Nachgelesen

Schabbat – von Lea Fleischmann

Entlang eines inspirierenden Buches.

Diese Schrift der Autorin ist von Anfang der 90er Jahre. – Also über 20 Jahre alt. – Es ist interessant zu sehen, wie sich in dieser Zeit die Dinge weiterentwickelt haben.

Insbesondere die technische Entwicklung ist rasant fortgeschritten. Heute haben wir Smartphones, was es damals noch nicht gab. Und Windows XP oder Windows 8 gab es noch nicht. Und auch keine Smartwatches.

Und alle Völker müssen in ihrem Kulturerbe und in den überlieferten Weisheiten suchen, wie wir die Umwelt schonen und schützen können. Nicht nur die Naturwissenschaftler und Techniker sind aufgefordert, ihr Denken in neue Bahnen zu lenken, auch die Theologen, Philosophen und Dichter müssen ihr Augenmerk auf die gefährdete Natur richten. (19)

Hier sehe ich zwei Aspekte angesprochen. – Einmal der Blick in die Vergangenheit, was Kulturerbe und Weisheiten denn sein könnten und zum Anderen sollen wir alle in die Gegenwart schauen, wie sie denn bestellt ist.

Die Religiösen, die Wissenschaftler und die Künstler sind aufgerufen, sich umzuschauen und ihre Meinung zu sagen, wie unsere Lebenswelt beschaffen und in welcher Verfassung sie ist.

Vertreter der Kultur

Das bringt mich dazu einmal die Kulturschaffenden anzusprechen. – Sie sind in der heutigen Zeit mehr als schweigsam. Oder sie beklagen sich pauschal über unzureichende Zustände, ohne zu sagen, wie es denn weitergehen könnte.

Ja, wenn wir die Kulturschaffenden auf die heutigen, zum Beispiel politischen Vorgänge ansprechen, dann sagen sie ausdrücklich, sie wollen sich nur mit ihrer Kunst beschäftigen und sich nicht laufend den Umständen widmen müssen. – Aber sind nicht gerade die Künstler »Menschen der Öffentlichkeit«, Personen, die ständig im Öffentlichen Raum präsent sind? – Und müssten nicht gerade sie eben dort sich auch zu den aktuellen Vorkommnissen äußern. – Wie kann ein Künstler seine Kunst rechtfertigen, in einer in umgebenden Gesellschaft, die diktatorisch ist, die faschistisch ist, die totatlitär ist. – Kann er all dies ignorieren und einfach seine »Kunst« machen?

Ich bin davon überzeugt, dass gerade die Künstler nicht so blauäugig sein dürfen, meinen zu können, ihren Blick vor den Vorgängen um sie herum zu verschließen. – Das geht nicht und ist unglaubwürdig. Das entwertet die Kunst. – Denn was sind filigrane Metallarbeiten wert, wenn rings um den Künstler die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. – Dann besser auf Kunst in dieser Zeit verzichten und sich für eine würdige Welt einsetzen und danach wieder künstlerisch wirken. Oder die Kunst in den Dienst der Gemeinschaft stellen und die Verhältnisse anprangern und mit der Kunst den Menschen helfen.

Frau Fleischmann schreibt zwar (121), der Schriftsteller könne nicht in die Wirtschaft eingreifen, sein Wort sei klein im Vergleich zu dem der Industriemächte, aber das sehe ich nicht so. – »Jede Stimme zählt« sagen immer die Parteien. Dabei gilt dies auch in der Demokratie der Individualisten und Einzelpersonen. – In dieser Welt zählt gleichfalls »jede Stimme«. – Deshalb muss jede einzelne Person und erst recht die im öffentlichen Leben stehenden Kunst- und Kulturschaffenden, ihre Haltung kundtun, zu den wichtigen Fragen des Zusammenlebens und dem Zustand der Gesellschaft überhaupt.

Kulturerbe und überlieferte Weisheiten. Das wird nicht so einfach sein für die Deutschen. – Was soll das sein, nach der Schande, die sie angerichtet haben. Wo soll da vorher etwas Wertvolles gewesen sein. – Aber danach suchen sollten wir auf alle Fälle. – Vielleicht ließe sich daran anknüpfen.

Materialismus

Die Wissenschaft dominiert teilweise unser Leben, indem sie sich herausnimmt zu bestimmen, was »richtig oder falsch« ist. – Ganz untrüglich ist dieses Ansinnen berechtigt, denken wir bloß einmal, ein Flugzeug würde falsch konstruiert und zusammengebaut und wir stürzen während des Fluges ab. Da wäre das Klagen groß und deshalb soll alles richtig gemacht werden.

Diese gemeinte Wissenschaft ist materialistisch. – Das heißt, sie bezieht sich auf die physische Wirklichkeit. – Allerdings gibt es neben dieser Wirklichkeit auch eine nicht-physische. – Denken wir nur an die Seele. Hat jemand die Traurigkeit schon einmal »gesehen«? – Sie ist nicht sichtbar, sondern nur fühlbar. Sie ist seelisch. – Oder können sie die Idee eines Mitmenschen sehen? – Auch das Geistige ist nicht sichtbar und doch ist es existent.

Demnach gibt es neben der physischen Wirklichkeit noch weitere Wirklichkeiten, die nicht mit den Methoden der materiellen Wissenschaft ergründet und erforscht werden können.

Nun können aber die Vertreter der materiellen Wissenschaft die Neigung haben, das Leben in allen Bereichen dominieren zu wollen. Auch da, wo der Mensch aus seinen Gefühlen heraus entscheiden, oder gemäß seinen Gedanken sich verhalten will, wollen diese »Fachleute und Sachverständigen« mit ihrem Materialismus alles beherrschen.

Dem müssen wir Einhalt gebieten. Das dürfen wir nicht zulassen. – Der Kernkraftwerks-Ingenieur soll, wenn wir denn ein Kernkraftwerk wollen, als Gemeinschaft, dieses »richtig und nicht falsch« zusammenbauen, sodass es funktioniert und nicht uns alle gefährdet, aber bevor es überhaupt gebaut wird, müssen wir Menschen gemäß unseren Gefühlen, Gedanken, Ideen, die wir haben entscheiden, ob wir es überhaupt zulassen wollen, dass diese Megamaschinen in die Welt kommen.

Das heißt, wir alle müssen den materialistischen Wissenschaftler zügeln. – Bei Lea Fleischmann ist es die Religion, die dazu geeignet ist, dieser materialistischen Orientierung Einhalt zu gebieten. – In anderen Fällen kann es die Spiritualität sein, oder die geistigen Eingebungen, die geachtet und der Materie gleichgestellt oder sogar über sie gestellt werden muss.

Der Materialismus repräsentiert »nur« den Körper. – Aber die Welt besteht noch aus Seele und Geist. – Dem muss Rechnung getragen werden, in unserem Alltag. – Seele und Geist sind mindestens dem Körper gleichwertig. – Die Vieldeutigkeit des Universums, kommt mit Seele und Geist in die Welt, während der Körper eindeutig erkannt sein will.
Die Fähigkeit, sich aus der physischen Bestimmtheit herauszuheben, kann sich in der jüdischen Religion entfalten.

