Wie miteinander reden, ohne übereinander zu reden.

Im Internet gab es schon früh Newsgroups (die heute von Google verwaltet werden), später dann Foren und heute haben wir die Sozialen Netzwerke.

Aufgefallen ist mir dabei viel Aggressivität, manchmal regelrechter Hass, besonders in den Newsgroups. In den Foren, belehrende, »über den Mund fahrende«, patzige, unverschämte, arrogante, beleidigende Äußerungen der einen Teilnehmer gegenüber den anderen. In den Sozialen Netzwerken finde ich dieses negative Verhalten am wenigsten.

Und ich hatte mir überlegt, wie sieht ein idealer (Online) Gesprächskreis aus, in dem die problematischen Aspekte ausgebremst werden:

  • Auf Fragen antworten nur Moderatoren und Administratoren. (Gerade bei Fachforen ist es wichtig, viele Menschen zu haben, die ihr fundiertes Wissen einbringen können.)
  • Teilnehmer können über alles sprechen (in den entsprechenden Unterforen), was ihnen in den Sinn kommt, ohne »über« andere Teilnehmer zu reden.
  • Beiträge, in denen das doch stattfindet, werden gelöscht, insbesondere wenn ein Tadel oder gar Angriff gegen andere Teilnehmer spürbar ist. (Ein Entscheidungsspielraum muss vorhanden sein.)

Was würde eine solche Foren- und Gesprächskultur bedeuten?

Einmal, dass die Aussagen der Teilnehmer alle gleichwertig sind und das auch niemandem das Recht eingeräumt wird, über andere Teilnehmer zu reden und zu schreiben.

Der Sachverstand der Moderatoren und Administratoren ist ständig auf dem Prüfstand, weil Fragen und Antworten öffentlich abgehandelt und permanent überprüft werden.

Worum es mir geht, ist, dass ein Reden übereinander als unziemlich und unangemessen behandelt wird. Denn gerade das Reden übereinander ist eine heutige »Unkultur« [1] in den Internetgesprächskreisen, die abgestellt gehört. Das Reden übereinander ist eng verknüpft mit der physischen Aggressivität der einen gegen die anderen. – Vor gar nicht so langer Zeit haben bei uns die einen »Denker« den anderen Denkern auf den Kopf geschlagen, um diese zum Schweigen zu bringen (und in vielen Staaten passiert das heute noch). Mit Gewalt wird das Denken unterdrückt, dass als unliebsam empfunden wird, dass nicht in der Öffentlichkeit ausgesprochen werden soll. Gewalt und Brutalität beim Meinungsaustausch ist uralt und scheint etwas »Natürliches« zu sein, beim Menschen. Deshalb ist es auch in den neuen Medien, im Internet wiederzufinden.

Wenn es aber unerwünscht wäre, Meinungen mit (verbaler) Gewalt zum Schweigen zu bringen, dann müssen die Gesprächskreise (Foren, Newsgroups, Soziale Netzwerke) eben anders organisiert werden. Denn dann werden die Aggressiven an ihrem Tun gehindert.

Dieses Verfahren ist auch möglich, wenn auf Moderatoren und Administratoren verzichtet wird. Es genügt das Einvernehmen in den Gesprächskreisen, so zu verfahren, und wer sich nicht daran hält, wird blockiert, oder »ignoriert« (diese Funktionen müssen vorhanden sein).

Mir geht es in der Tendenz darum, dass die Beiträge der Mitmenschen »in einer Linie« betrachtet, und kein Beitrag bekämpft und an den Rand gedrängt werden kann. – Eine Gesellschaft in Direkter Demokratie braucht solche Arrangements.

Heute hingegen, erlebe ich Foren, in denen die Admins die Teilnehmer auf übelste Weise herunterputzen und fertig machen, erlebe ich, dass Admins und Moderatoren sich nicht getrauen gegen einfache Teilnehmer vorzugehen, die andere Teilnehmer in rüder Art und Weise attackieren, erlebe ich, wie Teilnehmer in Beratungsforen gegen die Hilfesuchenden herabsetzend argumentieren, ohne das die Moderatoren und Administratoren dagegen etwas unternehmen. – Eine insgesamt völlig untragbare Situation, die auch damit zusammenhängt, dass viele Foren privat gemanagt, von dubiosen Vereinen oder gar von gewinnorientierten Firmen organisiert und betreut werden. – Wer dabei »baden geht«, sind die User.

[1]
Eine »Unkultur« ist es, in den Gesprächskreisen, die physisch, real, oder in den virtuellen Welten stattfinden. Natürlich gibt es Formen der Auseinandersetzung, in denen das Reden »über den anderen« akzeptiert ist. Zum Beispiel in den Blogs. Aber auch hier gilt, was ist angemessen. In den Blogs entscheiden die Leser, oder sogar öffentliche Institutionen, wie ein akzeptabler Rahmen aussieht.

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