regel sind Unternehmen hierarchisch aufgebaut, das heißt, der »höher« eingestufte Mitarbeiter ist dem Untergebenen gegenüber weisungsbefugt. Warum ist das so festgelegt, geht es wirklich nicht anders?

Jedes Projekt, wenn es denn nicht einen reinen Selbstzweck hat, ist eine Arbeit für andere. Wie sind »flache Hierarchien« möglich? Es könnte so laufen, dass die Aufgabenverteilung, einmal besprochen, den Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich in der Art einzubringen, wie es eben möglich ist. Kündigungsschutz macht da keinen Sinn, denn es muss aus freien Stücken zusammengearbeitet werden. Aber es sollte von Seiten der Unternehmensgründer der Impuls ausgehen, ein dem Menschen gemäßes Arbeiten zu ermöglichen. Was das nun ist, welche Arbeitsbedingungen das meint, sollte fortlaufend von den Mitarbeitern und der Geschäftsleitung gemeinsam definiert und erarbeitet werden. Also eine selbsterstellte interne Interessensvertretung für die Anliegen aller Mitarbeiter (zu denen dann auch die Firmenleitung zu rechnen wäre).

Bausteine einer solchen sinnvollen gemeinsamen Projektarbeit könnten sein, die Anerkenntnis, dass alle Mitarbeiter samt Unternehmensleitung von den Ergebnissen des gemeinsamen Tuns leben. Also Löhne, Gehälter eben keine Kosten sind, sondern anteiliger Gewinn. Und auch das deutlich wird, dass alle Beteiligten gleichermaßen in ihren Anliegen als Menschen innerhalb der Firma Beachtung finden sollen.

Dies habe ich hier nur grob skizziert, wie hilfreiche Interessenvertretung der Mitarbeiter durch Unternehmensleitungen selbst in Gang gebracht werden kann. Betrachtet man nun die heutige Wirtschaft, so ist nicht festzustellen, dass derlei bereits überwiegend umgesetzt sei. Aber genau aus diesem Mangel heraus lässt sich nur das erklären, was heute die Gewerkschaften machen. Ich kann mich nun nicht erinnern, dass mir das Verhalten der Gewerkschaften je sympathisch war. Mir schien der Monatsbeitrag immer zu hoch, die Vertretung vor Gericht nicht ausreichend und die Art, wie diese Organisation für ihr Klientel höhere Löhne den Arbeitgebern abpresst, nämlich das sie der Bevölkerung, die die Züge und Bahnen nutzen möchte oder andere Dienste verwenden will, die Angebote blockiert, hat mir nie gefallen. Für mich roch das immer nach Erpressung.
Und was ich nun auch nicht das erste mal erlebe, auch wenn es sich im europäischen Ausland abspielt, ist eine unangemessene Solidarisierung der Organisation mit Mitgliedern, die sich offensichtlich in ihrer Berufstätigkeit zum Schaden von Personen, die ihnen anvertraut waren, verhalten haben in einer Art und Weise, die selbst für Außenstehende als bedenkenswürdig bezeichnet werden kann.

tagesanzeiger–Justiz-ermittelt-gegen-Lokfuehrer-von-Santiago-wegen-fahrlaessiger-Toetung

tagesanzeiger–Mann-du-gibst-aber-Gas-bremse

Ja, da wäre es natürlich nicht schlecht, wenn die Zusammenarbeit in Projekten von den Beteiligten selbst organisiert würde, statt von außen mit Gewalt die Dinge regeln zu wollen. 😎

Demokratie im Wandel

nzz–stille-revolution-in-lateinamerika

Gerade die «bolivarischen» Länder zeigen die Gefahren auf, die nicht integrierte Gesellschaften für die Demokratie in Lateinamerika darstellen. Während es früher verhältnismäßig leicht möglich war, die arme Mehrheit de facto aus dem politischen Prozess auszugrenzen, wird dies mit zunehmender Demokratisierung und der Ausbreitung der modernen Kommunikationsmittel immer schwieriger. Sind die armen Massen einmal mobilisiert, können sie nicht mehr ignoriert werden, wie auch der peruanische Präsident Humala kürzlich in einem Interview mit «El País» darlegte. Andernfalls drohen ähnliche Entwicklungen wie in Venezuela und Bolivien, wo bisher ausgegrenzte Mehrheiten – die an der Erdölbonanza nicht beteiligte Unterschicht in Venezuela und die indianische Bevölkerung in Bolivien – in autoritärer Form die Macht übernahmen. Ähnliches droht längerfristig auch anderen Ländern, in denen eine Mehrheit der Bevölkerung von den Früchten des Wachstums ausgeschlossen ist, wie beispielsweise in Paraguay.

