Quergelesen

Teil 1

Das Anliegen der Zeitschrift »Humane Wirtschaft« wird eigentlich von vielen dort schreibenden Autoren ganz unverblümt genannt.

Die freiwirtschaftliche Systemkritik zielt im Kern auf Machtverhältnisse, die zu leistungslosen Einkommen auf Kosten der produktiv tätigen Menschen (also zu Ausbeutung) führen, vor allem auf die private Aneignung von Allmende und die Etablierung nicht umlaufgesicherter und daher zinstragender Geldsysteme.

So schreibt es zum Beispiel der Psychologe Peter Berner in seinem Artikel »Der spaltende Geist und das Geldsystem« in der Ausgabe 02/2014.

Und wer sich dieser »Wahrheit« noch nicht genügend geöffnet hat, wird zum Naivling erklärt, wie Raphael Fellmer von der Autorin »Pat Christ« in derselben Ausgabe.

Die Visionen der Geldlosen sind sympathisch und gleichzeitig oberflächlich. Sie sind bestrickend in ihrer Einfachheit und gleichzeitig naiv. Es genügt nun einmal nicht, Tatbestände zu konstatieren. Nehmen wir den Hunger in der Welt. Der lässt sich keinesfalls ausschließlich als Verteilungsproblem fassen.

Und weiter:

Immerhin gehört Fellmer nicht zu jenen, für welche die da oben an allem schuld sind. Jeder einzelne ist verantwortlich für alles, sagt er gegenüber unserer Zeitschrift. Für quälerische Tiertransporte und Legehennenbatterien, für Klimawandel und Umweltverschmutzung, für den Hunger in der Welt und alle anderen Übel. Uff. Ganz schön viel Verantwortung – sagen wir für eine alleinerziehende Frau, die nicht weiß, wie sie ihre zwei Kinder mit Hartz IV über die Runden bringen soll. Zwar ist es auch für Humanwirtschaftlerlnnen zu billig, einfach mit dem Finger auf „die da oben“ zu zeigen. Aber Fakt ist: Reiche können die Spielregeln diktieren. Und sie tun es.

Und die Ikone der Freiwirtschaft, Helmut Creutz stößt natürlich in dasselbe Horn, wenn er konstatiert:

Die wesentlich größeren Veränderungen resultieren jedoch aus den mit allen unseren Geldausgaben zu zahlenden Zinsanteilen, die in allen Preisen (und damit den Haushaltsausgaben) ohne spezielle Angaben als Kapitalkosten genau so enthalten sind, wie die Personal und Materialkosten, während sich die diesen Kosten gegenüberstehenden Zinseinnahmen immer mehr bei den bereits reichen Minderheiten konzentrieren. Die Folgen dieser verdeckten Umschichtungen schlagen sich in jenen ständig zunehmenden ArmutReichtums-Diskrepanzen nieder, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr durch Leistungssteigerungen und Wirtschaftswachstum ausgeglichen werden können.

Humane Wirtschaft 01/2014

Es ist diese eine »Wahrheit«, auf die sich die Human-Wirtschaftler scheinbar gegenseitig eingeschworen haben. Die »ArmutReichtums-Diskrepanzen« sind das gesellschaftliche Problem überhaupt und es geht darum, die Leserschaft immer wieder mit dieser Wahrheit zu konfrontieren.

Aber eigentlich ist dieses Denken gar nicht so weit weg von der SPD-Propaganda. Denn auch in der Ideologie dieser Partei und nicht unähnlich bei den LINKEN, ist das Problem der Armut bei den Reichen verortet. – Schuld sind die Reichen.

Aus dieser »Erkenntnis« heraus lassen sich dann bestens Feindbilder pflegen oder neu auflegen, wie es Peter Berner in seinem schon anfangs erwähnten hoch interessanten Artikel tut, in dem er von einem Disput in einer Mailingliste erzählt, weil einer einen Artikel aus dem Kopp-Verlag gepostet hatte und andere Leser der Liste dies für unangemessen hielten, weil in diesem Verlag auch »rechtes Zeug« veröffentlicht wird.

Berner vermittelt, dass in dem Verlag eine Vielzahl von Artikeln erscheinen, und eben auch interessante. Und die weniger erfreulichen Artikel müssten hingenommen werden, um an die besseren Beiträge gelangen zu können.

Aber was sind das nun für Beiträge, die »interessant« sind, beziehungsweise über was hatten sich die Kritiker empört. Berner selbst zitiert einen Abschnitt im dem steht:

„Doch den genauen Zeitpunkt kennt keiner von uns. Den bestimmen die heimlichen Herrscher über die westliche Welt – jene Familien, denen alle großen Banken und Investmentfirmen gehören und die dennoch in keiner Forbes-Top-Ten-Liste auftauchen.“

Im Grunde geht es auch hier wieder um die »wahren Schuldigen« an unser aller Elend, so zumindest in der Lesart der »Wahrheitsfinder« bei der Humanen Wirtschaft.

So passiert es, dass durchaus lesenswerte und vom Ansatz inspirierende Artikel teilweise abrupt, so wirkt es manchmal, in die Bahnen der Denkschienen der Freiwirtschaftler gelenkt werden (müssen?).

