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Über Thomas Oberhäuser

Grundeinkommen, Hartz4, Vollgeld, Rundfunkbeitrag sind meine Themen. - Und noch vieles mehr.

Wie kommunizieren wir

Welche Rolle spielt »Dominanz«?

Interessante Anmerkungen konnte man hören, von dem YouTuber »TechLead« in seinem Beitrag »You need to shut up and listen to me« (Englisch).

Er beschäftigt sich zwar in erster Linie mit Situationen, die in Firmen vorzufinden sind, also »Teamsitzungen«, Mitarbeitergespräche. Aber seine Aussagen sind problemlos auf alle Arten von Gesprächssituationen übertragbar und somit auch auf die gesellschaftliche Kommunikationskultur allgemein.

Wer sich jetzt dieses Video anschaut, sollte sich nicht davon abschrecken lassen, wie »TechLead« das Video beginnt, nämlich etwas ruppig und »frech« wirkend. – Aber er will nur darauf aufmerksam machen, auf welches Thema er sich in seinem Beitrag bezieht.

Es geht um die Art und Weise, wie wir Menschen Gespräche führen. Und er bezieht sich auf seine Erfahrungen, die er in Software-Unternehmen gesammelt hat, in denen er arbeitete.

Er sagt, dass er immer wieder erlebt, dass bei Teamsitzungen einige Leute das ganze Treffen dominieren. – Drei, vier Leute nehmen den Großteil der Sitzungszeit für sich in Anspruch und füllen den Zeitrahmen mit ihren Beiträgen, während die Mehrheit der Teilnehmer kaum oder gar nicht zu Wort kommt.

Diesen Umstand, dass es solche Leute gibt und das dieses Verhalten möglich ist, kritisiert er vehement. – Er führt an, dass diejenigen, die nicht zu Wort kommen, nicht zu »scheu« sind, wie man ihnen vielleicht unterstellen könnte. Sie sind womöglich höflich, und lassen die dominanten Personen, die den meisten Raum einnehmen, wirken. Aber wenn sie zu Wort kommen, könnten sie genauso sich zu den Themen äußern, die in der Teamsitzung besprochen werden, wie alle anderen auch.

Weiterhin kritisiert TechLead, wie mit Fragestellungen umgegangen wird. Viele Fragen werden einfach »beantwortet«, »abgehakt« und schnell für erledigt erklärt. – Irgendeine banale Antwort gibt es immer auf eine Fragestellung, und damit verschwinden viele Fragestellungen aus dem Blickwinkel der gemeinsamen Arbeit. Aber das sei nicht richtig. – Statt auf Fragestellungen eine schnelle Antwort zu haben, sollten Fragestellungen stehenbleiben, ausgehalten werden, um ihnen ein langfristiges Daseinsrecht einzuräumen, um den perspektivischen Aspekt einer Fragestellung wirksam zu lassen.

Er macht den Vorschlag, um auch diejenigen, die in einem Gespräch kaum zu Wort kamen, ins Spiel zu bringen, dass der Team- oder Gesprächsleiter, oder auch Teilnehmende selbst, vor dem Wechsel zu einem neuen Thema, noch einmal in die Runde fragen, »Ist das Thema abschließend besprochen. Oder möchte noch jemand einen Punkt ansprechen, der noch nicht erwähnt wurde?« – Dies gäbe den ruhigeren Personen in der Gesprächsrunde noch einmal die Gelegenheit, sich mit ihren Überlegungen in das Gespräch einzubringen.

Insgesamt hat mir der Beitrag von TechLead gut gefallen. – Insbesondere die »dominierenden« Personen in Gesprächsgruppen und Zusammenkünften sind wirklich ein Problem. Ja, man kann sagen, sie sind in allen Lebenszusammenhängen zu finden, diese Spezies »Mensch«.

Was steckt dahinter?

Solange wir die Lebenswelt der Menschen als einen »Kampfplatz« wahrnehmen, als eine Auseinandersetzung, bei der derjenige überlebt, der der Stärkere ist, dann steckt hinter dem »dominanten« Menschen ein Wesen, dass sich »gegen andere« behaupten will, um sich selbst durchzusetzen, um das eigene Leben und das der Angehörigen durchzusetzen, gegenüber dem Leben der anderen. – Es ist eine »achaische« Perspektive.

Dieser Mensch sagt, »Ich zuerst«. – Um diesem Anliegen Nachdruck zu verleihen, muss er aber in allen möglichen Lebenssituationen diesen Anspruch »deutlich machen«. Er muss ständig allen anderen Lebewesen sagten: »Nicht ihr, sondern ich habe zuerst das Lebensrecht.«

Das ist natürlich auch ein sehr anstrengendes Leben. – Wir sehen es an den Tieren, deren Beziehungsleben hierarchisch geordnet ist. Wer ist der Anführer? Ständig müssen sich die physisch stärksten Tiere gegeneinander messen, um das Vorrecht, sich fortpflanzen zu dürfen oder das Rudel, die Herde anführen zu können.

Ähnlich verhalten sich auch heute noch viele »Männer«. – Auch sie meinen, »ich zuerst«, und sie müssen das ständig in Zusammenkünften und Begegnungen anderen Teilnehmern unter die Nase reiben. Und dieses Verhalten kann natürlich am Arbeitsplatz eine Rolle spielen. So gibt es Mitarbeiter, die ihr Privatleben »fast nahtlos« auf ihren Arbeitsplatz übertragen, das heißt, in einem an sich neutralen Bereich, ihre Geschmäcker, Witze, Vorlieben ausbreiten wollen, völlig rücksichtslos, die Interessen der übrigen Mitarbeiter ignorierend. Besonders ätzend ist das in Büros, die keine Möglichkeit bieten, sich solchen aufdringlichen Zeitgenossen zu entziehen.

Der »dominante« Kollege ist ständig dabei, anderen die Wichtigkeit seiner eigenen Lebenswelt nahezulegen, damit diese »Verständnis« für sein dominantes und raumgreifendes Verhalten haben. Ständig muss er sein Privatleben mitteilen, was die Kinder erleben, was sie brauchen, was das kostet, wer Geburtstag hat, was die Angehörigen erleben und warum »gerade er« ein angemessen hohes Einkommen braucht. – Das trichtert er seinen Kollegen ein, damit die begreifen, dass an seiner Dominanz nicht zu rütteln ist, muss er doch den Erhalt seiner Gruppe, seines Clans, seines Rudels gewährleisten und kann leider dabei keinerlei Rücksicht darauf nehmen, dass andere Menschen ebenfalls ihren Raum und ihre Rechte brauchen.

So kommt die »Dominanz« mancher Zeitgenossen nicht zufällig daher. – Sie hat, wie in der Tierwelt, die Aufgabe, den anderen Lebewesen zu signalisieren, dass da jemand ein »Existenzvorrecht« für sich reklamiert und die Person verlangt, ausgesprochen oder unausgesprochen, dass sich die anderen Lebewesen diesem Verlangen unterordnen.

Nun könnte man sagen, das Vorrecht der Männer ist ja heute nicht mehr so der Punkt. – Die klassische Familie, um die sich der Mann kümmern muss, hat nicht mehr die Bedeutung, wie noch vor einigen Jahrzehnten.

Dass das Dominanzgebaren aber weiterhin eine Rolle spielt, hat ja TechLead in seinem Videobeitrag nachdrücklich in Erinnnerung gebracht. – Um was geht es dann, heute, wenn Leute sich so verhalten?

Es geht um Einkommen, das immer noch ungerecht verteilt ist. – Es gibt immer noch Leute, Männer, die meinen, wenn sie sich in einer Firma, in einer Organisation wie die »Made im Speck« platzieren, können sie ordentlich »absahnen«, viel Geld für sich einstreichen oder ideale, bequeme Pöstchen sich besorgen, um ein fast sorgenfreies Leben zu leben.

Es gibt also auch heute noch, immer wieder Anlässe, um sich »dominant« zu verhalten, um das eigene Vorrecht herauszustreichen, irgend etwas zu erhalten, irgend einen Vorteil für sich zu reklamieren.

Dann kommt noch die psychologische Ebene hinzu.

An der Stelle ist ein Kritikpunkt an TechLeads Beitrag anzumerken. Und zu seinen Gunsten ist zu sagen, er spricht aus Sicht eines Unternehmens, was für ein Unternehmen von Vorteil ist. – Er sagt in seinem Video, ein Teamleiter oder die Gesprächsführung könnte den Ruhigeren in der Gesprächsrunde Raum verschaffen, damit diese zu Wort kommen. Zum Beispiel, indem diese Personen gezielt angesprochen werden, um sie nach ihrer Meinung zu fragen. – Das sieht aus, wie eine »Hebammensituation«. Man muss helfen., damit etwas ins Leben kommt.

Diese Idee ist vielleicht aus Unternehmenssicht richtig, weil das Unternehmen davon profitiert, auch die Meinungen und Ansichten, Überlegungen der ruhigen Mitarbeiter zu erfahren, damit Produkte und Dienstleistungen effizient und umfänglich von dieser Firma angeboten werden.

Aber diese Situation kann man nicht übertragen, etwa auf »bürgerschaftliches Engagement«.

Menschen, die häufiger in Gruppensituationen sind, kennen das vielleicht. – Es gab eine Gesprächsrunde und hinterher sagen welche, ich kam gar nicht zu Wort, der oder die haben ständig geredet und ließen niemanden anderes zu Wort kommen. Wenn das jetzt der Gesprächsleiter erfährt, meint er womöglich, ich steuere das Gespräch das nächste Mal stärker. Ich bremse die »Vielredner«, indem ich sie unterbreche. Ich spreche gezielt diejenigen in der Runde an, die kaum zu Wort kommen.

Das ist ja auch der Vorschlag von TechLead. – Dazu passt folgende Anekdote:

Eine Person erlebt über viele Jahre einen Gesprächskreis. Es ist nicht einfach, zu Wort zu kommen. Viele andere in der Runde, bringen ständig ihre Überlegungen ein. Es ist kaum eine Gelegenheit zu finden, selbst etwas zu sagen. – Andererseits haben die Gesprächsrunden ein Thema, einen Grund, warum sie überhaupt stattfinden. Über die Zeit kann sich die Person ein Wissen, eine Kompetenz zum Thema erarbeiten. Eben nicht nur in den Gesprächsrunden, sondern darüber hinaus zu recherchieren, Texte zu studieren, Erkenntnisse zu gewinnen. – Diese zunehmende Kompetenz drückt sich in den Gesprächsrunden so aus, dass die Person schnell erkennt, wenn von anderen Teilnehmern die Sachverhalte unzureichend dargestellt werden. Es ist also angebracht, Aussagen zu korrigieren und auf die tatsächlichen Verhältnisse hinzuweisen.

Der Drang der vormals »ruhigen« Person wird größer, in einen Gesprächsverlauf einzugreifen, gemäß seines Erkenntnisstandes! Das Unbehagen nimmt zu, nicht korrekte Aussagen und unzureichende Perspektiven stehen zu lassen und der Wunsch greift Raum, das Dargestellte mit den eigenen Erkenntnissen zu ergänzen. – Die vormals ruhige Person in Gruppenzusammenhängen, wird lebendiger, je umfangreicher die eigene sachliche Kompetenz wird.

Was ist jetzt der Unterschied zur Firma?

Das hat mit dem Thema »Bedingungsloses Grundeinkommen« zu tun. – In der Firma hocken viele, weil sie ihre »Existenzsicherung« brauchen und nicht, weil sie »innerlich« motiviert sind, dem Firmeneigentümer zu helfen, bei dessen Aktivitäten. – Auch wer eine sachliche Kompetenz besitzt, und deshalb in einem Unternehmen angestellt wurde, kann denken, wann ist endlich der Arbeitstag zu Ende, ich haben privat noch so viel zu erledigen, was viel wichtiger ist, oder mindestens genauso wichtig ist, wie die Firmenaufgaben.

Das heißt, viele »kompetente« Leute haben gar kein Interesse, sich in der Firma einzubringen. Sie hocken dort nur deshalb, weil sie eine Existenzsicherung brauchen. Und in der heutigen Arbeitsgesellschaft hat man halt über diese Weise, seine Arbeitskraft zu verkaufen, seine Existenzsicherung. – Aber das hat eben nichts mit der eigenen persönlichen Orientierung zu tun.

