Wie kommunizieren wir

Welche Rolle spielt »Dominanz«?

Interessante Anmerkungen konnte man hören, von dem YouTuber »TechLead« in seinem Beitrag »You need to shut up and listen to me« (Englisch).

Er beschäftigt sich zwar in erster Linie mit Situationen, die in Firmen vorzufinden sind, also »Teamsitzungen«, Mitarbeitergespräche. Aber seine Aussagen sind problemlos auf alle Arten von Gesprächssituationen übertragbar und somit auch auf die gesellschaftliche Kommunikationskultur allgemein.

Wer sich jetzt dieses Video anschaut, sollte sich nicht davon abschrecken lassen, wie »TechLead« das Video beginnt, nämlich etwas ruppig und »frech« wirkend. – Aber er will nur darauf aufmerksam machen, auf welches Thema er sich in seinem Beitrag bezieht.

Es geht um die Art und Weise, wie wir Menschen Gespräche führen. Und er bezieht sich auf seine Erfahrungen, die er in Software-Unternehmen gesammelt hat, in denen er arbeitete.

Er sagt, dass er immer wieder erlebt, dass bei Teamsitzungen einige Leute das ganze Treffen dominieren. – Drei, vier Leute nehmen den Großteil der Sitzungszeit für sich in Anspruch und füllen den Zeitrahmen mit ihren Beiträgen, während die Mehrheit der Teilnehmer kaum oder gar nicht zu Wort kommt.

Diesen Umstand, dass es solche Leute gibt und das dieses Verhalten möglich ist, kritisiert er vehement. – Er führt an, dass diejenigen, die nicht zu Wort kommen, nicht zu »scheu« sind, wie man ihnen vielleicht unterstellen könnte. Sie sind womöglich höflich, und lassen die dominanten Personen, die den meisten Raum einnehmen, wirken. Aber wenn sie zu Wort kommen, könnten sie genauso sich zu den Themen äußern, die in der Teamsitzung besprochen werden, wie alle anderen auch.

Weiterhin kritisiert TechLead, wie mit Fragestellungen umgegangen wird. Viele Fragen werden einfach »beantwortet«, »abgehakt« und schnell für erledigt erklärt. – Irgendeine banale Antwort gibt es immer auf eine Fragestellung, und damit verschwinden viele Fragestellungen aus dem Blickwinkel der gemeinsamen Arbeit. Aber das sei nicht richtig. – Statt auf Fragestellungen eine schnelle Antwort zu haben, sollten Fragestellungen stehenbleiben, ausgehalten werden, um ihnen ein langfristiges Daseinsrecht einzuräumen, um den perspektivischen Aspekt einer Fragestellung wirksam zu lassen.

Er macht den Vorschlag, um auch diejenigen, die in einem Gespräch kaum zu Wort kamen, ins Spiel zu bringen, dass der Team- oder Gesprächsleiter, oder auch Teilnehmende selbst, vor dem Wechsel zu einem neuen Thema, noch einmal in die Runde fragen, »Ist das Thema abschließend besprochen. Oder möchte noch jemand einen Punkt ansprechen, der noch nicht erwähnt wurde?« – Dies gäbe den ruhigeren Personen in der Gesprächsrunde noch einmal die Gelegenheit, sich mit ihren Überlegungen in das Gespräch einzubringen.

Insgesamt hat mir der Beitrag von TechLead gut gefallen. – Insbesondere die »dominierenden« Personen in Gesprächsgruppen und Zusammenkünften sind wirklich ein Problem. Ja, man kann sagen, sie sind in allen Lebenszusammenhängen zu finden, diese Spezies »Mensch«.

Was steckt dahinter?

Solange wir die Lebenswelt der Menschen als einen »Kampfplatz« wahrnehmen, als eine Auseinandersetzung, bei der derjenige überlebt, der der Stärkere ist, dann steckt hinter dem »dominanten« Menschen ein Wesen, dass sich »gegen andere« behaupten will, um sich selbst durchzusetzen, um das eigene Leben und das der Angehörigen durchzusetzen, gegenüber dem Leben der anderen. – Es ist eine »achaische« Perspektive.

Dieser Mensch sagt, »Ich zuerst«. – Um diesem Anliegen Nachdruck zu verleihen, muss er aber in allen möglichen Lebenssituationen diesen Anspruch »deutlich machen«. Er muss ständig allen anderen Lebewesen sagten: »Nicht ihr, sondern ich habe zuerst das Lebensrecht.«

Das ist natürlich auch ein sehr anstrengendes Leben. – Wir sehen es an den Tieren, deren Beziehungsleben hierarchisch geordnet ist. Wer ist der Anführer? Ständig müssen sich die physisch stärksten Tiere gegeneinander messen, um das Vorrecht, sich fortpflanzen zu dürfen oder das Rudel, die Herde anführen zu können.