Direkte Demokratie

Die jüdische Lernhaltung insgesamt geht nicht davon aus, daß es eine richtige oder falsche Meinung gibt. Völlig widersprüchliche Deutungen sind nebeneinander aufgeführt, und es wird kein Kompromiß angestrebt. Wann eine Verhaltensregel festgelegt wird, entscheidet die Mehrheit; die Meinung der Minderheit bleibt erwähnt und wird nicht abgelehnt. (114)

Das ist das Abbild einer idealen Direkten Demokratie. – Denn sie besagt, es gibt viele Standpunkte. So viele, wie es Menschen gibt. Das akzeptieren wir. Aber in manchen Fällen müssen wir uns zu einer eindeutigen Haltung entscheiden, als Gemeinschaft, und dazu stimmen wir über mehrere Vorschläge ab und welcher die meisten Stimmen erhält, erachten wir (für den Moment) für uns alle als gültig. – Dabei bleiben die nicht-berücksichtigten Meinungen erhalten und erwähnt. – Sie kamen aber nicht zum Zug.

Dies bedeutet, dass in der »jüdischen Lernhaltung« dem Materialismus schon Einhalt geboten wird. – Und wenn dies eigentlich die Direkte Demokratie repräsentiert, dann werden die Nicht-Juden durch ihren zunehmenden Zuspruch für diese Form gesellschaftlichen Engagements diese Grundhaltung ebenfalls einnehmen.

Der Materialismus darf die Demokratie nicht dominieren.

Arbeitswelt

Nicht jede Arbeit ist abwechslungsreich, und viele mechanische Tätigkeiten müssen wir ausüben, aber wenn Arbeit nur noch aus automatischen Handgriffen besteht, wenn wir das Werk in seiner Gesamtheit nicht mehr begreifen, dann zerstört die Arbeit die Seele. (116)

Diese Erklärung zur Arbeit, im Kontext des Kapitalismus, ist deshalb interessant, weil sie sich deckt mit einer zentralen Aussage Rudolf Steiners zur Erfahrungswelt des Arbeiters, wie es Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbst in der Schule erlebte, an der er als Lehrender tätig war.
Die berechtigte Kritik am Kapitalismus beruhte auf dieser Lebens- und Arbeitserfahrung, wie sie in diesen Beschreibungen dargelegt wird, als »entfremdete Arbeit«. – Aber Steiner sah die Hinwendung zum Kommunismus nicht als den geeigneten Weg. – Besser wäre es gewesen, wenn »das Werk in seiner Gesamtheit« vom Arbeiter begriffen wird. – Stattdessen wird im Kommunismus die Feindschaft zwischen Arbeiter und Unternehmer gepflegt, die »Entfremdung« von den Vorgängen in der Wirtschaft wird nicht aufgelöst, oder fälschlicherweise gleichgesetzt mit dem »Eigentum an Produktionsmitteln«. – Dass die Entfremdung bestehen bleibt, ist an dem Scheitern der »Planwirtschaft« zu sehen.

Steiners Vorschlag war, dass Gesellschaft, Gemeinschaft, Unternehmer, Arbeiter sich in einem »gemeinsamen Handeln« wahrnehmen, zum Nutzen aller. Dazu müssen alle Beteiligten erkennen, dass sie alle beitragen, zur Versorgung der Gemeinschaft mit Gütern und Dienstleistungen. – Und somit alle wichtig sind, und geachtet gehören. – An dieser Stelle ist die Anerkennung für den Arbeiter zu verorten. – Er ist wichtig für den Produktionsprozess, wir gehen mit ihm gut um, er hat gute Arbeitsbedingungen, einen guten Lohn. Und heute könnten wir ergänzen, er bekommt ein Grundeinkommen, dass ihn frei von wirtschaftlichen Umwälzungen macht und seine Existenz sichert.

Die Gewerkschaften gehen immer noch diesen Weg des Kommunismus. – Sie pflegen die Feindseligkeit gegenüber den Unternehmern und sagen die Wirtschaft ist schuld. – Sie erpressen die Bevölkerung, um vom Arbeitgeber mehr Lohn zu bekommen. – Dabei gehen sie rigoros vor. – Auch wenn durch die Versorgungseinschränkungen die Bevölkerung in Bedrängnis gerät, wird behauptet, dies sei unumgänglich, um die Ziele durchzusetzen.

Was aber sind die Ziele? Immer wieder heißt es, dass ein anderer Lohn gefordert wird. – Überprüfen wir aber die Stundenlöhne, zum Beispiel im Logistikbereich, und sehen wie viel die Mitarbeiter verdienen, dann stellt sich heraus, sie verdienen nicht schlecht. – Nein, es geht den Gewerkschaften darum, dass der »dicke, fette, reiche Unternehmer-Bonze« mehr Geld rausrücken soll. Er hat ja genug.

Dann sind es aber nicht mehr berechtigte Forderungen zu einer guten und angemessenen Bezahlung der Mitarbeiter, es ist vielmehr ein »Machtkampf«, den die Gewerkschaften führen, um zu zeigen, sie sind so mächtig wie die Unternehmer und können diesen zu allem Möglichen zwingen. – Aber das dann für dieses Anliegen ebenfalls die Bevölkerung als Geißel herhalten muss, ist nicht mehr vermittelbar. – Hier sind die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr in Ordnung. Zu welchen Auswüchsen das dann führen kann, ist bei dem Skandal bei VW zu sehen. [1]

Hinzu kommt ja noch, dass die Gewerkschaften die Hartz4-Sanktionen nicht ablehnen, und wenn, dann äußerst kleinlaut. – Das heißt, sie unterstützen das Zwangsarbeitssystem in Deutschland, das ihnen immer wieder neue Mitglieder zuführt.

Die in den letzten Jahren stattfindenden Streiks zeichnen sich dadurch aus, dass sie besonders lange dauern und verbissen geführt werden. – Dabei ist zu bedenken, dass ein Teil dieser Arbeitnehmer, die heute streiken, durch die Arbeitsagenturen und Jobcenter zur Arbeit gezwungen wurden. Dass sie dann die Gelegenheit nutzen, mit Hilfe der Gewerkschaften sich gegen diese (unerwünschte) Arbeit zu stellen, ist mehr als verständlich. – Es ist keine Arbeit, die sie aus freien Stücken ergriffen haben. – Es ist Zwangsarbeit. – Auch wenn dieser Umstand womöglich den Arbeitnehmern nicht bewusst ist, so könnte er doch unbewusst eine Rolle bei der Streikbereitschaft spielen. – Ebenso der Flugzeugabsturz in Frankreich kann in diesem Kontext gesehen werden. In den Medien wurde berichtet, dass die Freundin des Piloten sagte, dieser habe im Zusammenhang mit den Streiks, eine riesen Wut auf seinen Arbeitgeber gehabt.

Was ist bei der Arbeit wichtig.

Erkennen wir Menschen aber, dass nicht der »Lohn« das Wichtigste ist, sondern die Produktion, das Produktionsergebnis, und erkennen wir weiter, dass wir alle Teil des Produktionsprozesses sind, so gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie wir damit umgehen, als »Arbeiter«, als Arbeitnehmer, als »Projektteilnehmer« und Mitwirkender.

Wir können die Produktion für so wichtig erachten (für uns selbst !), dass wir »im eigenen Interesse« mitwirken. – Ein Beispiel dafür wäre die Brotfabrik, oder der Energielieferant. – Wir selbst bekommen ebenfalls Brot von dort, also wollen wir, dass diese Produktionsstätte funktioniert, so dass wir die Produkte haben können. Deshalb helfen wir und arbeiten dort.

Oder wir wirken mit, weil für andere Menschen die Arbeit, oder das Arbeitsergebnis von großer Bedeutung ist. Dann wollen wir vielleicht eine entsprechend angemessene Anerkennung dafür, dass wir mithelfen, die Dinge für andere angenehm und geeignet zu gestalten. Zum Beispiel in Form von »Geld«, oder Sachleistungen.

In beiden Fällen sollten wir aber »frei« sein, selbst zu entscheiden, bei welchen Unternehmungen wir mitwirken wollen. Und dies ist nur möglich, wenn wir ein Bedingungsloses Grundeinkommen haben.