Ganz anders ist es hingegen, wenn die Teilnahme an Versammlungen »intrinsisch« motiviert ist.

Wenn ich aus persönlichen Gründen an den Begegnungen mit anderen Menschen interessiert bin, habe ich eine ganz andere Grundlage, um »Motivation« zu entwickeln. Es geht um »meine« Anliegen. – Während die Firmenanliegen nicht zwangsläufig meine Anliegen sind. – Das wird sich allerdings noch ändern, wenn wir ein Bedingungsloses Grundeinkommen haben. Dann können die Menschen persönliche Anliegen und Arbeitszusammenhänge verbinden. Und dann hat die Motivation im Arbeitskontext, nochmal einen anderen Wert.

Natürlich gibt es in privaten Gesprächszusammenhängen auch Menschen, die diesen Erkenntnisfortschritt nicht oder nur unzureichend für sich erarbeiten, aber trotzdem empfinden, dass andere Menschen sich zu viel Raum nehmen, in Gruppengesprächen. – Der Punkt ist aber, dass alle beteiligten Personen es wollen müssen, »sich selbst« einzubringen. Es geht nicht, dass wir jemanden zur Selbstverwirklichung »hintragen«.

Was damit gemeint ist, wird am deutlichsten in NGO’s, Projekten, Aktionen und Kampagnen. – Niemand kann dort mitwirken, ohne aus sich heraus die entsprechende Lebendigkeit mitzubringen. – Die Motivation kann graduell unterschiedlich sein. Wer in einem Projekt mitwirken will, weiß nicht, welche andere Personen dort aktiv sind. Versteht man sich überhaupt, welche Ziele werden mit welchen Methoden angestrebt. Es gibt also noch viele Fragen und das Interesse kann am Anfang noch verhalten sein. – Wenn man sich aber in einem Projekt wohlfühlt, die anderen Personen als »nett« empfindet, dann kann eine Zusammenarbeit zunehmend interessanter werden und die Motivation in dem Projekt mitzuwirken, entwickelt sich in dem Maße, indem das eigene Potenzial mit den Gruppenanliegen gut kombinierbar ist.

Ein weiterer Punkt, der ebenfalls nicht von TechLead genauer beleuchtet wurde, ist »die eigene Arbeit« betreffend. – Wenn TechLead von Firmen-Workshops und Teamsitzungen spricht, dann ist die Firma doch für viele Mitarbeiter »jemand anderes«. – Dieser »Jemand« kann der Firmeneigentümer sein, oder noch abstrakter, die Aktienbesitzer oder Anteilseigner, denen über diesen Besitz das Unternehmen gehört. – Wieso soll ich als Mitarbeiter ein Interesse haben, diesen Leuten einen finanziellen Vorteil zu verschaffen? Das ist doch unrealistisch.

Auch die Aussage, dass man doch als Mitarbeiter über den Lohn oder Bonuszahlungen profitiert, ist in der heutigen Zeit nicht mehr interessant. Menschen verlieren »schlagartig« ihren Arbeitsplatz, nichts ist mehr sicher. – Warum soll jemand, in solchen Zeiten, die wenig vertrauenswürdig sind, sich »geistig« verausgaben, um anderen einen Vorteil zu verschaffen?

Somit ist die beste Motivation ein »Eigeninteresse«. – Das demonstrieren ja die »dominanten« Personen in unserer Gesellschaft.

Aber ist dieses Verhalten nicht »asozial«?

Eine Firma, ein Unternehmen verhält sich nicht »sozial«. – Zumindest nach den Aussagen der Wirtschaftsökonomen, würde der gemeine Unternehmer »aus Eigeninteresse« sein Unternehmen gründen und führen. – Er will »Profit« machen und reich werden.

Anders wäre es in der »Planwirtschaft«. – Diese wird von »sich sorgenden und kümmernden Menschen« ins Leben gerufen, weil die physische Versorgung aller Bürger innerhalb einer Gemeinschaft mit existenzsichernden Gütern gewährleistet werden muss. – Wären denn die Kolchoseleiter und Kombinatsoberen weniger interessiert, ihre Arbeit gut zu machen, als die profit-orientierten Unternehmer? – Das wäre zu untersuchen.

Womöglich liegt es daran, dass die »dominanten« Personen die Menschen versorgen und sich um sie kümmern, die ihnen »nahe« stehen. – Also Familienangehörige, Clanmitglieder.

Während »die Gesellschaft«, die Menschen in einem Staat, eher eine abstrakte Größe darstellen. – Sich um die Menschen in einem Staat zu kümmern, verlangt eine andere innere Haltung, als sich um Menschen zu kümmern, die zur eigenen Familie gerechnet werden.

Derjenige, der sich um »alle Menschen« kümmern will, weltweit, in einer Gesellschaft, müsste genauso motiviert sein, wie der »dominante« Teilnehmer im Gesprächskreis, der sich ausschließlich um seine privaten Angelegenheiten sorgt.

Wir leben heute in einer Übergangsphase. Manche leben immer noch in »klassischen« Familienzusammenhängen, aber viele andere haben sich davon gelöst und verfolgen darüber hinausgehende Interessen. – Es wird in Zukunft mehr Menschen geben, die sich »um alle« Menschen kümmern wollen und die mit Nachdruck dieses Anliegen verfolgen und im Auge behalten. – Hinzukommt, dass dieses Anliegen, sich um alle Menschen kümmern zu wollen, heute viel eher zu realisieren ist, mittels der Computertechnik und dem Internet, als es noch vor Jahrzehnten möglich war.

Wie ist der »dominante« Teilnehmer in Gesprächskreisen, privat, in NGO’s oder in Firmenzusammenhängen nun einzuschätzen. – Ist er ein Problem?

Wir sollten erst einmal auf uns selbst schauen. Wie verhalte ich mich selbst. Wie würde ich mich selbst einordnen? – Ist meine Teilnahme am Leben verhalten und zurückhaltend, dann wird es Gründe geben. Habe ich den Wunsch daran etwas zu verändern? – Dann werde ich Wege suchen, dies zu erreichen.

Wenn die eigene Kompetenz stark ist und der eigene Erkenntnisstand hoch, dann schiebt das von sich aus, das eigene Aktivsein an! – Und es konkurriert automatisch mit dem Verhalten von omnipräsenten Gesprächsteilnehmern.

Und wenn bei den überpräsenten Gesprächsteilnehmern der inhaltliche Vorteil für die anderen Mitwirkenden oder für die Firma »gegen Null« geht, würden rein kommunikations-technisch, Vorkehrungen getroffen, um solches Verhalten einzudämmen.

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Trolle und Hater im Internet

Wie im wirklichen Leben, so gibt es auch in der zweiten Öffentlichkeit, dem »Internet« unliebsame Begegnungen mit fragwürdigen Gestalten. Über die Jahre haben sich dafür Begriffe etabliert. Einer davon ist »Trolle« oder Troll. Und aktuell wird viel von »Hatern« gesprochen.

Hassbeiträge, aber viel öfter, Postings und Äußerungen von Trollen, sind eine echte Herausforderung für den normalen Bürger, wie im wirklichen Leben auch.

Wer auf der Straße belästigt wird, von Fremden angesprochen wird, ohne das es eine Verbindung zu dieser Person gibt, fühlt sich schnell bedroht und ein Besuch bei der Polizei und eine Anzeige gegen unbekannt, könnte die Folge sein.

Dabei ist auffällig, dass Trolle oft planmäßig vorgehen. Das macht auch Sinn, denn sie wollen ja ihr fragwürdiges Tun über lange Zeit aufrechterhalten. – So, wie auch die Mafia sich überlegt, wie kann sie ihr verbrecherisches Handeln lange Zeit in einer an sich funktionierenden Gesellschaft, unbeeinträchtigt praktizieren, so überlegt auch der Troll, wie er mit bestimmten Methoden ausgestattet, sein Werk lange Zeit vollbringen kann, ohne in der Internetgesellschaft entdeckt und ausgegrenzt oder gar »bestraft« zu werden.

Wie tritt der Troll im Internet auf.

Er ist meistens beziehungsweise immer »anonym« unterwegs. – Da er mit seinem Verhalten nicht selten andere Internetuser »zur Weißglut« bringen kann, und regelrechte »Flamewars« gegeneinander stattfinden können, ist dieses Verhalten als Selbstschutz zu verstehen. – Er will ja nicht eine der Personen, die er belästigt, eines Tage vor seiner Wohnungstür stehen haben.

Weiterhin ist typisch für Trolle, dass sie nur ganz selten selbst umfangreiche, inhaltliche Beiträge abfassen, in den Gruppierungen, in denen sie aktiv sind. Trolle gab es in der Vergangenheit in erster Linie in Foren oder in Usenet- und Newsgroups. – Heute sind sie auch in Sozialen Netzwerken zu finden. Obwohl sie es dort schwerer haben, wegen dem zurecht zunehmend rigorosen Umgang mit Trollen und der ausgefeilten Blockiermöglichkeiten, die ein Trollverhalten erschweren.

Der Troll tritt nicht selten mit einer »Antwort« auf einen Beitrag eines anderen Teilnehmers in Erscheinung. – Wo kann das der Fall sein? – Wie schon gesagt, in Newsgroups, aber natürlich auch auf einem Blog, wenn der Blogbetreiber die Kommentarfunktion freigeschaltet hat. oder in Sozialen Netzwerken, je nach dem, wie diese software-technisch organisiert sind.

So sind »Kommentare« in dem Sozialen Netzwerk Google+ zwar möglich, aber der User kann die Kommentarfunktion für seine Beiträge deaktivieren. Dadurch ist ein sehr wichtiger Effekt, den sich Trolle zu eigen machen, ausgehebelt. – Sich »nahe« an den Angegriffenen heranzuschleichen. – Trolle greifen andere Menschen an. Sie bedrohen, schüchtern ein, belästigen, mit ihren Bemerkungen andere Leute. – Wie im richtigen Leben die Mafiamitglieder andere Bürger »physisch« bedrohen, um ihre Forderungen durchzusetzen, so will auch der Internettroll softwaretechnisch gesehen, »nahe« an sein Opfer herankommen. Symbolisch gesehen ist dazu die »Kommentarfunktion« ideal geeignet. – Denn direkt unterhalb des Beitrags des Opfers, will der Troll seine beleidigende, motzige, unpassende und maulige Antwort platzieren, um gleich die Aussagen des Opfers »in den Dreck zu ziehen« oder madig zu machen.

Deswegen sind Kommtentarfunktionen in Kommunikationssoftware ideale Brutstätten für Hate Speech oder Trollverhalten. – Deswegen werden auch die Kommentarbereiche der Online-Zeitungen so scharf kontrolliert, weil schon längst bekannt ist, dass sich dort gerne Hater und Trolle aufhalten.

Eine erste Maßnahme gegen Trolle kann somit sein, jegliche »Kommentar«-Möglichkeiten auszuschalten und diesbezügliche Funktionen zu deaktivieren.

Eine Methode im Internet, ist das »Anschleichen«. – Es wird erst einmal so getan, als ob der Troll »nur« mitdiskutieren will.

Wie entwickelt sich nun ein Trollverhalten, wenn es über lange Zeit wirksam sein will?

Es braucht natürlich einen Nährboden, der dies überhaupt zulässt. – Nehmen wir das Beispiel von »Internetforen«. – Möglicherweise gibt es in einem Forum einen Administrator oder Moderator, aber nicht immer ist klar, auf wessen Seite diese Leute stehen. – Es kann sein, dass sich Moderatoren auf die Seite von Trollen schlagen, wenn es sich um einen Meinungskrieg handelt, und ein Beitragsschreiber vertritt eine Meinung, die vom Administrator abgelehnt wird. – Dann taucht ein Troll auf, und macht den Beitragsschreiber madig.

Wer sich eine solche Trollsequenz einmal anschaut, kann ganz bestimmte Abläufe wahrnehmen.

Der Troll tritt nicht selten als »Richtigsteller« und Korrigierer auf. – In seinen ersten Postings weist er den Autor eines Beitrags darauf hin, dass dessen Mitteilungen korrekturbedürftig sind. Zu Anfangs kann solches Verhalten noch freundlich-kollegial wirken: »Hallo Kollege, du hast da an dieser oder jener Stelle etwas nicht bedacht, nicht erwähnt, nicht vollständig wiedergegeben, was ich hiermit mit meinem Beitrag netterweise klarstelle«.

