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Arbeitswelt und Grundeinkommen

Die Ereignisse rund um den Flugzeugabsturz gaben den Bürgern Anlass, über eine Vielzahl von Themen zu diskutieren. Und alles, was wir wissen, was wir an Daten zugänglich haben, dient uns, sich Gedanken zu machen zu den Sachverhalten.

Welche Berufsgruppen gibt es noch, die mit Menschen arbeiten, die bei ihrer Arbeit Verantwortung für andere Personen haben? – Neben den Piloten in einem Flugzeug, sind es die Busfahrer, die Ärzte, die Betreuer von Gruppen von Menschen, Pfleger, Erzieher, Lehrpersonal, Polizisten, Justizbeamte, Richter und natürlich Politiker. – Bestimmt habe ich noch welche vergessen.

Götz Werner sagt über die Wirtschaft, es ist ein »Füreinanderleisten«, wir arbeiten also immer »für andere« und nie für uns selbst. Und dennoch ist es so, dass wir empfinden, wir würden »für uns selbst« arbeiten. Wir meinen das deshalb, weil wir einen Geldbetrag überwiesen bekommen. Und der ist ja »uns«. – Herr Werner weist darauf hin, dass es eigentlich etwas Selbstverständliches ist, für andere zu arbeiten. Eine andere Form von »Arbeit«, ist kaum zu finden. – Wenn es aber etwas Selbstverständliches ist, brauchen wir es auch nicht an »die große Glocke zu hängen« und uns damit brüsten, dass wir diese Arbeit machen.

Aber genau dieses Denken und Verhalten hatte sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt. Belohnt werden sollte der Beste. Das ist die Idee einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft. Wer die Eingangstests und Prüfungen bestanden hatte, den entsprechenden Schulabschluss nachweisen konnte, der durfte und konnte, und letztlich »wollte« auch viel Geld verdienen. Es war kein freiwilliger Akt des Arbeitgebers, der »Sieger« im gesellschaftlichen Wettkampf sagte sich, ich »muss« jetzt auch viel Geld verdienen, sonst hat sich das Ganze nicht gelohnt.

So kommt es, dass in einer durchaus aggressiven Art von manchen Berufsgruppenvertretern ein bestimmtes Einkommen und Rahmenbedingungen eingefordert werden, eine Art, die als Erpressung beschrieben werden kann. – Und genau an dieser Stelle zeigt sich der Zeitenwandel. Die einen sind noch in der Vergangenheit, in ihrem Denken, und glauben, dass sie »für sich« alles rausholen können, wenn sie sich nur durchkämpfen und die besten Noten in der Schule haben, den besten Abschluss in der Ausbildung und dann haben sie auch ein »Anrecht« auf hohe Bezahlung, und die anderen sehen, dass dieses Denken keine Zukunft mehr hat, weil die Veränderungen der Arbeitswelt ein solches Denken nicht mehr sinnvoll erscheinen lässt, weil durch Rationalisieren, Automatisieren, Computerisieren und Algorithmisieren jegliches Anspruchsdenken im alten Sinne hinfällig wird. – Warum?

Der Arbeitnehmer ist nur noch ein Durchgangsposten. Wir wollen die Ergebnisse des Handelns und nicht den Handelnden vergöttern. Wir sagen, dass die Leistung, die geleistete Arbeit wichtig ist, im Ergebnis, aber wir wollen uns nicht lange aufhalten, bei denen, die die Arbeit machen und sie nicht auf einen Thron, auf einen Sockel heben und verehren, weil sie die Arbeit machen. – Der Arbeitnehmer im alten Sinne meint, er sei etwas Besonderes und müsse dementsprechend behandelt werden. – Die Flugkapitäne, die alle Hebel korrekt bedienen können, waren doch vorbildhafte und imposante Persönlichkeiten, oder wenn wir an die »Götter in Weiß« denken. – Die großen Menschenmassen wollen es aber nicht, dass sich die Herrschaften in den Weg stellen und sagen, »Hallo, respektiert gefälligst unsere Besonderheit, so wie ihr es vor Jahrzehnten auch getan habt«.

Das erinnert mich an die Arbeit in Vereinen.

Vieles dort an Arbeit, oder sogar alles, wird deshalb gemacht, damit »das Ganze«, damit die Organisation funktioniert und ihrer nach außen gerichteten Aufgabe gerecht wird. – Das heißt, die Organisation hat ein bestimmtes anvisiertes Ziel, und deshalb haben sich viele Menschen entschlossen, sich dieser Gruppierung anzuschließen. – Damit diese Aufgabe zum Tragen kommt, müssen unterschiedlichste Arbeiten erledigt werden. Gemeinhin werden die Leute, die diese Arbeiten in einer Organisation erledigen, »Funktionäre« genannt. Sie sorgen dafür, dass die Institution funktioniert. – Und unter diesen gibt es viele, die sagen dann den anderen Teilnehmern im Verein, ICH, IIIIICH, mache diese und jene Einzelaufgabe und habe GANZ VIEL GEARBEITET, ganz VIIIEL gearbeitet für EUUCH, womit sie andeuten wollen, dass wir alle anderen (diejenigen, die ebenfalls Funktionäre sind und diejenigen, die nur die eigentliche Funktion des Vereins in Anspruch nehmen) ganz »klein mit Hut« sein sollten, und dankbar für so viel Großzügigkeit, dass andere für mich schuften und das respektieren und entsprechend entlohnen, oder zumindest anerkennen sollten, wie wichtig diese Personen sind und diese Leute dann entsprechend wertschätzen und in den Himmel heben sollten. – Bekommen diese »wichtigen Persönlichkeiten« in der Gruppe aber dann nicht, was sie fordern, dann werden sie ganz schnell unleidlich und unverschämt und pöbeln und drohen, ihre ach so wertvolle Arbeit nicht mehr machen zu wollen und dann würden wir anderen ohne sie dastehen und sehen, was wir davon haben.

