Europa und die ganze Welt

In einem Schwimmbad blockieren 30 bis 50 Jugendliche den Sprungturm. Sie gehören einer Glaubensgemeinschaft an und wollen provozieren. Interessant ist, wie jetzt die Bademeister und die hinzugerufene Polizei reagieren. Es kommt nicht zu einem »Kampf der Kulturen«, sondern den hitzköpfigen Jugendlichen wird klargemacht, dass die Regeln anders sind, und sie sich gefälligst daran halten sollen.

Wow. Was für eine Welt. Es ist egal, aus welchem Teil der Erde du kommst, dort wo du bist, gelten Regeln und du hast dich daran zu halten. Die Regeln sind auch nicht x-beliebig, sondern sie orientieren sich an einem fairen und angemessenem Zusammenleben. Die versuchte Provokation führt ins Leere!

Sicher kann die Provokation in einem anderen Fall zu mehr Aufregung führen, zu tragischen Zwischenfällen, aber es geht um die Tendenz. Und die besagt, dass wir keine Zeit mehr dafür haben, uns lange aufzuhalten, an vergangenen Wichtigkeiten, auch wenn manche Menschen durch die Provokation daran erinnern wollen. Wir müssen einfach so zusammenleben, dass es gelingt und dabei erweist es sich auf einmal, dass sich die scheinbaren Besonderheiten in die zweite Reihe rücken müssen. – Was also ist Kultur?

Richard Wagner schreibt in seinem Buch »Der deutsche Horizont«, Europa hätte eine Identität, die man erhalten wolle. Wer denn? Dazu müsste man die Grenzen dicht machen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Eine Identität erhalten, hieße eine »alte« Identität konservieren. Aber wir entwickeln sie beständig weiter. Vielleicht brauchen wir überhaupt keine Grenzen mehr. Die Menschen wollen sowieso da leben, wo sie eben sind oder hinwollen, alles in Freiheit entscheiden. Wer also würde Grenzregeln aufstellen und Zu- und Abgang kontrollieren? Das passt nicht mehr in unsere Zeit.

In einer großen Gemeinschaft, der Weltgemeinschaft, sind das größte Problem Interessensgruppen, die auf Kosten anderer sich besser stellen und für sich Vorteile holen wollen. »Kultur« meint in Zukunft, die Kultur des fairen Umgangs miteinander.

Die »europäischen Grundlagen« sind nach Meinung von Richard Wagner:

Die griechisch-römische Antike, die jüdisch-christliche Religionsformel, das daraufberuhende Mittelalter, die Renaissance mit ihrem Rückgriff auf die Antike, die Aufklärung, die angelsächsischen Verfassungsideen, der Individualismus und das Arbeitsethos der Moderne.

Kann man darauf im Alltag heute irgendwie zurückgreifen? Eigentlich nicht. Wie will ich mich auf die griechisch-römische Antike oder die jüdisch-christliche Religionsformel beziehen?

Den Bezugsrahmen auf das Europäische auszurichten, gelingt vielleicht damit, dass wir die Regeln, mit denen wir erfolgreich das Zusammenleben der Menschen beeinflussen, über diese Geschichte erworben haben. Als entscheidend sehe ich die Menschenrechte. Sie müssen immer Grundlage für alle Rechtsbeziehungen zwischen uns Menschen sein. Sind sie Ergebnis der europäischen Geschichte, so hat auch diese Geschichte rückblickend ihren Wert. Aber eben nur »rückblickend«. Die Welt, in der wir heute leben, ist weder »europäisch« noch »angelsächsisch« oder »atlantisch«. Sie ist längst vermischt mit vielen anderen Strömungen und Wirkkräften und die Politik meidet dementsprechend jegliche Identifizierbarkeit mit einer bestimmten Ausprägung. Und wenn sie es doch tut, ist sie vielfältigen Angriffen ausgesetzt.

Weitere Begriffe, die Wagner unter »Mentalität« der westlichen Welt subsumiert sind:

Rechtsstaat, Freiheitsbegriff, christliches Menschenbild, säkularer Staat, Bürgerrechte, Liberalismus, Innovationsfähigkeit.

Was hat davon heute noch Bestand? Das Buch von Wagner erschien 2006. Rechtsstaat, Freiheitsbegriff und Bürgerrechte sind in Bedrängnis durch die Datenschutz-Affäre in den USA und Großbritannien, sowie durch die Hartz4-Gesetze und Agenda2010 in Deutschland. Christliches Menschenbild spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wer erinnert sich daran, was das denn sein soll. Zu Liberalismus fällt mir die FDP ein, die nach einem weiteren Mehrfachmord durch einen Sportschützen wieder mal die Lobbyarbeit für die Schützenvereine übernimmt. Gütiger Gott, brauchen wir wirklich noch Liberalismus? Bleibt noch »Innovationsfähigkeit«. Jetzt sah ich einen Film über den schnellsten Zug in Japan, oder die Pläne von Elon Musk, den Hyperloop. Europa?

Die »Werte der europäisch-atlantischen Schicksalsgemeinschaft« sind nach Richard Wagner:

Demokratie, individuelle Freiheit, Bürger- und Menschenrechte, freie Marktwirtschaft und Privateigentum.

Wieso ausgerechnet »Privateigentum«. Aber das passt zu der ganzen Idee der Abgrenzung, der Wagner das Wort redet. Das »Bodenunrecht« ist ihm scheinbar nicht bekannt. Demokratie ist ein Container-Begriff. So wie »Demokratie« im europäisch-atlantischen Bündnis gelebt wird, ist sie überholt. Die Parlamentarische Demokratie schließt die Bevölkerung von der Mitgestaltung aus. Sie ist zur Parteien-Diktatur mutiert und kann eigentlich nur durch Direkte Demokratie abgelöst werden. Aber die übrigen Werte wie individuelle Freiheit, Bürger- und Menschenrechte, freie Marktwirtschaft, sehe ich gar nicht in diesem engen Kontext, wie es Wagner hier macht. Es sind eigentlich universelle Werte, die vielleicht in diesem europäisch-atlantischen Wirkfeld entstanden sind, aber was spielt das für eine Rolle im Alltag. Man muss das einfach fühlen und spüren, welche Entscheidungen, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Menschen geeignet sind. 🙂

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