Der Autor Siegfried Wendt etwa, verfasst einen Text, der die Frage nach dem Sinn von Wirtschaft aufwirft, »Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt?«, 01/2014, findet sich aber dann doch wieder in der »Einkommensspreizung«, die, wen wundert es, auf die Arm-und-Reich Diskussion zurückführt, ohne die es scheinbar gar nicht geht, in dieser Zeitschrift.

Fazit:

Trotz dieser Einschränkungen lohnt es sich immer wieder in diese Zeitschrift zu schauen, auch wenn der Schluss, die Quintessenz der meisten Artikel vorhersehbar ist. – So gab es einen wichtigen Artikel eines Arztes zum Gesundheitssystem, das in Wirklichkeit ein Gesundheitsmarkt ist. – Humane Wirtschaft 05/2013

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Teil 2

Zu Peter Berners Artikel »Der spaltende Geist und das Geldsystem.« möchte ich noch einmal gesondert eingehen, da sich Berner doch sehr ehrlich mit den unterschiedlichen Denkrichtungen beschäftigt, und die Frage stellt, wie wir überhaupt »gemeinsam« irgendeinen Weg gehen können, wenn wir so unterschiedlich in unserem Denken sind.

Er sagt, dass wir Menschen ein »Teilwissen« von der Wirklichkeit haben und nur in dem wir diese Teile verbinden, ermöglichen wir es uns allen, das Ganze zu begreifen und zu erkennen.

Allerdings macht er dabei das Individuum kleiner als es eigentlich sein müsste.

In einem solchen Fall kann jede(r) der Beteiligten in der Regel nur einen Teil der Wirklichkeit, die gerade zu untersuchen oder zu gestalten ist, erkennen und verstehen – was ebenfalls so lange unproblematisch ist, wie ich als Betroffene(r) mir dessen bewusst bin, wo die Grenzen meines Wissens liegen. …………………

Daraus entsteht ein Habitus, den ich als „Hochmut der Halbwahrheit“ bezeichnen möchte. Dieser kann auf unterschiedliche Weise gelebt werden, sei es ganz offen als missionarische Haltung, welche die anderen überzeugen und „bekehren“ will ………….

Unterhalb der »ganzen Wahrheit« scheint es nichts Akzeptables zu geben. Aber ist das so? Auch die Summe der individuellen Wahrheiten ergibt die menschheitsgeschichtliche »ganze Wahrheit«. Es geht daher nicht um »Grenzen des Wissens« die uns Einzelne auszeichnen, sondern um die »Fülle der Erfahrungen, Erkenntnisse und Eindrücke« die die Einzelmenschen im Laufe ihres Daseins erwerben. Die macht die individuelle Welt so bedeutsam. – Berner betont die Beschränktheit der individuellen Wahrheiten. Aber genau das Gegenteil ist richtig. Es gilt, die individuelle Wahrheit vollumfänglich anzuerkennen. Nicht das Kleinmachen des Einzelnen sollten wir einüben, sondern erkennen, wie wichtig die Beiträge aller Einzelmenschen sind.

Da sich bei Berner aber alles darum dreht, die »Wahrheit« zu finden, kommen wir wieder unweigerlich auf den »falsch-und-richtig« Weg. Die persönliche Wirklichkeit ist für ihn nur eine »Halbwahrheit«.

Andererseits sagt er auch:

Wer eine profilierte Position bezieht, die mir befremdlich erscheint, löst nicht mehr – wie bisher üblich – den Reflex aus, ihn in die richtige Schublade einzuordnen und mir damit gegebenenfalls vom Leib zu halten, sondern wird innerlich willkommen geheißen als eine Person, die – über die Stimme ihres Gewissens, welche jede(n) Einzelne(n) an das universelle Bewusstsein zurückbindet – die Wahrheitsfindung der Gemeinschaft vervollständigt.

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. – Und wo ist der Haken? Wer bestimmt darüber, was die »ganze Wahrheit« ist, und was »nur« Wirklichkeit, wenn doch alle Einzelnen nur einen Teil des Ganzen überschauen können.

Die thematische Auseinandersetzung, die Berner hier führt, ist sehr wichtig und zu befürworten. Er ordnet aber das Individuum wieder der »ganzen Wahrheit« unter, der es angeblich nicht gewachsen ist. Wenn aber kein Individuum die ganze Wahrheit überschauen kann, wie entstehen dann solche Leitlinien, wie sie zum Beispiel in der Zeitschrift »Humane Wirtschaft« in jeder neuen Ausgabe wiederzufinden sind? – In Wirklichkeit sind es wieder Einzelpersonen und Machtsituationen, die zu solchen Entwicklungen beitragen.

Statt also allen eine »ganze Wahrheit« nahelegen zu wollen, könnten wir die individuellen Wahrheiten und Urteile akzeptieren, und schauen, wie wir über das gemeinsame Gespräch die Wirklichkeit so gestalten, dass möglichst viel von dem sich realisiert, was wir uns vorstellen. – Und natürlich wäre es naiv zu denken, dass wir alles tolerieren, was gedacht und gewollt wird. – Gedacht und gewollt wird ja auch das Böse in der Welt.

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