Die Linken salonfähig?

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Tolokonnikowa wollte mit ihrem Hungerstreik kritisieren, dass die Haftbedingungen an „Sklaverei“ grenzten und an das sowjetische Gulag-System erinnerten.

Immer wieder treffe ich Menschen, die ganz selbstverständlich »links«, linke Angebote, linke Medien erwähnen, nutzen, weiterempfehlen, so als ob es das Normalste der Welt sei. Es sind oft progressive, fortschrittliche Menschen, die sich sozial engagieren und das Unrecht, die Ungerechtigkeit in der Welt sehen. Sie meinen, dass »Linkssein« ein Ausdruck dafür ist, für eine humane Gesellschaft zu stehen. Sie sind gegen die »Reichen und Bonzen«, gegen den Kapitalismus und haben manchmal sogar Marx gelesen.

Wie kommt es zu diesem Irrtum?

Spricht man diese Menschen darauf an, dass doch kein einziger sozialistischer Versuch sich für den Menschen zu etwas Positiven entwickelte, heißt es unisono, es gehe um die sozialistische »Idee«. Diese sei gut, und wenn man sich »links« orientiere, dann ist diese Idee Leitschnur und nicht »real-existierende« Sozialismusversuche.

Die Linken sind ja durch ihre gesellschaftliche Platzierung genauso »in der Ecke«, wie die Rechten und es ist nicht ganz zufällig, dass sich beide Gruppen, zumindest in der extremen Ausführung, eher ähneln, was Outfit und Gehabe, Ideologiefestigkeit und Methodik angeht. Eine Gewaltorientierung ist bei beiden Gruppen vorhanden und deswegen treffen sie auch häufig aufeinander.

Der fortschrittliche Normalbürger hat aber kein Problem damit, dass in der Politik »Links« niemals Regierungsverantwortung übernehmen sollte. »Links« wird dann gleich als ewige Ergänzung und Stachel im Fleisch der kapitalistischen Allmacht gesehen. Quasi ein notwendiges Korrektiv zur entmenschten, profitorientierten Produktion.

Genauso wichtig ist dennoch der Blick auf Staaten und deren Menschen, die sich den Sozialismus einmal vorgenommen hatten und was aus ihnen geworden ist. Vera Lengsfeld hatte in einem Artikel darauf hingewiesen, dass in den großen ehemals sozialistischen Staaten Russland und China, bis heute Arbeitslager existieren, die in dieser Form von den Kommunisten eingeführt wurden und in die bis heute Personen ohne Gerichtsbeschluss verschleppt werden und dort verschwinden (China). Aber auch die »neuen« linken Staaten, wie Venezuela sind kein Beispiel dafür, dass in irgendeiner Weise der Sozialismus sich als etwas annähernd Menschenwürdiges entwickelt hätte. Auch wenn es im Einzelfall immer wieder interessante Entwicklungen gibt, so ist doch die Hauptkritik, dass die Idee der Planwirtschaft und des »neuen Menschen«, von oben herab (durch die Parteikader) den Bürgern aufgezwungen wird. Etwas anderes wäre es, wenn die Menschen aus sich heraus erkennen, das eine menschenwürdige Gesellschaft wünschenswert ist und man gemeinsam Schritte in diese Richtung geht. [1] Fatal ist doch, dass gerade in den linken Staaten die Menschenrechte als Erstes abgeschafft und missachtet werden, um die Konstruktion einer linken Weltidee aufrechterhalten zu können.

So ist »links« nichts weiter wie ein Schlagwort. Wie zum Beispiel »ökologisch« auch ein Schlagwort ist, und dahinter kann sich eine Partei verbergen, die ohne Skrupel einen Zwangsarbeiterstaat errichtet.

[1]
Wie es beim Bedingungslosen Grundeinkommen der Fall ist.

Nachtrag:

tagesspiegel–erster-demokrat-seit-20-jahren-bill-de-blasio-wird-neuer-buergermeister-von-new-york

De Blasio gab sich nach dem Erfolg für amerikanische Verhältnisse betont links. Auf seinem Rednerpult bei der Siegesfeier stand das rote Wort „Fortschritt“, immer wieder betonte er den Wert einer starken Regierung, die sich um die Angleichung der Lebensverhältnisse bemühen müsse. „Wir werden keinen New Yorker zurücklassen“, sagte er.

Kann man sich für Fortschritt, Gemeinsinn und Solidarität einsetzen, ohne sich »links« geben zu müssen?

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