Denken und Lernen sind ein menschliches Bedürfnis, und jeder kann es. Von der ersten Sekunde unseres Lebens an denken wir, und erst mit dem Tod erlischt unsere Gehirntätigkeit. Nur wenn es einen nicht mehr interessiert, was man lernt, weil es mit der eigenen Erfahrungswelt nichts zu tun hat, wird Lernen anstrengend und langweilig. Schon in der Schule wird man für das künftige uninteressante Leben abgerichtet.(121)

Wir Menschen müssen daher selbst entscheiden können, was für unsere Lebenswelt von Bedeutung ist und was nicht. – Wer zum Wehrdienst gezwungen und in Kriegen verheizt wird, stellt keine Fragen, nach dem Sinn des eigenen Lebens. – Die Obrigkeit befiehlt und der Einzelne soll gehorchen. – So war es viele Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte. – Und heute sind ganz andere Möglichkeiten vorhanden.

Das Individuum kann immer mehr selbst entscheiden, was im eigenen Leben von Bedeutung ist, und nicht mehr der König, der Herrscher, der Staat, die Partei oder die Religion bestimmen, wie das eigene Leben verläuft und verlaufen soll. – Der Mensch kann immer mehr »selbstbestimmt« leben.

Aber es gibt noch weiterhin »Baustellen«. Es gibt noch viel zu tun, bis wir wirklich das Ziel eines »freien Menschen« erreicht haben. Heute haben wir in der Welt den »Arbeitszwang«, der sich daraus ergibt, dass wir verpflichtet sind zu arbeiten, damit wir existieren können. – Erst wenn diese Pflicht in den Hintergrund tritt, haben wir einen großen Schritt gemacht. – Ausbeutung und Abhängigkeiten werden auf einen Schlag an Bedeutung verlieren. – Das »interessante Leben«, das Lea Fleischmann erstrebenswert findet, käme in greifbare Nähe. – Die sogenannte »Demokratie« muss sich neu gestalten. – Nicht Parteien sollen die Gesellschaft bestimmten, sondern die Bürger selbst, durch Direkte Demokratie und unmittelbare Entscheidungen und vor aller Abstimmung muss immer allen Bewohnern eine sichere Existenz gewährt werden, in gemeinsamer Anerkennung der Wichtigkeit eines solchen Schrittes.

Mit dem Begriff der Arbeit assoziieren wir positive Eigenschaften wie Fleiß, Strebsamkeit und Ordentlichkeit. Das Nichtstun bewerten wir negativ; Faulheit und Müßiggang schrecken uns ab. Nur in Ausnahmesituationen, nämlich wenn wir krank sind, dürfen wir uns dem Nichtstun hingeben, und es ist kein Zufall, daß gerade in der westlichen Hemisphäre eine stetige Zunahme der psychosomatischen Krankheiten zu verzeichnen ist. (124)

Was hier Lea Fleischmann beschreibt, ist Grundlage der heutigen Arbeitsideologie in Deutschland und ihrer schlimmsten Ausformung, der Hartz4-Zwangsarbeit. Bei Frau Fleischmann muss berücksichtigt werden, dass zur Zeit der Abfassung ihrer Schrift, der Begriff des Bedingungslosen Grundeinkommens (bGE) noch nicht entwickelt war. – Erst nach Einführung von Hartz4 kam diese Idee so richtig zum Zuge. – Also ab 2005.

Ich sehe es nicht so, dass irgendwelche Personen Schuld daran haben, dass wir die Dinge nicht erkennen. – Es liegt in der Natur von uns Menschen, dass uns die Vorgänge um uns herum erst dann klar werden, wenn scheinbar die Zeit dafür gekommen ist. – Zwar wird heute immer wieder darauf hingewiesen, dass die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens in der Vergangenheit des öfteren von Einzelpersonen angesprochen wurde, aber es entfachte kein geistiges Feuer in der Gesellschaft. – Heute hingegen ist das anders. Da verbreitet sich die Idee rasant weltweit. [2]

Initiativen für Umwelt und Menschenrechte

In den 90er Jahren war der Umweltschutz von großer Bedeutung. Wir sahen einen Konsumwahn, eine Arbeitssucht, dabei hängt alles zusammen mit dem Zwang, arbeiten gehen zu müssen. – Das konnten die Menschen in den 90ern noch nicht erkennen. – Allerdings ist es schon erstaunlich, dass die großen Nicht-Regierungsorganisationen wie »Greenpeace« es heute nicht schaffen, einen Zusammenhang zwischen Arbeitszwang und Umweltzerstörung zu erkennen und diesen zu benennen. – Greenpeace setzt sich nicht für das Grundeinkommen ein. – Das sollte uns misstrauisch machen gegenüber dieser Organisation. – Ich vermute, dass viele Parteileute oder Parteinahe (GRÜNE !) bei Greenpeace arbeiten. Und diese wollen die Arbeitsideologie erhalten, die maßgeblich von den Parteien propagiert wird. – Die Arbeitsideologie findet die Zwangsarbeit gut.

Das Gleiche gilt für »Amnesty«. – Diese Organisation, die sich für die Menschenrechte einsetzt und die Versklavung von Arbeitskräften bekämpfen will, zum Beispiel in Katar, sieht die Versklavung und Nötigung zur Zwangsarbeit in Deutschland (und Europa) nicht. – Eine schon seltsame Blindheit. – Auch hier können personelle Querverbindungen oder finanzielle Abhängigkeiten vermutet werden. – Wie sonst ist diese Arroganz zu erklären, die Sorgen der eigenen Bevölkerung zu ignorieren. – Zwangsarbeit ist eine Verletzung der Menschenrechte. – Auch in Deutschland nutzen Unternehmer die bestehenden Hartz4-Gesetze, um Arbeitnehmer unter Druck zu setzen und ausbeuten zu können, um für Schichtdienst und Überstunden und unattraktive Arbeit nur einen Minilohn zahlen zu müssen. Denn der Arbeitnehmer kann sich dieser Arbeit nicht entziehen, ohne sanktioniert zu werden. – Wo ist der Aufschrei von Amnesty? [3]

Frau Fleischmann schreibt, dass der Schabbat in der christlichen Welt keine Nachahmung fände. (136) Das verstehe ich nicht. Ist der Sonntag nicht dasselbe? In der jüdischen Religion heißt es, am siebten Tag sollt ihr ruhen. – Aber ist nicht der Sonntag der siebte Tag. – Oder wie werden die Wochentage gesehen. – Ich kenne es so, dass der erste Tag der Woche der Montag ist. – Somit würden die Juden am sechsten Tag Schabbat feiern. – Aber wahrscheinlich hat das mit den Religionsregeln zu tun.

Einander verstehen

Wenn die Juden seit dreieinhalbtausend Jahren existieren, dann haben sie eine lange Geschichte und Tradition. – In dieser Zeit haben sie tausend Jahre bei Jerusalem gelebt. Somit haben sie zu dieser Gegend eine geschichtliche Beziehung. Die Juden regeln ihr Leben nach der Tradition, nach der heiligen Schrift. – Vieles an diesen Regeln ist interessant und für Nicht-Juden von Bedeutung. Zum Beispiel das Schabbat-Jahr, bei dem ein Jahr lang der Boden nicht bearbeitet wird und er sich ausruhen kann oder mit welcher Sorgfalt die Kinder erzogen werden. – Anderes ist für Nicht-Juden nicht gleich verständlich und ruft ablehnende Empfindungen hervor, wie zum Beispiel die Beschneidung. – Weil dieser Akt als Eingriff in die Autonomie eines Menschen wahrgenommen wird.

