Richtig oder falsch – am Beispiel der gemeinsamen Gespräche

»Richtig oder falsch« ist ein Dogma, dass wir in den Gesellschaften nicht dulden sollten. – Ein Teil der Bevölkerung versucht damit, die eigene Dominanz und Vorherrschaft in den Gemeinschaften zu legitimieren. – Zu Unrecht.

Wer Rudolf Steiner liest, kann diesen nicht als »Lehrer« sehen, denn, wie soll er den Schüler korrigieren, wenn er gar nicht mehr da ist. Wer die Werke liest, liest sie »in Freiheit«. – Es ist aber nicht untypisch für uns Deutsche, dass wir gleich versuchen, die Dinge klar zu rücken und »richtige oder falsche« Interpretationen zu benennen, und so eine Unterscheidung zu treffen. – Aber woher nehmen wir die Berechtigung dafür?

In Streitgesprächen versucht der Sieger immer seine Position mit »unwiderlegbaren« Argumenten zu unterfüttern, um sie dadurch »unangreifbar« zu machen. Unwiderlegbar ist aus Sicht vieler »die Wissenschaft«. Es sei denn, eine Position sei durch eine andere glaubwürdig in Frage gestellt.

So entsteht, ohne das wir es wollen oder geplant haben, in »harmlosen« Gesprächen automatisch eine »Beweislast« für alle Teilnehmer. Wer seine eigene Position nicht glaubwürdig machen kann, gerät schnell ins Hintertreffen und muss sich gefallen lassen, dass Äußerungen anderer Teilnehmer als »gewichtiger« in Raume erscheinen. – Diese »unsichtbaren« Regulative sind es, die die Gemeinschaften gestalten und führen.

Die »gewichtigeren« Argumente nehmen zusehens mehr Zeit und Raum in Anspruch, obwohl doch eigentlich alle Teilnehmer gleich viel Zeit und Raum beanspruchen sollten. – So entstehen, obwohl der Lehrer doch tot ist, wieder neue Lehrer, die belehren, ohne das sie ausdrücklich für diese Rolle benannt wurden, einfach durch die Abläufe in den Gesprächen.

Was da in den Urzellen der Gemeinschaften passiert, wird dann als »Blaupause« genommen, für die bedeutsameren Versammlungen und Entscheidungsgremien.

Ist es denn nicht richtig, alles genau zu klären und immer den richtigen Weg zu gehen?

Wer soll das bestimmen? – Handelt es sich um eine allgemeine Betrachtung der Welt, des Lebens und des eigenen Umfelds, dann sind alle Einschätzungen subjektiv und als solche »gültig« und zu akzeptieren. Und dennoch erleben wir jeden Tag von neuem den Versuch, von manchen Leuten, alles, was ihnen nicht in den Kram passt, als »problematisch und bedenklich« einzustufen, um andere gesellschaftliche Strömungen unter Druck zu setzen und in ihrer Entwicklung zu hemmen.

Hätten wir wirklich »freie« Gesprächskreise, würden wir einander zuhören und vielleicht haben wir Verständnisfragen oder wir übergehen die Äußerungen anderer, wenn sie uns nicht ansprechen. – Das sind freie Gespräche, in denen sich jeder entwickeln kann.

In den »Richtig oder falsch« Gruppen hingegen, geht es mehr um Positionen, Rollen, Hierarchien, Macht und Unterwerfung. – Wer unter diesem Aspekt einmal aufmerksam in Gruppengespräche hineinhört, kann dies einwandfrei feststellen. – Regelrecht »verseucht« sind in dieser Hinsicht die politischen Gesprächskreise. – Zu jeder Sekunde wird da mit harten Bandagen um die Vormachtstellung und die Eingrenzung »nicht erwünschter« Meinungen gekämpft.

Wenn wir Direkte Demokratie wollen, dann sind die »Falsch-oder-richtig« Politiker ein Problem, weil sie es nicht hinnehmen wollen, dass wir alle gleichwertig, gleichrangig mit unseren Meinungen und Sichtweisen nebeneinander in den Gemeinschaften und Gesprächen dastehen. – Die Parlamentarische Demokratie baut ja gerade darauf auf, dass wir »nicht fähig und in der Lage« sind, Problemstellungen und Aufgaben angemessen zu beurteilen, so die Meinung deren Verfechter. – Deshalb sollen wir unsere Stimme, die wir auch zum Entscheiden von Sachverhalten haben, abgeben, oder besser »aufgeben«, zugunsten von sogenannten »Fachleuten und Sachverständigen«, die dann unsere Stimme »richtig, statt falsch« für die Lösung der Probleme einsetzen.

Genau diesen Leuten müssen wir aber sagen, dass wir ihre Sichtweise nicht mehr akzeptieren und eine »Gleichheit der Meinungen, Urteile und Entscheidungen« in Betracht ziehen, sodass dann wieder jeder Bürger, Individuum, jeder Souverän im Staate, eine Stimme für die Bürgerentscheide und Volksabstimmungen hat.

Aber noch einmal: wäre es nicht doch von Nutzen für alle in den Gemeinschaften, wenn der Sachverstand und das umfängliche Wissen von einzelnen Personen zur Geltung kommt?

Es geht darum, dass kein Zwang besteht, so zu verfahren. – In freier Entscheidung mag sich ja so eine Entwicklung ergeben. – Aber gerade in der heutigen Zeit, in der wir doch alle erleben, wie unfähig diese angeblich »Wissenden« eigentlich sind, oder, dass jene entscheiden dürfen, die offensichtlich »nicht wissen«, sollten wir wieder dahin gelangen, mehr instinktiv und intuitiv zu entscheiden und zu urteilen.

Die letzten 20 Jahre in Europa, in Deutschland zeigen uns, wie auf der Entscheidungsebene nur alles schlimmer wird, statt besser. – Deshalb sind jetzt »Bürgergesellschaften« sinnvoll und den Parteienstaat geben wir auf.

Die Bürgerinnen und Bürger werden ihren guten Willen und ihre Bereitschaft einbringen, dem Menschenwesen gemäß unser Zusammenleben zu gestalten.

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