Schlagwort-Archive: Kultur

Pluralismus, Multikulturalismus und Menschenrechte

Nicole Lieger spricht in ihrem Text »Pluralismus in der Politik der Anziehung« von unterschiedlichen Lebenskonzepten und Sichtweisen, und stellt die Frage, ob diese, nebeneinandergestellt, keine unterschiedliche Bewertung erfahren sollen.

https://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger/pda/plural.pdf

Frau Lieger spricht in ihrem Artikel nicht von den Menschenrechten. Aber gerade diese sind bei der Betrachtung von »Multikultur« und Pluralismus von großer Bedeutung.

Dass die »eigene Kultur« bedingt und begrenzt ist, bedeutet ja nicht, ein »kritikloses« Leben zu leben, in dem alles geschieht und da ist, und wir es hinnehmen müssen. Multikulturalismus und Pluralismus können nicht bedeuten, auf eine kritische Weltbetrachtung zu verzichten.

Gerade die Menschenrechte können dabei helfen, zu erkennen, wie eine Weltsicht aufgebaut sein könnte, die es zu verteidigen gilt. – Denn wenn wir darauf verzichten, die Lebenskonzepte und Verhaltensweisen um uns herum zu beurteilen, weil wir »kein Recht dazu haben«, weil wir »alle gleichermaßen« Werte und Regeln schaffen können, dann bleibt nichts für eine Orientierung und dann kann auch jede Gruppe versuchen, mit ihrer Lebensweise eine Vorherrschaft auf der Welt zu erlangen. – Denn wir sind doch alle gleich mit unseren Anliegen!

Was also ist verteidigungswert, was erstrebenswert, in welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir feststellen, dass eine Grundeinkommens-Gesellschaft besser ist, als eine Hartz4-Gesellschaft, dann gelingt diese Feststellung doch nur, indem wir einen Wertekanon definieren, der durch die heutige Politik nicht erfüllt wird, der aber für uns unbedingt erstrebenswert und »menschenwürdig« ist. – Und wir erleben es gerade heute, dass die Vertreter der Regierung, der Regierungspolitik, kalt und skrupellos ihre Weltsicht in Gesetze packen, die für alle gültig sein sollen, und eine große Zahl an Menschen bereit sind, für die Politiker diesen brutalen Umgang mit den Menschen, mit den Armen und Arbeitslosen zu betreiben.

Sollten wir da nicht »pluralistisch« sein und sagen, »lasst die doch, die wollen halt anders das Leben gestalten«?

Dabei fällt nun auf, dass eine »Trennung« von unterschiedlichen Lebenskonzepten, Lebensweisen und Kulturgestaltungen gar nicht möglich ist. – Wenn der Nachbar im Wohnhaus aufgrund seiner »anderen Kultur« das Patriarchat pflegt, dann kann das unmittelbar für die übrigen Bewohner im Haus, in der Nachbarschaft Konsequenzen haben, zum Beispiel wie die Kinder dieser Leute sich verhalten, in der Schule, im Kindergarten, was in der Wohnung passiert und wie es den Frauen dort ergeht. All das strahlt aus, auf die Nachbarschaft und vielleicht sind die Mitmenschen nicht der Meinung, dass das in Ordnung ist, was da passiert.

So sind Kultur und Lebensweise nicht »monadenhaft« zu verstehen. Sie sind öffentlich, sie sind sichtbar, sie sind für alle, die den Lebensraum teilen, spürbar und erfahrbar. Und wir sind aufgerufen, damit umzugehen. Eine »Pflicht« zu irgendetwas, gibt es da nicht. Manche Menschen folgen ihrem Gefühl. Sie empfinden womöglich bestimmte Lebensweisen nicht als angemessen, nicht als richtig. Andere wiederum suchen nach rationalen Erklärungen, wie es vielleicht auch Frau Lieger in ihrem Beitrag getan hat.

Zu diesen rationalen Erklärungen und Bewertungen zählen dann auch die Menschenrechte. – Warum gibt es sie?

Gewalt, Mord und Totschlag wird immer wieder von Gruppen praktiziert, die gegen andere Menschen wüten und diese bedrohen. Wer Gewalt ausübt, muss Gründe haben. Und wer Gewalt ausübt, muss stark sein, sonst wird er schnell von der Gegnerschaft vernichtet und beseitigt.

Wenn heute in der globalen Welt Gewalt ausgeübt wird, dann meist durch »Staaten« oder Staatenbünden, die gegen andere Staaten oder Mitglieder der eigenen oder anderen Staaten vorgehen. Welche Argumente bringen sie dabei vor? – Meistens gibt es zu solchen Gewaltausbrüchen eine gewisse Vorlaufzeit. Die Weltgemeinschaft, alle Bürgerinnen und Bürger auf der Erde können sich über Nachrichten, persönliche Erzählungen und im Gespräch mit Mitmenschen ein Bild davon machen, wie diese Staaten »kulturell« einzuschätzen sind. Meistens sind es Jahre oder gar Jahrzehnte, in denen sich die Menschen ein Bild von den Kulturen, von den Staaten machen können, die es auf der Welt gibt. Und ein Staat oder Staatenbund fängt nun einen Krieg gegen andere an, wie auch immer das erklärt und begründet wird, und wir stehen vor der Aufgabe, das selbst einzuschätzen, selbst eine Position zu den Ereignissen zu haben. Ja, vielleicht ergibt sich sogar die Frage, ob wir aktiv für oder gegen diejenigen vorgehen wollen, die den Krieg begonnen haben.

Welche Kriterien helfen uns dabei, die Lage einzuschätzen? Wie wollen wir unsere Position zu den Ereignissen finden? – Gerade aus den Erfahrungen schrecklicher Kriege ist die Menschenrechts-Erklärung zu verstehen. Aus der Absicht, den Menschen eine Hilfe, eine Anleitung an die Hand zu geben, Ereignisse und Situationen zu bewerten, sind die Menschenrechte entstanden.

Was aber sind die Menschenrechte? Sie sind Individualrechte!

Dies ist ein sehr wichtiger Umstand. Denn vieles Unrecht, dass der Mensch erfährt, geschieht ihm als »Einzelwesen«. Er wird separiert, wird von der Herde, der Gruppe abgesondert, zum Beispiel, weil er sich angeblich »falsch« verhalten hat, und wird dann bestraft. – Oder der Einzelmensch separiert sich selbst von der Gruppe, der Herde, weil sie ihn erstickt oder mit ihren Regeln kein eigenes Leben leben lässt, aber die Gesellschaft ist nicht darauf vorbereitet, dass der sich selbst separierende Mensch existieren kann und für ein »Singleleben« gibt es keine Infrastruktur.

Das heißt, die Menschenrechte schützen den Einzelmenschen auch vor der Gruppe.

Findet damit aber eine »Bewertung« von Kultur statt? – Die Menschenrechte stellen den Einzelmenschen in den Vordergrund, und erklären den Einzelmenschen für wichtiger als die Gruppe. Wenn es um die Frage geht, wessen Ansinnen soll Beachtung finden und letztlich gewährt und unterstützt werden, befinden die »Menschenrechte« die Anliegen des Einzelmenschen höher als die Gruppenanliegen. – Ist das gut und richtig?

Darauf können wir nur individuell eine Antwort geben und dies einschätzen. – Wenn wir der Meinung sind, die Gruppenanliegen sind höher zu bewerten, als die Anliegen von Einzelpersonen, dann ist das halt so. – Ich halte die Menschenrechte für ein in der heutigen Zeit unbedingt brauchbaren und guten Orientierungspunkt, um sich in der globalen Welt zurechtzufinden und Situationen einzuschätzen und zu bewerten.

Aber stellen wir uns einmal vor, jemand würde die Gruppeninteressen höher bewerten, als die Individualinteressen. – Kann überhaupt eine »Gruppe« Interessen haben? Natürlich nicht!

Eine Gruppe kann nicht denken.

