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Mit Atemschutzmasken seien Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr schließlich in das Badezimmer vorgedrungen – dort fanden sie die Leichen. Neben der Potsdamerin und der Frau aus Frankfurt (Oder) wurde eine 44-Jährige identifiziert, die in Schauenburg im Landkreis Kassel lebte. Kommissar König sagte, die Ermittler gingen derzeit davon aus, dass sich die Frauen mit Kohlenmonoxid töteten, einem geruch- und geschmacklosen Gas. Entsprechende Abschiedsbriefe seien gefunden worden. Es gebe keine Anzeichen auf ein Verbrechen oder einen technischen Defekt.

Erst jetzt die Tage hatte ich von einer Frau gelesen, die sich im Alter von Anfang 50 »aus dem Staub gemacht« hatte. Es gibt von ihr Fotos im Internet und ich sah sie mir an, ihr Gesicht und die schönen, gesunden Zähne, die sie hatte. Warum das alles? In Deutschland ist es nicht üblich, darüber zu sprechen, warum sich Menschen das antun (die Freunde, nahen Bekannten und Angehörigen lasse ich da mal außen vor). Wir erfahren nicht, wie viele Personen sich täglich selbst töten, weil die Polizei aus Gründen, die ich nicht ausreichend finde, diese Informationen nicht öffentlich macht. Besser wäre es allemal, wenn wir Menschen darüber informiert würden, wenn so etwas passiert. Es ist wie ein Barometer, dass darüber Auskunft gibt, in welcher Verfassung unser Gemeinwesen ist. Ich glaube, wüssten wir, wie viele Menschen sich jeden Tag das antun, wir wären alarmiert.

Wir sind aus einem Zustand ungeheurer Freiheit und Möglichkeiten in den 70er bis Ende der 90er Jahre in eine Verfassung der großen Repression und des Verfalls geraten. Alles scheint instabil, bricht zusammen, ist bedroht. Die Beziehungen waren es schon lange, jetzt sind es seit vielen Jahren die Arbeitsverhältnisse, aber auch die staatlichen Gefüge bieten immer weniger halt. Verschärft wird das Ganze, weil wir Menschen in den vielen Jahren des Singlelebens verlernt haben, solidarisch und verantwortlich füreinander zu sein. Viele sind heute Einzelkämpfer. Aber sie merken, je älter sie werden, um so unbequemer wird diese Freiheit. Alles verändert sich oder müsste sich verändern. – Und manche ziehen die »Notbremse« und steigen vorzeitig aus. – Es ist ja auch einfacher geworden. Die entsprechenden Mittel gibt es für ernsthaft Kranke in der Schweiz zum Herunterschlucken oder die Lebensmüden sprechen sich in den einschlägigen Foren ab, welche Methoden einen relativ unbeschwerlichen Gang ins Jenseits ermöglichen.

Zu weiteren Umständen der Tat und näheren Informationen zu den Getöteten wollte Kommissar König nichts sagen – auch um Nachahmungstaten zu verhindern. Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Laut Medienberichten hatten sich im Sommer 2011 drei junge Frauen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren im niedersächsischen Damme das Leben genommen. Sie hatten sich den Angaben nach auch über das Internet verabredet und starben in einem Zelt – ebenfalls an einer Kohlenmonoxidvergiftung.

Es stellt sich auch die Frage, was man eigentlich heute noch mit dem Leben anfangen will. Heiraten muss niemand mehr, Gott sei Dank, aber für viele gibt es stattdessen die »Sinnkrise«. Wozu eine Beziehung eingehen, wenn der Mann seine sexuellen Wünsche »virtuell« erledigen kann und sich die Frauen »die Nervensäge« oder noch Schlimmeres ersparen können. Um Kinder zu haben, steht »Zeugung« unter ferner liefen, als gleichgeschlechtliches Ehepaar geht auch Adoption. Aber vielleicht weiß kaum noch jemand, zu welchem Geschlecht er/sie sich zurechnen will. In der Summe: Keine Arbeit, kein Geschlecht, keinen Partner, keine Beziehung, keine Community (außer der, in der man seinen Abschied vorbereitet). In den Dating-Foren werden die User scheinbar nur abgezockt und außerdem geht kaum noch jemand aus, bei der Kriminalitätsrate heutzutage. – Da wäre noch der Konsum. Der macht aber keinen Spaß, von allem gibt es viel zu viel, und gegenüber wem soll man mit seinem Geld protzen, als Einsamer.

Aber irgendwie schaue ich doch ganz entgeistert, ungläubig in das Gesicht der Frau, die sich »mitten in der Arbeit« einfach so davon gemacht hatte. Hätten nicht »wir« gemeinsam irgendwelche wichtigen Dinge anpacken können? Du mit deinen guten Kenntnissen in der Theaterarbeit, die wir nutzen für ein Stück über die Zerbrechlichkeit unserer Lebenswelten, oder für ein aufrüttelndes Werk über die Notwendigkeit eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Wie auch immer. Jetzt geht gar nichts mehr. Und wenn man auch einen Moment innehält, im Andenken an eine Person, die anderes vor hatte, so geht doch das Leben einfach weiter und die Welt der Menschen ist voller Eindrücke und nicht alles können wir festhalten.

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