Wirtschaft – Ein Thema für uns alle

Die Idee ist nicht schlecht. Eine gemeinwohl-orientierte Wirtschaft. [1]

Der Österreicher Christian Felber, Mitbegründer von »attac«, propagiert eine mit diesem Begriff verknüpfte Idee, die auf den ersten Blick verblüffend einfach aussieht:

Die Werte, denen sich die Wirtschaft verpflichtet fühlen sollte, sind die gleichen, die grundlegend für gute Beziehungen sind: Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung, Bedürfnisbefriedigung, Verantwortung, gegenseitige Hilfe, Mitgefühl und Kooperation. [2]
Und Menschenwürde, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz und demokratische Mitbestimmung sollen dazugehören. [3]

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist als Unternehmer-Initiative gedacht. »Menschliche Stärken und mehrheitsfähige Werte« sollen der Maßstab sein, für gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften.

Wie sollen diese Ziele erreicht werden?

Die Unternehmen erstellen einmal im Jahr eine Gemeinwohl-Bilanz, in der sie sich selbst einschätzen, inwieweit sie gemeinwohl-orientiert arbeiten. »Gemessen« wird dies anhand eines Katalogs von Kriterien, die die Gemeinwohl-Ökonomie-Organisation (GÖO) erarbeitet. Ein Vertreter dieser Organisation überprüft dann nochmal die Selbsteinschätzung des Unternehmers und gibt sein O.K. zur Veröffentlichung, wenn alles stimmt. – Die Indikatoren zur Messung der Gemeinwohlorientierung werden fortlaufend von der GÖO erarbeitet.

Leider konnte ich keine Auflistung dieser Kriterien auf der Homepage der Organisation finden. Vielmehr scheinen diese Informationen nur für die Mitglieder gedacht zu sein, die sich »anmelden« müssen und einen »Mitgliedsbeitrag« zahlen sollen. Der Schlüssel ist dann eine Excel-Tabelle, in der die Daten sich befinden.

Langfristig ist geplant, die »Bilanzprüfungsergebnisse« staatlichen Stellen zugänglich zu machen, damit diese Anreize für die Unternehmer schaffen, gute Ergebnisse zu erhalten. Schlechte Ergebnisse würden bestraft, oder doch zumindest benachteiligt.

Insgesamt also eine gute Idee?

Ich denke, auf alle Fälle. Denn die Menschen wollen die Wirtschaft, wie sie heute ist, nicht mehr, und es muss sich einfach etwas ändern. Wenn es so läuft, dass sich die Unternehmer selbst eines Wertekanons verpflichten, um so besser. Als Kunde, Konsument, kann ich mich an dem Gütesiegel der GÖO orientieren, muss es aber nicht.

Kritikpunkte?

Die »(nichtmonetären) Nutzwertindikatoren« [4], die Grundlage für eine Bewertung von Unternehmen sind, sollten für alle Bürgerinnen und Bürger einsehbar sein, sonst entsteht ein »geheimer Zirkel« von Eingeweihten, und die Schlüssel zu einer guten Bewertung bleiben im Verborgenen. Das kann nicht gut gehen und würde dem Transparenz-Anspruch widersprechen.

Dass der Staat ein Belohnungs- und Benachteiligungssystem erstellen soll, mit dem die Unternehmer an die Kandare genommen werden, ist eher nicht zu unterstützen. Hier hätten wir wieder einen Kontroll- und Bestrafungsstaat, der die öffentlichen Bediensteten in eine nicht wünschenswerte Position bringt. Was solche Machtpositionen anrichten, sieht man gerade bei Hartz4 oder beim NSA-Skandal. Die »Aufgabe« verselbständigt sich, und auf einmal hat der Bürger den Staat als Gegner. – Eine Kontrollbürokratie ist das Einfallstor in totalitäre Verhältnisse und ist deshalb abzulehnen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie wäre somit nichts anderes, als eine Fortsetzung der bereits bestehenden Ansätze. Zum Beispiel bewertet die Zeitschrift »test« schon seit einigen Jahren neben den Produkten auch die Produktions- und Arbeitsbedingungen in den Herstellerbetrieben, die sich nicht selten weit weg im Ausland befinden. Das nennt sich dann »Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung« (Corporate Social Responsibility), CSR.