Auch hinter Gruppeninteressen stehen wieder einzelne Personen, die womöglich das Licht der Öffentlichkeit scheuen, die aber im Hintergrund die Gruppen lenken und Regeln bestimmen, nach denen die Leute ihren Weg gehen. – Somit kann davon ausgegangen werden, dass hinter Gruppeninteressen Machtinteressen einzelner Gruppenmitglieder stehen, die offen oder verdeckt, für alle anderen in der Gruppe, die Lebens- und Rahmenbedingungen formulieren.

Wollen wir das? Sind wir damit einverstanden?

Solange wir Pluralismus und Multikulturalismus nur aus der privaten Perspektive leben und beschreiben, von Bekannten aus dem Freundeskreis berichten, und wie wir mit ihnen umzugehen gedenken, hat das Ganze noch etwas harmloses. Aber tatsächlich müssen wir uns als StaatsbürgerInnen denken, die Verantwortung für ein Gemeinwesen haben sollen. – Solange wir aus der Perspektive eines Jugendlichen oder jungen Menschen in die Welt schauen, fehlt meist der »Verantwortungs-Aspekt«. Menschen in diesem Alter haben meist noch keine Verantwortung für die Gemeinschaft, »für alle«. – Sofern wir aber diese Verantwortung für uns selbst in Anspruch nehmen, sofern wir Verantwortung für ein Gemeinwesen, für eine Familie, für eine kleine oder große Gruppe von Menschen übernehmen wollen und sobald wir die Öffentlichkeit und den öffentlichen Raum als einen wahrnehmen, den wir verantwortungsvoll gestalten wollen, dann können wir nicht mehr alle Lebensweisen zur »Privatsache« erklären, sondern müssen auch die Konsequenzen und wechselseitigen Wirkungen mit in unsere Betrachtung mit einbeziehen, wenn wir über »Kultur« sprechen und wenn wir ein Urteil fällen und unsere Kräfte in eine Richtung einsetzen möchten.

Die Gesellschaft, der Staat – mein Verein

Mein »Verein« hat 150 Mitglieder. Alle zwei Monate gibt es eine Mitgliederversammlung. In der Mitgliederversammlung werden alle Entscheidungen getroffen, die für alle Mitglieder gültig und von Belang sind. – Wenn ich an der Mitgliederversammlung nicht teilnehme, kann ich nicht »mitbestimmen«. Dies ist ungerecht. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass auch von zuhause aus, per Email »abgestimmt« werden kann. – Dies wurde von denjenigen abgelehnt, die immer zu den Mitgliederversammlungen erscheinen. Es sind momentan drei, vier Leute.

Die Gesellschaft aber, unser Staat, ist nichts anderes, wie mein kleiner Verein, nur halt »in ganz groß«. Die Gesellschaft ist meine Gesellschaft. Ich kann in ihr mitbestimmen, wie sie gestaltet wird und wie ihre Grund-Gesetze aussehen. – Alles steht immer zur Disposition, alles wird immer von den Menschen, von allen aktiven Menschen in der Gesellschaft gestaltet.

Wenn wir der Meinung sind, das in unserem »Verein« großes Unrecht geschieht, wie zum Beispiel das »Hartz4«, dann dürfen wir das nicht hinnehmen und müssen eine angemessene Neu-Gestaltung der Gesellschaft einfordern.

Aber wie schaffen wir das?

In meinem kleinen Verein hatte ich angemahnt, mehr Demokratie zu ermöglichen, durch die Möglichkeit der Abstimmungen per Email, aber diejenigen, die immer zu den Mitgliederversammlungen kommen, haben dagegen gestimmt. – Bei den Mitgliedern im Verein sind zwar einige, die mein Ansinnen unterstützen, aber wir haben uns nicht aufgerafft, uns so zu organisieren, dass wir hätten bei einer Mitgliederversammlung unser Anliegen »durchdrücken« können. – Ich selbst habe vielleicht auch gezögert, weil es einem »Putsch« gegen diejenigen gleichkäme, die seit vielen Jahren als »Funktionäre« die Geschicke des Vereins lenken. – Ich hätte ihre Macht brechen müssen, aber dann hätte auch die Verantwortung bei uns »Putschisten« gelegen, für die Geschicke des Vereins, und so viel Verantwortung wollte ich dann doch nicht im Verein übernehmen.

Vergleiche ich das jetzt mit dem »großen Verein«, der Gesellschaft, dann sieht das aber anders aus. Hier will ich sehr wohl »Verantwortung« übernehmen, weil ich mich in meinen elementaren Grundrechten verletzt sehe, durch Hartz4 und weil ich mich allein durch diese politischen Machenschaften, die diese Gesetze ermöglicht haben, in meiner Existenz bedroht sehe, sodass ich »ganz klar« dann auch für die ganze Gesellschaft Verantwortung übernehme, in dem Sinne, dass diese Gesetze wieder abgeschafft werden müssen und bessere Lösungen gewählt werden, um mit »Arbeitslosigkeit«, um mit Rationalisierung und gesellschaftlicher Veränderung fertig zu werden.

Es ist ganz klar: die politischen Verwalter haben versagt. Ihnen muss das Wirkungsrecht entzogen werden. Sie haben als unsere »Geschäftsführung« den Verein an die Wand gefahren und für uns alle schwere Schäden verursacht. Diese Geschäftsführung kann nicht mehr geduldet werden. – Wir brauchen andere Geschäftführungen, andere politische Verwalter und wir müssen die Grund-Gesetze so ändern, dass wir als Souverän, als Bürger viel mehr direkte Entscheidungsmöglichkeiten erhalten, als das heute noch der Fall ist. Stichwort: Direkte Demokratie. Mindestens in dem Umfange, wie es in der Schweiz heute üblich ist.

Das ist eine von Grund auf neu gestaltete Gesellschaft. Was in die Richtung geht, wie ich sie gerade bei Ralph Boes sehe, bei seiner »Erneuerung der BRD« Arbeit.

Wenn wir uns aber dessen bewusst sind, was das bedeutet, dann sehen wir, es betrifft die Grundfesten der Gesellschaft. Und es gibt Auskunft darüber, wie wir die heutigen Verhältnisse sehen, wie wir die heutigen Verwalter, Politiker und ihr Umfeld in der Wissenschaft, in der Kultur, in den (öffentlich-rechtlichen) Medien, Zeitungen einzuschätzen haben. – Davon sind wir ja dann getrennt und das wollen wir so nicht mehr fortsetzen.

Wer sind »wir«, die Veränderung wollen?

Auf der Homepage von Inge Hannemann las ich schon vor geraumer Zeit, dass sie eine »Demonstration gegen Hartz4« absagte, weil »rechte Gruppierungen sich dieser Veranstaltung anschließen könnten«. – Ist das nicht schrecklich. Eine ganz wichtige Veranstaltung platzen zu lassen, weil jemand teilnehmen könnte, dessen Anwesenheit nicht erwünscht ist?

Interessierte Kreise könnten diese Logik dann aber »umdrehen« und Veranstaltungen dadurch verhindern, dass sie immer anonym, in den Netzwerken, andeuten, vielleicht tauchen »Rechte« auf der Veranstaltung auf. – Damit könnte jegliche wichtige Arbeit blockiert werden. Deshalb kann man sich auf so etwas eigentlich gar nicht einlassen.

Dasjenige, was richtig ist, klug ist, den Menschenrechten gemäß ist, muss sich immer öffentlich zeigen, egal wer sonst noch den Öffentlichen Raum bevölkert. Der Öffentliche Raum hat es nun mal an sich, dass er »öffentlich« ist. – Alle Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft können ihn nutzen.

Und die Entwicklung in Richtung politischer Extreme geschieht in dem Maße immer stärker, je weniger die Menschen glauben, durch »Diskussion«, Aufklärungsarbeit, gemeinsames Gespräch die Verhältnisse ändern zu können. – Radikalität und Gewalttätigkeit stehen nicht am Anfang von gesellschaftlichen Entwicklungen und Verhältnissen, sondern tauchen dann auf, wenn immer weniger Hoffnung besteht, dass über den normalen, friedlichen Weg etwas erreicht werden kann.