Aber auch hier kann schon eine gewisse Patzigkeit, Schroffheit in der Schreibweise mancher Trollnachrichten herausgelesen werden. – Die Tendenz von Trollnachrichten ist immer etwas einschüchternd, bevormundend und angriffslustig. – Die Botschaft und das Szenario stellt sich so dar:

»Wagt sich der Beitragsschreiber noch einmal vor, einen weiteren Artikel zu veröffentlichen, obwohl er doch gerade, (vom Troll!) noch halbwegs freundlich korrigiert wurde.«

Nun hängt auch viel vom Originalbeitrag-Schreiber ab, wie er auf den Troll reagiert. – Typische Reaktionen von Originalbeitragschreibern ist, dass sie »in die Falle« tappen, die der Troll aufgebaut hat. – Der Originalbeitragschreiber will oft die »Korrektur« seiner Mitteilung nicht hinnehmen, da sie einfach unrichtig ist, deplatziert und im Ton unzulänglich erlebt wird.

Jetzt aber blüht der Troll richtig auf. Er hat eine Spur gelegt und der Originalbeitragschreiber fügt sich in sie ein.

Denn auf den neuerlichen Artikel des Beitragsschreibers, der den Troll in seine Schranken weisen soll, reagiert der Troll graduell heftiger. – Er wird behaupten, die Aussagen des Beitragsschreibers seien »falsch«. – Dieser würde die Unwahrheit äußern, und deshalb müsse er, der Troll, einschreiten und immerzu richtigstellen, was der Beitragsschreiber »falsch« darstellt.

Das ist das typische Szenario einer Flamewar-Pingpong-Situation, in der beide Seiten immer wieder ihre Position wiederholen und dabei dieses Verhalten mit unterschiedlichstem verbalen Beiwerk ausstatten. – Beleidigungen, Anmaßungen, Bedrohungen, Gehäßigkeiten, Verhöhnen, Bloßstellen, Erniedrigen, alles Niedere, dass den Menschen auszeichnet, wird jetzt der Troll auspacken, um es in »die Diskussion« einfließen zu lassen. – Und so mancher ruhige Forenteilnehmer wird sich durch so einen Troll verleiten lassen, die Contenance zu verlieren, und ebenfalls beleidigend und verbal unangemessen zu reagieren, weil er sich herausgefordert fühlt. – Wenn jetzt nicht in einem Forum der Moderator eingreift oder der Administrator, dann kann ein Forum insgesamt«kaputtgetrollt« werden.

Der Troll schafft sich sein Agitationsfeld, indem er behauptet, die Aussagen des Beitragsschreibers seien »falsch«. – Und in einem (vorgetäuschten?) messianischen Eifer taucht er jetzt immer wieder bei dem Beitragsschreiber auf, um diesen »richtigzustellen« und dessen »Falschaussagen« zu korrigieren. – Dieses belästigende Verhalten ist ähnlich dem von »Stalkern« im realen Leben, die auch nach der Trennung von der Partnerin, immer wieder bei dieser auftauchen, um sie zurechtzuweisen, was diese angeblich alles falsch gemacht hat. – Solche Stalker gibt es auch im Internet, und ein Troll kann sich ähnlich verhalten.

Typisch für Trolle ist, dass sie wenig eigene Beiträge veröffentlichen, meist anonym daherkommen, und mit Vorliebe andere Internetteilnehmer »anquatschen«, um sie auf dieses oder jenes hinzuweisen.

Nun könnte jemand sagen, aber wie soll denn sonst »Kommunikation« im Internet funktionieren, wenn nicht so, dass man auf Beiträge anderer Leute reagiert?

Wir Menschen sollten uns damit beschäftigen, wie Kommunikationsverhalten wirkt. – Was von uns selbst und von anderen als unangenehm, und was von uns als angemessen erlebt und empfunden wird.

Wenn andere einem »auf die Pelle« rücken, wird das meistens nicht als angenehm erlebt. Auch werden erste »Hallo«-Bekundungen in der Form, dass man zuerst jemanden »korrigiert« und zurechtweist, eher unangenehm und als Unfreundlichkeit wahrgenommen. – Mit solchen Leuten, die sich so vorstellen, dass sie einen erst mal zurechtweisen, will niemand gerne bekannt sein. – Wer andere erst einmal zurechtweist und »korrigiert«, wirkt arrogant und überheblich. – Warum sollte man sich mit solchen Leuten abgeben?

In Internetforen können sich solche »Trolle« zu »Wächtern der Wahrheit« aufschwingen. – Sie tun dann so, als ob andere Beitragsschreiber die Unwahrheit sagen, und sie selbst seien auserkoren, für die Wahrheit zu kämpfen und die »Lügner« zum Schweigen zu bringen. – Damit rechtfertigen sie dann die teilweise extremen Äußerungen in Richtung anderer Beitragsschreiber. – Und das macht sie dann zu »Hatern«.

Trolle sind somit im Internet relativ leicht auszumachen: Sie treten anonym auf. Sie haben in der Regel inhaltlich, zu Sachthemen kein entwickeltes Wissen oder Erfahrungen vorzuweisen. Sie picken sich ein paar Standpunkte heraus, um diese »dogmatisch« überhöht und glorifizierend zu vertreten, was oft aber nur ein Vorwand dient, um als Troll verbal eine aggressive, feindselige Sprache gegen andere Internetteilnehmer anzuwenden.

Wenn es aber nicht in Ordnung ist und nicht angemessen ist, andere Leute in deren Kommentarbereichen anzusprechen und sie halbwegs freundlich auf »Fehler« in ihren Äußerungen hinzuweisen, wie sollen wir dann miteinander kommunizieren?

An anderer Stelle meiner Beiträge habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die »Kommentarfunktion« ein Missverständnis darstellt. – Wahrscheinlich hatten sich die Softwareentwickler, die sich das ausdachten, überlegt, es passt, wenn wir direkt unterhalb von Nachrichten, eine Kommentarmöglichkeit platzieren. – Doch dabei wird die »Psychologie« der Menschen außer Acht gelassen. Wer auf dem »Blog« eines anderen Menschen einen Beitrag liest, empfindet nicht selten den Wunsch, auf diesen Text zu reagieren.

Wie reagiere ich angemessen auf den schriftlichen Beitrag eines anderen Menschen?

Hat der Blogautor eine Kommentarfunktion freigeschaltet, kann ihm geantwortet werden:

»Hallo, ein wirklich toller Beitrag. Weiter so!« oder »Interessanter Artikel. Allerdings stimme ich nicht in allen Punkten zu.«

Aber geht es wirklich darum? Was wollen wir im Internet und welche Verhaltensweisen machen überhaupt Sinn?

Die Lobhudelei von Lesern muss einem Autor nicht wirklich wichtig sein. – Und Kritik an uns, wollen wir doch nicht ernsthaft auf unserem eigenen Blog in Kommentaren lesen und auch noch da stehen lassen.

Wozu taugt »Kommunikation« überhaupt und warum ist der »Troll« eine Gefahr, die wir abwehren wollen?

Sachliche Kritik ist beim »Troll« nur vorgeschoben. – Ihm geht es darum, einen anderen Beitragsschreiber zu beleidigen, einzuschüchtern, ihn »persönlich« zu verletzen. – So, wie Mafiamitglieder andere Bürger »physisch« bedrohen wollen, um ein Verhalten zu erpressen, so greifen Trolle andere Internetnutzer »persönlich« an, um diese zu Verhaltensänderungen zu zwingen. – Der »Sieg« des Trolls sieht so aus, dass der von ihm angegriffene Beitragsschreiber sich zurückzieht, weniger schreibt oder sich ganz aus einem Forum verabschiedet und sich gar nicht mehr äußert.

Der Troll im Alltagsleben, ist das Mafiamitglied, der andere Bürger angeht, um diese zu einem Verhalten zu nötigen. – Aber zum Beispiel in der Bürgerversammlung oder in Parteisitzungen, oder in einem Verein e.V., können wir Ähnliches erleben. – Auch dort tauchen »Trolle« auf, die andere Teilnehmer »persönlich« angreifen, beleidigen, herabsetzen, oder sonstwie bedrängen, um diese in irgendeiner Weise zu nötigen.

Das Verhalten im Internet ist somit eine »Kopie« ähnlicher Verhaltensweisen im Alltag. – Der Troll hat sich ein Verhaltensmuster angeeignet, mit dem er andere Menschen attackiert.

Der Troll ist nicht selten gewaltbereit oder kann in irgendeiner Weise körperliche »Überlegenheit« demonstrieren. – Mit solchen Instrumenten ausgestattet, treibt er sein Unwesen.

Wie sieht »Kommunikation« aus, die wir akzeptieren können?

Der Troll bemüht sich gerne der Schimäre, es gäbe »falsche« und richtige Aussagen, Wahrheit und Unwahrheit. – Der Troll behauptet, dass er weiß, was »falsch« ist und das er weiß, was wahr und was unwahr ist. – Er verwendet dann ein Bedrohungspotenzial, dass er gegen andere in Betracht zieht. Er sagt seinen Mitmenschen, »Hallo du! Du sagst die Unwahrheit. Ich greife dich jetzt noch verbal, schriftlich, aber vielleicht irgendwann auch physisch an, weil du nicht aufhörst, die Unwahrheit zu sagen und zu schreiben. Deshalb greife ich dich an. Ich nehme mir einfach das Recht, dich wegen meiner Behauptungen einfach anzugreifen. Sei gewarnt. Und halte besser die Klappe!« – Das ist die Botschaft des Trolls, aber das ist oft auch die Botschaft von Teilnehmern in politischen Diskussionen.

Und. Seien wir ehrlich. Das ist doch auch das Szenario in Diktaturen.

In Diktaturen werden alle Bürger bedroht, die es wagen, öffentlich eine Meinung zu vertreten, die den Herrschenden nicht passt. – Deshalb haben die Herrschenden »Schergen«, oder eben Trolle bei der Hand, die die Bürger bedrohen, die sich nicht fügen wollen, die den Einheitsstaat nicht als »unterwürfige Schafe« mitmachen.

Eigentlich ist der Troll ein »Soldat«. Ein moderner Soldat. Er kämpft für eine Sache. – Sein Ziel ist es, andere Personen, die für etwas anderes stehen als er selbst, »niederzumachen«, auszuschalten und zum Schweigen zu bringen.

Aber wenn wir kein Soldat sind, wie verhalten wir uns dann angemessen und nicht trollig?

Aus dem »Fehlverhalten« der Trolle lässt sich mitunter ein angemesseneres Verhalten ableiten. – Wenn ich auf die Mitteilungen anderer Menschen im Internet reagieren will, darf ich nicht diese Menschen »persönlich« angreifen und auch nicht »persönlich« ansprechen, wenn ich gar nicht mit diesen Leuten bekannt bin. – Distanz wahren ist wichtig. – Wer sich distanzlos verhält, verhält sich »trollig«.

Weiterhin sind ausschließlich »sachliche« Erwiderungen angemessen. – Diese gehören aber nicht in die Kommentarspalten der Originalposter, sondern sollten als »eigene Beiträge« auf dem eigenen Blog oder in einem »eigenen Beitrag« Erwähnung finden. – Also auch hier: Distanz wahren.

Kommt dadurch ein Gespräch mit dem Originalschreiber zustande, auf den eine »Antwort« geschrieben wurde?

Das ist halt auch so ein Märchen, dass wir alle miteinander reden »müssen«. – Wir müssen gar nichts miteinander!

Wer eine Antwort auf den Beitrag eines anderen Bloggers schreibt, muss damit leben können, dass dieser andere Blogger nie diese Antwort liest, und auch gar kein Interesse an dieser Antwort hat. – Es liegt die seltsame Vorstellung in der Luft, wir Bürgerinnen und Bürger in der Gesellschaft, »müssten« alle miteinander reden. – Das ist ganz und gar nicht der Fall. – Alles, was mit »Müssen« oder besser, mit »Zwang« zusammenhängt, ist typisch für Diktaturen und totalitären Gesellschaftssystemen. – Und es mag sicherlich auch Menschen geben, die gerne in einer Diktatur leben, aber das ist nicht der Maßstab, der in dieser Analyse hier, in Anwendung kommt.

