Infrastruktur für uns alle

Stellen sie sich vor, es ist ein Sommertag und sie wollen sich draußen aufhalten. Aber jetzt fängt es an zu regnen. – So ein Pech aber auch. Macht doch nichts. Irgendwo wird es doch einen Flecken geben, wo sich unterstellen möglich ist, Schutz vor Wind und Nässe geboten wird. – Doch sie werden es nicht glauben, so eine Stelle ist nicht zu finden. Ja, es ist wahr. Sie befinden sich in Öffentlichem Gelände und es ist dort keine einzige Stelle zu finden, die ihnen als Schutzraum dienen könnte. Wie kommt das?

Wir haben die Ideologie, dass Grund-und-Boden in Privatbesitz sein soll. Was natürlich nicht konsequent durchgehalten wird. Und überall, wo es doch Öffentlichen Raum gibt, besteht die Frage und ist das Anliegen virulent, warum nicht diesen Bereich optimalst für die Interessen der Menschen zu gestalten. – Wir erleben aber immer wieder, dass genau dies verhindert, unterbunden, verunmöglicht wird.

Wer steckt dahinter, wer verhindert das? Zum einen natürlich die Verwalter des Öffentlichen Raums, die städtischen Mitarbeiter. Und diese tun das im Namen der Politiker. Derjenigen, die sich veranlasst sehen, »im Namen aller« zu entscheiden, wie der öffentliche Raum auszusehen hat. Diese Politiker wiederum haben nicht selten Privateigentum an Grund-und-Boden, den sie womöglich von »großen Hunden« bewachen lassen, damit niemand Unberechtigtes dieses Gelände betritt. – Aber dieselbe Geisteshaltung haben diese Menschen auch, wenn sie »ihre« Parks, öffentlichen Anlagen, Gemeingüter, im Namen der Allgemeinheit verwalten. Sie behandeln die Bereiche so, als ob sie ihnen privat gehören würden.

Nehmen wir als Beispiel einen Park. Dieser befindet sich auf öffentlichem Grund-und-Boden und wird von der Stadtverwaltung betreut. Der Park ist recht groß, aber an keiner Stelle dieser Anlage befindet sich eine Überdachung. Warum?

Wir bräuchten doch nur einmal einen Versuch starten, quasi eine soziologische Untersuchung machen. Wir nehmen im besagtem Park eine Stelle, die eh mit Bänken schon gut ausgestattet ist und fügen diesem Bereich eine großzügige Überdachung hinzu. Sowie einen Schutz gegen seitlichen Wind. – Was wird passieren?

Wenn der Bereich ausreichend groß ist, werden sich in den Sommermonaten Menschen einfinden, die vielleicht dort sogar übernachten. Junge Leute auf Fahrrädern, mit Rucksäcken und Zelt, die entdecken, dass es sich dort einrichten lässt. Sie sparen sich die Übernachtungskosten und richten dort ihren Wohnplatz ein. Vielleicht bleiben sie an der Stelle, solange es die Witterung zulässt. Oder Obdachlose, die im Park ihren Alkohol trinken und abends müde sich dort, im überdachten Bereich schlafen legen. Auch sie könnten feststellen, dass es sich dort aushalten lässt, und sie richten sich vielleicht ein, ebenfalls mit Schlafsack, aber es kann auch Pappkarton sein, mehrere Decken und so weiter.

Geschieht dies nun, so wie beschrieben, dann ist der Bereich natürlich »besetzt« und andere Menschen, die nur durch den Park laufen, bei einem Regenschauer sich dort unterstellen wollen, werden dann keinen Platz finden, weil alles schon belegt ist und der Bereich mangels fehlender Sanitäreinrichtungen unhygienisch sein kann. – Hier prallen mehrere berechtigte Anliegen aufeinander:

• Öffentlicher Raum kann von allen genutzt werden.
• Wer ihn zuerst belegt, nimmt allen anderen Interessenten den Platz weg.
• Wer darf Öffentlichen Raum nutzen?
• Darf eine bestimmte Nutzung vorgegeben und eine andere ausgeschlossen werden?