Auch wird heute von den »Systembewahrern« nicht selten suggeriert, es ginge nicht um »sinnvolle Veränderungen«, sondern um die Frage, wer diese Veränderungen will. Wenn es auch »Rechte« sind, die bestimmte Veränderungen wollen, dann sollten wir uns von diesen Veränderungs-Wünschen fern halten, so die Botschaft. – Aber ist das nicht lächerlich?

Wenn die Rechten für mehr Direkte Demokratie und für die Abschaffung von Hartz4 eintreten würden, dann käme ich nicht auf die Idee aufzuhören, mich ebenfalls für diese Ziele einzusetzen. Und es würde genügen, bei einer Demo, wenn ein Teilnehmer für alle, ein Plakat hochhielte »MENSCHENRECHTE und RECHTE schließen sich gegenseitig aus« und wenn wir als Organisator der Veranstaltung die Polizei einspannen, die Leute von unserer Demo fernzuhalten. – Aber so läuft das ja eigentlich auch in der Praxis. – Eine Distanzierung von Leuten, die wir für gefährlich in der Gesellschaft halten, ist also möglich, ohne die eigene Arbeit aufgeben zu müssen.


Und jetzt noch einmal zu meiner Frage, »Wer sind denn diejenigen in der Gesellschaft, die eine Neu-Organisation unseres Gemeinwesens wollen?« – Das ist so einfach nicht zu bestimmen.

Sind alle Grundeinkommens-Aktivisten für eine Neugestaltung der Gesellschaft? – In einer Versammlung zum Stichwort »Grundeinkommen« tauchen alle möglichen Personen auf. Grundeinkommens-Gegner, solche, die sich »nur informieren« wollen, aber auch Leute, die sich »Grundeinkommens-Befürworter« nennen, aber wenn nachgeforscht wird, was damit gemeint ist, taucht dann möglicherweise wieder ein Grundeinkommens-Gegner auf. – Die Situation ist undurchsichtig. In dem Dunstkreis »Grundeinkommen« bewegen sich viele Gestalten. – Wie lässt sich da Orientierung herstellen?

Einmal über Vertrauen. Personen, die wir kennen, denen wir die Haltung, Einstellung abnehmen. Aber auch da können sich Veränderungen ergeben. Jemand, der jahrelang für eine Sache sich eingesetzt hat, erklärt, zu einer anderen Meinung gelangt zu sein, und verändert schlagartig das eigene Verhalten. – Davor sind wir auch im Privaten nicht gefeit.

Wir können eigentlich nur dadurch deutlich machen, in welche Richtung wir gehen wollen, indem wir das tagtäglich von neuem aufzeigen, in unserem Verhalten, in unseren öffentlichen Verlautbarungen.

Es sind eigentlich ganz einfache Verhaltensweisen: Wir geben öffentlich bekannt, dass wir mit der »Geschäftsführung unseres Vereins« nicht mehr einverstanden sind. Dass wir die Arbeit für »sehr schlecht« halten, und kein gutes Haar an der »Vereinsführung« lassen wollen, und das eine »Neugestaltung der Vereinsregeln« dringend nötig ist. – Das heißt, wir lehnen das Agieren der Geschäftsführung vollständig ab und mehr noch, wir halten dessen Verhalten für »vereinsschädigend« und gefährlich, weil es jedes einzelnes Mitglied in seiner Existenz bedroht.

Das ist ja eine Aussage, die von jedem von uns öffentlich gemacht werden muss. – Wir müssen sagen, dass wir die Regierungsmitglieder ablehnen und nicht mehr wollen.

Von wem werden wir bei diesem Unterfangen Unterstützung erhalten?

Gibt es Menschen in der Wissenschaft, die die heutigen Verhältnisse ablehnen und »mit uns« eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft anstreben? – Die Wissenschaft hängt am Geldtropf der Regierung. Werden die Staatsbediensteten sich gegen den Staat stellen?

Wie sieht es im Kulturbereich aus? Musiker, Schriftsteller, »freischaffende Künstler«, wollen die einen anderen Staat. Ohne Hartz4, aber mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen? – Wie sieht das in Deutschland aus? – Auch Kunst und Kultur hängen am Geldtropf des Staates, werden »gefördert« oder subventioniert, oder eben halt nicht, wenn sie sich störrisch verhalten.

Wer in Wissenschaft und Kultur stellt sich öffentlich gegen Hartz4 und bekennt sich öffentlich zu einem Grundeinkommen? – Und sind dann das auch die Menschen, die einen grundsätzlichen Neu-Anfang in der Gesellschaft wollen?

Womöglich sind die Vertreter an den Hochschulen an einer Hand abzuzählen, die sich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen. Und sind die meisten anderen mehr mit ihren »Besoldungsgruppen« und Einstufungen beschäftigt, wenn sie an ihre »wissenschaftliche Arbeit« denken? – Setzt sich die Wissenschaft für die »Armen« in der Gesellschaft ein? Haben die Juristen festgestellt, dass die Hartz4-Gesetze »Unrecht« sind und sofort abgeschafft gehören. Haben die Akademiker aus den anderen Wissenschaftsbereichen, die Juristen auf das große Unrecht in den Hartz4-Gesetze hingewiesen?

Die Wissenschaft als eigenständiger Bereich in unserem »Verein«, scheint ihre Arbeit nicht im Interesse der Vereinsmitglieder zu machen. Denn sonst müsste sie die menschenunwürdigen Zustände »aus der Sicht der Wissenschaft« anprangern.

Und welcher Künstler setzt sich schon Jahren gegen Hartz4 ein? Welche Sänger, Musiker, Maler, Schriftsteller, Schauspieler prangern schon seit Jahren Hartz4 an und setzen sich gleichzeitig für ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein?

Was ist mit den Berufstätigen, von denen doch viele in Berufsverbänden organisiert sind: Sozialarbeiter, Therapeuten, Psychologinnen, Ärzte, Pfleger, Lehrer. – Setzen sie sich als Einzelpersonen oder über ihre Berufsverbände gegen Hartz4 ein, und für ein Bedingungsloses Grundeinkommen? Sind diese Menschen »öffentlich« sichtbar in ihrem Protest gegen diese Regierung, gegen diese Politik, gegen Hartz4 und für ein Grundeinkommen?

Alle Berufstätigen in den Sozialbereichen, im Gesundheitsbereich, im Bildungssytem, im Pflegebereich, die »hautnah« das Elend mitbekommen, dass durch die unsäglichen Hartz4-Gesetze verursacht wird, müssten doch aufschreien, spätestens heute, nach 10 Jahren Hartz4, über die Unmenschlichkeit, die mit dieser Gesellschaftsgestaltung einhergeht. – Alle diese Leute müssten sagen, diese Politik, diese Regierungen wollen wir nicht, die das zu verantworten haben.

Und was ist mit der »Wirtschaft«? – Der Hartz4-Zwangsarbeiterstaat ist die ideale Grundlage dafür, Menschen durch die Wirtschaft auszubeuten. Neo-liberales Handeln war nie so leicht, wie unter den Hartz4-Gesetzen. – Weil sich der Bürger nicht gegen diese Zumutungen wehren kann, wenn er arbeitslos ist, und ein Geld braucht, zum Überleben.

Die Wirtschaft ist der große Profiteur der Hartz4-Gesetze. Noch nie war es so leicht andere Menschen in der Arbeitswelt auszunutzen und schlechtzustellen. – Wer aus der Wirtschaft unterstützt jetzt ein Bedingungsloses Grundeinkommen, welcher Unternehmer will eine »andere Gesellschaft«, mit mehr Direkte Demokratie und ohne Zwangsarbeit? – Können wir die auch an einer Hand nur abzählen?