Das heißt, wir sind »frei« aufeinander zu reagieren. – Es besteht keine Pflicht, zu den Mitteilungen anderer Menschen etwas zu sagen, und es besteht auch keine Pflicht, miteinander ins Gespräch zu kommen. – Mit anderen Worten, »die Chemie« zwischen Menschen muss stimmen und das lässt sich nicht vorab klären, ob das der Fall ist.

Die heute optimale Form, auf die Internetbeiträge anderer Leute zu reagieren, ohne eine Antwort von diesen zu erwarten, besteht somit darin, in den Sozialen Netzwerken auf einen »eigenen« Blogbeitrag zu verweisen, der sich dann mit den Aussagen einer »anderen« Person angemessen auseinandersetzt. – Und »angemessen« meint eben, nicht in »trolliger« Weise.

Sind Blogs tot?

Überhaupt nicht.

Wenn damit gemeint ist, Texte zu schreiben und diese zu veröffentlichen.

Der Blog ist so ähnlich wie ein Nebengleis im Streckennetz der Bahn. Ich will nicht sagen, ein Abstellgleis. Obwohl. Wenn man auf so manchen Blog schaut, dann sind da schon die Spinnweben.

Jetzt fand ich einen Link zu einem Blog und »Au Backe«, der letzte Beitrag auf dem Blog war von August 2015. Hat der Schreiber einen neuen Blog und nur den alten gelassen, als Referenz?

Wer weiß.

Aber es ist wahr. Wer nur einen Blog hat, und sonst nichts, wie soll diese Person eine Leserschaft finden? – Immer mal wieder auf das Abstellgleis schauen, ob sich da etwas tut?

Nein, so funktioniert das Internet nicht.

Wer nur einen Blog hat, dessen Texte schimmeln so vor sich hin?

Vieles im Internet, was nach »Kommunikation« ausschaut, entpuppt sich als Sackgasse, Einbahnstraße, Missverständnis. Obwohl das Internet eine »zweite Öffentlichkeit« darstellt, haben wir Menschen uns noch nicht daran gewöhnt, diese zu nutzen und dabei zu zufriedenstellenden Ergebnissen zu kommen.

Da wären die »Foren«, Internetforen. – Typisch für sie ist, das anonyme Auftreten der Beteiligten. Moderatoren, Administratoren und User haben alle Fantasienamen. Die Beteiligten »leben« in einer abgeschlossenen Welt, die durch eine Forensoftware repräsentiert wird. – Wer ins Impressum schaut, wird ernüchtert. – Nicht selten ist irgendeine »GmbH« der Eigentümer des Forums. – Und der Teilnehmer hatte jahrelang gedacht, ein freundlicher Mensch stünde dahinter?

Wer in der Forenwelt herumzickt, eckt schnell an und wird verwarnt, von den Moderatoren, oder aus dem Forum ausgeschlossen, wenn zu häufig die hauseigenen »Regeln« missachtet werden, nach Meinung der Eigentümer. – Foren sind somit Willkürorte. Aber viele Internetnutzer wollen das lange Zeit nicht wahrhaben. – Können sie doch in den Foren, zumindest dem Gefühl nach, die Außenwelt dort ein bisschen widerspiegeln. Und verborgen hinter der »Maske« der Anonymität und einem Phantasienamen, kann jeder sein Verhalten ausprobieren.

Ähnlich beengt und bevormundet geht es in den Kommentarspalten der Online-Zeitungen zu. Ja, man kann sich dort anmelden, aber ein Moderator überwacht die Kommentare und wehe, der User hat die »Regeln« der Zeitung missachtet. – Dann wird der Beitrag nicht veröffentlicht.

Wem das häufiger passiert, dem vergeht die Lust am Kommentare schreiben. – Auch als User in den Kommentarbereichen der Zeitungen, erscheint der Teilnehmer anonym. – Er gibt sich einen Phantasienamen.

Wer jetzt endlich sagen will, was wirklich gedacht wird, kann aber auch auf einem eigenen Blog weiterhin »anonym« bleiben. Es gibt keine Vorschrift, einen Blog mit Realnamen zu betreiben. – Aber mal ehrlich, wer interessiert sich für Blogs und dann auch noch für solche, wo der Autor anonym bleiben will?

Kann man Verständnis für Personen aufbringen, die anonym Blogbeiträge abfassen? – Ja, wenn die Person sonst von den staatlichen Behörden verfolgt und angegriffen würde. – Aber ist das heute in der Bundesrepublik Deutschland der Fall? – So richtig Verständnis aufbringen, für Blogs, die in Deutschland anonym abgefasst sind, fällt doch schwer.

Das sieht dann eher so aus, als ob jemand mal so richtig »die Sau raus lassen« will, verbal und textuell, ohne dafür geradestehen zu wollen.

Was für die Blogs fehlt, ist ein Themenmarktplatz, der interessant daher kommt, so, dass Blogbetreiber Lust bekommen, dort aktiv zu sein, und nach anderen Autoren, mit denselben Themen, Ausschau zu halten, für Diskussion und Meinungsaustausch. – Ein solcher »Marktplatz« ist mir nicht bekannt.

»Wordpress« bietet dem Blogger den »Reader«. – Im Reader lassen sich über die Suchfunktion einige Seiten finden, die zu ähnlichen Themen Beiträge auf WordPress-Blogs veröffentlichen. – Allerdings ist die ganze Atmosphäre nicht »öffentlich« genug.

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Beiträge im Internet, sollen »öffentlich« sein, und als solche auch wirken.

Bloggen funktioniert also nicht?

Doch. Nur halt nicht so. – Es kommt natürlich auch auf die Themen an. Wer ganz exotische Interessen hat, wird vielleicht nur wenige Personen finden, die sich die Mitteilungen ansehen wollen.

Tatsächlich ist der Blog aber ein »Beipack«.

Was heißt das?

Der Blogger muss heutzutage in den Sozialen Netzen aktiv sein! Facebook, Twitter, Google+ und alle anderen.

Je nach Interessenslage, kann sich jeder Blogger auf eines der Netzwerke spezialisieren. – In den Sozialen Netzwerken werden keine tiefschürfenden Mitteilungen gemacht. – Es geht vielmehr um den schnellen, prägnanten Beitrag zu aktuellen Sachverhalten. – Und das muss nicht immer Politik sein!

Auch wer sein Spezialgebiet hat, Umweltschutz, Genderfragen, Gesundheit, kann mit seinem Wissen, Kenntnissen, Erfahrungen und Einschätzungen hilfreich die schnell wechselnden Diskussionen bereichern. – Das zeigt aber auch, was die Fähigkeiten des Bloggers sein müssen. – Er muss kompetent sein, in seinen Themen. Er muss zeigen, dass Klärung und Erkenntnis von Zusammenhängen sein Anliegen ist. – Der Blogger muss für die anderen Menschen nützlich sein, eine Hilfe. – Er muss eine Bereicherung sein, mit seiner speziellen Perspektive auf die Dinge. Die nur so, von ihm geleistet wird.

Das zeichnet den Blogger aus, der in den Sozialen Netzwerken aktiv ist. – Denn in den Sozialen Netzwerken kann der Blogger dann eine Diskussion zu einem Sachverhalt bereichern, indem er auf einen Artikel auf seinem Blog verweist, der zu einem Thema eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung liefert, oder auf Einzelaspekte aufmerksam macht, die so noch nicht wahrgenommen wurden.

Der Blog ist ein Beipack zum Sozialen Netzwerk.

Da macht er Sinn. – Wer sehr aktiv ist, in den Sozialen Netzwerken, der kann ergänzend zu den Kurzbeiträgen auf Twitter, Facebook oder Google+, dann noch zusätzlich auf ausführlichere Beiträge auf seinem Blog verweisen.

Und genau so machen es ja auch bekannte, in der Öffentlichkeit stehende Blogger.

Aber ausschließlich und nur auf seinem Blog zu veröffentlichen, ist eher »tote Hose«. – Weil niemand immer wieder mal, auf so ein »Abstellgleis« schaut.

Der Blog muss sich also einfügen, in einen größeren Zusammenhang. Und da hat er seine Funktion.

Aber wie gesagt, auch ohne die Sozialen Netzwerke könnten die Blogs eine größere Lebendigkeit entfalten, wenn so etwas wie »kulturelle Blogmarktplätze« entstehen würden. – Und jeder Blog hat seinen eigenen »Marktstand«. Und alle oder manche schauen immer mal wieder vorbei, was sich »kulturell« so tut.

Rudolf Steiner beschreibt die Menschheitsentwicklung

In den Saturnnebeln ist der Mensch entstanden. Er wurde von geistigen Wesenheiten geschaffen. Leben ist dem Menschen eingehaucht. – Der Mensch wurde damit »begabt«. (S.173)

http://anthroposophie.byu.edu/schriften/013.pdf

Wenn in früheren Zeiten der Mensch entstanden ist, unter Mitwirkung von »geistigen Wesenheiten«, dann war vor ihm noch anderes »Bewusstsein«. – Etwas, das wir manchmal »Gott« oder göttlich nennen?

Steiner sagt, dass wir von heute zurückschauen, und die Gegenwart als berechtigten Grund benennen können, warum wir wissen wollen, wie alles Gegenwärtige entstanden ist und wie der Mensch entstanden ist. – Aber was gab es vor dem Menschen?

Wer sich damit beschäftigt, gerät ins Spekulative. – Bevor der Mensch entstand, gab es das Universum. Wenn der Mensch »Entwicklung« bedeutet, dann ist diese im Laufe der Zeit geschehen. – Gab es vor dem Menschen »Zeit«?

Die »geistigen Wesenheiten« haben den Menschen geschaffen. Hatten sie Bewusstsein? Wenn ja, gab es also »Zeit« bereits vor dem Menschen!?

Wenn einige geistige Wesenheiten weiter entwickelt waren, als andere, wie sind sie entstanden? Hatten sie »Eltern«? Oder entstanden sie anders.

Wenn die geistigen Wesenheiten »über« dem Menschen stehen, ihn geschaffen haben, wer steht »über« den geistigen Wesenheiten? – Oder ist mit ihnen der Anfang der Bewusstheit beschrieben?

Wer ist die mächtigste geistige Wesenheit? – Etwas, das wir »Gott« nennen?

Wer hat »Gott« erschaffen? Hatte Gott Eltern? Was ist/war vor Gott?

Ist Gott im Universum entstanden. Oder ist das Universum durch Gott entstanden?

Ist Gott gerecht. Was ist sein Plan?

Wenn das Weltall Gesetzmäßigkeiten unterliegt, inwiefern ist der Mensch dann »frei«? – Inwiefern ist Gott dann frei.

Wie ist es zu diesen Gesetzmäßigkeiten gekommen?

Wäre ein »gesetzloses« Universum denkbar? Oder würde es nicht funktionieren.

Wer hat sich diese Gesetzmäßigkeiten ausgedacht? Oder ergeben sie sich aus den Bildungsversuchen und Materieentwicklung von selbst. – Weil alles, das ohne »Gesetzmäßigkeit« geschieht, letztlich scheitert!?

Und alles, was gelingt, nur nach Gesetzmäßigkeit sein kann.

Wenn die Menschheitsentwicklung vorgezeichnet ist, und in Teilen bekannt wäre, ist das nicht langweilig für die Menschheit, zu wissen, wie ihr weiteres Schicksal verläuft? – Ja, der Einzelmensch hat in Steiners Weltschau und Menschenbeschreibung, »Freiheit«, sich nicht den Gesetzmäßigkeiten zu beugen und anzupassen. – Doch ist bereits klar, dass dieses Unterfangen zu nichts führen wird, außer vergeudeter Energie, um letztlich doch herauszufinden, dass wir am ökonomischsten, effizientesten unser Leben gestalten, wenn wir »bewusst« uns den Gesetzmäßigkeiten des Daseins zuwenden, um dann in diesem Sinne das Leben zu führen und »nach Plan« zu wirken.

Wenn der Mensch circa alle tausend Jahre auf der Erde wiedererscheint, also »reinkarniert«, und wir dieses »Wissen«, das uns Rudolf Steiner vermittelt, ernst nehmen, dann ist unser Dasein berechenbar, wie es vorher noch nie gewesen ist.

