Wirtschaft im Blick

Gerade habe ich eine Sendung über »Wirtschaft« gehört, im Deutschlandfunk. Schreckliche Sache. Aber nur dann »schrecklich«, wenn man sich einen anderen Blick auf die Wirtschaft angewöhnt hat. Denn bei jedem Bericht über »Wirtschaft« gehe ich von der Frage aus: »Für was ist die Wirtschaft da?« und beantworte sie mir selbst: »Sie ist dafür da, die Menschen in ihrem Umfeld dauerhaft, beständig, langfristig und mit Sicherheit mit allen lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen zu versorgen«.

Geht man mit dieser Grundhaltung gegenüber »Wirtschaft« in die Betrachtung eines wirtschaftlichen Themas, dann fallen einem die Herangehensweisen der beteiligten Autoren und Akteure als »völlig absurd und ungeeignet« auf.

In der Sendung »Hintergrund« lässt Tilo Wagner über Portugal, die Finanzmärkte und die Schuldenkrise plaudern. Um was es für mich geht, wenn ich mich mit »Wirtschaft« beschäftige, habe ich gesagt, aber um was geht es bei Tilo Wagner?

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Gleich am Anfang kommt ein »Deutscher Unternehmer« zu Wort. Er hat eine »Beteiligungsgesellschaft«. An was will er sich wohl beteiligen?

Er spricht von »Chancen« und »Business-Ideen« und was man alles in der Gesellschaft (unternehmerisch) besser machen könnte. Im Beitrag selbst geht es kunterbunt durcheinander. »Positive Zeichen von der Börse«. Die Wirtschaft »wächst«. Ein Schlüsselwort, das in keiner Sendung über »Wirtschaft« fehlen darf. Die Exporte »nehmen zu« und die »Wettbewerbsfähigkeit« Portugals würde »steigen«.

Ein Wirtschaftswissenschaftler wird zitiert:

Das Wirtschaftswachstum beschleunigt jetzt diesen Umbruch. Und das, was entsteht, ist kein Luftschloss mehr, sondern sehr rentabel. Die Firmen stehen auf eigenen Beinen. Denn es gibt keine Unterstützung vom Staat, weil der kein Geld hat. Und keine billigen Kredite, weil uns niemand etwas leiht.

»Rentabel« wieder so ein Schlüsselwort. Und der Staat hat kein Geld.

Für den Politologen José Maltez ist dies das wahre Drama der Troika-Jahre:

»Uns fehlt eine Wirtschaft, die das ganze Land trägt. Unsere Jugend hat deshalb kaum Hoffnung, dass sie hier bleiben kann. Sie glaubt, dass das System ungerecht ist. Und das ist wirklich schrecklich. Wir haben es nicht verstanden, die Erwartungen unserer Jugend zu erfüllen. Das hat Folgen für die Entwicklung der Bevölkerung, es schafft ein Gefühl von großer Instabilität innerhalb der Jugend und es macht jedes Gespräch, das wir mit jungen Portugiesen führen, zu einer Unterhaltung ohne Hoffnung auf die Zukunft.«

Hier wird eigentlich das gesagt, um was es gehen sollte. Eine Wirtschaft, die das Land »trägt«, kann nur eine sein, die die Versorgung der Menschen leistet. Und eine Portugiesin meint:

»Unsere Situation hat sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert, sondern verschlechtert. Die Menschen leiden jeden Tag ein Stückchen mehr. Ich glaube, wir haben in Portugal eigentlich alles, was wir brauchen. Aber das Land scheint daraus kein Kapital schlagen zu können.

»Wir haben in Portugal alles, was wir brauchen.« Genau. Man müsste es nur noch mehr konkretisieren.

Die Einkommensverluste für die Portugiesen wären noch viel größer gewesen, wenn das portugiesische Verfassungsgericht nicht einige Sparmaßnahmen gekippt hätte. Die Regierung und Vertreter der internationalen Institutionen haben in den vergangenen Jahren einen enormen Druck auf das Gericht aufgebaut.

»Internationale Institutionen« und die Regierungen sind es, die den Menschen die Not aufhalsen. Weil sie eine Politik betreiben, die die Abhängigkeit der Länder von Geldern der Finanzmärkte vergrößert. Die Schulden, die die Länder dadurch anhäufen, sollen später durch weitreichende Veräußerungen von Landesvermögen, Bodenschätzen und Rechten erfolgen. Eine Versklavung der Menschen in Europa unter der Fuchtel der »Geldgeber« wäre das Ergebnis.

Die Troika verlässt vielleicht das Land, aber damit gehen ja nicht die Verpflichtungen zu Ende, die wir gegenüber Europa getroffen haben.«

Unabhängig davon, wie Portugal nach dem Ende des Spar- und Reformprogramms seine Glaubwürdigkeit auf den Finanzmärkten zurückgewinnen kann, steht dem Land ein schwieriger Weg bevor.

Wie können wir eine Gemeinschaft im Sinne der Polis aufbauen, wenn es so viele Verlierer gibt? Die ältere Generation, die mehr Einschnitte hat hinnehmen müssen als jede andere Gruppe. Die Arbeitslosen. Und die jungen Mitte-Zwanzigjährigen, die studiert haben und gut qualifiziert sind, keinen Job finden und schließlich auswandern müssen.

Das Wichtigste ist die Erkenntnis, dass sich die Menschen nicht »vorsagen« lassen, was in ihren Gesellschaften wichtig ist. – Sie müssen es selbst benennen.

PS: Der Öffentlicher Rundfunk ist keine Hilfe »in der Krise«. Er ist selbst ein Teil des Problems. Weil sich die Mitarbeiter schön fein heraushalten wollen, aus der Arbeitswelt des »Hire and Fire«, haben sie sich etwas Fieses ausgedacht: Die Mitbürger werden dazu gezwungen, die Arbeitsplätze in den Rundfunkhäusern zu sichern.

So geht es halt auch nicht weiter.

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