Als weitere Gruppe wären noch die Medien zu erwähnen. Wer Radio hört, kann jeden Tag zum Beispiel »Wirtschaftsnachrichten« hören. Dort wird tatsächlich »jeden Tag« davon erzählt, dass wir Wirtschaftswachstum brauchen, Investitionen und Arbeitsplätze. – Ist das jetzt die »Lügenpresse«? – Soweit muss man nicht gehen. Aber man kann durchaus sagen, diese tagtägliche Propaganda ist die Unwahrheit.

Und sie ist ja nicht nur in den durch »Rundfunkbeitrag« staatlich subventionierten Medien, Radio und Fernsehen, sondern auch in vielen Zeitungen wahrnehmbar. – In diesen »alten Medien« weht noch der Geist der Vergangenheit. Sie wollen nichts wissen, von Gerechtigkeit, Menschenrechte, Menschenwürde und der Verletzung dieser Rechte durch Hartz4. Sie wollen nichts wissen von übertriebenem Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung durch die Arbeitsideologie der Zwangsarbeit in Deutschland. Sie wollen an ihrer Parole »Einkommen nur durch Arbeit« auf ewig festhalten. Sie erkennen nicht, dass die Neu-Investitionen nicht für sinnvolle Dinge verwendet werden, sondern sinnlos in Projekte gesteckt werden, deren einziger Sinn ist: »Arbeit schaffen«.

Aber das ist halt nicht mehr die Wahrheit und Wirklichkeit der heutigen Zeit. Und deshalb sind die etablierten Medien, wie die etablierten Parteien auch, Teil einer untergehenden Welt.


So ist es also gar nicht so einfach, herauszufinden, wer denn wirklich eine neue, bessere Gesellschaft haben will. – Und es scheint, als ob es nur ganz wenige sind, die das wollen. Und sicherlich habe ich jetzt gerade Menschen nicht erwähnt: die Armen, die 13 Millionen Menschen in Deutschland, die weniger als 900 Euro zum Leben im Monat haben. – Aber können die gegen den Rest des »Vereins«, die 67 Millionen Menschen etwas ausrichten. Oder müssen sie ihr Schicksal resignierend hinnehmen oder noch besser, »im System« mitmachen und im Wettbewerb mit den anderen um bessere Positionen, besser bezahlte Arbeit, konkurrieren? – Jeder gegen jeden.

Und wäre es nicht wichtig, dass wir uns gemeinsam organisieren?

Diejenigen, die Veränderung wollen, sollten sich verbünden und gemeinsam für Veränderungen agieren. – Aber das ist leichter gesagt, als getan. – Nehmen wir eine der letzten Kampagnen: Alice Schwarzer im Einsatz gegen Prostitution und Freier. Und in einem öffentlich verbreiteten Aufruf bekennen sich »Personen des öffentlichen Lebens« zu den Aussagen und Forderungen von Alice Schwarzer. – Ja, so sieht eine Kampagne aus. – Und vielleicht findet sich eine Ministerin, die die Anliegen aufgreift und bei der nächsten Gesetzesänderung versucht, dem gerecht zu werden.

Da haben wir dann Folgendes: Einmal Leute, die klar und deutlich formulieren, worum es geht und was geschehen muss. Und dann haben wir jene, die diesen Aussagen und Forderungen zustimmen und das öffentlich tun. Und das Ganze wird dann in der Form der »Kampagne« über ein, oder mehrere Medien in die Öffentlichkeit gebracht. – Setzt sich Alice Schwarzer für das Bedingungslose Grundeinkommen ein und äußert sie sich gegen Hartz4?

Es gibt also Leute, die sich inhaltlich in eine Thematik einarbeiten und Positionen formulieren und Forderungen erheben, und es gibt Leute, die vielleicht ohne sich inhaltlich tief in eine Thematik einzuarbeiten, die Positionen und Forderungen beurteilen und sich dazu zustimmend verhalten. – Und zum Schluss muss der öffentliche Auftritt organisiert werden. Zum Beispiel in Form einer »Kampagne«. – Es muss sich eine Kerngruppe bilden, die inhaltlich arbeitet und Positionen formuliert.

Haben wir diese Kerngruppe schon?

Diese muss nach außen hin Unterstützer haben, solche, die vielleicht nicht so tief in die Materie einsteigen, die aber als »Multiplikatoren« die Gedanken in der Gesellschaft verbreiten, bei Kunst- und Kulturveranstaltungen zum Beispiel.

Um nochmal bei dem Beispiel der Alice-Schwarzer-Kampagne zu bleiben, es geht um »ein Thema«. – Bei dem Thema, über das ich hier schreibe, geht es auch um ein Thema: Hartz4/Grundeinkommen. Hartz4/Grundeinkommen ist ein Thema, weil »Hartz4« die schlechte Lösung für Probleme in der Gesellschaft darstellt, und »Grundeinkommen« die eindeutig bessere Lösung für die gleichen Probleme darstellt.

Es hat keinen Sinn, neue Organisationen zu gründen und die Arbeitsweise der »Parteien« zu kopieren. – Parteien wollen für alle Probleme in den Gesellschaften zuständig sein, weil sie »anstelle« des Bürgers entscheiden. Das soll aber in Gesellschaften mit Direkter Demokratie nicht mehr der Fall sein. In Gesellschaften mit Direkter Demokratie entscheiden Thema für Thema, die Bürgerinnen und Bürger selbst. Tagesordnungspunkt für Tagesordnungspunkt. TOP für TOP. – Und wir müssen uns so verhalten, dass wir die Grundeinkommens-Gesellschaft mit Direkter Demokratie vorwegnehmen und heute bereits vorleben.

Deshalb vermische ich nicht mein Engagement für das Bedingungslose Grundeinkommen und meinen Widerstand gegen Hartz4 mit anderen Themen. – Wenn ich eine Hompage betreibe, zum Thema Grundeinkommen, dann habe ich nicht auf derselben Hompage auch noch die Meinung zum Nah-Ost-Konflikt, zum Herrn Putin, zu den Imperialisten, oder zum Islam mit da drauf. – Das passt nicht und das bringt Projekte zum Scheitern, weil wir nie die Menschen zu allen Themen unter einen Hut bekommen. – Deshalb ist es unsinnig das Grundeinkommens-Thema zu »erweitern«, auf alle weltpolitischen Probleme und dann so zu agieren, wie es Parteien machen.

Den Parteien geht es letztlich immer nur um den »Selbsterhalt«. Und alle Einzelthemen der Gesellschaft sind dabei nachrangig. – So aber können wir heute nicht mehr politisch arbeiten. Und wenn wir es doch tun, schrecken wir die Menschen nur ab.

Was aber funktioniert, und deshalb empfehlenswert ist, bezieht sich auf das Einzelthema. Denn über dieses können wir versuchen, Übereinstimmung zu erzielen. – Sicherlich führen die Einzelthemen auch in andere Bereiche hinein, aber eine Ausgangsorientierung sollte klar formuliert sein und gibt dadurch einen guten Rahmen für Zustimmung oder Ablehnung eines Anliegens: Hartz4 ist Unrecht, weil es die Menschenrechte tangiert und verletzt. Diese Gesetze müssen zurückgenommen und ersetzt werden, durch menschenwürdigere Regelungen bezüglich des Erhalts der Existenzsicherung. Zum Beispiel das »Bedingungslose Grundeinkommen«. – Da muss ich jetzt nicht zusätzlich noch den Ukraine-Konflikt mitdiskutieren, weil das das Thema wieder völlig auseinanderreißt und einmal gewonnene Übereinstimmungen wieder gefährdet.


Wenn wir also eine »Kerngruppe« haben, die sich in das Thema einarbeitet, dann sollte sie sich am Thema entlang arbeiten und die Mitmenschen »im Verein« im Auge behalten, und daran denken, dass die Ausarbeitungen als »ein Tagesordnungspunkt« auftauchen werden, in der »Mitgliederversammlung«, und zur Abstimmung ansteht, durch die Bevölkerung. – Da können dann nicht noch alle übrigen Themen auch noch reingepackt werden, weil »irgendwie alles miteinander zusammenhängt«. – Das wäre vom praktischen Ablauf einfach unsinnig.

