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Blickwinkel

Jüdische Allgemeine–Neues Beschneidungsgesetz in Norwegen

Die Neuregelung kommt in einer Zeit, da in Skandinavien vor allem säkulare Gruppen – unter ihnen die Kinderschutzbeauftragte der nordeuropäischen Länder – eine Kampagne gegen die Beschneidung führen. Sie argumentieren, die Zirkumzision verstoße gegen das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit.

Hhmm. – Ob an dem Argument etwas dran ist. …

Beschneidung und kein Ende

Die Probleme bleiben. Nichts hat sich gebessert.

Doch so einfach kann, so einfach darf es nicht sein. Denn zum einen muss das Gesetz erweisen, wie weit es in der Praxis reicht. Und zum anderen bleibt die Spannungslage zwischen Elternrecht, Religion und Unversehrtheit des Kindes unaufgelöst. Es ist eben kein Konflikt, der mit einem schlichten Erlass des Gesetzgebers aus der Welt zu räumen ist, so demokratisch der sei.

tagesspiegel–konflikt-um-religioeses-ritual-beschneidung-ein-unbrauchbarer-brauch

Zur Beschneidung eine Liste empfehlenswerter Beiträge

Wie Ärzte sich in ideologischen Auseinandersetzungen verhalten und was sie sachlich einbringen können.
Kinderärzte in den USA und weltweit in der Beschneidungsdiskussion
http://www.tagesspiegel.de/wissen/beschneidung-kinderaerzte-streiten-ueber-den-sinn-des-eingriffs/7947084.html


Das Wohl des Kindes geht vor
Ein Debattenbeitrag von Bettina Röhl
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/beschneidung-ein-plaedoyer-fuer-das-grundgesetz-von-bettina-roehl-a-845502.html


Nach dem Kölner Urteil „Beschneidung ist nicht harmlos“
Ein Gastbeitrag von Wolfgang Schmidbauer
http://www.sueddeutsche.de/wissen/nach-dem-koelner-urteil-beschneidung-ist-nicht-harmlos-1.1401049


Beschneidung: Der Kern der Sache ist die Sexualität
Petra Schweiger lebt als Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin in Salzburg.
http://diestandard.at/1342947707746/Beschneidung-Der-Kern-der-Sache-ist-die-Sexualitaet


Die Beschneidung steht für Vereinnahmung und Unterwerfung
Von Sibylle Krause-Burger
http://www.tagesspiegel.de/meinung/gastkommentar-die-beschneidung-steht-fuer-vereinnahmung-und-unterwerfung/6925594.html#


Religionspolitik in der Kritik
Eva Quistorp
http://www.perlentaucher.de/essay/wider-die-postmoderne-religionspolitik.html


Religiöses Ersatzwissen
Von Ralf Bönt
http://www.perlentaucher.de/essay/religioeses-ersatzwissen.html


Sozialer Druck
Radio-Sendung im Deutschlandfunk


Persönliche Erfahrungen
perlentaucher

Beschneidung und religiöse Interessen

Es ist möglich, die Dinge jeweils so zu sehen, wie sie gerade genehm sind.

Henryk M. Broder hatte in einer Podiumsdiskussion das Beharren auf religiöse Sonderechte angegriffen und problematisiert [1], dagegen in der aktuellen Diskussion um die Beschneidung findet er das »Archaische« dann wieder ganz natürlich [2].

Wie da doch partial-interessensgeleitet die Argumentation eines Journalisten sein kann. 😕

[1] Der Islam gehört zu Deutschland
Er spricht von einer »Re-Klerikalisierung« des öffentlichen Raumes. Ein elementarer Aspekt der Religionsfreiheit sei es, keine Religion zu haben.

Sämtliche Debatten gehen um Sonderrechte, die Angehörige [der Religionen] für sich reklamieren. Alle unter dem Aspekt der Toleranz und des Respekts.