Alle jene, die sich heute noch der Täuschung hingeben, wir Menschen würden »vom Affen abstammen«, oder als Zufallsprodukt auf der Erde sein, und nach unserem Tod auf ewig verschwunden bleiben, würden verwundert die Augen reiben und der Chancen gegenwärtig werden, die sich aus einer gänzlich anderen Perspektive ergeben, auf die uns der Philosoph Rudolf Steiner hinweist.

So sind die Pflanzen, die Tiere und die Mineralien »nach« dem Menschen entstanden, oder bei der Entstehung des Menschen entwickelte Seitenausläufer seiner Wesenheit.

Sind wir uns aber dessen bewusst, und akzeptieren wir den Gedanken, unserer immer wieder geschehenden Wiederkehr, dann ist das Leben ganz anders zu gestalten. – Dann bedeutet das, wir gehen nicht »verloren«, wenn wir sterben. Wir bleiben »im Kern« erhalten. Wir haben verschiedene Leben. – Und das »immer wiederkehrende« Leben ist in Form eines »Karma«, eine fortwährende Aufgabe.

Wenn sich die Menschheit weiter entwickelt, und diese Entwicklung in gewissem Umfange vorhersehbar ist, aufgrund bestehender Gesetzmäßigkeiten, wie ist es dann mit dem Einzelschicksal des Menschen? Dieses ist nicht vorhersehbar. Der Mensch kann die Entwicklung der Menschheit mitmachen und »Teil von ihr sein«, oder er besitzt die Freiheit, sich anders zu entscheiden. – So, wie ja auch die Tiere und Pflanzen »anders entschieden« sind.

Deshalb können »Gesetzmäßigkeit des Universums« und Freiheit im Einzelschicksal nebeneinander bestehen, ohne sich zu widersprechen.

Warum das Individualrecht menschengemäß ist

Natürlich muss die Menschheitsentwicklung dabei berücksichtigt werden. Sicher hat die Gruppe für den Menschen immer eine Bedeutung gehabt. In der Gruppe sich verteidigen, in der Gruppe eine Arbeit bewältigen, als Gruppe sich für Ziele einsetzen. Und als Gruppe im Wettkampf mit anderen Gruppen obsiegen. – Dieser Gedanke wird noch heute gepflegt, zum Beispiel im Gruppen-Wettkampfsport.

Gleichzeitig hat es in der Menschheitsgeschichte aber immer auch die Tendenz gegeben, dass das Individuum gegen die Gruppe opponierte, sich Gruppenregeln widersetzen wollte, um sich als individuelles Wesen empfinden und behaupten zu können.

Beides ist miteinander verbunden, Gruppenentwicklungen und die Entwicklung des Einzelwesens.

In den neuen »Sozialimpulsen« [1] sind lesenswerte Beiträge zu finden, wie derjenige von Albert Schmelzer »Rudolf Steiners Memoranden von 1917 als Friedens- und Integrationsprogramm«.

Bei der Frage, wie wir Menschen in Frieden miteinander leben können und Kriege vermeiden können, ist für Rudolf Steiner der Einzelmensch, das Individuum das Entscheidende. Deshalb will er die Menschenrechte als Maßstab für unser Zusammenleben nehmen. Schmelzer sieht in diesen Annahmen von Rudolf Steiner einen richtigen Ansatz auch für die heutigen Aufgaben, um ein Zusammenleben von uns Menschen gelingen zu lassen.

Aber wann der Mensch sich mehr an Gruppen- oder Individualrechten orientieren will, ist seine Sache. Deshalb sind die Entwicklungen beider Rechtsgebiete nicht immer einfach vorherzusehen. – So können Menschen aus einem Zustand großer individueller Freiheit »ausbrechen« und die Geborgenheit und Sinnerfüllung suchen, in rigiden Gruppenstrukturen, weil sie in ihrem Singleleben nicht weiterkommen und ratlos sind. Umgekehrt wenden sich Einzelmenschen von ihren Herkunftsgruppen ab, weil sie sich als Individuum eingeengt fühlen und sich nicht entfalten können und suchen die anonyme Großstadt, um ein »neues Leben« zu beginnen.

Der große Rahmen, der unser Zusammenleben regeln soll, ist die Verfassung. Sie ist gültig sowohl für Gruppen, als auch für Individuen. Die Verfassung orientiert sich an den Menschenrechten. Und im Zweifelsfall/Streitfall gilt: Individualrecht hat Vorrang vor Gruppenrecht.

Schmelzer erwähnt drei Orientierungsmuster für Gesellschaften: das Nationale, den Multikulturalismus, den Verfassungspatriotismus.

Weder der Nationalismus, noch der Multikulturalismus funktionieren, weil sie den Einzelmenschen nicht schützen. Einzig der Verfassungspatriotismus würde dem einzelnen Menschen Schutz gewähren, wenn die Verfassung sich bezieht, auf die Menschenrechte.

Interessant ist auch eine andere Sicht auf diese drei Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens: Der Nationalismus stellt eine Großgruppe dar, der Multikulturalismus hat das Land und die Nation als Rahmen, und darinnen vielerlei Ethnien und Volksgruppen. Aber der Verfassungspatriotismus [2] käme gänzlich ohne trennende Landbeschreibung aus, und könnte auch als Weltverfassung gedacht sein, weil nicht mehr die Differenz zu irgendetwas anderem (Menschlichen) ein Problem darstellt und zur Aufgabe wird, sondern alles verschiedene Menschliche gleichermaßen wichtig und anerkannt ist. – Der Mensch steht im Mittelpunkt der Verfassung, Konkurrenz zu irgendjemandem anderen gibt es nicht, weil ja die Individualität selbst geschützt und geachtet ist, eines jeden Menschen.

Wenn das aber Friedensgrundlage ist: Menschenrechte, Individualrechte, der Einzelmensch, geschützt über eine Verfassung, die die Menschenrechte zur Grundlage hat, dann gibt es eine fast nahtlose Verbindung zum bGE.

Erinnern wir uns an die Kriterien für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (bGE): ein existenzsicherndes, garantiertes, beständiges Einkommen, als Individualrecht und Menschenrecht ausgestaltet und gesetzlich verankert, das an keinerlei Bedingungen geknüpft ist.

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein Friedensbeitrag für die Welt.

Umgekehrt erscheinen nun manche Aussagen von Grundeinkommens-Gegnern in einem bezeichnenden Licht. Etwa wenn die Gegner des bGE betonen, dass »die Gruppe« der Reichen kein Grundeinkommen bräuchte. Und die Gruppe der »Millionäre« der Gruppe der »Armen« gegenübergestellt wird. Und die Gruppe der »Arbeitslosen« muss integriert, fortgebildet, angereizt oder auch mal diszipliniert und sanktioniert werden.

Wie durch eine Lupe wird deutlich, wie es viele Menschen noch im Gruppendenken festhält und sie dem Einzelmenschen keine Autonomie zugestehen wollen und jeden in ein Töpfchen packen möchten. – Und natürlich bedarf es dann auch eines Kontrollapparates, der beständig feststellen muss, wer in welche Schublade gehört.


So scheint es einen Entwicklungsstrang zu geben, der die Menschheit weiterführt, immer stärker in die Individualität. – Und es bleibt dem Einzelmenschen frei überlassen, wie viel er sich in der Gruppe orientieren will oder nicht.

[1]
Sozialimpulse Nr.4, Dezember 2017; Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus; Initiative Netzwerk Dreigliederung

[2]
Den Begriff halte ich für ungeeignet. Besser finde ich »die Verfassungsbezogenheit«.

Gedankensammlung 2018-01-06

Kung Fu Panda [Englisch] ist ein Film für die ganze Familie. – Die Moral dieser Film-Geschichte ist, dass wir an einen Menschen glauben können, an seine Entwicklung, seine Wandlungsfähigkeit, seine Möglichkeiten, einen bestimmten Weg zu gehen. – Dieser Mensch verwendet vielleicht andere Methoden, als wir es gewohnt sind, um zu einem Ziel zu gelangen, aber er kann es und schafft es.

Es ist aber auch ein Beitrag, der die individuelle Freiheit betont und die Individualität als etwas Wertvolles hervorhebt. – Die Einzigartigkeit von uns Erdenwesen, wird in dem Film anschaulich gemacht. – Aber auch die Freude, die wir haben, miteinander zu sein und uns gegenseitig zu schätzen und zu mögen.


Die Autorin Frances Coppola hat auf ihrem Blog einen Artikel über Eugenik veröffentlicht [Englisch] , in dem sie sich mit einem Beitrag von Toby Young auseinandersetzt.

Young will die Gesellschaft »verbessern«, indem intelligentere Menschen sie bevölkern, als es heute der Fall ist. Wie will er das erreichen? Mit Eugenik.

Eugenik ist eine labormäßige, technische, biologische Herumexperimentiererei am Menschen. Statt Eugenik könnte sie auch Frankensteinik genannt werden, so absurd, gefährlich und bedrohlich erscheint sie mir. – Die negative Eugenik eliminiert Unerwünschtes am Menschen, oder den Menschen selbst. Sie war bevorzugte Methode bei den Nazis.

Die positive Eugenik will Erwünschtes beim Menschen fördern. – In dem zitierten Artikel von Coppola geht es um »Intelligenz«, die erwünscht ist, und in der Gesellschaft einen Vorrang eingeräumt werden soll. Wie denkt sich Toby Young das?

Embryonen sollen untersucht werden. Jene, die wahrscheinlich den intelligenteren Menschen hervorbringen, sollen sich entwickeln dürfen, die anderen eher nicht. Dadurch würde sich die Qualität der Gesellschaften verbessern und leistungsfähigere, klügere Menschen hervorbringen.

Die Autorin verurteilt zurecht diesen Ansatz, obwohl sie meiner Meinung nach, viel zu viel Gedanken an dieses Konzept verschwendet.

Eugenik ist ja eben nicht »Gott spielen«. Es ist »Teufel spielen«.

Wir Menschen sind, wie wir sind. In die natürlichen Vorgänge einzugreifen, ist »Teufel spielen«. Statt einer Wahnidee hinterherzuhecheln, die uns alle zu Intelligenzbestien macht, soll das Leben selbst entscheiden, wie die Menschheit sich entwickelt. – Möglicherweise gibt es auch Ruhephasen in der Menschheitsentwicklung.

Was ist aber mit Eltern, die kein behindertes Kind großziehen wollen. Ist das berechtigt, Embryos auszusortieren? Das ist Privatsache. Wer es tun will, trägt auch die moralische Verantwortung dafür, dass ein Embryo nicht zur Entwicklung freigegeben wurde. Aber es ist nicht Sache und Angelegenheit der ganzen Gesellschaft.

Coppola beschreibt aus ihren persönlichen Erfahrungen und jene, mit ihrem Sohn, wie Schulprüfungen darüber entscheiden, ob man in angemessene Schulen gelangt und einen erwünschten Lebensweg gehen kann. – Das wird aber so dargestellt, als ginge es um Leben oder Tod.

In der heutigen Zeit wird den Menschen suggeriert, nur die Fittesten finden einen guten und gut-bezahlten Job. Der Wettbewerb gegeneinander ist wichtiger denn je, in den heute totalitären Pseudo-Demokratien. Und Frances Coppola scheint selbst in einer solchen zu leben.

Gesellschaften, in denen jegliche gegenseitige Fürsorge und Mitgefühl aufgegeben wurde und nur noch der nackte Überlebenskampf »Jeder gegen jeden« an der Tagesordnung ist, sind der ideale Nährboden für dämonische Vorschläge, wie die Eugenik, als Ausweg aus der Krise.

Statt sich der offensichtlich »kranken Seele« des Menschen zuzuwenden, wird an seiner Physis herumgebastelt, um ihn besser zu machen.

Ist die Entwicklung der Menschheit statisch? Sicher nicht. Es ist egal, ob 10 Milliarden Menschen sich weiterentwickeln, oder 10. Wenn sich die Erde durch den Klimawandel soweit verändert, dass ein Großteil der Menschheit stirbt, dann ist es halt so. – Wir Menschen müssen auch fühlen können, welcher Weg der richtige ist. Was moralisch vertretbar wäre, und was nicht. Wären die Nazis nicht gestoppt worden, wäre deren Denken heute noch Gesetz.