Natürlich kann von einem Nicht-Juden ein solches Handeln auch verstanden werden, denn es geht darum, in einer Religionsgemeinschaft durch Rituale eine Verbindlichkeit untereinander herzustellen. – Dann kann jeder Nicht-Jude sich entscheiden, ob er sich tolerant gegenüber solchen Praktiken verhält.

So ist es eine Aufgabe für alle Nicht-Juden, sich aktiv mit den Juden auseinanderzusetzen und nach bestem Wissen und Gewissen sich zu verhalten. – Wenn den Deutschen nichts anderes eingefallen ist, als so mit diesen Menschen umzugehen, wie sie es getan haben, dann sagt das etwas über die Deutschen aus. – Wer Nachfahre dieser Leute ist, muss sich der Frage stellen, ob er es besser machen kann und will.

Auch wenn manche Menschen in ihrer Verzweiflung hoffen, ein Findelkind zu sein, und vielleicht ganz andere leibliche Eltern vermuten, so muss doch die Mehrzahl der Deutschen die Aufgabe annehmen. – Niemand darf andere Menschen töten, weil er anderer Ansicht als diese ist. Ein friedvolles Zusammenleben aller Menschen auf der Erde, ist ein Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden. – Es ist Aufgabe der Nicht-Juden sich Gedanken darüber zu machen, wie sie mit den Juden in Frieden leben können und wie sie verhindern, immer wieder zu Barbaren zu werden. – Zu dieser intelligenten Leistung müssen die Nicht-Juden in der Lage sein und sich dafür anstrengen. – Die Juden erbringen die Leistung, über viele Jahrhunderte und Jahrtausende eine Sprache, eine Schrift, eine Religion, ein Volk am Leben zu erhalten. – Die Nicht-Juden erbringen die Leistung, diese Tat der Juden anzuerkennen, dem Achtung zu zollen und Wege zu finden, gemeinsam in Frieden eine Zukunft zu haben.

Alles Tun, was dem widerspricht, darf keine Zukunft haben.

Wer meint, dass ich das jetzt vorschnell erzählt habe, ohne aufzuzeigen, wie das in der Praxis umzusetzen ist, der verkennt, dass nur jeder Einzelne für sich selbst Verantwortung in dieser Hinsicht übernehmen kann. – Ein erster Schritt kann sein, dass wir uns näher mit den Menschen beschäftigen, über die wir so leichtfertig urteilen. – Manchmal kann das Jahre dauern, bis der Einzelne dazu kommt.

Es geht auch nicht darum, den einen Aufmerksamkeit zu schenken, und die anderen zu ignorieren. – Über die Sachlagen gilt es sich zu informieren, alle Seiten müssen zu Wort kommen, aber letzten Endes müssen wir Erdenwesen »wie Gott« sein, und zu einem Urteil und zu einer Entscheidung kommen, wie wir uns verhalten wollen. – Für was sich die Nazi-Anhänger entschieden hatten, wissen wir ja.

Sicherlich sind die Zustände heute, im Vergleich zur Nazizeit oder Vor-Nazizeit nicht mehr vergleichbar. – Begriffe wie Volk, Vaterland oder Nation haben nicht mehr dieselbe Dramatik, wie vor hundert Jahren. – Wir steuern heute auf eine Weltgesellschaft zu. Und die Bedeutung des Individuums ist stetig am Wachsen, während damals der Einzelne nur im Gruppenverband existieren konnte. – So gesehen haben es die Menschen heute leichter, sich einer humanen und geschwisterlichen Haltung anzuschließen.


Frau Fleischmann äußert sich kritisch zur Frauenbewegung. Es geht ihr jedoch nicht darum, die anerkannten Leistungen für die Rechte der Frauen in Zweifel zu ziehen. Sie sagt aber, dass die Frauenbewegung sich »in ihrer radikalen Form zerstörerisch auf die Beziehungen zwischen Mann und Frau ausgewirkt« hat. (166-67)

Warum gab es eine solche Entwicklung in Deutschland? – Zum einen hat anders als im Judentum, die Familie an Bedeutung verloren. – Die Kinder wachsen nicht mehr in Mann-Frau-Kind-Familien auf, sondern »mit Erwachsenen« zusammen. Sei es mit Einzelpersonen, oder gleichgeschlechtliche Paaren, oder in Großgruppen. – Ich weiß nicht, ob das zu beklagen ist, wir werden sehen, ob es in Zukunft so bleiben wird.

Vielleicht wurde es als Befreiung empfunden, nicht in einer bestimmten Weise leben zu müssen. – Und ein »Ende des Patriachats« konnte womöglich nur durch die Zerstörung des Rückzugsgebietes der Männer bewerkstelligt werden. – Heute, zwanzig Jahre später, sind wir schon »viel weiter«. – Wir begegnen Menschen, denen nicht mehr anzusehen ist, welchem Geschlecht sie angehören. (Ähm, es ist doch zu erkennen, aber der Spaziergänger oder Kunde im Geschäft tut so, als ob er sich nicht sicher sei, wem er gegenübersteht. – Wie sollen die Frauen auch ihre Zartheit verbergen können.) Die Personen haben wahlweise sehr kurze Haare, einen männlichen Haarschnitt oder schminken sich und geben sich feminin. Und die Kleidung ist nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet. Und so weiter.

Damit wird signalisiert, die Geschlechtszugehörigkeit, oder sogar das Geschlecht selbst sei nicht mehr so wichtig. – Allerdings wird es in dem Moment schwierig, wenn die Frage auftaucht, wer ein Kind bekommen soll. 🙂

Suche jemanden, dem du vertraust, der dir in der Stunde der Not einen Rat geben kann. Dies war einst die Aufgabe der Alten und der Erfahrenen, den Jungen bei ihren Entscheidungen zu helfen. Lebensweisheit kann man nicht in einem Kurs lernen oder an der Universität studieren. Lebensweisheit ist die Frucht vieler Jahre, die reife Frucht des Schauens, Erkennens und Verstehens. (178)

Diese Aussage ist sehr wichtig. – Sie weist auf die Bedeutung der alten Menschen hin. – Aber für alle Fragen und Antworten haben wir ja mittlerweile »Wikipedia«. – Wozu da noch andere Menschen fragen. – Nein, ernsthaft. Es besteht schon die Hoffnung, dass mit einem Grundeinkommen viele Lebensweisen neuerlich möglich werden, die heute keine Chance mehr hatten. – Das Zusammenleben in Großfamilien, die zeitaufwendige Beschäftigung miteinander. – All das wird mit einem Grundeinkommen machbar sein.

[1]
Dabei erfuhr der damalige Betriebsratschef Klaus Volkert seine besondere Aufmerksamkeit. In einem Interview mit dem „Stern“ beschrieb Gebauer, wie er Volkert und andere von 1996 an auf VW-Kosten mit Prostituierten versorgt haben will:

Sexbelege und Lügengeschichten

VW-Affäre: Volkerts brasilianische Ex-Geliebte muss vor Gericht

[2]
Global Basic Income Foundation

[3]
»Die Unternehmer nutzen dieses Gesetz, um ihre Arbeiter unter Druck zu setzen.«

FUSSBALL-WM 2022 IN KATAR: STOPPT DIE AUSBEUTUNG DER ARBEITSMIGRANTEN!

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Raphael Fellmer »Glücklich ohne Geld!: Wie ich ohne einen Cent besser und ökologischer lebe«

Herr Fellmer zeigt auf, wie wir aktiv die Welt mitgestalten können.

