Konkurrenz und Neid

Jonathan Jay Pollard, Jahrgang 1954, sitzt jetzt seit bald 30 Jahren im Gefängnis, weil er Informationen ausspioniert und weitergegeben hat. Ausgerechnet von den USA wurde er dafür ins Gefängnis gesteckt, von dem Land, dass durch NSA und die Enthüllungen des Edward Joseph Snowden in dieser Hinsicht weltbekannt ist. – Ist es nicht besonders perfide, dass die Verantwortlichen trotz dieser Vergleichbarkeit der »Taten«, nicht schleunigst den Verurteilten freilassen?

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Pollard niemanden getötet, geschlagen und sonst wie misshandelt hat, er hat bloß Daten gesammelt und an andere übermittelt. Er hat also das gemacht, was tausende von Amerikaner, Engländer, Australier, Kanadier auch jeden Tag machen. So müssten doch all diese Menschen, die in Zusammenhang mit NSA entlarvt wurden, ebenfalls mindestens 30 Jahre ins Gefängnis gesteckt werden. – Und hatte man der Weltbevölkerung nicht bei der Snowden-Affäre erklärt, dass es »üblich und normal« sei, wenn Geheimdiensttätigkeiten überall stattfinden?

Nun wird hinter vorgehaltener Hand und teils offen darüber spekuliert, ob die hartnäckige Weigerung der amerikanischen Entscheider, Pollard freizulassen, nicht vielmehr Ausdruck eines Antisemitismus ist. Denn Pollard ist amerikanischer Jude und die gesammelten Informationen hatte er an Israel weitergegeben. Das war Anfang der 80er Jahre.

Diese Frage ist deshalb interessant, weil dabei zu den Quellen des Antisemitismus vorgedrungen wird. Es fällt auf, dass die Befürworter der weiteren Inhaftierung gerne öffentlich und namentlich zu ihrer Haltung stehen, unter anderem Bill Clinton. Und diese Inhaftierung muss durchaus als unmenschlich angesehen werden, da der Beschuldigte keinem Menschen physisch geschadet hat (auch wenn konstruiert wird, die von ihm weitergegebenen Informationen könnten anderen Spione gefährdet haben). – Dabei ist anzunehmen, dass die Befürworter der weiteren Inhaftierung Pollards sich sicher sind, in ihrer Haltung. Das passt aber gut zu dem Antisemiten, der ja auch gerne »triumphierend« seine Erkenntnisse und sein Wissen öffentlich macht, wenn er glaubt, in seinem ersten Urteil (Vorurteil) durch Ereignisse bestätigt zu werden.

Loyalität

Im Nationalstaat der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war in einem männerbündlerischen, völkischen Sinne Loyalität nur gegenüber der eigenen Gruppe möglich. Wer dies nicht leistete, war ein Verräter und Feind. Und schon immer war der Antisemit der Meinung, dass die Juden, egal wo sie wohnen, doch nur ihrem eigenen Volk sich verpflichtet fühlen. – Heute spielt diese Sicht kaum noch eine Rolle, weil die »völkischen, männerbündlerisch organisierten Nationalstaaten« am Verschwinden sind oder bereits in moderne, für alle Menschen, egal welcher Herkunft, geeignete »Lebensräume« sich umgewandelt haben oder dabei sind, sich umzuwandeln. In den 80er Jahren waren diese Vorstellungen aber bestimmt noch bei Einigen oder Vielen in den USA zu finden. Die Idee dieser »späten Nationalisten« ist, dass der Delinquent gegenüber seinem Wohn- und Geburtsland hätte loyal sein müssen und nicht gegenüber Israel. Und dem Antisemiten wird ein »Beweis« geliefert, dass seine ersten Urteile doch richtig sind, dass nämlich »der Jude« immer nur den Vorteil »seines Volkes« im Blick hat und nicht den Vorteil der Menschen seines »Wohnortes«, und er daraus berechtigt ist, besonders hart gegenüber dem Beschuldigten handeln zu dürfen. Das wäre dann die Ebene der Konkurrenz. Der Antisemit sieht in dem Juden einen Konkurrenten, der auf gleicher Ebene wie er, sich um Vorteile bemüht. Der »völkische, männerbündlerische Nationalist« sieht in dem Juden einen Konkurrenten, der dasselbe vorhat wie er, sich aber damit auf »fremden Boden« aufhält.

Wer aber nicht in der Dunstwolke des völkischen, männerbündlerischen Nationalstaates drinsteckt, kann vielleicht wahrnehmen, dass zum einen die Bedeutung solcher Staaten, wie schon eben bemerkt, rapide am Sinken ist, weil die Bevölkerungen immer stärker durchmischt sind, und ein Denken in Völkern eher hinderlich ist bei der Lebensbewältigung, und zum anderen, könnte die Einsicht möglich sein, dass ein Jude »für sein jüdisches Volk« sich einsetzen kann, ohne die Absicht zu haben, dabei den Nicht-Juden schaden zu wollen. Es kann ihm einfach darum gehen, sein Volk zu schützen und zu erhalten, ohne gegen Nicht-Juden feindselig zu sein.

Aber auch wenn so weit die Einsicht vorgedrungen ist, lauert eine neue »Wahrheit« für den Antisemiten. Denn jetzt überkommt ihn der Neid. Vorher war es das Konkurrenzgefühl und nun der Neid. Denn jetzt sieht er, dass im Land und bei den eigenen Leuten keine völkische Stimmung mehr aufrechterhalten werden kann, weil die Menschen für ein solches Denken nicht mehr zugänglich sind, das Leben sich über andere Bahnen gestaltet, und ihn überkommt eine Trauer vermischt mit Neid, dass es einem Volk doch gelingt, was allen anderen Völkern verloren zu gehen scheint. Und er wird aus einem Neidgefühl heraus sich feindselig zeigen.

Korrekterweise kann hinzugefügt werden, dass die Nationalstaats- und Volksidee sich in der Folklore und im Brauchtum erhält, und wer will, dies auch pflegen kann, und dass das jüdische Volk nicht ganz von den weltweiten Entwicklungen verschont ist. Auch in diesem passiert es, dass die Religion an Bedeutung verliert, verlieren kann, dass ein Säkularisierungsprozess stattfindet, dass das Festhalten an der Religion nicht unbedingt, sondern freiwillig ist.

Mit anderen Worten, die Dramatik, mit der viele Menschen ihren Alltag gestalteten, erweist sich heutzutage immer mehr als unangemessen und das künstliche Aufrechterhalten dieser Spannung ist langweiliger denn je (siehe hierzu zum Beispiel die Filme Iron Man 2, Pacific Rim oder The Amazing Spider-Man).

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