Gibt es diese Kerngruppe? – Wenn nicht, dann sollten wir sie jetzt schaffen.

Zusammenfassung

Wenn sich die Gesellschaft ändern muss, und die heutigen Verhältnisse und politischen Entscheidungen »nicht mehr tragbar« sind, dann müssen wir Bürgerinnen und Bürger dies öffentlich bekunden und gegen diese Politik antreten und Veränderungen einfordern und einleiten.

Ein Bündnis mitdenkender Personen, formuliert eine neue Gesellschaft, mit neuen »Grund-Gesetzen«, die das Hartz4-Unrecht beenden und das Bedingungslose Grundeinkommen einführen. – Viele Menschen in der Gesellschaft, bekennen sich für dieses Anliegen öffentlich, in vielen Veranstaltungen, Kampagnen, Aktionen, Demonstrationen und weiteren Aktivitäten.

Unser Streben hält so lange an, bis wir unser Ziel erreicht haben. – Und dies wird uns eine Lehre sein, nicht mehr davon abzulassen, und immer aufmerksam mitwirkend unseren »Verein« zu gestalten. – Denn tun wir das nicht, gerät er zum »Monster«.

Niemand darf dem Künstler vorschreiben, moralisch zu sein. (Schopenhauer)

Der Künstler bearbeitet die Materie und schafft Werke, die über sich hinausweisen können, und die universellen Gesetze des Kosmos offenbaren, aber auch die Erdenwelt uns näher bringen. – Dazu hat er sich handwerkliches Wissen angeeignet und sein Können verknüpft mit einer Botschaft, die aus dem Wesen des Künstlers selbst kommt.

Muss er einem gesellschaftlichen Anspruch genügen? – Wenn der Künstler der »Geisteswelt« hinzugerechnet wird, erwarten wir womöglich mehr von ihm, als er bereit ist, zu geben. Ob er es leisten könnte, mag dahingestellt sein.

Letztens stellte jemand Kultur und Zivilisation gegenüber. Ja, das ist berechtigt. Denn Kultur kann auch Unkultur sein. Manche »Kulturen« sind einem archaischen Leben verhaftet, es werden barbarische Urteile gegen die Mitglieder der Gemeinschaften verhängt oder Rituale praktiziert. – Ist Zivilisation »mehr wert« als Kultur? – Primitive Lebenszusammenhänge können nicht schöngeredet werden. Wenn es also Wahlfreiheit gibt, dann sollten wir uns tatsächlich der Zivilisation näher fühlen, als einer Kultur mit fragwürdigem Wertekanon.

Wie entsteht eine Geisteswelt.

Offenbar nicht so, dass Menschen einer bestimmten beruflichen Gruppierung angehören, die scheinbar dem Geistigen nahe steht. Der dort Tätige verbittet es sich, dementsprechend herausgefordert zu werden. – Er will selbst entscheiden, ob er sich in sein Schaffen versenkt, seine Umwelt bemerkt und an ihr gestaltend teilnimmt, oder »weltvergessen« seine Produkte erstellt.

So können wir nur hoffen, dass in Zukunft mehr Menschen in der Kunst- und Kulturszene ihre Lebenswelt als eine beeinfluss- und bewertbare entdecken.

Wortakrobaten

Jannis Plastargias ist ein Schriftsteller aus Frankfurt am Main. Ich hatte ihn einmal live bei einer Kulturveranstaltung erlebt, bei der er aus seinem Buch »Plattenbaugefühle« vorlas und sich anschließend mit dem Publikum unterhielt. Er ist ein junger Autor (39 Jahre) und recht aktiv in der Kultur- und Literaturszene. Er macht einen interessanten Blog und ist auf Google+ vertreten. Ich habe ihn in einem meiner »Kreise«. Deshalb schaue ich ab und zu nach, was es Neues von ihm gibt.

schmerzwach.blogspot.de

In diesem Zusammenhang beschäftigt mich immer wieder die Frage, wie die heutigen Kulturschaffenden ihren Platz im politischen Umfeld definieren. Ist es ihnen wichtig, das die Leserschaft darüber Bescheid weiß, wie die Geistesproduzenten in dieser Hinsicht orientiert sind? – Von Günter Grass ist immerhin bekannt, dass er sich der SPD verbunden fühlt (was schlimm genug ist), aber was wissen wir Interessierte von den heutigen Verseschreibern.

Wie schätzen sie die Lebensqualität in den Ländern ein, die sie kennen. Schauen sie einmal nach, ob die Menschenrechte geachtet werden. Gehen sie wählen, wen präferieren sie. Fühlen sie sich wohl, in den Ländern, in denen sie leben?

Ehrlich gesagt, ist das Unpolitische dieser Menschen eher abschreckend. Welche Lyrik können diese Autoren schreiben, wenn sie gar kein Verhältnis zu ihrer politischen Umwelt haben. – Das ist so, als ob im Reich eines Diktators eine Kulturveranstaltung organisiert wird. Alle repräsentieren die Schande. Da können sie noch so gut in ihrem jeweiligen Fach sein.

Kunst und Kultur, nur sich selbst im Blick?

Frau Lewitscharoff fällt mit ihren eigenwilligen Äußerungen auf [1], und es könnte die Frage gestellt werden, mit was fallen Künstler überhaupt auf und was ist Kunst und Kultur.

Jetzt gerade hörte ich, dass Kunst nur sich selbst verpflichtet ist, und eine Bezugnahme auf ihre Umwelt niemals verlangt werden kann. Die Technik, ihre Verfeinerung, und Inspiration geleiten den Schaffenden bei seinem Tun. Also ist es Zufall, wenn die Kunst Bezug nimmt, auf ihre Umwelt? – Ich frage mich, welche Künstler heutzutage in Russland geehrt werden und warum.

Frau Lewitscharoff gelingt es zumindest, ihr Unbehagen an den herrschenden Verhältnissen zu formulieren. Auch wenn dies übertrieben erscheint, so ist doch ihr Unwillen zu spüren, gegenüber dieser Welt.

Welche Kulturschaffenden in Deutschland sind denn aktiv in ihrer Bezugnahme auf die Gesellschaft?

Viele Jahre schienen es die Kabarettisten zu sein, die immer wieder den Finger in die Wunden legten. Aber bei genauerem Hinschauen kommen gerade bei dieser Gruppe immer häufiger Zweifel auf. Einer der Großen in dieser Zunft starb vor kurzem und es war zu lesen, er sei bis zum Schluss der SPD verbunden gewesen. Kann das sein? Mit der Partei, die den Großteil des bundesdeutschen Niedergangs in den letzten Jahren verursacht hat?

Kabarett ist ein Kalauern und Herumblödeln, ohne etwas zu ändern. Und jetzt fallen diese Protagonisten auch noch mit »revisionistischen« Empfehlungen auf. Wie der Herr Nuhr, der sich über die Online-Petitionen lustig macht. [2] Dabei sind sie es, die endlich das Lachen über miese Zustände beenden werden (und die systemstabilisierende Wirkung der Lachenerzeuger), und für die Menschen eine lebenswerte Zukunft einleiten können, in dem die Instrumentarien der Direkten Demokratie in Anwendung gelangen.

Somit kann das Gemeckere der Frau Lewitscharoff als etwas Positives gewertet werden, wenn es denn bedeutet, dass sich Menschen aus der Kulturwelt aufraffen und ihre Umwelt bemerken und wenn die Kritik nicht wieder in einem Lachen entwertet wird, sondern als Unmut bleibt, der nach Veränderung trachtet.

Womit sollten sich Künstler und Kulturschaffende beschäftigen? Ja, sie bemerken noch nicht einmal, dass wir seit 2005 wieder Arbeitspflicht in Deutschland haben. Wie damals bei den Nazis. Und das dies gemäß völkerrechtlicher Vereinbarungen eigentlich verboten ist und somit die Bundesrepublik Staatenverträge bricht und die Arbeitspflicht auch gemäß unseres Grundgesetzes verboten ist. Und es stellt sich die Frage, ob das nicht eine dauerhafte (nicht lustige, nicht witzige) Empörung Wert wäre. – Warum schaffen es die Künstler nicht, einmal klipp und klar dazu Stellung zu nehmen: Sind sie für Zwangsarbeit oder dagegen?