Zum Schluss des Buches möchte ich zuerst kommen. Raphael will ein Ökodorf gründen, in Südeuropa und er schreibt, er habe sich in den letzten Jahren sehr stark für ökologische Themen eingesetzt und er will sich jetzt mehr um seine Familie kümmern, aber auch sein Leben verwirklichen.

Mit anderen Worten, diejenigen, die jetzt noch in den deutschen Städten leben, müssen selber zusehen, wie sie aus dem Schlamassel herauskommen. 😀

Aber Raphael hat uns das Rüstzeug mitgegeben, um dabei erfolgreich zu sein. Insofern ist es ein machbares Unterfangen. Dann schauen wir einmal, welche wichtigen Informationen uns Herr Fellmer hat zukommen lassen.

Herr Fellmer hat sich schon früh für Umweltschutz interessiert, er wollte die Welt kennenlernen, reisen, und er musste bald feststellen, ohne Geld geht in unseren Gesellschaften gar nichts. Er fragte sich, ob nicht auch eine andere Lebensgestaltung möglich ist, als die von außen vorgegebene.

Immer deutlicher wurde mir, wie viele Eigenschaften, Gewohnheiten und Normalitäten der deutschen Kultur, die mir in gewisser Weise übergestülpt worden waren, überhaupt nicht konform mit meinen inneren Werten gingen.

Und er entdeckte den Kapitalismus als eine der Hauptursachen für Umweltzerstörung und für die Behinderung des Menschen in seiner Entwicklung, den er wie folgt beschreibt: »…….. ohne Rücksicht auf Verluste handeln, immer seinen eigenen Profit im Visier und am besten den Gewinn nicht oder nur kaum .. teilen.« – In den USA hat er übrigens die meisten Obdachlosen gesehen.

Fellmer hat Marokko, Mittelamerika, Südamerika, die USA und asiatische Länder (China, Kambodscha, Thailand) bereist. Er schreibt, dass in vielen der asiatischen und amerikanischen Länder die Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen insbesondere für die westliche Welt schuften, ohne echten Arbeits- und Umweltschutz, bei geringsten Löhnen und wir im Westen in einer Überflussgesellschaft leben, in der alles mögliche weggeworfen wird, obwohl die Dinge noch brauchbar sind. Besonders schlimm sah es Fellmer bei den Nahrungsmitteln.

Die Menschen werden in den Industrien und Wirtschaften dieser Länder ausgebeutet, »verschlissen«, die Umwelt wird massiv geschädigt, der Überfluss an Waren kann von den Menschen in den Industrienationen gar nicht sinnvoll genutzt werden, aber gleichzeitig werden wir durch Werbung ständig zu mehr Konsum aufgefordert. – Zu China schreibt er, dass die kommunistische Parteiführung der eigenen Bevölkerung einen »zügellosen Raubtierkapitalismus« verordnet hat.

Er schreibt, ein Umdenken muss bei uns allen stattfinden, bei jedem einzelnen. Wenn wir bewusst konsumieren, ressourcenschonend, wenn wir unseren »ökologischen Fußabdruck« dabei beachten, dann hat jeder Einzelne einen Einfluss auf die Produktionsbedingungen, durch Verzicht auf bestimmte Produkte und Dienstleistungen und durch bewusstes Gestalten der eigenen Lebenswelt.

Er berichtet durchaus positiv aus Kuba, wie die Menschen dort ressourcenschonend ihr Leben gestalten, er räumt aber auch ein, dass dies »von oben aufoktroyiert« ist, die Menschen also nicht »aus freien Stücken« sich zu einem solchen Verhalten entschlossen haben. Dies ist ja eines der Hauptprobleme aller sozialistischen Versuche, dass sie von einer kleinen Elite von »Wissenden« für alle anderen ausgedacht sind.

Wir unterstützen aber nicht nur diesen Wahnsinn an Produktion durch unseren Konsum, sondern zusätzlich durch unsere Arbeitskraft, wenn wir uns in den Dienst der Unternehmen stellen.

Fellmer bringt eine Fülle interessanter Beispiele, wie der Ressourcenverbrauch exzessiv gestaltet wird. Zum Beispiel die Getränkeindustrie, die Wasserflaschen durch die Welt karrt, weil etwa jemand in New York eine Flasche »Pellegrino« trinken will. Dabei werden die Rohstoffe in Ländern der Dritten Welt ausgebeutet, es werden Bürgerkriege verursacht, in dem einer bestimmten Gruppe Vorteile eingeräumt werden, wenn diese die Ausbeutung durch ausländische Firmen zulassen. Gleichzeitig haben andere Bewohner der Region diese Vorteile nicht, oder sie sind direkt betroffen durch die Umweltschäden, die der Abbau der Rohstoffe verursacht. So sind wir Verbraucher direkt Mitverursacher der Probleme in anderen Ländern, durch unser Konsumverhalten.

Raphael Fellmer schreibt in seinem Buch »Glücklich ohne Geld!: Wie ich ohne einen Cent besser und ökologischer lebe.« auch sehr viel über die Tierverwertungs-Industrie. Riesige Flächen an Ackerland müssen für die Futtermittelproduktion bereitgehalten werden, die Behandlung der Tiere in der Massentierzucht und die Tötung der Tiere, damit wir sie essen können, bezeichnet er als unwürdig. Er hat sich deshalb entschlossen, nicht nur Vegetarier zu werden, sondern letztlich ganz vegan zu leben.

Jetzt las ich zu diesem Thema einen Einwand, dass wir Menschen seit 50 000 Jahren Tiere essen und wieso soll es plötzlich besser sein, darauf zu verzichten. Richtig ist jedenfalls, dass noch vor 50 Jahren die Tiere in »kleinen Mengen« lokal, dort wo sie gegessen wurden, auch getötet wurden. Was den Menschen ja heute Unbehagen bereitet, ist, dass für die ständig wachsende Weltbevölkerung eine Tierproduktion nur unter unwürdigen Bedingungen möglich erscheint. Das ist es, das uns abschreckt. Und die Filmberichte aus Schlachthöfen und »Hühnerfarmen« tun ihr Übriges, um in uns das Gefühl zu wecken, dass das nicht richtig sein kann, was da passiert.

Die Vielzahl an Eindrücken und Erkenntnissen, insbesondere auch durch seine Weltreisen und das immer stärker zunehmende Wissen über ökologische Zusammenhänge und wirtschaftliche Vorgänge, brachten Fellmer dazu, sich ein Leben »ohne Geld« vorstellen zu können. Er war ursprünglich dem Bedingungslosen Grundeinkommen zugeneigt, sieht darin aber nicht das Ziel gesellschaftlicher Entwicklung.

Zunächst hing ich noch sehr an der Idee des Grundeinkommens, doch dann war es wie ein Sprungbrett, um noch viel mehr an die Menschen und ihre Fähigkeit zu glauben. Der Traum von einer Welt ohne Geld wurde … größer, und schon nach kurzer Zeit sah ich in dem Grundeinkommen, wenn überhaupt, nur eine Übergangslösung und glaubte mehr daran, dass wir Menschen irgendwann einmal überhaupt kein Geld mehr brauchen würden.

Fellmer hat in der Folge eine Lebensmittelrettungsinitiative gegründet, nachdem er anfangs selbst in den Mülltonnen des Lebensmittelhandels Unmengen noch verzehrbarer Lebensmittel herausfischte.

Ihm fiel auf, dass viele Häuser leerstehen, die den Banken gehören, nachdem die ursprünglichen Besitzer kein Geld mehr hatten und die Banken den Grundbesitz als »Pfand« nahmen. Und er fragt, wem die Banken gehören, wenn diese durch Steuergelder »gerettet« werden. Letztlich, meint er, gehört auch der »Grund und Boden« uns allen, der Gemeinschaft.