Ähnlich verhalten sich auch heute noch viele »Männer«. – Auch sie meinen, »ich zuerst«, und sie müssen das ständig in Zusammenkünften und Begegnungen anderen Teilnehmern unter die Nase reiben. Und dieses Verhalten kann natürlich am Arbeitsplatz eine Rolle spielen. So gibt es Mitarbeiter, die ihr Privatleben »fast nahtlos« auf ihren Arbeitsplatz übertragen, das heißt, in einem an sich neutralen Bereich, ihre Geschmäcker, Witze, Vorlieben ausbreiten wollen, völlig rücksichtslos, die Interessen der übrigen Mitarbeiter ignorierend. Besonders ätzend ist das in Büros, die keine Möglichkeit bieten, sich solchen aufdringlichen Zeitgenossen zu entziehen.

Der »dominante« Kollege ist ständig dabei, anderen die Wichtigkeit seiner eigenen Lebenswelt nahezulegen, damit diese »Verständnis« für sein dominantes und raumgreifendes Verhalten haben. Ständig muss er sein Privatleben mitteilen, was die Kinder erleben, was sie brauchen, was das kostet, wer Geburtstag hat, was die Angehörigen erleben und warum »gerade er« ein angemessen hohes Einkommen braucht. – Das trichtert er seinen Kollegen ein, damit die begreifen, dass an seiner Dominanz nicht zu rütteln ist, muss er doch den Erhalt seiner Gruppe, seines Clans, seines Rudels gewährleisten und kann leider dabei keinerlei Rücksicht darauf nehmen, dass andere Menschen ebenfalls ihren Raum und ihre Rechte brauchen.

So kommt die »Dominanz« mancher Zeitgenossen nicht zufällig daher. – Sie hat, wie in der Tierwelt, die Aufgabe, den anderen Lebewesen zu signalisieren, dass da jemand ein »Existenzvorrecht« für sich reklamiert und die Person verlangt, ausgesprochen oder unausgesprochen, dass sich die anderen Lebewesen diesem Verlangen unterordnen.

Nun könnte man sagen, das Vorrecht der Männer ist ja heute nicht mehr so der Punkt. – Die klassische Familie, um die sich der Mann kümmern muss, hat nicht mehr die Bedeutung, wie noch vor einigen Jahrzehnten.

Dass das Dominanzgebaren aber weiterhin eine Rolle spielt, hat ja TechLead in seinem Videobeitrag nachdrücklich in Erinnnerung gebracht. – Um was geht es dann, heute, wenn Leute sich so verhalten?

Es geht um Einkommen, das immer noch ungerecht verteilt ist. – Es gibt immer noch Leute, Männer, die meinen, wenn sie sich in einer Firma, in einer Organisation wie die »Made im Speck« platzieren, können sie ordentlich »absahnen«, viel Geld für sich einstreichen oder ideale, bequeme Pöstchen sich besorgen, um ein fast sorgenfreies Leben zu leben.

Es gibt also auch heute noch, immer wieder Anlässe, um sich »dominant« zu verhalten, um das eigene Vorrecht herauszustreichen, irgend etwas zu erhalten, irgend einen Vorteil für sich zu reklamieren.

Dann kommt noch die psychologische Ebene hinzu.

An der Stelle ist ein Kritikpunkt an TechLeads Beitrag anzumerken. Und zu seinen Gunsten ist zu sagen, er spricht aus Sicht eines Unternehmens, was für ein Unternehmen von Vorteil ist. – Er sagt in seinem Video, ein Teamleiter oder die Gesprächsführung könnte den Ruhigeren in der Gesprächsrunde Raum verschaffen, damit diese zu Wort kommen. Zum Beispiel, indem diese Personen gezielt angesprochen werden, um sie nach ihrer Meinung zu fragen. – Das sieht aus, wie eine »Hebammensituation«. Man muss helfen., damit etwas ins Leben kommt.

Diese Idee ist vielleicht aus Unternehmenssicht richtig, weil das Unternehmen davon profitiert, auch die Meinungen und Ansichten, Überlegungen der ruhigen Mitarbeiter zu erfahren, damit Produkte und Dienstleistungen effizient und umfänglich von dieser Firma angeboten werden.

Aber diese Situation kann man nicht übertragen, etwa auf »bürgerschaftliches Engagement«.

Menschen, die häufiger in Gruppensituationen sind, kennen das vielleicht. – Es gab eine Gesprächsrunde und hinterher sagen welche, ich kam gar nicht zu Wort, der oder die haben ständig geredet und ließen niemanden anderes zu Wort kommen. Wenn das jetzt der Gesprächsleiter erfährt, meint er womöglich, ich steuere das Gespräch das nächste Mal stärker. Ich bremse die »Vielredner«, indem ich sie unterbreche. Ich spreche gezielt diejenigen in der Runde an, die kaum zu Wort kommen.