[1]
tagesspiegel–buechner-preistraegerin-sibylle-lewitscharoff-onanie-ist-gefaehrlich-kuenstliche-befruchtung-widerwaertig

[2]
tagesspiegel–fall-markus-lanz-dieter-nuhr-startet-online-petition-gegen-online-petitionen

Kultur

Das mag alles stimmen, aber was ist das eigentlich für eine autoritäre Vorstellung von Kultur? Was Kultur ist, die die Identität eines Landes widerspiegelt, haben demnach irgendwelche Beamten zu entscheiden, die darüber beraten, welcher Antrag auf Kulturförderung abgelehnt und welcher bewilligt wird. Was qualifiziert sie dazu? Ein Staat hat so etwas nicht vorzuschreiben und kann daran nur scheitern. Darum ist die Kulturlandschaft in Deutschland ja auch so ausgetrocknet, so eindimensional und so frei von Innovationen

achgut–oh-boy-diese-kulturfoerderung

Was ist Kultur? Wer darf da mitüberlegen. Diejenigen, die über öffentliche Gelder verfügen …. und wer noch. Kultur kann heute als »Einzeltat« im Internet bewundert werden, oder ist Produkt einer Gemeinschaftsarbeit. Dabei spielt die Finanzierung gar keine Rolle. Mit der Handykamera kann man einen anderthalbstündigen Spielfilm erstellen, wenn man denn will.

Die Kulturlandschaft ist ausgetrocknet, weil es keine Menschen gibt, die interessante Sachen machen. Die für andere von Interesse sind. Das macht die Landschaft so »trocken«.

Denn der traditionelle Mensch, der offenbar bereits ein Auslaufmodell geworden ist, ein Mensch mit Gewissen, zu Schuld- und Schamgefühlen, zur Kontrolle seiner Affekte fähig, mit einer sexuellen Identifikation als Mann oder Frau, ein Mensch mit Kultur, wird dann nur noch Geschichte sein. Denn Kultur ist eben nicht die Natur, und Argumente für etwas, weil es „natürlich“ sei, sind für die Tierhaltung überzeugend, den Menschen macht nicht das Natürliche aus, denn natürlich ist auch, unter sich zu kacken; den Menschen macht seine Kultur aus, die ihm nicht gegeben ist, sondern die er hervorbringt. Und seine Anpassung an die Kultur erzeugt das, was in der Psychoanalyse Neurose genannt wird.

achgut–menschen-ohne-grenzen-oder-affen-mit-smartphones

Kultur ist eine Leistung? Sie ist jedenfalls verknüpft mit einem Bekenntnis »zu«. »Das« ist unsere Kultur. Oder sagt man heute: »Das ist meine Kultur.«? Ist Kultur eine Gruppenleistung oder eine Einzelleistung?

Jetzt sah ich großformatige Werbung, über die ich mich sehr ärgerte. Es ging um ein neues Computer- beziehungsweise Konsolenspiel »Grand Theft Auto«. In Wikipedia fand ich heraus, dass das Spiel in mehreren Serien in Schottland produziert wird. Auf dem Plakat an einer Bushaltestelle hängend, ist ein Mann zu sehen, der böswillig aussieht und eine Handbewegung macht, die allgemein als Drohung gilt, jemanden töten zu wollen. Ich fühlte mich von dieser Visage belästigt, und überlegte mir, dass mit diesen vorgeblichen Autorennspielen in erster Linie junge Männer, männliche Jugendliche angesprochen werden sollen.

Diese Computerspielserie ist bereits in mehreren Folgen erschienen und steht in der Kritik. Wikipedia dazu:

wikipedia.org/wiki/Grand_Theft_Auto

Die GTA-Reihe ist wegen der exzessiven Gewaltdarstellung nicht unumstritten. Bei Wissenschaftlern und amerikanischen Politikern[19] ruft jeder neue Teil der Serie, insbesondere da seit GTA III eine 3D-Engine verwendet wird, teils scharfe Kritik hervor. In allen Teilen der Serie sind gewalttätige Handlungen gegen Personen (einschließlich Polizisten) möglich. Das Töten von Personen wird mit Fahndungssternen zwar bestraft, hat aber keine ernsten Folgen für den Spieler oder den Spielverlauf. Die schwerwiegendste Konsequenz ist lediglich eine symbolische Verhaftung, die den Verlust der mitgeführten Waffen und eine Geldstrafe mit sich bringt.
Um eine USK-18-Einstufung bzw. Indizierung zu verhindern, wurden in den deutschen Versionen einiger GTA-Spiele Inhalte entfernt. Dies betrifft einige Missionen (GTA Vice City) sowie das Nachtreten und Berauben der am Boden liegenden Opfer. Die Amokläufe sind in den deutschen Versionen entweder gar nicht möglich oder es fehlen bestimmte Varianten, wie die Amokläufe gegen Passanten.

Gerade der hier als letztes angesprochene Punkt kam für mich in den Blick, als ich das Computerspiel Carmageddon kurz anspielte. Ein Autorennspiel für die Android-Plattform. Man bekam Punkte dafür, mit dem Auto Menschen totzufahren.

joystiq–humble-mobile-bundle-2-spotlights-star-command-carmageddon-for

Ein Spielfilm soll Kunst sein. Was ist ein Computerspiel? Es sind Kulturerrungenschaften. Aber was ist das?

Bielicki schreibt:

Aber ein Mensch wird zum Menschen erst durch Teilnahme an der Kultur, die eben nicht Natur ist. Alles was natürlich ist ist nicht Kultur. Kultur ist nicht Natur. Das, was Natur genannt wird, ist bereits vom Menschen kultiviert worden, die Wälder, die Felder, die Flüsse und Seen, auch die Berge und das Meer.
Natur ist ficken, fressen, saufen, Drogen, sich berauschen, Raserei, Krieg, Blutrausch, usw. Denn Natur ist Triebbefriedigung (Sex und Aggression), Kultur ist jedoch triebfern und daher für die triebhaften Prolls nicht attraktiv. Aber nur in der Kultur findet der Mensch zu sich selbst und bleibt nicht ein unglücklicher Menschenaffe.

Was sind dann diese Figuren in dem Autorennspiel. Welche heruntergekommene, dekadente Gesellschaft verkörpern sie. Sind sie »nur« Phantasieprodukte der Computerspiel-Produzenten? Es sind keine Menschen in einem kulturellen Zusammenhang, sondern »unzivilisierte« Wesen auf niedrigster Entwicklungsstufe. Und diese Wesen treffen wir auch real, in unserem Alltag auf der Straße.

Wenn nun diese Computerspiele kein Ausdruck von Kultur darstellen und das Niveau des Dargestellten es verbietet, überhaupt daran zu denken, dass das etwas mit Kunst zu tun haben könnte, in welchem Kontext tritt »so etwas« in die Öffentlichkeit. Und auch noch scheinbar unwidersprochen. Denn trotz Kritik wird ja immer wieder an einer neue Version des Spiels gearbeitet.

Warum ist es in einem Kulturland, in Ländern mit Kultur nicht möglich, diese Produkte als »Schmutz« zu kennzeichnen, öffentlich anzuprangern und ein Bewerben im öffentlichen Raum zu verbieten. Gibt es nur noch individuelle Wertesysteme, statt gemeinsame? Warum finden sich keine Gruppen von Kulturschaffenden, geisteswissenschaftlich Tätigen, Jugendlichen, die aktiv die in diesen »Spielen« dargestellten Szenarien brandmarken und verurteilen, weil es keine Welt ist, in der man leben will, weil Spielen ein Einüben von Lebenswirklichkeit ist und welches Leben wollen wir »wirklich« sein lassen. Weil Spieleproduzieren eine Tat von Erwachsenen ist, an Kinder und Jugendliche gerichtet, und sich die Frage stellt, was tun da diese Erwachsenen. Sollen wir als Gesellschaft die Rahmenbedingungen dafür bieten?