Fellmer ist der Meinung, dass die Wirtschaft schrumpfen sollte (degrowth), und wir alle das durch unseren Konsum mitbeeinflussen können.

Über Brasilien schreibt er:

Trotz eines gigantischen Wirtschaftswachstums und fast 100 Millionen Menschen, die mittlerweile zur Mittelschicht zählen, gibt es auch Millionen, die zu Verlierern geworden sind. Landflucht aufgrund der exportorientierten Landwirtschaft, moderne Sklaverei und Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung.

Selbstausbeutung, um im wirtschaftlichen Wettbewerb zu überleben, ist die Regel.

Wir trafen Menschen, die 15 Tage am Stück arbeiteten, mehr als 12 Stunden am Tag, um dann für 2 Tage zu ihrer Familie fahren zu können, die oft Stunden entfernt auf dem Land lebte, und dann wieder 15 Tage am Stück schufteten.

Statt weltweit die Lebensmittel durch die Gegend zu karren, sollten wir »den Konsum reduzieren und mehr regional, saisonal und biologisch erzeugte Lebensmittel einkaufen«.

Er schildert Fälle in Mittelamerika, bei denen in der Produktion durch den Einsatz von Giftstoffen, die Mitarbeiter und auch die Anwohner geschädigt werden, damit wir im Westen diese Produkte kaufen können, und es käme vor, dass die »Fairtrade« Siegel wertlos seien, weil man sie sich dort einfach »besorgen« kann.

Raphael Fellmer berichtet von den interessanten Initiativen, die durch Hugo Chavez in Venezuela zustande kamen, zum Beispiel die Subventionierung der Grundnahrungsmittel, kostenlosen Internetzugang, preisgünstige kabellose Telefonanschlüsse, kostenloser Universitätsbesuch, gute Gesundheitsversorgung, aber er sagt auch, dass die Zeit der klassischen Revolutionen vorbei sei, und die heutige und zukünftige Revolution durch die Individuen und deren Einsicht und Einfühlungsvermögen zustande kommen wird.

Er berichtet von den Monokulturen, die für die weltweite Versorgung mit bestimmten Produkten sorgen, wie Kaffee, Bananen, oder Ananas. Dort wird in hohem Maße Chemie eingesetzt, schlechte Löhne gezahlt, die Arbeitnehmer sind den Giftstoffen bei der Produktion ausgesetzt und der Boden und die Umwelt werden verseucht und zerstört. Zum Beispiel Ananasverarbeitung in Costa Rica.

Das Ausbeutungssystem des Kapitalismus zeigt in den Ländern Mittelamerikas sein hässliches Gesicht. Die im Westen teuren Markenjeans werden hier für einen Hungerlohn von den Sklavenarbeitern hergestellt. »Textilfirmen aus aller Welt siedeln sich hier an, um Heerscharen von ArbeiterInnen für weniger als 30 Euro sechs oder sieben Tage die Woche im Akkord arbeiten zu lassen.«

In Mexiko ist der Drogenkonsum und Handel mit Drogen ein großes Problem. Fellmer ist der Meinung, die Freigabe von weichen Drogen und eine »kontrollierte Abgabe aller härteren Rauschmittel«, sowie gute Beratung, Behandlung und Entzugsangebote wären der bessere Weg, statt militärischer und polizeilicher Kampf gegen die Drogenszene.

Über die USA schreibt Fellmer:

Die USA sind … ein Land mit Millionen Millionären… Gleichzeitig gibt es Millionen von Menschen, die ausgestoßen, verarmt und von der Gesellschaft alleingelassen werden.

Amerika spiele die Weltpolizei, »während sie die Menschen in ihrem eigenen Land vergessen.«

Eine McDonald‘s-Managerin berichtet ihm, dass sie als langjährige Mitarbeiterin keine einzige Mahlzeit geschenkt bekommt, aber die Aktienbesitzer Jahr für Jahr Milliardengewinne einstreichen. – Jedes Jahr werden 60 Milliarden Tiere getötet, damit wir sie essen können.

Fellmer:

Die Europäer müssen sich bewusst werden, das ihr Konsumverhalten für die Ungerechtigkeit, Hunger, Ausbeutung und Umweltzerstörung sorgt.

Wir sollten uns für die Zusammenhänge in der Welt interessieren und nach bestem Wissen und Gewissen selbst entscheiden, welches Verhalten richtig ist.

Zur gesellschaftlichen Entwicklung meint er:

Die Formel des Wandels der Gesellschaft hin zu Wahrhaftigkeit und Einheit ist die des bedingungslosen Teilens und Verbundenseins. … Jeder von uns ist ein unabdingbarer Teil des Ganzen mit einer individuellen Berufung.

Niemand hat es verdient, für etwas oder an etwas zu arbeiten, wenn er oder sie sich dabei nicht erfüllt, wertgeschätzt und glücklich fühlt.

Er berichtet von einer Überproduktion an Lebensmitteln und Flächenübernutzung durch Tierproduktion, die nicht nötig sei. Gleichzeitig sind viele Menschen in der Welt arm und hungern.

Neben dem Aspekt, dass wir diese Entwicklungen durch unser Konsumverhalten beeinflussen können, weist Fellmer darauf hin, dass das kapitalistische System es ist, welches »übergriffig« auf den Menschen einwirkt.

Aus Armut und Ungerechtigkeit heraus sind viele Menschen in der Welt gezwungen, zu arbeiten und Aktivitäten nachzugehen, die sie in einer Welt ohne Geld oder mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen überhaupt nicht ausüben würden.

Fellmer lancierte eine Petition an den Deutschen Bundestag, in der er eine »kostenlose zur Verfügungstellung« von Gütern, die entsorgt werden sollen, anregte. Die Petition wurde von der Behörde zurückgewiesen.

Aus dieser Erfahrung folgerte er:

Ich begriff nur einmal mehr, dass wir Menschen das Ruder selbst in die Hand nehmen müssen und keine Zeit damit verschwenden sollten, auf Politikerinnen oder Organisationen wie die EU oder die UN zu hoffen.

Fellmer organisierte die Initiative lebensmittelretten.de
Er stellt sich eine Gesellschaft vor, in der »Schenken und Teilen« im Vordergrund stehen soll.

Die »Tafeln« in Deutschland sieht er positiv, denn:

Die Zusammenarbeit mit den über 900 Tafeln, die deutschlandweit schon Millionen Tonnen von Lebensmitteln gerettet haben, war uns ganz besonders wichtig, denn es gibt keine andere Organisation in Deutschland, die mehr gegen die Nahrungsmittelverschwendung tut und gleichzeitig vielen Menschen hilft, die Lebensmittel am meisten brauchen.

Sein Anliegen ist es, den »ökologischen Fußabdruck« zu minimieren. Deshalb sollen wir Menschen unser eigenes Handeln beobachten, wie wir dabei beitragen, dieses Ziel zu erreichen.

Wichtig sei, dass die Menschen »auf ihre innere Stimme und ihr Herz« hören, bei ihren Entscheidungen.

Das Buch ist zu empfehlen und lesenswert. Seine Reiseberichte vermitteln einen lebhaften Eindruck über die weltweite, »globale« Ökonomie, und wie die Menschen damit zurechtkommen. Er fügt viele Fakten und Zahlen bei, die veranschaulichen, wie die Wirtschaft agiert, welche Folgen das für die Umwelt und die Menschen hat.