Toby Young, mit dem sich Frau Coppola in ihrem Beitrag auseinandersetzte, ist ja gerade in den letzten Tagen, Thema in England gewesen, weil er von der Tory-Regierung zur Aufsichtsperson über die Universitäten erklärt werden sollte. Dabei wurden viele seiner Tweets auf Twitter zitiert, die ihn in moralisch fragwürdiger Haltung zeigten. – Und da passen seine Ansichten zur Eugenik »wie die Faust auf’s Auge«.


In den USA wurde ein Fall diskutiert, der im Kontext »Diskriminierung« in Erscheinung trat. Ein Konditor, der sich auf Hochzeitstorten spezialisiert hatte, weigerte sich, einem homosexuellen Paar eine Torte zu kreieren. Hier ein Artikel darüber. [Englisch] – Ich habe den Fall nicht weiterverfolgt. Er dient mir hier als Aufhänger, um über das Thema »Arbeit« und Arbeitszwang zu sinnieren.

Es gibt ganz unterschiedliche Situationen von Arbeit. – Eine Person ist in einer großen Firma beschäftigt. Sie arbeitet in einem Abhollager. Die Kunden kommen mit der Kauf-Quittung zum Ausgabeschalter, um die Ware in Empfang zu nehmen. Die Person reicht nach Vorlage der Quittung die Ware aus.

Wenn nun diese Person die Ware nicht aushändigen würde, weil ihr die Kopfbedeckung eines Kunden nicht passt, der seine Ware abholen will, dann kann sie nicht an dieser Stelle arbeiten und wird höchstwahrscheinlich entlassen. – Oder es kommen zwei Männer, und die Person glaubt Homosexuelle zu bedienen, und sie weigert sich die Ware herauszugeben, dann wird sie ebenfalls höchstwahrscheinlich ihre Stelle verlieren. Aber hier wäre schon unklar, ob die Person belangt würde, weil sie ihre Arbeit nicht macht oder weil sie sich diskriminierend verhält.

Aber es wird bereits deutlich, dass für »abhängig Beschäftigte« die Situation viel klarer zu sein scheint. Denn abhängig Beschäftigte müssen gemäß den Anweisungen ihrer Arbeitgeber sich verhalten. Sie müssen das tun, was ihr Chef ihnen sagt, sonst verlieren sie diesen Arbeitsplatz wieder. Diskriminierung wäre in diesem Fall eine nachgeordnete Verfehlung. Vorrangig wäre die Arbeitsverweigerung, die belangt würde.

Anders sieht die Sache aus, bei Selbstständigen.

Selbstständig sein, kann nicht bedeuten, dass eine fremde Person mit einem Geldschein winkt, und der Selbstständige müsste das machen, was der Geldbesitzer will. Denn wäre das so, dann wäre der Selbstständige nicht selbstständig, sondern ein Sklave.

In den alten Sklavengesellschaften hob der »Master« die Peitsche, und der Sklave wusste, er muss jetzt das tun, was der Sklavenhalter will, sonst wird er geschlagen. Heute hat sich die Peitsche in einen Geldschein verwandelt. Zumindest glauben manche Geldbesitzer, sie könnten über arbeitswillige, aber selbstständige Menschen verfügen, wenn sie mit dem Geldschein winken. – In einer freien Bürgergesellschaft darf jedoch genau das nicht möglich sein, dass das Selbstbestimmungsrecht der Menschen mit der Bezahldrohung ausgehebelt wird. – »Ich drohe, dich zu bezahlen. Dann musst du das machen, was ich von dir will.« – So darf es eben nicht sein.

Gerade heute haben wir die Situation, dass viele Geldbesitzer, die sich ihr Geld (=Verfügungsrecht über Andere) womöglich auf dubiose Weise beschafft haben, meinen, sie könnten mit diesem Hebel beliebig über andere Menschen verfügen.

Nehmen wir den selbstständigen Schreiner. Er bekommt den Auftrag, einen Tisch neu herzurichten. Ein verschnörkeltes Muster soll eingraviert werden. Er macht sich große Mühe, aber der Kunde befindet, es sei nicht in Ordnung. Der Schreiner soll nun kostenlos eine Ersatzleistung erbringen.

Warum sollte es nicht möglich sein, nicht für Leute zu arbeiten, die einem aufgrund verschiedener Umstände unsympathisch sind? Und stattdessen seine Dienstleistungen nicht mehr offen, am Markt anzubieten, sondern nur noch privat. – Personen, die einem als vertrauenswürdig vermittelt werden, hätten die Gelegenheit, sich als akzeptable Kunden zu bewähren. – Wer als Kunde nur Ärger macht, bekommt keine Arbeitsleistung, auch wenn dieser noch so viele Geldscheine besitzt. – Eine Verpflichtung, für irgendjemanden zu arbeiten, gibt es nicht, im Bereich der Selbstständigkeit.

Wie wäre es denn, einmal festzuhalten, dass ein Selbstständiger niemals verpflichtet ist, für jemanden eine Leistung zu erbringen. Sondern immer nur »freiwillig« dies tut. Somit besteht auch für niemanden ein Recht, eine Leistung erwarten zu dürfen. Wer selbstständig ist, kann nach eigenen Kriterien entscheiden, für wen gearbeitet wird und ob überhaupt.

Sonst hätten wir ja wieder den Arbeitszwang für alle, über die Hintertür des Geldbesitzes. Wer Geld besitzt, könnte andere zwingen, für einen zu arbeiten. – Das kann aber niemals der Fall sein. Arbeit ist eine grundsätzlich freie Angelegenheit. Niemand, kein Staat, kein Richter, kein vermeintlicher Kunde hat das Recht, einen anderen Menschen zu irgendeiner Arbeit zu zwingen.

Diskriminierung meint aber etwas anderes. – Wenn allen Bürgern Leistungen zugänglich sind, und man würde bestimmte Personengruppen von diesen Leistungen ausschließen, das wäre Diskriminierung. – Aber individuelles Verhalten ist keine »allen Bürgern zugängliche Leistung«. Individuelles Verhalten benötigt die »Freiheit für das Individuum« und die eigene, unabhängige Entscheidung.

Verschiedene Dimensionen

Die wirkliche Welt ist wie zugemauert. Der Mensch hat kaum noch Betätigungsmöglichkeiten. Alles ist blockiert und gesperrt, durch Eigentumsrechte, Besitzansprüche, Verbotszonen.

Hingegen das Internet erscheint wie das Paradies. Zumindest ein Raum mit unendlicher Freiheit und Entfaltungsoptionen. Es gibt kaum etwas, was das Individuum dort nicht alleine erledigen könnte. Der Selbstverwirklichung ist so gut wie keine Grenze gesetzt.

So verlagert sich unser Leben immer mehr in das Internet. – Der öffentliche Raum ist nicht die Dorfstraße oder die Fußgängerzone, sondern die Datenautobahn und die sozialen Netzwerke und der Blog und die Homepage, YouTube und Twitter. Aber auch Bildung und Wissensvermittlung, beruflich tätig sein und professionelle Aktivitäten sind möglich. Und natürlich sich zu unterhalten, Spiele zu spielen, mit anderen zu kommunizieren, über Skype, Email und Co. Wir können Bücher schreiben oder lesen, einkaufen beim Online-Händler, über Karten den nächsten Urlaub planen und ihn dann auch gleich buchen, oder uns mit dem Smartphone im Auto zum nächsten Ausflugsziel navigieren lassen. – Das Internet und die Computertechnik ist die eierlegende Wollmilchsau schlechthin. – Dagegen ist die physische Welt lahm und bedrückend.

Wer ohne Internet lebt, ist auf die alten Orientierungen angewiesen. Zeitung, Radio und Fernsehen. Besuch beim Nachbarn. In die Kirche gehen. Ein Papierbuch lesen. Neuigkeiten mündlich weitererzählen. Mit dem Bus in die Stadt fahren, um die Bibliothek aufzusuchen, um etwas nachzuschlagen. Zur Bank laufen, um den Überweisungsbeleg in den Briefkasten zu werfen und die Kontoauszüge ausdrucken zu lassen. Beim Arzt anrufen, um einen Untersuchungstermin zu vereinbaren.

Es braucht Jahre, aber die Veränderungen kommen. Wer nicht will, wer das Internetzeitalter meidet, der lebt halt anders. Es braucht noch einige Zeit. Aber die Gesellschaften werden sich so verändern, dass die nächsten Generationen ganz selbstverständlich in diese neue Welt eintauchen werden. Und das Entscheidende dabei ist, wir Menschen erhalten dadurch mehr Möglichkeiten. Deshalb werden wir es nutzen.

Kollegen in der Firma .. Kollegen im Dienst

Viele Menschen kennen diese Situation gar nicht. Sich mit anderen am Arbeitsplatz absprechen müssen, sich mit Kolleginnen und Kollegen arrangieren müssen.

Eine Menge Leute gestalten ihre Tätigkeiten selbständig, verfügen über einen eigenen Arbeitsplatz, den sie komplett selbst verantworten und gestalten können und sind somit auch nicht von anderen Personen dabei abhängig oder rechenschaftspflichtig. – Dazu gehören unter anderem Handwerker, Kulturschaffende, Künstler, Personen im Gesundheitsbereich und natürlich Unternehmer.

Aber es gibt nun einmal auch ganz viele, die ständig mit Kollegen sich absprechen müssen, zum Beispiel im Handel, in Verkaufsläden, im Lagerbereich. Und natürlich gibt es nicht nur die selbständigen Handwerker, sondern auch die vielen abhängig beschäftigten, die ihren Chef haben, ihren höher eingestuften Kollegen, mit denen sie sich arrangieren müssen und den ganzen Tag zusammen sind.

Ist es einfach, sich mit Kollegen abzusprechen?

Nein, es kann schwierig sein, mit manchen Kollegen. Am anstrengendsten sind Kollegen, die aggressiv, unfreundlich und unhöflich sind. Ja, es gibt sogar welche die sich unverschämt und beleidigend verhalten und sogar welche, die gezielt Mobbing betreiben, ihre Kollegen bedrohen, schikanieren, bewusst bei der Arbeit benachteiligen, schlecht stellen, provozieren, um diese Personen aus der Firma oder aus der Behörde oder Institution herauszutreiben, um den Arbeitsplatz Freunden, Verwandten oder Bekannten zuzuschustern. – Mit anderen Worten, es ist gar nicht so einfach, ein friedvolles Zusammenwirken zu gestalten, wenn man böswillige Mitmenschen als Kollegen hat.

Wie kann man nun damit umgehen, mit solchen Situation.

Einmal sind das allein private Vorgänge, die aber in einem öffentlichen Raum stattfinden. Wer mir privat in seinem Verhalten nicht sympathisch ist, diese Person kann ich einfach meiden, indem ich keinerlei physisches Zusammensein zulasse und im Internet meidet man solche Leute, indem man sie blockiert, ignoriert und einfach kein Gespräch mit ihnen führt.

Für den einfachen Mitarbeiter ist die Firma ein Ort, der nicht von ihm eingerichtet wurde. Jemand anderes hat ihn geschaffen. Der Firmengründer, der Firmenkäufer, der Besitzer der Firma, der Eigentümer der Firma. – Warum halten wir uns an diesen fremden Orten auf? Wir wollen Geld haben, und gehen dort hin, um für Arbeit Geld zu bekommen. Das ist oft der einzige Grund, warum wir an solche fremde Orte gehen. Wir haben kein persönliches Interesse, uns dort aufzuhalten. Wir wollen nur das Geld haben. – Und es gibt Menschen, die die Arbeit durchaus interessant finden, und vielleicht sogar gerne zur Arbeit kommen.

Nun haben wir aber einen absolut unsympathischen Kollegen. Und was nun?

Wenn wir den Kollegen meiden wollen, gehen wir nicht mehr zur Arbeit. Dann sehen wir die Kollegen nicht mehr, die einem unsympathisch sind. Aber wir bekommen auch kein Geld mehr, da wir nicht am Arbeitsplatz unsere Arbeit machen. Ein Problem!