Alles scheint privatisiert zu sein. Der Konsum oder die Ablehnung von menschenverachtenden Schriften, Filmen, Spielen. Ja selbst der Missbrauch und Gewalt ist privatisiert, denn die Sadomaso-Szene lebt mit dem Slogan »Was freiwillig passiert, ist o.k.«. Und dann übertragen auf solche Computerspiele: Wer so etwas spielen will, soll es halt machen. Auf eigenes Risiko.

Es stellt sich die Frage, ob das wirklich so gut ist, wenn man den Einzelnen so alleine lässt. Denn darauf läuft es hinaus. Zwar können allgemeine Regeln auch als Einmischung interpretiert werden. Aber nur dann, wenn die Einmischung nicht sachlich fundiert ist.

Fange ich mal mit dieser Werbung an, dann ist sie eine nicht zulässige Belästigung. Sie gehört verboten. Ich fühle mich durch sie belästigt. Ich empfinde aber auch, dass sie eine Belästigung für junge Menschen ist. Und Werbung ist von Erwachsenen »geschaltet«. Dass heißt, Erwachsene muten das Jugendlichen zu und es stellt sich die Frage, ob das in Ordnung ist. Ich denke, in diesem Fall, nein.

Was also ist Kultur? Kultur wäre in diesem Fall, dass sich Menschen aufraffen und sagen, was sie als Kulturmissachtung empfinden und deshalb ablehnen. Ich frage mich auch, wer hat Interesse an solchem geistigen Müll. Warum werden die vielen bösartigen Computerspiele, die vielen Horrorfilme gedreht. Wieso behauptet man, Filme, in denen das Töten von Menschen zelebriert wird, seien Kunstwerke? Wer kommt auf die Idee. Was hat das alles mit Kultur zu tun. Nichts.

Bielicki schreibt, das Unzivilisierte, das Primitive, Ordinäre, Rohe, sei »Natur«. Da bin ich geneigt, die Natur in Schutz nehmen zu wollen. Das Böse und Schlechte ist eine Form von Kultur, aber diese müssen wir aktiv ablehnen und eine bessere dagegenstellen.

Europa und die ganze Welt

In einem Schwimmbad blockieren 30 bis 50 Jugendliche den Sprungturm. Sie gehören einer Glaubensgemeinschaft an und wollen provozieren. Interessant ist, wie jetzt die Bademeister und die hinzugerufene Polizei reagieren. Es kommt nicht zu einem »Kampf der Kulturen«, sondern den hitzköpfigen Jugendlichen wird klargemacht, dass die Regeln anders sind, und sie sich gefälligst daran halten sollen.

Wow. Was für eine Welt. Es ist egal, aus welchem Teil der Erde du kommst, dort wo du bist, gelten Regeln und du hast dich daran zu halten. Die Regeln sind auch nicht x-beliebig, sondern sie orientieren sich an einem fairen und angemessenem Zusammenleben. Die versuchte Provokation führt ins Leere!

Sicher kann die Provokation in einem anderen Fall zu mehr Aufregung führen, zu tragischen Zwischenfällen, aber es geht um die Tendenz. Und die besagt, dass wir keine Zeit mehr dafür haben, uns lange aufzuhalten, an vergangenen Wichtigkeiten, auch wenn manche Menschen durch die Provokation daran erinnern wollen. Wir müssen einfach so zusammenleben, dass es gelingt und dabei erweist es sich auf einmal, dass sich die scheinbaren Besonderheiten in die zweite Reihe rücken müssen. – Was also ist Kultur?

Richard Wagner schreibt in seinem Buch »Der deutsche Horizont«, Europa hätte eine Identität, die man erhalten wolle. Wer denn? Dazu müsste man die Grenzen dicht machen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Eine Identität erhalten, hieße eine »alte« Identität konservieren. Aber wir entwickeln sie beständig weiter. Vielleicht brauchen wir überhaupt keine Grenzen mehr. Die Menschen wollen sowieso da leben, wo sie eben sind oder hinwollen, alles in Freiheit entscheiden. Wer also würde Grenzregeln aufstellen und Zu- und Abgang kontrollieren? Das passt nicht mehr in unsere Zeit.

In einer großen Gemeinschaft, der Weltgemeinschaft, sind das größte Problem Interessensgruppen, die auf Kosten anderer sich besser stellen und für sich Vorteile holen wollen. »Kultur« meint in Zukunft, die Kultur des fairen Umgangs miteinander.

Die »europäischen Grundlagen« sind nach Meinung von Richard Wagner:

Die griechisch-römische Antike, die jüdisch-christliche Religionsformel, das daraufberuhende Mittelalter, die Renaissance mit ihrem Rückgriff auf die Antike, die Aufklärung, die angelsächsischen Verfassungsideen, der Individualismus und das Arbeitsethos der Moderne.

Kann man darauf im Alltag heute irgendwie zurückgreifen? Eigentlich nicht. Wie will ich mich auf die griechisch-römische Antike oder die jüdisch-christliche Religionsformel beziehen?

Den Bezugsrahmen auf das Europäische auszurichten, gelingt vielleicht damit, dass wir die Regeln, mit denen wir erfolgreich das Zusammenleben der Menschen beeinflussen, über diese Geschichte erworben haben. Als entscheidend sehe ich die Menschenrechte. Sie müssen immer Grundlage für alle Rechtsbeziehungen zwischen uns Menschen sein. Sind sie Ergebnis der europäischen Geschichte, so hat auch diese Geschichte rückblickend ihren Wert. Aber eben nur »rückblickend«. Die Welt, in der wir heute leben, ist weder »europäisch« noch »angelsächsisch« oder »atlantisch«. Sie ist längst vermischt mit vielen anderen Strömungen und Wirkkräften und die Politik meidet dementsprechend jegliche Identifizierbarkeit mit einer bestimmten Ausprägung. Und wenn sie es doch tut, ist sie vielfältigen Angriffen ausgesetzt.

Weitere Begriffe, die Wagner unter »Mentalität« der westlichen Welt subsumiert sind:

Rechtsstaat, Freiheitsbegriff, christliches Menschenbild, säkularer Staat, Bürgerrechte, Liberalismus, Innovationsfähigkeit.

Was hat davon heute noch Bestand? Das Buch von Wagner erschien 2006. Rechtsstaat, Freiheitsbegriff und Bürgerrechte sind in Bedrängnis durch die Datenschutz-Affäre in den USA und Großbritannien, sowie durch die Hartz4-Gesetze und Agenda2010 in Deutschland. Christliches Menschenbild spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wer erinnert sich daran, was das denn sein soll. Zu Liberalismus fällt mir die FDP ein, die nach einem weiteren Mehrfachmord durch einen Sportschützen wieder mal die Lobbyarbeit für die Schützenvereine übernimmt. Gütiger Gott, brauchen wir wirklich noch Liberalismus? Bleibt noch »Innovationsfähigkeit«. Jetzt sah ich einen Film über den schnellsten Zug in Japan, oder die Pläne von Elon Musk, den Hyperloop. Europa?

Die »Werte der europäisch-atlantischen Schicksalsgemeinschaft« sind nach Richard Wagner:

Demokratie, individuelle Freiheit, Bürger- und Menschenrechte, freie Marktwirtschaft und Privateigentum.

