Schlagwort-Archive: Gruppenrecht

Pluralismus, Multikulturalismus und Menschenrechte

Nicole Lieger spricht in ihrem Text »Pluralismus in der Politik der Anziehung« von unterschiedlichen Lebenskonzepten und Sichtweisen, und stellt die Frage, ob diese, nebeneinandergestellt, keine unterschiedliche Bewertung erfahren sollen.

https://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger/pda/plural.pdf

Frau Lieger spricht in ihrem Artikel nicht von den Menschenrechten. Aber gerade diese sind bei der Betrachtung von »Multikultur« und Pluralismus von großer Bedeutung.

Dass die »eigene Kultur« bedingt und begrenzt ist, bedeutet ja nicht, ein »kritikloses« Leben zu leben, in dem alles geschieht und da ist, und wir es hinnehmen müssen. Multikulturalismus und Pluralismus können nicht bedeuten, auf eine kritische Weltbetrachtung zu verzichten.

Gerade die Menschenrechte können dabei helfen, zu erkennen, wie eine Weltsicht aufgebaut sein könnte, die es zu verteidigen gilt. – Denn wenn wir darauf verzichten, die Lebenskonzepte und Verhaltensweisen um uns herum zu beurteilen, weil wir »kein Recht dazu haben«, weil wir »alle gleichermaßen« Werte und Regeln schaffen können, dann bleibt nichts für eine Orientierung und dann kann auch jede Gruppe versuchen, mit ihrer Lebensweise eine Vorherrschaft auf der Welt zu erlangen. – Denn wir sind doch alle gleich mit unseren Anliegen!

Was also ist verteidigungswert, was erstrebenswert, in welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir feststellen, dass eine Grundeinkommens-Gesellschaft besser ist, als eine Hartz4-Gesellschaft, dann gelingt diese Feststellung doch nur, indem wir einen Wertekanon definieren, der durch die heutige Politik nicht erfüllt wird, der aber für uns unbedingt erstrebenswert und »menschenwürdig« ist. – Und wir erleben es gerade heute, dass die Vertreter der Regierung, der Regierungspolitik, kalt und skrupellos ihre Weltsicht in Gesetze packen, die für alle gültig sein sollen, und eine große Zahl an Menschen bereit sind, für die Politiker diesen brutalen Umgang mit den Menschen, mit den Armen und Arbeitslosen zu betreiben.

Sollten wir da nicht »pluralistisch« sein und sagen, »lasst die doch, die wollen halt anders das Leben gestalten«?

Dabei fällt nun auf, dass eine »Trennung« von unterschiedlichen Lebenskonzepten, Lebensweisen und Kulturgestaltungen gar nicht möglich ist. – Wenn der Nachbar im Wohnhaus aufgrund seiner »anderen Kultur« das Patriarchat pflegt, dann kann das unmittelbar für die übrigen Bewohner im Haus, in der Nachbarschaft Konsequenzen haben, zum Beispiel wie die Kinder dieser Leute sich verhalten, in der Schule, im Kindergarten, was in der Wohnung passiert und wie es den Frauen dort ergeht. All das strahlt aus, auf die Nachbarschaft und vielleicht sind die Mitmenschen nicht der Meinung, dass das in Ordnung ist, was da passiert.

So sind Kultur und Lebensweise nicht »monadenhaft« zu verstehen. Sie sind öffentlich, sie sind sichtbar, sie sind für alle, die den Lebensraum teilen, spürbar und erfahrbar. Und wir sind aufgerufen, damit umzugehen. Eine »Pflicht« zu irgendetwas, gibt es da nicht. Manche Menschen folgen ihrem Gefühl. Sie empfinden womöglich bestimmte Lebensweisen nicht als angemessen, nicht als richtig. Andere wiederum suchen nach rationalen Erklärungen, wie es vielleicht auch Frau Lieger in ihrem Beitrag getan hat.

Zu diesen rationalen Erklärungen und Bewertungen zählen dann auch die Menschenrechte. – Warum gibt es sie?

Gewalt, Mord und Totschlag wird immer wieder von Gruppen praktiziert, die gegen andere Menschen wüten und diese bedrohen. Wer Gewalt ausübt, muss Gründe haben. Und wer Gewalt ausübt, muss stark sein, sonst wird er schnell von der Gegnerschaft vernichtet und beseitigt.

Wenn heute in der globalen Welt Gewalt ausgeübt wird, dann meist durch »Staaten« oder Staatenbünden, die gegen andere Staaten oder Mitglieder der eigenen oder anderen Staaten vorgehen. Welche Argumente bringen sie dabei vor? – Meistens gibt es zu solchen Gewaltausbrüchen eine gewisse Vorlaufzeit. Die Weltgemeinschaft, alle Bürgerinnen und Bürger auf der Erde können sich über Nachrichten, persönliche Erzählungen und im Gespräch mit Mitmenschen ein Bild davon machen, wie diese Staaten »kulturell« einzuschätzen sind. Meistens sind es Jahre oder gar Jahrzehnte, in denen sich die Menschen ein Bild von den Kulturen, von den Staaten machen können, die es auf der Welt gibt. Und ein Staat oder Staatenbund fängt nun einen Krieg gegen andere an, wie auch immer das erklärt und begründet wird, und wir stehen vor der Aufgabe, das selbst einzuschätzen, selbst eine Position zu den Ereignissen zu haben. Ja, vielleicht ergibt sich sogar die Frage, ob wir aktiv für oder gegen diejenigen vorgehen wollen, die den Krieg begonnen haben.