Wir können uns beim Chef beschweren. Es können Gespräche stattfinden. Der gemobbte Mitarbeiter kann sich immer wieder über einen Kollegen beschweren, aber wie geht es jetzt weiter. Der Chef kann abwiegeln, kann sagen, das Angeführte sei nicht der Rede wert, in den Kasernen des Militärs gäbe es auch schon mal ein rauer Ton. Das müsse der geschädigte Mitarbeiter aushalten. Oder der Chef kann sich auf die Seite des Klägers stellen, kann die beschuldigte Person ermahnen, oder diese zum Gespräch bitten, kann ein Dreiergespräch anberaumen, um eine gemeinsame Lösung zu finden. – Problematisch ist es, wenn der Chef oder der Vorgesetzte kein Verständnis für die Beschwerden des betroffenen Mitarbeiters aufbringt. – Wie kann es dann weitergehen?

Es ist im Grunde eine Konfrontationssituation, die sich nicht auflösen lässt. Eine Zusammenarbeit scheint unumgänglich, da alle Beteiligten aus der Arbeitssituation einen Gelderlös haben wollen. Wer sich zurückzieht, hat verloren, hat ein Einkommen verloren. Deshalb will sich niemand zurückziehen, aber es gibt Beteiligte, die mit Gewalt der Begegnungsangelegenheit ihr Gepräge aufdrücken wollen. – Dies müsste eigentlich abgewehrt werden. Aber von wem?

Der Chef kann sagen, »Geht mich nichts an. Die Leute in meiner Firma müssen schon selbst miteinander zurechtkommen«. – Ja, es ist wahr. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wäre die Situation für die Menschen viel leichter, weil sie nicht existenziell abhängig von den Einnahmen am Arbeitsplatz wären. Sie könnten sich bei miesen Arbeitsbedingungen, zu denen auch ein schlechtes Arbeitsklima zählt, zurückziehen. Allerdings sollten böswillige Menschen auch nicht die Möglichkeit erhalten, ihre Mitwelt zu terrorisieren. – Es muss also Gelegenheiten geben, solches Verhalten abzublocken.

Was kann eine betroffene Person tun?

Nehmen wir an, eine Kollegin spricht einen Kollegen vor den Kunden an, es sei die Arbeit nicht richtig gemacht worden. Einmal ist es nicht klar, ob diese Aussage überhaupt stimmt, zum Anderen geht es nicht, vor den Kunden einen anderen Mitarbeiter herunterzuputzen oder zu tadeln. Grundsätzlich sollte überlegt werden, ob ein Rechtsanwalt zurate gezogen wird. Insbesondere dann, wenn es ein gut bezahlter Job ist. Denn um einen solchen Job zu kämpfen, würde sich lohnen. Oder wenn man in der Gewerkschaft ist, kann die Gewerkschaft eingeschaltet werden. Wenn beides nicht infrage kommt, muss der Chef auf das Thema angesprochen werden. Wie verhält er sich, zeigt er Verständnis für das Anliegen, oder blockt er ab und stellt sich sogar auf die Seite des Beschuldigten. – Die gemobbte Person muss deutlich machen, dass sie solches Verhalten nicht duldet. Wie sehen dann die Konsequenzen aus? Man kann ankündigen, dass man mit der beschuldigten Person in keinster Weise mehr zusammenarbeiten will. Und wie ist das zu bewerkstelligen, wenn es von den Arbeitsabläufen nicht möglich ist? Wenn die beschuldigte Person eine firmeninterne Vorgesetzte ist, entsteht ein kaum lösbares Problem.

Hier zeigt es sich wieder, wie heilend ein Bedingungsloses Grundeinkommen wirkt. Denn wir wären nicht aufeinander angewiesen, um zu existieren und wir könnten uns Beziehungsverhältnisse suchen, in denen wir uns wohlfühlen. – All das ist heute nicht möglich.

Kommunikation, neue Medien und Parteien

1. Dialog oder Monolog?

Eigentlich ist das gar nicht so wichtig. – Wir können sowohl als auch uns unterhalten.

»Dialog« ist unter uns Menschen möglich, wenn wir ein genügend Maß an Übereinstimmung in unseren Ausführungen entdecken. Dann wird das Gespräch zu einem »gemeinsamen« Gespräch. Und wir können unseren Gedankenaustausch vertiefen.

Stellen wir aber fest, dass die Unterschiede in unseren Ansichten überwiegen, dann tauschen wir uns in Form von Monologen aus. Das geht auch. – Das ist dann das »Maximum der Gefühle«, einander zuzuhören.

Und erscheinen uns die Äußerungen eines Mitmenschen unerträglich, dann hören wir »weg«, hören wir nicht zu und warten, bis derjenige mit seiner Zeit fertig ist, die ihm in einer Gesprächsrunde eingeräumt wurde.

Einen »Bürgerdialog« unter uns Menschen gibt es nur, wenn ein ausreichendes Maß an Übereinstimmung vorhanden ist.

Wenn wir also über das »Grundeinkommen« miteinander reden, dann ist das in dialogischer Form nur möglich, wenn genügend Übereinstimmungen vorhanden sind. Wer sich zu einem Gespräch über das Grundeinkommen anmeldet und dann Dinge erzählt, Standpunkte vertritt, die nicht als »angemessen« erlebt werden, dann ist das Gespräch schnell zu Ende. Derjenige hat in dem Fall nur das Stichwort »Grundeinkommen« genutzt, um ins Gespräch zu kommen.

Das Stichwort »Grundeinkommen« allein reicht nicht, um miteinander zu reden, wenn es nicht von Ansichten getragen ist, die wir teilen!

Aber eine monologische Gesellschaft kann ebenfalls funktionieren, wenn die unterschiedlichen Standpunkte (Monologe) sich in einer Abstimmung als Optionen wiederfinden, und für alle zur Wahl stehen. Und eine »Mehrheitsentscheidung« von den in der Abstimmung Unterlegenen, akzeptiert wird.

Der Bürgerdialog in einer Bürgergesellschaft ist somit eine Fiktion. Ein Wunsch.

Tatsächlich haben wir immer nur mit einer begrenzten Zahl von Menschen ein höheres Maß an Einschätzungsübereinstimmungen. Und mit vielen anderen, mit den meisten anderen eine Differenz in den Einschätzungen und Bewertungen der Lebenswelt.

Wie können wir dann aber zusammenleben?

Wir suchen in der komplexen Welt unsere Nischen. In diesen leben wir das Leben, das uns gemäß erscheint. Wir versuchen uns, einer Normierung und Einpassung zu entziehen. Dort, wo es geht, bemühen wir uns, die Umstände unseren Bewertungen gemäß zu beeinflussen. Wir stehen im Wettstreit mit anderen Menschen um die »Deutungshoheit«, über die Dinge des Lebens.

Dass wir miteinander also gleich in ein vertrautes Gespräch geraten, ist eher unwahrscheinlich oder ein Glücksfall, was schon einmal passieren kann.

Somit kann es total verlockend sein, mit Leuten, die unter dem Stichwort »Grundeinkommen« umherziehen, gemeinsame Sache zu machen und mit denen dann zum Thema »Grundeinkommen« Projekte durchzuführen. – Aber das können dann diejenigen sein, mit denen man nur »Monologe« austauscht.

Der Punkt ist, dass man ein Maß an Übereinstimmung mit anderen erlebt, das als zufriedenstellend empfunden wird. – Nehmen wir aber Differenzen wahr, die wie emotionale Gewitter und Blitze auf uns wirken, gehen wir eher auf Distanz.

So können wir im Alltag mit der gleichen Person wechselnde Erfahrungen machen. – Zum Beispiel entdecken wir zuerst große Übereinstimmung. Ein Freudentaumel erzeugt sich in uns. Später können wir schmerzhaft empfinden, dass starke Unterschiede in den Wahrnehmungen und Beurteilungen der Welt vorhanden sind. Wir gehen auf Distanz und sind enttäuscht. – Der Mensch verändert sich, ändert seine Meinung. Oder er offenbart nicht von Anbeginn seine Einstellungen und Haltungen. – All das beeinflusst uns, ob wir monologisch oder dialogisch miteinander umgehen.

Was ist also zuerst da. Was muss zuerst da sein? – Die »ausreichende Übereinstimmung«, die es ermöglicht, miteinander in einen Dialog zu treten, oder muss zuerst da sein, die Dialogbereitschaft, und als Folge entstehen Verbindungen und Verknüpfungen, die uns einer gemeinsamen Welt näher bringen?

Die Menschheit entwickelt sich weiter.

Unabhängig von unseren individuellen Entscheidungen, brechen sich die Dinge Bahn, wenn deren Zeit gekommen ist. – Die Entwicklungen setzen sich durch. Egal, ob mit unserer Zustimmung und begleitenden Gestaltung, oder gegen uns und eventuell durch den Untergang von Menschen.

Jetzt sehe ich gerade, dass der Dialog unter Wikipedia in einer ähnlichen Weise beschrieben wird, wie ich ihn eigentlich verstehe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dialog

Nach Bohm ist der Dialog geprägt von einer Intensivierung der Gespräche. Durch diese Vertiefung ….

Andererseits scheint der Begriff Dialog oft identisch zu sein, mit »Gespräch«. – Und es gibt diejenigen, die mit Dialog eine »Methode« der Gesprächsführung verbinden.

Am ehesten passt also der Dialogbegriff, der David Bohm zugeschrieben wird.

Aber hier noch ein Beispiel für die »monologische« Situation. – Der Teilnehmer einer Gesprächsrunde schert sich nicht darum, was gerade besprochen wird. Er bringt sich ins Gespräch ein, in dem er einen Satz, ein Wort aufgreift, das gerade fiel, und dann eine völlig andere Geschichte, ein völlig anderes Thema erzählt. – Allein das kann die anderen verärgern, weil es eine Ignoranz darstellt, gegenüber den Teilnehmern und insbesondere dann, wenn diese Person erst kürzlich zur Gruppe hinzugestoßen ist.

Und diese Person neigt dazu, kein Ende zu finden, bei ihren Ausführungen. Vom Hölzchen zum Stöckchen, und so weiter, geht die Erzählung. Und die anderen sind unzufrieden und langweilen sich und getrauen sich aber nicht, dem Treiben Einhalt zu gebieten. – Und wenn dann über die Zeit, bei mehreren Gesprächen in der Folge, nie das Gefühl entsteht, man hätte Gemeinsamkeiten, ein gemeinsames Gespür für die Themen, eine Ähnlichkeit in der Auseinandersetzung mit Sachverhalten, dann geht gar nichts. – Und es kommt Erleichterung auf, wenn man sich wieder von einander verabschieden kann.

Sodass zu sagen wäre, es gibt »Gespräche« unter den Bürgern. Diese können in Monologe ausarten. Und wenn es gut läuft, kann ein Dialog entstehen. – Wann läuft es gut? Das hatte ich in diesem Artikel am Anfang dargelegt: es müssen ausreichend Gemeinsamkeiten vorhanden sein, die vertrauensbildend wirken und eine entsprechende Atmosphäre schaffen.

2. Email-Verteiler – eine einfache Sache?

Wer in einer Gruppe sich befindet, oder mit mehrere Personen bekannt ist, möchte vielleicht Nachrichten mit den anderen austauschen. – Dazu können wir eine Mail schreiben, und an alle anderen verschicken. Ganz einfach. Oder?

Wer es komplizierter machen will, kann einen Email-Verteiler verwenden. Das ist eine Software, die eine Mail an die anderen Teilnehmer weiterleitet, die in dem Verteiler mit ihrem Namen und ihrer Mail-Adresse registriert sind.

Oder ist das jetzt noch einfacher?

Nun, dieses Verfahren ist auf alle Fälle »schlechter« als das zuerst genannte. – Beim erstgenannten Verfahren entscheiden alle Teilnehmer einer Gruppe oder losen Verbundes selbst, ob sie eine Mail erhalten wollen, indem sie dem Absender sagen, ob sie Mails von ihm wollen, oder indem sie den Absender in den Spam-Ordner verschieben, sodass von ihm keine Mails mehr erscheinen. Es ist Privatsache. – Auch können im erstgenannten Fall alle Teilnehmer selbst entscheiden, wem sie Mails senden wollen und wem nicht.