Die »Lösung«, die Fellmer anvisiert, sehe ich eigentlich ähnlich. Alle lebensnotwendige Produktion muss den Menschen kostenlos zur Verfügung stehen und wir entscheiden »klug«, was und wie viel wir brauchen und sinnvollerweise davon in Anspruch nehmen. – Diese Produktion muss beständig und mit Sicherheit immerzu stattfinden. Darüber hinaus tauschen und schenken wir. – Und die Idee der »Bitcoins«, will ich hinzufügen, wird womöglich das Tauschmittel »Geld« in eine neue, adäquatere Form transformieren.

Wir sind längst auf diesem Weg, diesen Ansatz umzusetzen, auch wenn es vordergründig so auszusehen scheint, dass noch die alten Strukturen am Wirken sind. – Einerseits sind die Dinge in einem positiven Fluss, andererseits werden die Rückzugsgefechte der alten Nomenklatura Belastungen für die Menschen mit sich bringen.

Raphael Fellmer strahlt viel Hoffnung aus. Das tut gut. Solchen Mut in der jungen Generation vorzufinden ist wichtig. Noch viel mehr Menschen sollten sich in dieser Weise auf den Weg machen.

http://www.lebensmittelretten.de/

http://de.forwardtherevolution.net/

http://www.eotopia.org/

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Kathrin Fischer »Generation Laminat – Mit uns beginnt der Abstieg«.

Frau Fischer schreibt über die Verschlechterung der Lebensverhältnisse in Deutschland.

Als ich jetzt nochmal den Titel des Buches von Kathrin Fischer las, kam mir in den Sinn, das »der Abstieg« eben nicht mit ihrer Generation beginnt. Sie ist 10 Jahre jünger als ich, aber im Nachhinein erinnere ich mich wieder, wie schwer es für mich war, beruflich was »Intellektuelles« zu finden. Das lag schon zu meiner Zeit auch daran, dass der Arbeitsmarkt gar nichts hergab, für viele Studienabgänger. Man wollte das aber irgendwie nicht wahr haben, und manche haben auf Teufel komm‘ raus versucht, ein Bein in den akademischen Bereich zu bekommen. Andere haben gleich aufgegeben und sind in ihrem Studentenjob geblieben, als Taxifahrer oder einfacher Angestellter. Trotz Hochschulabschluss. – »Der Abstieg«, dass bedeutete einfach, dass die Wunschberufe vergeben waren, zu meiner Zeit, aber man konnte wohl noch mehr Geld verdienen, auch mit einfachen Jobs, als zu Kathrin Fischers Zeit.

Wichtig fand ich an dem Buch, dass sie den Abstieg als zeitliche Abfolge deutlich macht. Die letzten 30 Jahre in Deutschland, sind 30 Jahre Verschlechterung der Lebensqualität für eine große Zahl an Menschen. Schuld und Verantwortung? Es geht darum, nach vorne zu schauen und jeder, der diese Zeilen liest, sollte schon dabei sein, »seine« Gesellschaft als »Gemeinschaft« mitzugestalten. Denn nur so geht es.

Zahlen:
Wer weniger als 970 Euro Einkommen im Monat hat, gilt als arm (2010)
Die Reallöhne sind in Deutschland zwischen 2000 und 2009 um 4,5% gesunken.

Frau Fischer schreibt:

Dabei ist Wohlstand nicht das Gleiche wie Reichtum. Wohlstand bedeutet mehr als die Versorgung mit materiellen Dingen für den Lebensunterhalt, er fußt auf der Möglichkeit zu gedeihen – physisch, psychisch und sozial. Und um zu gedeihen, braucht das Individuum ….. die Gemeinschaft.

Wir leben mittlerweile in einer erkalteten Gesellschaft. Viele der kleinen Lädchen, die früher mit ihrem reichhaltigen und unterschiedlichen Angebot die Stadtteilstraßen belebten, stehen heute leer. Die Leute huschen eilig und ernsten Blickes durch die Straßen. Die Finanzhaie haben überall, wo sie können, die Natur zugebaut mit ihren Protzklötzen und den Boden versiegelt, auf das nichts Natürliches mehr wächst und gedeiht. In den Arztpraxen wird man von ängstlichem Personal begutachtet: »Macht der unser Budget für den Monat kaputt?« Die Bettler stehen gerne vor den Bioläden, scheinen doch die Kunden dort spendierfreudiger zu sein. Alle scheinen darauf zu warten, dass die Verhältnisse noch schlechter werden.

Ein wichtiger Teil in Fischers Buch, war für mich der Abschnitt über die Sozialversicherungen, die von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurden. In noch früheren Zeiten waren die Menschen mit Privateigentum besser dran, als die, die nichts anderes besaßen als ihre Arbeitskraft. Denn damit hatten sie Unterkunft und je nach Fähigkeiten und Fläche des Bodens, auch die Möglichkeit sich einigermaßen selbst zu ernähren. Diejenigen, die aber nur ihren Körper besaßen, mussten sich oder ihre Arbeitskraft verkaufen, um überleben zu können.

Um den aufkommenden Kommunismus abzuwehren, hat Bismarck die Sozialversicherung für die Arbeiter und Angestellten eingeführt, die in drei Bereichen Sicherheit bieten sollte:

Krankenversicherung
Arbeitslosenversicherung
Rentenversicherung

Dadurch hatten die Menschen ohne Privateigentum jetzt auch ein »Eigentum«, dass dann »Sozialeigentum« genannt wurde. So wie das Privateigentum Sicherheit den Menschen bieten sollte, so sollten die Versicherungen den Arbeitnehmer vor den Wechselfällen des Lebens schützen. Und das hat auch geklappt! Die Sozialversicherung war eine Erfolgsgeschichte.

Und warum ist die Sozialversicherung heute keine Erfolgsgeschichte mehr? Nun, das wird erklärt, wenn man sich mit den Argumenten für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (bGE) beschäftigt. Rationalisierung, Arbeitslosigkeit, Hartz4, Armut …. Um es kurz zu machen, es liegt an der zu Bismarcks Zeiten vielleicht sinnvollen Kopplung von Arbeit und Einkommen beziehungsweise an der überholten Vorstellung »Arbeit gleich Sicherheit«. Denn dies trifft heute nicht mehr zu. Deshalb muss die Arbeit vom Einkommen entkoppelt werden. Und das geschieht mithilfe des bGE.

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Gerhard L. Durlacher schildert seine Kindheit in dem Buch »Ertrinken – Eine Kindheit im Dritten Reich«.

Er ist 1928 geboren. Die Erzählung beginnt mit dem Jahre 1933.

Ich weiß nicht, ob er sich an die vielen Einzelheiten wirklich erinnern konnte, als er (1986?) das Buch schrieb, oder ob das Beischmuck ist und zur Arbeit eines Schriftstellers gehört, dies zu recherchieren.

Ich habe das Büchlein noch nicht zu Ende gelesen, aber mir viel auf, diese drastische und bildhafte Beschreibung der Nazis, wie sie nach der Machtergreifung auf den Straßen den Terror (und die Unterwerfung nicht nur der Juden) organisierten. Mir kam dann gleich in den Sinn, dass meine Eltern in derselben Zeit geboren sind, ich aber von ihnen überhaupt keine Beschreibung dieser Zeit (ihrer Kindheit) erinnere, sie auch sicherlich nie darüber sprachen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie im Besonderen »die Nazis« und ihr Auftreten erwähnten (wo sie doch möglicherweise selbst bei diesen organisiert waren, als Kinder und Jugendliche).

Ich hatte jetzt einige Schriftstücke von Juden zu dieser Zeit gelesen, immer wurde eine eigentlich schöne, reiche und üppige (Vorkriegs)Zeit beschrieben, die von den Nazis dann zerstört wurde. Es handelte sich offensichtlich um das Leben der Menschen im Bürgertum, denen es in den 20er Jahren auch noch recht gut ging. In dieser Zeit gab es aber auch viele arme Menschen (Durlacher erwähnt das) und es ist nicht auszuschließen, dass unter diesen die Bereitschaft vorhanden war, dem Wahn der Nazis zu folgen, in der Hoffnung eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu erreichen.