Das ist ja auch der Vorschlag von TechLead. – Dazu passt folgende Anekdote:

Eine Person erlebt über viele Jahre einen Gesprächskreis. Es ist nicht einfach, zu Wort zu kommen. Viele andere in der Runde, bringen ständig ihre Überlegungen ein. Es ist kaum eine Gelegenheit zu finden, selbst etwas zu sagen. – Andererseits haben die Gesprächsrunden ein Thema, einen Grund, warum sie überhaupt stattfinden. Über die Zeit kann sich die Person ein Wissen, eine Kompetenz zum Thema erarbeiten. Eben nicht nur in den Gesprächsrunden, sondern darüber hinaus zu recherchieren, Texte zu studieren, Erkenntnisse zu gewinnen. – Diese zunehmende Kompetenz drückt sich in den Gesprächsrunden so aus, dass die Person schnell erkennt, wenn von anderen Teilnehmern die Sachverhalte unzureichend dargestellt werden. Es ist also angebracht, Aussagen zu korrigieren und auf die tatsächlichen Verhältnisse hinzuweisen.

Der Drang der vormals »ruhigen« Person wird größer, in einen Gesprächsverlauf einzugreifen, gemäß seines Erkenntnisstandes! Das Unbehagen nimmt zu, nicht korrekte Aussagen und unzureichende Perspektiven stehen zu lassen und der Wunsch greift Raum, das Dargestellte mit den eigenen Erkenntnissen zu ergänzen. – Die vormals ruhige Person in Gruppenzusammenhängen, wird lebendiger, je umfangreicher die eigene sachliche Kompetenz wird.

Was ist jetzt der Unterschied zur Firma?

Das hat mit dem Thema »Bedingungsloses Grundeinkommen« zu tun. – In der Firma hocken viele, weil sie ihre »Existenzsicherung« brauchen und nicht, weil sie »innerlich« motiviert sind, dem Firmeneigentümer zu helfen, bei dessen Aktivitäten. – Auch wer eine sachliche Kompetenz besitzt, und deshalb in einem Unternehmen angestellt wurde, kann denken, wann ist endlich der Arbeitstag zu Ende, ich haben privat noch so viel zu erledigen, was viel wichtiger ist, oder mindestens genauso wichtig ist, wie die Firmenaufgaben.

Das heißt, viele »kompetente« Leute haben gar kein Interesse, sich in der Firma einzubringen. Sie hocken dort nur deshalb, weil sie eine Existenzsicherung brauchen. Und in der heutigen Arbeitsgesellschaft hat man halt über diese Weise, seine Arbeitskraft zu verkaufen, seine Existenzsicherung. – Aber das hat eben nichts mit der eigenen persönlichen Orientierung zu tun.

Ganz anders ist es hingegen, wenn die Teilnahme an Versammlungen »intrinsisch« motiviert ist.

Wenn ich aus persönlichen Gründen an den Begegnungen mit anderen Menschen interessiert bin, habe ich eine ganz andere Grundlage, um »Motivation« zu entwickeln. Es geht um »meine« Anliegen. – Während die Firmenanliegen nicht zwangsläufig meine Anliegen sind. – Das wird sich allerdings noch ändern, wenn wir ein Bedingungsloses Grundeinkommen haben. Dann können die Menschen persönliche Anliegen und Arbeitszusammenhänge verbinden. Und dann hat die Motivation im Arbeitskontext, nochmal einen anderen Wert.

Natürlich gibt es in privaten Gesprächszusammenhängen auch Menschen, die diesen Erkenntnisfortschritt nicht oder nur unzureichend für sich erarbeiten, aber trotzdem empfinden, dass andere Menschen sich zu viel Raum nehmen, in Gruppengesprächen. – Der Punkt ist aber, dass alle beteiligten Personen es wollen müssen, »sich selbst« einzubringen. Es geht nicht, dass wir jemanden zur Selbstverwirklichung »hintragen«.

Was damit gemeint ist, wird am deutlichsten in NGO’s, Projekten, Aktionen und Kampagnen. – Niemand kann dort mitwirken, ohne aus sich heraus die entsprechende Lebendigkeit mitzubringen. – Die Motivation kann graduell unterschiedlich sein. Wer in einem Projekt mitwirken will, weiß nicht, welche andere Personen dort aktiv sind. Versteht man sich überhaupt, welche Ziele werden mit welchen Methoden angestrebt. Es gibt also noch viele Fragen und das Interesse kann am Anfang noch verhalten sein. – Wenn man sich aber in einem Projekt wohlfühlt, die anderen Personen als »nett« empfindet, dann kann eine Zusammenarbeit zunehmend interessanter werden und die Motivation in dem Projekt mitzuwirken, entwickelt sich in dem Maße, indem das eigene Potenzial mit den Gruppenanliegen gut kombinierbar ist.