Auf dem Lande gibt es oder gab es Bushaltestellen-Wartehäuschen, die wirklich als »kleines Häuschen« angelegt waren. Wenn also ein Unwetter sich einstellte, waren die Wartenden in diesen Holzhütten wirklich geschützt. Das aber entdeckten auch »Reisende«. Und diese quartierten sich dort ein. So war es möglich, in solchen Hütten Menschen vorzufinden, die sich einigermaßen häuslich eingerichtet hatten.

Öffentlicher Raum muss uns allen gehören, aber dennoch muss dieser Bereich »betreut« sein und geordnet zur Verfügung gestellt werden, sonst passiert es nämlich, dass ein Chaos der Nutzung letztlich doch zu einer »privaten Nutzung« führt, die sich durchsetzt. Oder das eine Nutzung, da sie nicht geordnet möglich ist, gänzlich verhindert wird.

Bleiben wir einmal bei dem Park, der einen überdachten Bereich haben soll, wind- und regengeschützt, in dem sich die Stadtbewohner des Sommers aufhalten können, ohne bei schlechtem Wetter gleich wieder in die Wohnungen oder in teure und laute Cafés flüchten zu müssen.

Heute jammern wir darüber, es seien nicht genügend Arbeitsplätze vorhanden, aber sinnvolle selbst schaffen, das wäre es doch. Warum können wir nicht »betreute« Parkanlagen bewerkstelligen? Menschen, die im Namen von uns allen schauen, dass die Abläufe im Öffentlicher Raum gemäß unseren Vorstellungen stattfinden. Denn in einem gewissen Sinne passiert das doch heute schon. Nur wäre es die Aufgabe, dies noch auszubauen. Heute haben wir zu unserer Freude gepflegte Parks, mit schönen Blumen, Pflanzen, hübsch gestaltet von den Landschaftsgärtnern, die auch des Sommers immer zugange sind, die Beete pflegen und den Park zu unser aller Freude ein schönes Aussehen verleihen. – Warum nicht für einen weiteren Ausbau der städtischen Infrastruktur sorgen.

Wäre es denn Unrecht, Bereiche im Park zu schaffen, die einer klaren Widmung zugeordnet sind, während eine andere Nutzung ausgeschlossen ist, statt wie heute, das Problem komplett zu umgehen, in dem überhaupt kein Angebot gemacht wird?

Wenn ein überdachter Bereich geschaffen wird, der den Bewohnern des Ortes zur freien Nutzung bereitsteht, könnte eine längere Nutzung, etwa als zwischenzeitliche Übernachtungstelle ausgeschlossen werden. Wäre das unangemessen, unrecht oder herzlos. Gewiss nicht.

Das eigentliche Problem ist aber, wenn Menschen von dort »verjagt« werden, weil sie den Bereich als »Lebensraum » in Beschlag nehmen, dann wird doch ein grundsätzliches Problem sichtbar. Und dieses Sichtbarwerden von grundsätzlichen Problemen soll womöglich verhindert werden. Deshalb wird überhaupt kein Angebot gemacht. Weder den Bewohnern noch den »Durchreisenden«.

Denn wenn »häusliche« Bereiche als Öffentliche Infrastruktur möglich sind, dann stellt sich natürlich die Frage, warum nicht weitere Angebote gemacht werden, die auch den Ansprüchen und dem Bedarf von Durchreisenden genügen. – Denn diese Frage ist doch berechtigt: Warum ist Wohnraum oder Obdach, Unterkunft, Schutzraum oder Schutzhütte nicht als »Dienstleistung« der Gemeinschaft vorhanden, als Teil der Öffentlichen Infrastruktur?

Da es offensichtlich einen so großen Bedarf an Öffentlichem Wohnraum oder Ähnlichem gibt, muss dieser Bedarf verleugnet werden, in dem jedes Trachten in diese Richtung unterbunden wird. – Deshalb haben wir heute keine überdachten Unterstände überall dort, wo es eigentlich Sinn machen würde und für uns Menschen angenehm wäre, deshalb haben wir keine bequemen Sitzgelegenheiten an den ÖPNV-Haltestellen, weil sich da jemand schlafen legen könnte.

Wir müssen anfangen, mit solchen Angeboten zu experimentieren. Schauen, wie sie genutzt werden, wie wir sie »betreuen« können, wie wir sie gestalten. – Ein riesiger Bedarf dafür ist vorhanden.

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