Wieso ausgerechnet »Privateigentum«. Aber das passt zu der ganzen Idee der Abgrenzung, der Wagner das Wort redet. Das »Bodenunrecht« ist ihm scheinbar nicht bekannt. Demokratie ist ein Container-Begriff. So wie »Demokratie« im europäisch-atlantischen Bündnis gelebt wird, ist sie überholt. Die Parlamentarische Demokratie schließt die Bevölkerung von der Mitgestaltung aus. Sie ist zur Parteien-Diktatur mutiert und kann eigentlich nur durch Direkte Demokratie abgelöst werden. Aber die übrigen Werte wie individuelle Freiheit, Bürger- und Menschenrechte, freie Marktwirtschaft, sehe ich gar nicht in diesem engen Kontext, wie es Wagner hier macht. Es sind eigentlich universelle Werte, die vielleicht in diesem europäisch-atlantischen Wirkfeld entstanden sind, aber was spielt das für eine Rolle im Alltag. Man muss das einfach fühlen und spüren, welche Entscheidungen, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Menschen geeignet sind. 🙂

Verschiedene Kultur und Toleranz

Das Stadtparlament in Schlieren hatte am Montagabend mit 22 zu 10 Stimmen die Verordnung über das Friedhof- und Bestattungswesen zurückgewiesen. Die Mehrheit war der Meinung, separate Grabfelder widersprächen dem Gebot der Toleranz und seien eine schlechte Grundlage für Integration.

nzz–enttaeuschung-nach-nein-zu-muslimischem-grabfeld

Es hängt auch davon ab, wie stark man den sozialen Raum als den »eigenen« wahrnimmt. Der eigene ist dann nicht der, der anderen. Wenn man in der Religion getrennte Wege gehen will, so wäre es aber viel wichtiger, bei den Menschenrechten und Grundrechten dieselben Wege zu gehen.

Wenn es da dann der Fall ist, dass offensichtliche Menschenrechtsverletzungen »im Namen der Religion« begangen werden, dann wäre es wichtig, dass sich die Mehrheit zwingend zu den Menschenrechten bekennt. Wenn man einer religiösen Minderheit dann aus »Toleranzgründen« die Verletzung von Menschenrechten erlaubt, dann ist dies ein starkes Stück, aber es müsste auch erstmal in »freier Abstimmung als Mehrheitsentscheid« unter allen Wahlberechtigten zustande kommen.

Dagegen ist das in dem Beitrag erwähnte Problem noch derart, dass die Einheimischen eine Gleichwertigkeit anderer Kultur im »heimischen« Kulturraum nicht dulden wollen.

Kultur, relativ zur Freiheit

Mathias Doepfner hält eine Rede, in der er vielerlei zusammenpackt, teilweise erscheint es mir nicht schlüssig und besonders heraussticht eine Anekdote, die er erzählt, über den Dissidenten Nathan Scharansky.

Dieser lehnt das John-Lennon-Lied über die Freiheit (Imagine) ab, weil es eine Freiheit ist, die keinerlei Werte nennt, die es zu verteidigen und für die es zu Sterben sich lohnen würde.

achgut-antikapitalismus_antiamerikanismus_und_antisemitismus

John Lennon – Imagine Lyrics

Imagine there‘s no countries
It isn‘t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people living life in peace

Ich war irritiert, hatte das Gefühl ein Vergleich beider Positionen sei gar nicht möglich. Das, was Lennon meinte, schien mir nichts zu tun zu haben, mit dem was Scharansky ansprach. Wieso verwendete Scharansky diesen Liedtext, um seine Position zu beschreiben?

Scharansky ist ja nicht frei. Er ist in seine Konfession hineingeboren. Er hat diese ja nicht im Alter von sagen wir 20 Jahren selbst gewählt, und dann vielleicht mit 45 festgestellt, es ist doch nicht so das Wahre und wäre wieder aus seiner Kirche ausgetreten. Das wäre Freiheit!

Wer sich mit dem Los identifiziert, dass ihm zuteil wurde, steht vielleicht etwas besser da, als jemand, der einen lebenslangen inneren und äußeren Protest lebt. Aber frei ist er überhaupt nicht.

Scharansky verklärt die Zuteilung, die das Schicksal vorgenommen hat, indem er die Identifikation und Verteidigung des »Gewordenseins« erst freiheitsstiftend nennt. Frei sei derjenige, der auch dann noch seinen Standpunkt verteidigt und zu ihm steht, wenn seine physische Existenz bedroht ist.

Aber ist nicht alles relativ? Und sollten man es nicht dem einzelnen Individuum überlassen, was es ist, die »Freiheit«? Lennon hat sehr wohl recht mit seiner Sicht von Freiheit, wenn er andeutet, dass die »von außen kommenden Reglements« nicht verpflichtend sein dürfen, damit der Einzelne für sich Freiheit gewinnen kann.

Politische und religiöse Orientierungen können nur »in Freiheit« individuell selbst gewählt werden, zum Beispiel dann, wenn man dazu als Person reif genug ist.

Scharansky will mit der Lennon-Kritik andeuten, dass es eine Beliebigkeit geben kann, wenn Menschen von Freiheit sprechen, beliebig im Sinne von »nicht gruppenabhängig«, nicht sinnabhängig, sondern völlig frei, »ich mache, was ich will«. Dies lehnt er ab. Der Mensch lebt in einem Kontext, der ihm Aufgaben und Verpflichtungen auferlegt, von denen man sich eben nicht »befreien« kann.

Scharansky sieht in dieser Zeile von Lennon eine gefährliche Form von Kulturrelativismus. Das Ende der Freiheit, eine Kapitulation des selbstbestimmten Lebens vor der schieren biologischen Existenz.

Kultur als Zwangskultur. Kulturzwang?

Dazu passt folgendes Bild:

Menschen, die als Kinder gezwungen wurden, eine bestimmte Privatschule zu besuchen, weil die Eltern gerne selber in diese Schule gehen würden, wenn sie denn jetzt Kinder wären. Aber sie sind nicht mehr Kinder, sondern haben Kinder. Und diese wollen sie gemäß ihrer eigenen Bedürfnisse etwas mitmachen lassen, was sie diese Kinder überhaupt nicht gefragt haben, ob diese das denn wollen. (Und wenn sie gefragt haben, dann auf eine Art und Weise, bei der die Kinder einfach nicht »Nein« sagen konnten.) – Das Ergebnis sind traurige Schicksale von Menschen, die frühzeitig erlebten, dass sie die Ideen, Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen (ihrer Eltern) leben sollen, statt frei zu sein, selbst zu entscheiden, welchen Bildungsweg sie probieren und gehen möchten.

Was ist die Pflicht? Sie besagt, das der nicht Einsichtige, dennoch ethisch handeln kann, indem er sich des »rechten Weges« verpflichtet fühlt. – Für wen könnte dies gelten? Nun, zum Beispiel für die Soldaten überall. Die meisten wissen nicht, ob die Entscheidungen ihrer Staatsführung letztlich richtig sind, aber sie verpflichten sich dennoch, zu diesen zu stehen und sich der »Führung« anzuvertrauen (und für diese im Notfall zu sterben).

Der Einsichtige hingegen bedarf nicht der Pflicht, weil er in die Dinge hineinschauen kann und »einsieht«, welchen Weg er selbst gehen muss. – Die Pflicht ist ein »Hilfsmittel« in der Weltbewältigung. »Frei« ist der Einsichtige, weil er aus seinem eigenen Weltverständnis heraus handelt. Traditionen, Kultur, Religion können ihn bei einem Erkenntnisprozess unterstützen.

Individualisierung geschieht in einem Akt permanenter Kontraktion, im Sinne einer Annäherung an die Weltgemeinschaft und Teilnahme, Mitwirkung, und einer Abstoßung von ihr, um das eigene Wesen »rein« zu ergründen und zu empfinden.

culture-Ia

Beschneidung und kein Ende

Die Probleme bleiben. Nichts hat sich gebessert.

Doch so einfach kann, so einfach darf es nicht sein. Denn zum einen muss das Gesetz erweisen, wie weit es in der Praxis reicht. Und zum anderen bleibt die Spannungslage zwischen Elternrecht, Religion und Unversehrtheit des Kindes unaufgelöst. Es ist eben kein Konflikt, der mit einem schlichten Erlass des Gesetzgebers aus der Welt zu räumen ist, so demokratisch der sei.

tagesspiegel–konflikt-um-religioeses-ritual-beschneidung-ein-unbrauchbarer-brauch