Allein schon der Hinweis, dass man sich an Spielregeln halten soll [Menschenrechte?] und das man bestimmte Sachen beachten soll, allein der Hinweis wird von der Gruppe, um die es geht [Religionsangehörige] als ein Nicht-Willkommensein aufgefasst und oft auch als Demütigung empfunden.

Der ganze Beitrag ist aufschlussreich, gerade in Hinsicht auf das Thema der Beschneidung.

[2] welt–Zivilisation-ist-gut-Krafttraining-ist-besser

In Ruhe beschneiden

tagesspiegel–portraet-dieter-graumann-zentralrat-der-juden-angela-merkels-besuch-hat-sehr-gutgetan

Merkels Visite hatte vor allem ein Ziel: den deutschen Juden zu versichern, dass sie zu ihnen steht. „Ich möchte, dass jüdische Bürger genauso unbeschwert hier leben wie andere Bürger auch“, sagte sie. Dazu gehöre, dass sie ihre Religion frei ausleben könnten. Am Donnerstag wurde ein Gesetzentwurf der Bundesregierung im Parlament diskutiert, der die Beschneidung von Kindern erlaubt, vorausgesetzt, sie wird nach den Regeln der medizinischen Kunst durchgeführt. Merkel hofft, dass das Gesetz vor Weihnachten verabschiedet wird und dass das Thema dann vom Tisch ist.

*Seufz*. Ja, dann ist das Thema »vom Tisch«. Endlich, werden viele denken. Samt Menschenrechtsfragen, Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. – Hauptsache die lästigen Diskussionen fallen weg. 😦

Beschneidung – Was ist Toleranz

juedische-allgemeine

Jenseits der heftig geführten Diskussion über Beschneidung ist ein dramatischer Mangel an Toleranz zu konstatieren. Toleranz, so definiert der Ethiker Michael Bongardt, bedeutet: »Ich dulde etwas, was ich aus meiner eigenen Perspektive mit guten Gründen für falsch halte.« Das gilt auch für die Beschneidung. Es geht also nicht darum, dass die Mehrheitsgesellschaft, verstehe sie sich mehr christlich oder mehr säkular, die jüdischen und islamischen Beschneidungsrituale gut findet. Es geht um Duldung, um Toleranz. Und die darf nicht geopfert werden.

Der Autor ist Rettungsmediziner in Frankfurt und einziges jüdisches Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Leo Latasch übergeht aber ein, zumindest für mich, zentrales Argument in der Beschneidungsdiskussion. Und das sind die Menschenrechte. Toleranz gegenüber Menschenrechtsverletzungen. Geht das?

Stéphane Hessel in seinem Traktat »Engagiert Euch!«:

1945 ging es darum, die Menschheit von der schrecklichen Last des Totalitarismus, des Nationalsozialismus, des Faschismus zu befreien und hierfür die UNO-Mitgliedstaaten auf Rechte von universeller Geltung einzuschwören. Das Ziel war ungeheuer ehrgeizig. Die Länder des Südens, des Westens und des Ostens, des Okzidents und des Orients sollten sich auf einen Kodex von Werten, Freiheiten und allgemeinen Rechten einigen, auch wenn diese nicht unbedingt ihrer Tradition entsprachen. Es sollte ein Text entstehen, der den Kulturen aller Länder offenstand und kein Land schockierte. Dieses ehrgeizige Ziel wurde am 10. Dezember 1948 erreicht, als 48 Staaten im Pariser Palais de Chaillot für die Annahme der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stimmten. Da gab es nun auf einmal eine Weltorganisation und dazu einen Menschenrechtstext, der von sehr unterschiedlichen politischen Regimes verfasst worden war. Noch nie zuvor war von »Menschenrechten« im Weltmaßstab die Rede gewesen! Zum ersten Mal erschien vor unseren Augen die Weltgesellschaft als einheitliches, interdependentes und solidarisches Gebilde. Das war unerhört neu — auch dieses anspruchsvolle Adjektiv: universell. Ja, wir meinten die Gesamtheit der Frauen und Männer in aller Welt, ohne Ausnahme.