So wird ein Großteil der Kleidung heute in asiatischen Ländern, wie China, Indonesien, Bangladesch und Vietnam produziert, nach Designvorgaben. Um herauszufinden, ob die Entlohnung angemessen ist, die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind und der Umweltschutz beachtet wird, müssen die »Prüfer« erst einmal in diese Länder reisen, um für ein paar Tage sich umzuschauen. – Ob man den Ergebnissen solcher Untersuchungen trauen kann, ist eine andere Sache.

Zur Erinnerung. Wir im Westen waren es, Ende der 90er Jahre, deren Regierungsvertreter (in erster Linie Gerhard Schröder) vorlaut verkündeten, die europäischen Arbeitnehmer müssten im »Wettbewerb« mit den anderen Ländern bestehen, und das ginge nur, wenn wir uns deren niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen anpassen würden. Nur so blieben wir wettbewerbsfähig. – Stattdessen hätten wir schon damals die miesen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den anderen Ländern verurteilen müssen und die »Wettbewerbslogik« in Frage stellen sollen. Es ist aber nicht geschehen. Heute rennen wir den »fairen« Wirtschaftsverhältnissen hinterher, nachdem wir sie hier zerstört haben. Zynisch kann man sagen, ein Gutes hat es. Denn jetzt können wir weltweit, also auch in Deutschland, Armut bekämpfen und für gute Arbeits- und Entlohnungsbedingungen eintreten. Den Menschen geht es (fast) überall gleich schlecht (die Eliten und erfolgreichen Lobbyisten einmal ausgenommen).

Bei der Herstellung einer Ware sind verschiedene Abschnitte und Produktionsstufen zu berücksichtigen, die oft nicht alle einsehbar sind, um letztlich beurteilen zu können, ob das Produkt wirklich »fair« hergestellt wurde. Auch täuscht der »Gemeinwohl-Ökonomie« Ansatz darüber hinweg, dass ein Siegel dieses Bewertungssystems keinen Kunden zwingen kann, nur von diesen Anbietern zu kaufen. Und der gut gemeinte Hinweis auf die »getesteten« Produzenten nützt nichts, wenn der Preis für den Kunden viel zu hoch ist, zum Beispiel weil den Mitarbeitern »faire« Löhne gezahlt werden oder die Produktionskosten durch Umweltauflagen in die Höhe schnellen. In abgewandelter Form haben wir dieses Dilemma schon heute, wenn etwa für einen Teil der Bevölkerung die Preise in den Öko-Läden zu hoch sind, und sie deshalb gezwungen werden bei den Discountern einzukaufen. Oder ein »Natur« Laden zwar tolle T-Shirts anbietet, mit Ökosiegel, aber der Hartz4-Empfänger aufgrund seiner knappen Mittel doch woanders einkaufen muss.

Die Stiftung Warentest schrieb 2012 über das Produktionsland China [5]:

In der Region Iiangmen zum Beispiel liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 950 Yuan, umgerechnet 122 Euro im Monat für eine 48-Stunden-Woche. …. Der Lohn reicht aber kaum zum Leben. Daher sind Überstunden an der Tagesordnung. Extrembeispiel: ln der Nähfabrik, die für Salewa fertigt, machten im März 2012 fast alle Arbeitnehmer 83 bis 87,5 Überstunden – gesetzlich erlaubt sind 36 Stunden im Monat.

Was würde die Gemeinwohl-Ökonomie des Christian Felber an diesen Umständen ändern?

Im übrigen ist die Gemeinwohlorientierung ja kein völlig neuer Gedanke. Seit fast hundert Jahren ist diese Perspektive Teil der anthroposophischen Weltsicht und Lebensgestaltung. Möglicherweise hat sich Herr Felber ja ein bisschen an diese Überlegungen angelehnt, ohne den schwergewichtigen Unterbau mitschleppen zu müssen.

Felber will sich an Grundwerten [6] orientieren, in einem neuen Wirtschaftssystem [7]. Damit wird ein Bereich der Lebenswelt in den Fokus genommen und »passend« gemacht. – Während die Steinerschen Überlegungen [7a] ja von universellen Gesetzmäßigkeiten ausgehen, denen der Mensch unterworfen ist, und die er wahrnehmen und anerkennen sollte. Auch beobachtete Steiner die Vorgänge in der Wirtschaft, um daraus seine Schlüsse zu ziehen, wie ein organisches Wirtschaften aussehen könnte, wenn es von den krankhaften Auswüchsen bereinigt ist. Ein menschengemäßes, den universellen Gesetzen entsprechendes Wirtschaften war sein Anliegen.