Ein weiterer Punkt, der ebenfalls nicht von TechLead genauer beleuchtet wurde, ist »die eigene Arbeit« betreffend. – Wenn TechLead von Firmen-Workshops und Teamsitzungen spricht, dann ist die Firma doch für viele Mitarbeiter »jemand anderes«. – Dieser »Jemand« kann der Firmeneigentümer sein, oder noch abstrakter, die Aktienbesitzer oder Anteilseigner, denen über diesen Besitz das Unternehmen gehört. – Wieso soll ich als Mitarbeiter ein Interesse haben, diesen Leuten einen finanziellen Vorteil zu verschaffen? Das ist doch unrealistisch.

Auch die Aussage, dass man doch als Mitarbeiter über den Lohn oder Bonuszahlungen profitiert, ist in der heutigen Zeit nicht mehr interessant. Menschen verlieren »schlagartig« ihren Arbeitsplatz, nichts ist mehr sicher. – Warum soll jemand, in solchen Zeiten, die wenig vertrauenswürdig sind, sich »geistig« verausgaben, um anderen einen Vorteil zu verschaffen?

Somit ist die beste Motivation ein »Eigeninteresse«. – Das demonstrieren ja die »dominanten« Personen in unserer Gesellschaft.

Aber ist dieses Verhalten nicht »asozial«?

Eine Firma, ein Unternehmen verhält sich nicht »sozial«. – Zumindest nach den Aussagen der Wirtschaftsökonomen, würde der gemeine Unternehmer »aus Eigeninteresse« sein Unternehmen gründen und führen. – Er will »Profit« machen und reich werden.

Anders wäre es in der »Planwirtschaft«. – Diese wird von »sich sorgenden und kümmernden Menschen« ins Leben gerufen, weil die physische Versorgung aller Bürger innerhalb einer Gemeinschaft mit existenzsichernden Gütern gewährleistet werden muss. – Wären denn die Kolchoseleiter und Kombinatsoberen weniger interessiert, ihre Arbeit gut zu machen, als die profit-orientierten Unternehmer? – Das wäre zu untersuchen.

Womöglich liegt es daran, dass die »dominanten« Personen die Menschen versorgen und sich um sie kümmern, die ihnen »nahe« stehen. – Also Familienangehörige, Clanmitglieder.

Während »die Gesellschaft«, die Menschen in einem Staat, eher eine abstrakte Größe darstellen. – Sich um die Menschen in einem Staat zu kümmern, verlangt eine andere innere Haltung, als sich um Menschen zu kümmern, die zur eigenen Familie gerechnet werden.

Derjenige, der sich um »alle Menschen« kümmern will, weltweit, in einer Gesellschaft, müsste genauso motiviert sein, wie der »dominante« Teilnehmer im Gesprächskreis, der sich ausschließlich um seine privaten Angelegenheiten sorgt.

Wir leben heute in einer Übergangsphase. Manche leben immer noch in »klassischen« Familienzusammenhängen, aber viele andere haben sich davon gelöst und verfolgen darüber hinausgehende Interessen. – Es wird in Zukunft mehr Menschen geben, die sich »um alle« Menschen kümmern wollen und die mit Nachdruck dieses Anliegen verfolgen und im Auge behalten. – Hinzukommt, dass dieses Anliegen, sich um alle Menschen kümmern zu wollen, heute viel eher zu realisieren ist, mittels der Computertechnik und dem Internet, als es noch vor Jahrzehnten möglich war.

Wie ist der »dominante« Teilnehmer in Gesprächskreisen, privat, in NGO’s oder in Firmenzusammenhängen nun einzuschätzen. – Ist er ein Problem?

Wir sollten erst einmal auf uns selbst schauen. Wie verhalte ich mich selbst. Wie würde ich mich selbst einordnen? – Ist meine Teilnahme am Leben verhalten und zurückhaltend, dann wird es Gründe geben. Habe ich den Wunsch daran etwas zu verändern? – Dann werde ich Wege suchen, dies zu erreichen.

Wenn die eigene Kompetenz stark ist und der eigene Erkenntnisstand hoch, dann schiebt das von sich aus, das eigene Aktivsein an! – Und es konkurriert automatisch mit dem Verhalten von omnipräsenten Gesprächsteilnehmern.

Und wenn bei den überpräsenten Gesprächsteilnehmern der inhaltliche Vorteil für die anderen Mitwirkenden oder für die Firma »gegen Null« geht, würden rein kommunikations-technisch, Vorkehrungen getroffen, um solches Verhalten einzudämmen.

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