Das Problem der »ausgegrenzten Mehrheiten« haben wir auch in Europa. Die Teilhabe der Menschen an der gesellschaftlichen Gestaltung über »Parlamentarische Demokratie« findet nicht statt, weil das Instrumentarium seiner Wirksamkeit beraubt wurde. Über Wahlen und Engagement in Parteien kann der Normalbürger nichts erreichen. Parteien sind in ihren Strukturen von Funktionären beherrscht, die jegliches »Durchkommen« neuer Ideen oder Mehrheitsbeschlüsse der Parteimitglieder verunmöglichen. In diesem Irrgarten kann sich jeder austoben, der seine Energien sinnlos verbrauchen will. 🙂
Ähnlich schlecht sieht es mit der Methode »Wählen gehen« aus. Denn die Parteien sind durchsetzt mit immer den gleichen Leuten an den Schalthebeln, die jegliche Veränderung zugunsten einer Bevölkerungsmehrheit und der Allgemeinheit zu verhindern wissen. Es ist also egal was man wählt, da die »Doorkeeper« zur Stelle sind, um letzten Endes das durchzusetzen, was in nichtöffentlichen Absprachen von Machtgruppen vorbereitet und zur Umsetzung gebracht wird. Zwar merken heute immer mehr Menschen, dass das so ist. Nicht umsonst wird von der Einheitspartei SPDCDUGRÜNEFDP gesprochen. Aber es ist der »ausgegrenzten Mehrheit« bis jetzt noch nicht gelungen, dieses Bollwerk aus ausgeklügelter Demokratieverhinderung zu knacken. 😐

Voting-II

Fehlende Mindesteinkommen am Beispiel Bulgarien, Rumänien, Griechenland

achgut–griechisches-sommertagebuch-2013-1.-teil

Was soll die Menschen auch halten. Im Monat 200 Euro für Arbeiter, 500 Euro für Akademiker? Dabei kostet der Liter Sprit soviel wie in Deutschland. Selbst für Lebensmittel sind 24 Prozent Mehrwertsteuer fällig. Da rutscht unseren Gesprächspartnern der Satz heraus: Unter Ceausescu war alles besser! Selbst die brutalsten Diktatoren verklären sich angesichts der täglichen Misere.

Es liegt an den Regierungen, an der Staatsführung, die Mehrwertsteuer richtig zu handhaben. Es ist ja gerade der Vorteil an der Mehrwertsteuer, dass sie feinjustiert werden kann (neben weiteren anderen Vorteilen). Warum also macht das die rumänische Regierung nicht? Sie könnte die existenzsichernden Güter steuerfrei oder mit einem sehr geringen Mehrwertsteuersatz belegen.

Und weil die Vergangenheit weder personell noch wirtschaftlich aufgearbeitet wird, haben sozialistische Prediger der verschiedenen marxistischen Lehrmeinungen die Chance, das heutige Elend der Marktwirtschaft anzulasten. Hier versagt Europa kläglich.