Welche Kriterien helfen uns dabei, die Lage einzuschätzen? Wie wollen wir unsere Position zu den Ereignissen finden? – Gerade aus den Erfahrungen schrecklicher Kriege ist die Menschenrechts-Erklärung zu verstehen. Aus der Absicht, den Menschen eine Hilfe, eine Anleitung an die Hand zu geben, Ereignisse und Situationen zu bewerten, sind die Menschenrechte entstanden.

Was aber sind die Menschenrechte? Sie sind Individualrechte!

Dies ist ein sehr wichtiger Umstand. Denn vieles Unrecht, dass der Mensch erfährt, geschieht ihm als »Einzelwesen«. Er wird separiert, wird von der Herde, der Gruppe abgesondert, zum Beispiel, weil er sich angeblich »falsch« verhalten hat, und wird dann bestraft. – Oder der Einzelmensch separiert sich selbst von der Gruppe, der Herde, weil sie ihn erstickt oder mit ihren Regeln kein eigenes Leben leben lässt, aber die Gesellschaft ist nicht darauf vorbereitet, dass der sich selbst separierende Mensch existieren kann und für ein »Singleleben« gibt es keine Infrastruktur.

Das heißt, die Menschenrechte schützen den Einzelmenschen auch vor der Gruppe.

Findet damit aber eine »Bewertung« von Kultur statt? – Die Menschenrechte stellen den Einzelmenschen in den Vordergrund, und erklären den Einzelmenschen für wichtiger als die Gruppe. Wenn es um die Frage geht, wessen Ansinnen soll Beachtung finden und letztlich gewährt und unterstützt werden, befinden die »Menschenrechte« die Anliegen des Einzelmenschen höher als die Gruppenanliegen. – Ist das gut und richtig?

Darauf können wir nur individuell eine Antwort geben und dies einschätzen. – Wenn wir der Meinung sind, die Gruppenanliegen sind höher zu bewerten, als die Anliegen von Einzelpersonen, dann ist das halt so. – Ich halte die Menschenrechte für ein in der heutigen Zeit unbedingt brauchbaren und guten Orientierungspunkt, um sich in der globalen Welt zurechtzufinden und Situationen einzuschätzen und zu bewerten.

Aber stellen wir uns einmal vor, jemand würde die Gruppeninteressen höher bewerten, als die Individualinteressen. – Kann überhaupt eine »Gruppe« Interessen haben? Natürlich nicht!

Eine Gruppe kann nicht denken.

Auch hinter Gruppeninteressen stehen wieder einzelne Personen, die womöglich das Licht der Öffentlichkeit scheuen, die aber im Hintergrund die Gruppen lenken und Regeln bestimmen, nach denen die Leute ihren Weg gehen. – Somit kann davon ausgegangen werden, dass hinter Gruppeninteressen Machtinteressen einzelner Gruppenmitglieder stehen, die offen oder verdeckt, für alle anderen in der Gruppe, die Lebens- und Rahmenbedingungen formulieren.

Wollen wir das? Sind wir damit einverstanden?

Solange wir Pluralismus und Multikulturalismus nur aus der privaten Perspektive leben und beschreiben, von Bekannten aus dem Freundeskreis berichten, und wie wir mit ihnen umzugehen gedenken, hat das Ganze noch etwas Harmloses. Aber tatsächlich müssen wir uns als StaatsbürgerInnen denken, die Verantwortung für ein Gemeinwesen haben sollen. – Solange wir aus der Perspektive eines Jugendlichen oder jungen Menschen in die Welt schauen, fehlt meist der »Verantwortungs-Aspekt«. Menschen in diesem Alter haben meist noch keine Verantwortung für die Gemeinschaft, »für alle«. – Sofern wir aber diese Verantwortung für uns selbst in Anspruch nehmen, sofern wir Verantwortung für ein Gemeinwesen, für eine Familie, für eine kleine oder große Gruppe von Menschen übernehmen wollen und sobald wir die Öffentlichkeit und den öffentlichen Raum als einen wahrnehmen, den wir verantwortungsvoll gestalten wollen, dann können wir nicht mehr alle Lebensweisen zur »Privatsache« erklären, sondern müssen auch die Konsequenzen und wechselseitigen Wirkungen mit in unsere Betrachtung mit einbeziehen, wenn wir über »Kultur« sprechen und wenn wir ein Urteil fällen und unsere Kräfte in eine Richtung einsetzen möchten.

Advertisements

Blickwinkel

Jüdische Allgemeine–Neues Beschneidungsgesetz in Norwegen

Die Neuregelung kommt in einer Zeit, da in Skandinavien vor allem säkulare Gruppen – unter ihnen die Kinderschutzbeauftragte der nordeuropäischen Länder – eine Kampagne gegen die Beschneidung führen. Sie argumentieren, die Zirkumzision verstoße gegen das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit.

Hhmm. – Ob an dem Argument etwas dran ist. …