Warum das Individualrecht menschengemäß ist

Natürlich muss die Menschheitsentwicklung dabei berücksichtigt werden. Sicher hat die Gruppe für den Menschen immer eine Bedeutung gehabt. In der Gruppe sich verteidigen, in der Gruppe eine Arbeit bewältigen, als Gruppe sich für Ziele einsetzen. Und als Gruppe im Wettkampf mit anderen Gruppen obsiegen. – Dieser Gedanke wird noch heute gepflegt, zum Beispiel im Gruppen-Wettkampfsport.

Gleichzeitig hat es in der Menschheitsgeschichte aber immer auch die Tendenz gegeben, dass das Individuum gegen die Gruppe opponierte, sich Gruppenregeln widersetzen wollte, um sich als individuelles Wesen empfinden und behaupten zu können.

Beides ist miteinander verbunden, Gruppenentwicklungen und die Entwicklung des Einzelwesens.

In den neuen »Sozialimpulsen« [1] sind lesenswerte Beiträge zu finden, wie derjenige von Albert Schmelzer »Rudolf Steiners Memoranden von 1917 als Friedens- und Integrationsprogramm«.

Bei der Frage, wie wir Menschen in Frieden miteinander leben können und Kriege vermeiden können, ist für Rudolf Steiner der Einzelmensch, das Individuum das Entscheidende. Deshalb will er die Menschenrechte als Maßstab für unser Zusammenleben nehmen. Schmelzer sieht in diesen Annahmen von Rudolf Steiner einen richtigen Ansatz auch für die heutigen Aufgaben, um ein Zusammenleben von uns Menschen gelingen zu lassen.

Aber wann der Mensch sich mehr an Gruppen- oder Individualrechten orientieren will, ist seine Sache. Deshalb sind die Entwicklungen beider Rechtsgebiete nicht immer einfach vorherzusehen. – So können Menschen aus einem Zustand großer individueller Freiheit »ausbrechen« und die Geborgenheit und Sinnerfüllung suchen, in rigiden Gruppenstrukturen, weil sie in ihrem Singleleben nicht weiterkommen und ratlos sind. Umgekehrt wenden sich Einzelmenschen von ihren Herkunftsgruppen ab, weil sie sich als Individuum eingeengt fühlen und sich nicht entfalten können und suchen die anonyme Großstadt, um ein »neues Leben« zu beginnen.

Der große Rahmen, der unser Zusammenleben regeln soll, ist die Verfassung. Sie ist gültig sowohl für Gruppen, als auch für Individuen. Die Verfassung orientiert sich an den Menschenrechten. Und im Zweifelsfall/Streitfall gilt: Individualrecht hat Vorrang vor Gruppenrecht.

Schmelzer erwähnt drei Orientierungsmuster für Gesellschaften: das Nationale, den Multikulturalismus, den Verfassungspatriotismus.

Weder der Nationalismus, noch der Multikulturalismus funktionieren, weil sie den Einzelmenschen nicht schützen. Einzig der Verfassungspatriotismus würde dem einzelnen Menschen Schutz gewähren, wenn die Verfassung sich bezieht, auf die Menschenrechte.

Interessant ist auch eine andere Sicht auf diese drei Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens: Der Nationalismus stellt eine Großgruppe dar, der Multikulturalismus hat das Land und die Nation als Rahmen, und darinnen vielerlei Ethnien und Volksgruppen. Aber der Verfassungspatriotismus [2] käme gänzlich ohne trennende Landbeschreibung aus, und könnte auch als Weltverfassung gedacht sein, weil nicht mehr die Differenz zu irgendetwas anderem (Menschlichen) ein Problem darstellt und zur Aufgabe wird, sondern alles verschiedene Menschliche gleichermaßen wichtig und anerkannt ist. – Der Mensch steht im Mittelpunkt der Verfassung, Konkurrenz zu irgendjemandem anderen gibt es nicht, weil ja die Individualität selbst geschützt und geachtet ist, eines jeden Menschen.

Wenn das aber Friedensgrundlage ist: Menschenrechte, Individualrechte, der Einzelmensch, geschützt über eine Verfassung, die die Menschenrechte zur Grundlage hat, dann gibt es eine fast nahtlose Verbindung zum bGE.

Erinnern wir uns an die Kriterien für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (bGE): ein existenzsicherndes, garantiertes, beständiges Einkommen, als Individualrecht und Menschenrecht ausgestaltet und gesetzlich verankert, das an keinerlei Bedingungen geknüpft ist.

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein Friedensbeitrag für die Welt.

Umgekehrt erscheinen nun manche Aussagen von Grundeinkommens-Gegnern in einem bezeichnenden Licht. Etwa wenn die Gegner des bGE betonen, dass »die Gruppe« der Reichen kein Grundeinkommen bräuchte. Und die Gruppe der »Millionäre« der Gruppe der »Armen« gegenübergestellt wird. Und die Gruppe der »Arbeitslosen« muss integriert, fortgebildet, angereizt oder auch mal diszipliniert und sanktioniert werden.

Wie durch eine Lupe wird deutlich, wie es viele Menschen noch im Gruppendenken festhält und sie dem Einzelmenschen keine Autonomie zugestehen wollen und jeden in ein Töpfchen packen möchten. – Und natürlich bedarf es dann auch eines Kontrollapparates, der beständig feststellen muss, wer in welche Schublade gehört.


So scheint es einen Entwicklungsstrang zu geben, der die Menschheit weiterführt, immer stärker in die Individualität. – Und es bleibt dem Einzelmenschen frei überlassen, wie viel er sich in der Gruppe orientieren will oder nicht.

[1]
Sozialimpulse Nr.4, Dezember 2017; Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus; Initiative Netzwerk Dreigliederung

[2]
Den Begriff halte ich für ungeeignet. Besser finde ich »die Verfassungsbezogenheit«.

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