Ich fühle mich zuallererst den universellen Rechten ALLER Menschen verpflichtet und kann nicht diese Rechte den Partialinteressen von Gruppen und Einzelpersonen opfern, wenn sie ein bestimmtes Ausmaß überschreiten. Die Menschenrechte meinen die Möglichkeiten, die ALLEN auf der Erde zustehen sollten, unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit. Und diese Möglichkeiten beinhalten auch das »Recht auf körperliche Unversehrtheit« (Grundgesetz).

In der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht:

Artikel 3
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

und weiter

Artikel 12
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben ….. ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

Wenn man die Situation sieht, was bei der Beschneidung gemacht wird und dies mit den universellen Regeln und Gesetzen, genannt »Menschenrechte« vergleicht, kann man nicht verdrängen, dass hier gegen diese Vereinbarungen verstoßen wird. Es wird Gruppenrecht über universelles Menschenrecht (des Einzelnen!) gestellt.

Broders Seite

Das Zusammenleben vieler Menschen muss erst recht in geregelte Bahnen gebracht werden, wenn diese unterschiedliche Lebensweisen pflegen, wenn ihre Lebensvorstellungen aus verschiedenen Quellen gespeist sind und ein Miteinander sich nicht sofort einstellen will.

Henryk Broder hat zu einem Zeitpunkt auf diesen Umstand hingewiesen, als das »Fair Play« nicht von allen akzeptiert war. Dafür wurde er der Islamophobie gescholten, was sicherlich nicht zutreffend ist. Sein Wirken zu diesem Thema kann durchaus als für die Gesellschaft hilfreich angesehen werden. – Bei den »Fair Play« Themen ging es um Mord und Totschlag, zum Beispiel im Namen des eigenen Gottes und gewalttätige Einschüchterung der Andersgläubigen; Straßenraub und Körperverletzung durch Mehrfach- und Intensivtäter. Dagegen ist die Beschneidungsdiskussion geradezu harmlos. Das Beschneidungsritual kann kritisch diskutiert werden, wegen der Menschenrechtsproblematik. – Aber das soll jeder selbst entscheiden, wie tolerant oder wie nachdrücklich an den Menschenrechten orientiert die eigene Position ist.

Auf seiner Internetseite haben sich über die Zeit eine ganze Reihe weiterer Autoren versammelt, die »Farbe bekennen«. Die Meinungen sind nicht immer interessant, einige versuchen sich zum Beispiel mit Umweltschutz-Bashing und wollen das Energiesparen diskreditieren. Dies wirkt dann irgendwie deplatziert. – In der Beschneidungsdiskussion schreiben seine Kollegen wie folgt:

Antje Sievers schreibt zur Beschneidung:
Was tut man also angesichts der mangelhaften Beweislage?

Und weiter:
Machen wir kein großes Ding draus…

Wollte sie überhaupt etwas zum »Thema« sagen? Das Thema sind Menschenrechtsverletzungen durch Religionsgruppen.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/machen_wir_kein_grosses_ding_draus/

Ein weiterer, Berhard Lassahn:
Bisher habe ich auf Quellen verwiesen, die seriös, anspruchsvoll und womöglich etwas langweilig sind.

Zum Thema selbst sagt er nichts.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_jungfrau_und_die_maskulisten/

Beschneidung – Diskussionsbeiträge

Bei der Zirkumzision wird die überlappende Haut entfernt, die früher, als der Mensch noch unbekleidet herumlief, vor Dornen schützte, heute aber überflüssig geworden ist.