Das ist aber ganz anders, wenn eine Mailinglisten-Software verwendet wird. – Da haben wir einen oder mehrere Administratoren, die entscheiden, wer in die Liste aufgenommen wird und wer aus ihr rausfliegt. Und die Teilnehmer können nicht selbst entscheiden, wer ihre Mails erhält. Auch können sie nicht einzelne Teilnehmer als Spam markieren, sodass sie von diesen keine Mails erhalten. Und es kann sein, dass sie nicht wissen, welche Personen überhaupt als Teilnehmer in der Mailingliste sind. – Hinzu kommt noch, dass sich jemand Zugang zur Mailingliste verschaffen kann, indem er den Administrator unter Druck setzt, ihn gefälligst als Teilnehmer aufzunehmen.

Das heißt, die Mailinglisten-Software ist eine Bevormundung, Gängelung und Einschränkung und bietet Möglichkeiten der Manipulation. Sie sollte gar nicht eingesetzt werden. Und sie hat keinen Vorteil gegenüber dem ganz normalen Mailversand. – Wer es sich bequemer machen will, kann eine private »Liste«, zum Beispiel in Thunderbird oder unter Google-Mail, sich anlegen, um den Mailversand rationeller zu gestalten. Aber Mailinglisten-Software, wie sie zum Beispiel auch von Google-Groups angeboten wird, ist unnötig.

3. Eine neue Partei bedeutet neue Möglichkeiten?

Die neue Partei nennt sich vielversprechend »Demokratie in Bewegung«.

https://bewegung.jetzt/

Jeder kann mitmachen, schreiben die Organisatoren. Dann wird erklärt, wie es funktioniert.

https://bewegung.jetzt/2017/04/03/so-funktioniert-das-initiativprinzip/

Wer eine »Initiative« einbringen will, unterwirft sich einem Moderationsteam. Oder wahlweise einer »zufällig ausgelosten Jury«. Diese bewertet dann den eingebrachten Beitrag.

Jetzt stellt sich die Frage, warum sollte jemand in eine Partei eintreten, und in deren »Laufstall« seine Ideen entwickeln und sich deren Regel, Gesetzen und Geboten unterwerfen, wenn wir eh schon die Gesellschaft voller Reglementierungen haben? – Dafür gibt es überhaupt keinen Grund.

Das wäre ja eine mutwillige Selbstbeschränkung.

Wenn ich für das »Grundeinkommen« bin, kann ich mir in der Gesellschaft Mitbürger suchen, die gemeinsam mit mir für eine Grundeinkommens-Gesellschaft eintreten. – Das genügt doch, um das Ziel zu verfolgen.

Nur wer glaubt, ohne »Parteien« würde die Gesellschaft nicht funktionieren, wird immer wieder von Neuem Parteien ins Spiel bringen, wenn es um die Gestaltung unserer Lebenswelt geht. – Dabei ist es unsere Aufgabe, jetzt und in Zukunft ohne diesen Krückstock »Partei« zurecht zu kommen.

Pluralismus, Multikulturalismus und Menschenrechte

Nicole Lieger spricht in ihrem Text »Pluralismus in der Politik der Anziehung« von unterschiedlichen Lebenskonzepten und Sichtweisen, und stellt die Frage, ob diese, nebeneinandergestellt, keine unterschiedliche Bewertung erfahren sollen.

https://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger/pda/plural.pdf

Frau Lieger spricht in ihrem Artikel nicht von den Menschenrechten. Aber gerade diese sind bei der Betrachtung von »Multikultur« und Pluralismus von großer Bedeutung.

Dass die »eigene Kultur« bedingt und begrenzt ist, bedeutet ja nicht, ein »kritikloses« Leben zu leben, in dem alles geschieht und da ist, und wir es hinnehmen müssen. Multikulturalismus und Pluralismus können nicht bedeuten, auf eine kritische Weltbetrachtung zu verzichten.

Gerade die Menschenrechte können dabei helfen, zu erkennen, wie eine Weltsicht aufgebaut sein könnte, die es zu verteidigen gilt. – Denn wenn wir darauf verzichten, die Lebenskonzepte und Verhaltensweisen um uns herum zu beurteilen, weil wir »kein Recht dazu haben«, weil wir »alle gleichermaßen« Werte und Regeln schaffen können, dann bleibt nichts für eine Orientierung und dann kann auch jede Gruppe versuchen, mit ihrer Lebensweise eine Vorherrschaft auf der Welt zu erlangen. – Denn wir sind doch alle gleich mit unseren Anliegen!

Was also ist verteidigungswert, was erstrebenswert, in welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir feststellen, dass eine Grundeinkommens-Gesellschaft besser ist, als eine Hartz4-Gesellschaft, dann gelingt diese Feststellung doch nur, indem wir einen Wertekanon definieren, der durch die heutige Politik nicht erfüllt wird, der aber für uns unbedingt erstrebenswert und »menschenwürdig« ist. – Und wir erleben es gerade heute, dass die Vertreter der Regierung, der Regierungspolitik, kalt und skrupellos ihre Weltsicht in Gesetze packen, die für alle gültig sein sollen, und eine große Zahl an Menschen bereit sind, für die Politiker diesen brutalen Umgang mit den Menschen, mit den Armen und Arbeitslosen zu betreiben.

Sollten wir da nicht »pluralistisch« sein und sagen, »lasst die doch, die wollen halt anders das Leben gestalten«?

Dabei fällt nun auf, dass eine »Trennung« von unterschiedlichen Lebenskonzepten, Lebensweisen und Kulturgestaltungen gar nicht möglich ist. – Wenn der Nachbar im Wohnhaus aufgrund seiner »anderen Kultur« das Patriarchat pflegt, dann kann das unmittelbar für die übrigen Bewohner im Haus, in der Nachbarschaft Konsequenzen haben, zum Beispiel wie die Kinder dieser Leute sich verhalten, in der Schule, im Kindergarten, was in der Wohnung passiert und wie es den Frauen dort ergeht. All das strahlt aus, auf die Nachbarschaft und vielleicht sind die Mitmenschen nicht der Meinung, dass das in Ordnung ist, was da passiert.

So sind Kultur und Lebensweise nicht »monadenhaft« zu verstehen. Sie sind öffentlich, sie sind sichtbar, sie sind für alle, die den Lebensraum teilen, spürbar und erfahrbar. Und wir sind aufgerufen, damit umzugehen. Eine »Pflicht« zu irgendetwas, gibt es da nicht. Manche Menschen folgen ihrem Gefühl. Sie empfinden womöglich bestimmte Lebensweisen nicht als angemessen, nicht als richtig. Andere wiederum suchen nach rationalen Erklärungen, wie es vielleicht auch Frau Lieger in ihrem Beitrag getan hat.

Zu diesen rationalen Erklärungen und Bewertungen zählen dann auch die Menschenrechte. – Warum gibt es sie?

Gewalt, Mord und Totschlag wird immer wieder von Gruppen praktiziert, die gegen andere Menschen wüten und diese bedrohen. Wer Gewalt ausübt, muss Gründe haben. Und wer Gewalt ausübt, muss stark sein, sonst wird er schnell von der Gegnerschaft vernichtet und beseitigt.

Wenn heute in der globalen Welt Gewalt ausgeübt wird, dann meist durch »Staaten« oder Staatenbünden, die gegen andere Staaten oder Mitglieder der eigenen oder anderen Staaten vorgehen. Welche Argumente bringen sie dabei vor? – Meistens gibt es zu solchen Gewaltausbrüchen eine gewisse Vorlaufzeit. Die Weltgemeinschaft, alle Bürgerinnen und Bürger auf der Erde können sich über Nachrichten, persönliche Erzählungen und im Gespräch mit Mitmenschen ein Bild davon machen, wie diese Staaten »kulturell« einzuschätzen sind. Meistens sind es Jahre oder gar Jahrzehnte, in denen sich die Menschen ein Bild von den Kulturen, von den Staaten machen können, die es auf der Welt gibt. Und ein Staat oder Staatenbund fängt nun einen Krieg gegen andere an, wie auch immer das erklärt und begründet wird, und wir stehen vor der Aufgabe, das selbst einzuschätzen, selbst eine Position zu den Ereignissen zu haben. Ja, vielleicht ergibt sich sogar die Frage, ob wir aktiv für oder gegen diejenigen vorgehen wollen, die den Krieg begonnen haben.

Welche Kriterien helfen uns dabei, die Lage einzuschätzen? Wie wollen wir unsere Position zu den Ereignissen finden? – Gerade aus den Erfahrungen schrecklicher Kriege ist die Menschenrechts-Erklärung zu verstehen. Aus der Absicht, den Menschen eine Hilfe, eine Anleitung an die Hand zu geben, Ereignisse und Situationen zu bewerten, sind die Menschenrechte entstanden.

Was aber sind die Menschenrechte? Sie sind Individualrechte!

Dies ist ein sehr wichtiger Umstand. Denn vieles Unrecht, dass der Mensch erfährt, geschieht ihm als »Einzelwesen«. Er wird separiert, wird von der Herde, der Gruppe abgesondert, zum Beispiel, weil er sich angeblich »falsch« verhalten hat, und wird dann bestraft. – Oder der Einzelmensch separiert sich selbst von der Gruppe, der Herde, weil sie ihn erstickt oder mit ihren Regeln kein eigenes Leben leben lässt, aber die Gesellschaft ist nicht darauf vorbereitet, dass der sich selbst separierende Mensch existieren kann und für ein »Singleleben« gibt es keine Infrastruktur.

Das heißt, die Menschenrechte schützen den Einzelmenschen auch vor der Gruppe.

Findet damit aber eine »Bewertung« von Kultur statt? – Die Menschenrechte stellen den Einzelmenschen in den Vordergrund, und erklären den Einzelmenschen für wichtiger als die Gruppe. Wenn es um die Frage geht, wessen Ansinnen soll Beachtung finden und letztlich gewährt und unterstützt werden, befinden die »Menschenrechte« die Anliegen des Einzelmenschen höher als die Gruppenanliegen. – Ist das gut und richtig?

Darauf können wir nur individuell eine Antwort geben und dies einschätzen. – Wenn wir der Meinung sind, die Gruppenanliegen sind höher zu bewerten, als die Anliegen von Einzelpersonen, dann ist das halt so. – Ich halte die Menschenrechte für ein in der heutigen Zeit unbedingt brauchbaren und guten Orientierungspunkt, um sich in der globalen Welt zurechtzufinden und Situationen einzuschätzen und zu bewerten.

Aber stellen wir uns einmal vor, jemand würde die Gruppeninteressen höher bewerten, als die Individualinteressen. – Kann überhaupt eine »Gruppe« Interessen haben? Natürlich nicht!

Eine Gruppe kann nicht denken.

Auch hinter Gruppeninteressen stehen wieder einzelne Personen, die womöglich das Licht der Öffentlichkeit scheuen, die aber im Hintergrund die Gruppen lenken und Regeln bestimmen, nach denen die Leute ihren Weg gehen. – Somit kann davon ausgegangen werden, dass hinter Gruppeninteressen Machtinteressen einzelner Gruppenmitglieder stehen, die offen oder verdeckt, für alle anderen in der Gruppe, die Lebens- und Rahmenbedingungen formulieren.

Wollen wir das? Sind wir damit einverstanden?

Solange wir Pluralismus und Multikulturalismus nur aus der privaten Perspektive leben und beschreiben, von Bekannten aus dem Freundeskreis berichten, und wie wir mit ihnen umzugehen gedenken, hat das Ganze noch etwas Harmloses. Aber tatsächlich müssen wir uns als StaatsbürgerInnen denken, die Verantwortung für ein Gemeinwesen haben sollen. – Solange wir aus der Perspektive eines Jugendlichen oder jungen Menschen in die Welt schauen, fehlt meist der »Verantwortungs-Aspekt«. Menschen in diesem Alter haben meist noch keine Verantwortung für die Gemeinschaft, »für alle«. – Sofern wir aber diese Verantwortung für uns selbst in Anspruch nehmen, sofern wir Verantwortung für ein Gemeinwesen, für eine Familie, für eine kleine oder große Gruppe von Menschen übernehmen wollen und sobald wir die Öffentlichkeit und den öffentlichen Raum als einen wahrnehmen, den wir verantwortungsvoll gestalten wollen, dann können wir nicht mehr alle Lebensweisen zur »Privatsache« erklären, sondern müssen auch die Konsequenzen und wechselseitigen Wirkungen mit in unsere Betrachtung mit einbeziehen, wenn wir über »Kultur« sprechen und wenn wir ein Urteil fällen und unsere Kräfte in eine Richtung einsetzen möchten.