Eben weil der Kapitalismus in der heutigen Form auch am Ende ist. Es ist nicht die Marktwirtschaft, die versagt, sondern es ist die in der kapitalistischen Art die Gesellschaften zu gestalten innewohnende Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesamtbevölkerung, der Allgemeinheit, die mangelnde Fürsorge für das Gemeinwohl, was unsere westlichen Staaten zerstören wird. Der grenzenlose Egoismus der Einzelnen und Lobbyisten, der Interessengruppen zulasten des Gemeinwohls, ist die »Schwäche« unserer westlichen Wirtschaftsnationen, die zu einem genauso notwendigen Umbruch führen wird, wie es in den sogenannten »sozialistischen« Staaten der Fall war. Das, was in den sozialistischen Ländern behauptet wurde, nämlich das der Staat sich um alle Menschen der Gemeinschaft kümmert und für ihre existenzielle Sicherheit sorgt, und was erkauft wurde durch herrschende Machtcliquen und Parteikader und womöglich dann doch gar nicht für alle sich realisierte, fehlt heute in den kapitalistischen Staaten gänzlich. Hier war es, zumindest in Deutschland die »soziale Marktwirtschaft«, die die Verantwortung übernehmen sollte dafür, dass alle Menschen gut versorgt sind, und das geschah überwiegend über (gut) bezahlte Arbeitsplätze und zusätzlich über ein großzügig gestaltetes Sozialsystem. Beides ist uns aber heute verloren gegangen. Das großzügige Sozialsystem haben die Leute aus der linken, alternativen Ecke, Schröder und Fischer von der SPD und den GRÜNEN, abgeschafft und außerdem gibt es nicht mehr genügend (gut bezahlte) Arbeitsplätze für alle Menschen, die ein auskömmliches Einkommen brauchen. In diesem unseren Kapitalismus kommt dann noch hinzu, dass die Situation von den Machthabern hier verdreht und den Arbeitslosen selbst die Schuld an deren Einkommenslosigkeit in die Schuhe geschoben wird, während gleichzeitig egoistische Interessengruppen, wie etwa die Politiker, jede Gelegenheit nutzen, um sich über öffentliches Eigentum zu bereichern (siehe der Verwandtschaftsklüngel bei bayrischen Abgeordneten) oder die vielen Angestellten in den öffentlich-rechtlichen Medien, die mittels Kumpanei mit den Politikern sich üppige Einkommen garantieren, für eine Arbeit, die sie der Gesamtbevölkerung aufnötigen und die von der Mehrheit der Bevölkerung in diesem Ausmaß überhaupt nicht nachgefragt wird (das würde sich bei einer Volksabstimmung herausstellen).
Außerdem bemühen sich die Parteien, zumindest in Deutschland, den Eindruck zu erwecken, als wären nicht sie verantwortlich für ein Mindesteinkommen für alle Menschen. (Genauso wie Beamte, Politiker, öffentliche Angestellte den Zugriff auf die gemeinsame Wertschöpfung haben, in dem der Staat ihnen »Geld« auf ihre Konten überweist.) Sie wollen in einer Propaganda-Aktion den Menschen erklären, diese sollen sich gefälligst mit ihrer Einkommensnot an die Wirtschaft wenden und die Politiker in Ruhe lassen. Dieser miese Versuch, von der eigenen Aufgabe abzulenken, läuft über das Stichwort »Mindestlohn«. Man durchschaut aber das Ablenkungsmanöver, wenn man sich klarmacht, dass wir Menschen als Privatpersonen uns nie an andere Privatpersonen wenden können, wenn es um unsere existenzielle Sicherheit geht, sondern immer nur an unsere gemeinschaftliche Verwaltung (sprich: Regierung, Staatsführung, etc.). Nur diese kann und muss die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen, auf die sich alle Menschen berufen können (als Menschenrecht), berechtigterweise auf die Wertschöpfung zugreifen zu können, in einem bescheidenen, aber menschenwürdigen Maße. Die Politik weigert sich, ein Bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen und den rechtlichen Rahmen dafür zu setzen. Aber selbst wenn wir als Arbeitnehmer an den Überschüssen, die sich aus Arbeit ergeben, (in freier Aushandlung) beteiligt wären, so muss doch der Staat ein Sicherungsseil »nach unten« einbauen (unabhängig von den Absprachen der Wirtschaftsteilnehmer) und das muss das Grundeinkommen sein.

So hatte der Sozialismus zwar die richtige Idee, nämlich das der Staat dafür sorgen muss, dass die Gesamtbevölkerung einen ausreichenden Zugriff auf die gesellschaftliche, wirtschaftliche Wertschöpfung hat, um in Sicherheit existieren zu können, aber die Sozialisten wollten den Menschen diese Erkenntnis mit Gewalt nahelegen, was zu den Mauern rund um diese Staaten führte und einfach keinen Sinn macht und einen wichtigen Aspekt des menschlichen Wesens verletzt, nämlich das der Mensch in Freiheit leben will und selbst entscheiden möchte. Während der Kapitalismus behauptet, wenn jeder Mensch nur seinen egoistischen Impulsen nachgeht, dann profitieren alle davon, was halt auch eine Falschaussage ist, das heißt, es stimmt einfach nicht. Nicht alle Menschen können und wollen sich so egoistisch verhalten. Deswegen ist der kapitalistische Weg auch der falsche. Und mit »Marktwirtschaft« hat diese Diskussion gar nichts zu tun. Weil der Terminus »Marktwirtschaft« einfach nur eine Methode des Wirtschaftens beschreibt, aber der Begriff »Kapitalismus« in dieser Diskussion mehr auf das Verhalten der Gesellschaftssubjekte bezogen verwendet wird. Und auch der Begriff »Sozialismus« bezieht sich hier mehr auf das Verhalten der Gesellschaftsteilnehmer.