Einige Erkrankungen erfordern eine Beschneidung im Erwachsenenalter. Von dieser Vielzahl von Fällen wird keine Beeinträchtigung der erotischen und sexuellen Funktionen berichtet. Das ist die praktische Erfahrung aus dem urologischen Alltag. Physiologisch ist die Behauptung, dass Penetrationsfähigkeit und sexuelle Erregung leiden, nicht zu erklären.

Der Münchner Urologe Albrecht Schilling äußert sich in der Süddeutschen Zeitung zu einem Beitrag von Wolfgang Schmidbauer.

Er behauptet, dass die Vorhaut bei Männern »überflüssig« sei. Interessant zu hören von einem Arzt. Ärzte, die doch für jeden Handgriff den sie machen, bezahlt werden. Und so jemand stellt fest, was am Körper des Menschen überflüssig ist und von Ärzten entfernt werden sollte.
Ist solches Denken nicht schon vom Ansatz her menschenrechtsverletzend, eingreifend in die Selbstbestimmung eines anderen Menschen?

Die Psychoanalyse birgt allerdings die Gefahr, dass dem Patienten ein Zusammenhang vom Therapeuten nahegelegt wird. Im Umkehrschluss müsste die Kastrationsangst bei Juden, Muslimen und Amerikanern besonders häufig auftreten! Die Verbreitung solch unwissenschaftlich erhobener Befunde in einem Massenmedium ist fahrlässig!

Da sind doch die Gefahren unerlaubten medizinischen Handelns viel größer. Wer erlaubt den Medizinern, an den Genitalien eines Kleinkindes herumzuschneiden? Doch nicht das Kind. Trotzdem tun es manche Ärzte. Das ist wirklich grob fahrlässig.

Religiös tradiertes Wissen wie zum Beispiel beschränkter Fleischkonsum wird heute in der Onkologie und Prävention als richtungsweisend erkannt.

Einer über 5ooo Jahre alten, schon bei den alten Ägyptern praktizierten Maßnahme und den dahinterstehenden Erfahrungen sollte man mehr Respekt erweisen, als dies Herr Schmidbauer mit seinem einseitig blutrünstigen Artikel zeigt.

Schilling versucht den meiner Meinung nach guten Beitrag von Schmidbauer dadurch zu entwerten, dass er religiöse Überlegungen und Handlungsempfehlungen als wertvoll für die Menschen darstellt. Etwa wertvolle Gesundheitsempfehlungen. Während Schmidbauer darauf hinweist, dass religiöse Bräuche von den Anwendern unzureichend legitimiert werden, zum Beispiel mit Hygiene-Argumenten, die die negativen Aspekte der Handlungen gar nicht ausgleichen können.

Schilling verlangt »Respekt« von Schmidbauer, ein Wort, dass ja von Religiösen aller Art (z.B. Islamisten) verwendet wird, um Kritiker mittelalterlicher Denkungsweisen einzuschüchtern.

Insgesamt ist der Beitrag von Schmidbauer sehr empfehlenswert, weil er die psychologische Komponente des Beschneidungs-Vorgänge in zutreffender Weise beleuchtet.

http://www.sueddeutsche.de/e5538h/717535/Rose-ohne-Dorn.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/nach-dem-koelner-urteil-beschneidung-ist-nicht-harmlos-1.1401049

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Jetzt kommt mir in den Sinn, dass die Porno-Industrie (auch Gewalt-I.?), die in der amerikanischen Kultur so eine große Rolle spielt (und die Welt mit ihren Produkten überschwemmt), vielleicht auch mit der Beschneidung zu tun hat. Denn bisher dachte ich die beschnittenen Penisse seien ein Produkt freier Entscheidung ihrer Träger. Man kam gar nicht auf die Idee, dass das ein gewaltsamer Akt, begangen an kleinen Kindern, gewesen sein könnte.

So wird dann in traumatischer Wiederholung immerzu bewiesen (und gezeigt!), dass er doch noch funktioniert, trotz dieser Tat und Gewaltanwendung.