Felbers Entwurf ist im Vergleich dazu einfacher gestrickt, schneller versteh- und umsetzbar. Ein Angebot für jene, die nicht lange warten wollen?

In seiner lesenswerten Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie schreibt Andreas Exner unter anderem [8]:

Schließlich ist die “Gemeinwohl-Ökonomie” vor allem ein Marketingkonzept, das die Person Christian Felber für sich maßgeschneidert und – potenziell einkommensträchtiger als ein Migrantinnenprojekt – an dafür empfängliche Unternehmerinnen und Unternehmer gekoppelt hat. Es trägt weniger inhaltlich, sondern beruht wesentlich auf der Sehnsucht nach Erlösung, deren Erfüllung die Fangemeinde in seine Person projiziert.

Auch wenn ich nicht ohne weiteres den Lösungsansätzen des Herrn Exner zugeneigt bin, so vermittelt dieser Autor doch interessante Einblicke in die NGO-Organisation attac, in der Felber sein Projekt ansiedelt.

Betrachtet man den Ansatz der »Gemeinwohl-Ökonomie« aus der Grundeinkommens-Perspektive, dann kann man diese Bemühungen erstmal (in eingeschränkter Form) begrüßen. Unternehmer, die für soziale und Umwelt-Fragen sensibilisiert sind, werden gebraucht. Aber abzulehnen ist die Idee des Kontroll-Staats, die ebenfalls in dem Konzept steckt. – Was ich weiterhin nicht in der »Gemeinwohl-Ökonomie« gefunden habe, ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, welche Aufgabe die Wirtschaft überhaupt hat.

Mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen (bGE) in der Tasche der Citoyen, büßt der »Gemeinwohl-Ökonomie« Ansatz schnell an Bedeutung ein. In einer Internet-Gesellschaft spricht es sich herum, welche Unternehmen Umweltschutz- und Arbeitsschutz-Richtlinien missachten, schlechte Löhne zahlen und schlechte Arbeitsbedingungen bieten oder auch akzeptable (siehe die Amazon-Diskussion). Und der Bürger hat mit einem bGE die Freiheit, unabhängig von Arbeitsplatznot zu entscheiden, welche Wirtschaft er will. Außerdem ist er es selbst, der bewertet und Kriterien aufstellt, und nicht eine ominöse Organisation, ein bürokratischer Wasserkopf, von dem er dann wieder abhängig wäre. Mit einem bGE ist es der Bürgerin und dem Bürger freigestellt, einem eigenen Wertekatalog gemäß, Produkte nicht, oder doch zu kaufen, Arbeit nicht, oder doch anzunehmen. – Die Institution Gemeinwohl-Ökonomie, mit ihren »(nichtmonetären) Nutzwertindikatoren« wäre womöglich überflüssig.

[1]
gemeinwohl-oekonomie.org

[2]
sein–gemeinwohl-oekonomie-wirtschaften-fuer-das-wohl-aller

[3]
berlin.gwoe–dbu-foerderprojekt

[4]
gemeinwohl-oekonomie.org–ein-wirtschaftsmodell-mit-zukunft

[4a]
soziales-kapital.at

[5]
Stiftung Warentest, August 2012, Test Funktionsjacken; »Zum Leben zu wenig – Produktionsbedingungen«

[6]
Grundwerte;
Wikipedia:
Die grundlegenden Wertvorstellungen einer … Gruppierung

[7]
System;
Wikipedia:
Der Begriff System (von griechisch σύστημα, altgriechische Aussprache sýstema, heute sístima, „das Gebilde, Zusammengestellte, Verbundene“; Plural Systeme) bezeichnet allgemein eine Gesamtheit von Elementen, die so aufeinander bezogen bzw. miteinander verbunden sind und in einer Weise interagieren, dass sie als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können.

[7a]
Rudolf Steiner – Nationalökonomischer Kurs
Vorträge als PDF
Rudolf Steiner Online Archiv

[8]
streifzuege.org–solidarische-oekonomie-statt-gemeinwohl-oekonomie

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