Peter Sloterdijk schreibt gegen Ende seines Buches »Du musst dein Leben ändern«, in der russischen Revolution (und danach) sei das russische Bürgertum von den roten Machthabern regelrecht ausgerottet worden. Warum ist das passiert?

Interessant auch, dass dieser »Sozialismus« dem braunen Sozialismus in der Brutalität seiner Umsetzung kaum nachstand, in diesem totalen Vernichtungswillen. Sloterdijk beschreibt die »Revolution« als einen künstlichen Akt, und die Evolution als normalen, dem Wesen des Menschen entsprechenden Veränderungsprozess. Die Revolution will etwas mit Gewalt erzwingen.

Der Nationalsozialismus wollte mit Gewalt erzwingen, dass die Armut der Menschen ein Ende hat (als Ursache für diese waren diverse »Schuldige« auserkoren). In der Formulierung Sloterdijks ist dieses »Operieren am Menschen« ein viehischer Akt, der wider seine Natur geschieht. Er ist brutal und unmenschlich. – Haben die Nazis ihr Ziel erreicht?

Sicher haben wir in Deutschland die Infrastruktur, die die Nazis geschaffen haben (durch Zwangsarbeit, Gewalt, Nötigung) nach dem Krieg auch weiter genutzt. Andererseits sind die Leistungen und Errungenschaften, die vom Bürgertum erbracht wurden, auch nach dem Krieg in hohem Maße für die Allgemeinheit von Nutzen und stellen das »Bemühen« der Nazis bei Weitem in den Schatten.

Möglicherweise wäre die Gesellschaft über die Wirtschaftskrise der 20er Jahre hinwegkommen (und die Angst vor dem Elend war größer als das Elend selbst) und die Wirtschaft hätte dann ordentlich an Fahrt aufgenommen und alle hätten profitiert. Die Erfindungen, Forschungsergebnisse, Erkenntnisse überschlugen sich doch in dieser Zeit.

Vielleicht hat sich da jemand selbst hingerichtet (Gruppen von Männern? Weil sie mit ihrem Daseins- und Weltbewältigungskonzept nicht mehr in die Zeit passten?) und viele Unschuldige, solche, die schon einen anderen Weg hätten gehen wollen, mit in den Tod genommen.

Während dem braunen Terror doch offensichtlich ein finales Ende bereitet ist, ist die Brutalität des roten Furors wieder am Zunehmen. Sind das Häutungen der menschlichen Spezies in den Zeitläuften, um die jeweils nötige Form zu erlangen, die es ermöglicht, den gestellten Aufgaben optimalst zu begegnen? (Und bleiben die Juden über die Jahrhunderte in ihrem Wesen gleich. Welche Bedeutung hat die Religion.)

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Nur im Schlechten beieinander

Wenn wir dann was machen, sind wir ganz nah beieinander. Die Russen in Katyn, die Deutschen in Auschwitz oder die Inquisitoren zu Zeiten der Hexenverfolgung. Und wenn es vorbei ist, erscheint es wie ein Spuk. Aber auch an den permanenten Bürgerkriegen und andauernden Nachbarschaftskonflikten ist dieses »Nah-beieinander-sein« zu beobachten.

Wir sind ganz nah beieinander und gehen miteinander um. Dann scheint es so, als ob alle in ihren Rollen festgefroren wären, und selbst die Beispiele die Durlacher nennt (die Dänen, die sich massiv und geschickt den Befehlen der Täter widersetzten, um die Verfolgten zu schützen) erscheinen mager angesichts viel zu langer Passivität von Staaten und verhaltener Hilfe lokaler Institutionen kurz nach dem Krieg.

Welch‘ gigantischer Aufwand betrieben wurde, um Menschen zu vernichten. (Man war nah beieinander, ganz lange.)

Warum geht es nicht anders. Wenn man doch eh miteinander beschäftigt sein »muss«, warum bietet sich nicht die Lösung einer gemeinsamen Bewältigung eines Zukunftswegs »im Guten« an? Weil es Menschen gibt, die diese Möglichkeit nicht denken wollen?

Ich stelle mir vor in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hätten die Menschen überlegt, wie man zusammenleben könnte. Man hätte einen intelligenten, offiziellen Wettbewerb gemacht, um einen Interessenausgleich zu bewirken und um den Menschen ein gemeinsames gutes Leben zu ermöglichen. – Sicher waren die Schuldigen von Anbeginn an gewalttätig. Aber wenn das nicht-jüdische Bürgertum gemeinsam mit den Juden und progressiven Kräften in der Arbeiterschaft für eine fortschrittliche, humane Gesellschaft dagestanden wäre …..

So aber sind die Menschen schweigend und irritiert, oder verdrängen das Geschehene.

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Viktor Frankl war im KZ Auschwitz interniert.

In seinem Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ schreibt er unter dem Eindruck dieser Erfahrungen über den Sinn des Lebens.

Die NS-Gesellschaft bedeutete, die bis dahin entstandenen sozialen Regeln und Systeme zu entwerten, zu “vernichten”, für ungültig zu erklären und so auch mit vielen Menschen zu verfahren. (58,83)

Die Handlungen des KZ-Personals sieht er unter dem Aspekt der Entwertung „menschlichen Lebens und der Würde menschlicher Personen“. Der Lagerinsasse ist kein „geistiges Wesen mit innerer Freiheit und persönlichem Wert“ mehr. Es entsteht der Eindruck einer „radikalen Wertlosigkeit des Menschenlebens“. (88) Die Vorgänge sind eine „Mißachtung der Existenz menschlicher Individuen“ und gehen einher mit dem „Verlust des Gefühls, noch menschliches Subjekt zu sein.(89)

Die Frage ist, wie sich der Mensch bei äußerlich erzwungenen Einschränkungen und in Momenten großen Leids sich einstellt. Die geistige Freiheit läßt ihm auch da Gelegenheit, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Diese Möglichkeit hat er bis zu seinem letzten Atemzug. (109)

Not und Tod, auch das Leiden, gehören zum Leben dazu und haben auch Sinn. (110)

Das, was der Mensch durchlebt, ist Teil seines Lebens, ist seine Aufgabe. Die Aufgaben ergeben sich für jeden Menschen anders, aus dem jeweiligen Schicksal des Einzelnen. (125) Nicht „man selbst erwartet was vom Leben“, sondern „das Leben erwartet etwas von einem“ gilt. Jeder Mensch hat seine Aufgabe und ist unersetzlich für diese. Diese spezielle Aufgabe kennt nur der Mensch für sich, jeder Mensch für sich. (128) Der Mensch ist das Wesen, das entscheidet was es ist. (138)

Im normalen Leben lebt der Mensch „auf die Zukunft hin“ und kann nur unter dem Gesichtswinkel einer Zukunft überhaupt exisitieren. (119) Ist ihm dies nicht möglich, kommt es zu inneren Zerfallserscheinungen. Dieses Phänomen kann man zum Beispiel bei Arbeitslosen beobachten. Oder eben in Gefangenenlagern mit Menschen ohne Perspektive. (115)

Nietsche-Zitat: „Wer ein Warum im Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Warum, für was lebe ich, ist entscheidender als der Umstand, wie ich lebe. (124)

Das Leben fragt uns nach der rechten Tat. Nicht grübeln oder reden ist das Wichtige. Richtiges Verhalten und Handeln ist von uns gefordert. Leben heißt Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen. (125)

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