Aus beidem müssen wir raus, aus Sozialismus und Kapitalismus. Ich vermute aber, dass das von dem Autor des hier angesprochenen Artikels, Günter Ederer, nicht erkannt wird. Jedenfalls hat er sich nicht zum Bedingungslosen Grundeinkommen geäußert. Das Bedingungslose Grundeinkommen (bGE) ist ein Ausweg für alle Länder Europas, für alle Länder der Erde, weil diese Idee den berechtigten und richtigen Gedanken in der sozialistischen Idee aufgreift (der Staat muss dafür sorgen, dass alle Menschen ein »bescheidenes, aber menschenwürdiges« Mindesteinkommen haben), ohne dabei die freiheitliche Gestaltung unseres Wirtschaftslebens über Märkte aufgeben zu wollen. In einer Marktwirtschaft mit Grundeinkommen lassen sich alle existenzsichernden Güter steuerfrei oder mit geringer Steuer belegen (Mehrwertsteuerkonzept), und üppiger Konsum mit höheren Steuern.

Es ist die Crux bei vielen Journalisten in den öffentlich-rechtlichen Medien heute, dass sie nur Problembeschreiber sind. Da sie aber selbst ihr Einkommen in fragwürdiger Weise beziehen, wundert mich das überhaupt nicht. Denn dann müssten sie damit anfangen, ihr eigenes Verhalten, ihre eigene Situation in Frage zu stellen.

Reporter, die berichten müssen

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Doch nur wenn Journalisten aus Syrien berichten, kann sich die Welt ein Bild von den Entwicklungen machen – ein objektives allerdings nie, warnt Armbruster.

Müssen wir uns denn ein »Bild von der Entwicklung« machen? Kriege finden statt und hören wieder auf. Vielleicht muss man sich sogar auf eine Seite schlagen und diese unterstützen. Aber wer muss vor dem Fernseher hocken und das Leid der Menschen beobachten? – Jedenfalls in Armbrusters Vorstellung scheint das notwendig zu sein.

Und weder geht es um »Wahrheit« noch um »Wahrnehmung«. Beides wird nämlich von Journalisten manipuliert und nicht selten sogar in den Abzockermedien »Öffentlicher Rundfunk«. Es ist diese selbsterklärte Wichtigkeit, die auffällt. Können wir mit Krisenregionen leben, ohne dass Reporter darüber berichten wollen? – Das Internet spült so oder so Meldungen und Bilder an, mit denen wir uns auseinandersetzen können.

Nazi oder nicht Nazi?

Eigentlich banal: Wenn man in einem totalitären System mitmacht, ist man Teil dieses Systems und trägt zum Erhalt und Funktionieren desselben bei. Erstaunt bin ich erstmal, wie viel Mühe sich Vera Lengsfeld gibt, das Gegenteil herausarbeiten zu wollen (die Hintergrundinformationen sind schon interessant). Ihre Mühe ist aber umsonst, wie Artur Brauner mit seinen Beispielen viel besser aufzeigt, um was es geht. Nicht nur wer das Emblem am Revers trug, ist ein Nazi gewesen. Auch die, die einfach nur mitgemacht haben, waren ein Problem. Diese Leute reinzuwaschen ist unmöglich.

Es kann sich aber auch um Begriffsklauberei handeln. Klar ist jemand Nazi gewesen, der in der Partei war, und kein Nazi war jener, der nicht in der Partei war. Aber dennoch kann derjenige, der nicht in der Partei war, in seinem Verhalten den Tätern zugearbeitet haben. »Mitläufer« nennt man jene.

achgut–heinrich-george-war-kein-nazi

achgut–heinrich-george-war-ein-nazi

wikipedia–Heinrich-George