Schöner Liberalismus

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Und eine gute Abgrenzung zum Konservativismus.

Vor allem basiert der Liberalismus auf der Einsicht, dass ästhetische oder ethische Normen und Werte keine objektiven oder rational erkennbaren Größen sind, sondern in letzter Konsequenz Ausdruck persönlicher Präferenzen. Dieser subjektive und relative Charakter von Normen und Werten ist aus liberaler Sicht aber kein Mangel. Im Gegenteil, er eröffnet dem Individuum erst die Möglichkeit, sich frei und unabhängig von Traditionen, Bräuchen oder gar objektivistischen Moralansprüchen zu entfalten.

Besser kann man es nicht formulieren. Das Individuum bestimmt, verortet sich selbst, setzt seine eigenen Maßstäbe und diese sind Grundlage der eigenen Entscheidungen, zum Beispiel bei Bürgerentscheiden und Bevölkerungsabstimmungen. Aber findet das irgendwo seine Grenzen?

Mit seinem nüchternen Rationalismus ist das liberale Denken Erbe und auch Speerspitze der radikalen Aufklärung. Wissenschaftliche und technische Rationalität gelten dem Liberalen – anders als dem Konservativen – nicht als Zeugnisse einer degenerierten, entfremdeten und zerstörerischen Vernunft, sondern als Ausdruck menschlicher Kreativität, Gestaltungskraft und Fantasie. Zugleich ist der wissenschaftliche Rationalismus ein Bollwerk gegen Ideologien, Aberglaube und Mystizismus – weshalb Ideologen von links und rechts immer wieder versuchen, ihn seinerseits als Ideologie zu entlarven.

Nach Alexander Grau findet es seine Grenzen in der wissenschaftlichen und technischen Rationalität. Das ist natürlich clever gemacht. Erst wird gesagt, der Mensch sei frei und unabhängig von objektiven oder rational erkennbaren Größen, frei zu entscheiden, wie er denkt und will, um dann wieder dieses »Zuckerl« zurückzunehmen, in dem ein Katalog eingeführt wird, der die »Werte und Normen« vorgibt, die doch zuerst (scheinbar) jedem selbst überlassen waren.

Aber Liberale können so viel »rational« sein, wie sie wollen. Eine Pflicht zur Rationalität gibt es jedoch nicht. Hier muss das Recht des Individuums auf Festsetzung eigener Maßstäbe sich durchsetzen. Wer »fühlt«, dass das liberale Denken eine Gefahr für das Zusammenleben der Menschen ist (um ein Beispiel zu verwenden), kann diesen »Sachverhalt« genauso heranziehen für seine Entscheidungen, wie einer, der diese Haltung rational ableitet.

Wie verhält es sich nun, wenn die Menschen auf Gerechtigkeit und Gleichheit insistieren? Ist ein solches Ansinnen unter Liberalen denkbar? Ich unterstelle, dass der Liberale aus seinem Fundus an wissenschaftlichen Rationalitäten heraus dies verneinen würde. Er würde wahrscheinlich »beweisen«, dass Gleichheit nicht berechtigt ist und Gerechtigkeit ein relativer Begriff sei und somit beide Anliegen verworfen werden müssten. Umgekehrt würde er aus der individuellen Perspektive Gleichheit und Gerechtigkeit als Zumutung und Bedrohung individueller Freiheit wahrnehmen, was nicht gutgeheißen werden kann. – In wessen Interesse ist es unter diesen Bedingungen, »liberal« zu sein?

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