Und im Gegensatz zu dieser Sorte von Menschen gibt es andere, die sehr wohl einsehen, dass für das Funktionieren der gesamten Organisation zusätzliche Arbeiten vonnöten sind, aber sie machen diese Arbeiten einfach, ohne sich dafür bezahlen zu lassen, freiwillig und unentgeltlich, »ehrenamtlich«, weil sie begreifen, dass das Wichtige an der ganzen Organisation, die Erfüllung der Aufgabe ist, zu der die Organisation überhaupt gegründet wurde. – Kurzum, sie lehnen den »Personenkult« ab, der scheinbar von manchen Menschen erwartet wird, damit sie »in die Gänge« kommen.

Es ist somit eine bestimmte Haltung bei den Arbeitnehmern, die eine aggressive Atmosphäre im Arbeitsumfeld erzeugt, die besagt, IHR, für die wir arbeiten, MÜSST euch uns gegenüber so und so verhalten, sonst verweigern wir unsere Arbeit (Streik), oder wir attackieren euch, machen die Arbeit schlecht, und ihr werdet darunter leiden (Drohung).

In den Berufsfeldern, die ich oben genannt habe, gibt es immer wieder Beispiele, Vorfälle, wo die Menschen, für die die Arbeit gemacht wird, zu Schaden kommen.

Die leistungs-, kampf-, und erfolgsorientierten Berufstätigen sehen nicht so sehr, dass sie im Großen und Ganzen der gesellschaftlichen Abläufe, einen (kleinen?) Bereich mit ihrem Tun abdecken, und das sie selbst vom Ergebnis allen Tuns letztendlich genauso profitieren, wie alle anderen auch, nein, ihnen geht es darum, dass alle anderen »aufblicken« zu diesen großen Meistern ihres Fachs und sie besonders wertschätzen. – Dieses Denken ist aber nicht mehr zeitgemäß.

Alle Streiks sind auch ein »in den Weg stellen« gegen die Tendenz, dass diese alten Vorstellungen von Arbeit obsolet sein könnten und das nicht mehr der Arbeitnehmer, sondern die Arbeitsergebnisse hochgeschätzt werden. Denn das ist ja der Weg, den wir momentan gehen. Wir sehen, wir brauchen die Arbeitsergebnisse, sie sind das eigentlich Wichtige, und der Arbeitsprozess ist nur ein Durchlaufposten.

Was aber bedeutet das für das Individuum, das sich nicht mehr so, wie in alten Zeiten orientieren kann, bei seinen tagtäglichen Verrichtungen? – Im leistungs- und wettkampforientierten Tun ist die Gruppe Medium für die Selbstbestätigung, allerdings in einer eher feindseligen und niederträchtigen Weise. Denn der Sieger braucht, um Sieger sein zu können, solche Menschen, die er besiegt hat. Des einen Vorteil wird in der alten Welt immer zum »Nachteil« für die anderen. Da es ja viel mehr Besiegte als Sieger gibt, wird diesen dieses »Spiel« irgendwann nicht mehr schmecken und sie werden »aussteigen«. – Eine bessere Gesellschaft kommt ohne diese Spielereien aus (ich will nicht verhehlen, dass in früheren Zeiten dieser Wettkampfgedanke vielleicht seine Berechtigung hatte) und die Selbstbestätigung wird nicht dadurch erreicht, andere Menschen zu düpieren und schlecht aussehen zu lassen, sondern auf andere, mehr humanere Weise.

Die Voraussetzung dafür ist aber eine andere Gesellschaft. – So wie die Kämpferseelen verzweifelt versuchen, die alte Welt zu erhalten, indem sie ihrer »Arbeitsideologie« nachhängen, von der »Wertschätzung« der Arbeit reden, dass sich Arbeit »wieder lohnen« müsse, und mittels Streiks versuchen, Entwicklungen aufzuhalten, so werden die neuen Orientierungen sich aus veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen ergeben. – Es ist wirklich kein Zufall, dass alle Gewerkschaften sich gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen streuben, eben weil diese notwendigen Veränderungen der Arbeitswelt, sich über ein solchen Grundeinkommen ergeben wird.

Sicherlich ist es auch noch in einer Grundeinkommens-Gesellschaft möglich, sich einen Leistungswettbewerb vorzustellen, aber der Punkt ist, dass niemand mehr bei diesem »Spiel« mitmachen müsste und sich alle die wollten, sich dieser Ideologie entziehen könnten. -. Das ist so, als gäbe es bei der Olympiade einen Hundertmeterlauf und mangels Interesse bei den Menschen hätten sich nur 4 Leute für den Lauf gemeldet und 3 Personen dann qualifiziert und bei den millionenfachen Angeboten im Internet, sich unterhalten zu lassen, wäre die Übertragung der Olympiade ein »Nischenthema«, für das sich nur die Wenigsten interessieren.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde den Zwang bei Leistungswettbewerben mitzumachen, aufheben. – Das würde auch in der Schule eine andere Atmosphäre schaffen und überhaupt das Lernen viel mehr individualisieren, gemäß der Frage, was ist überhaupt für mich in diesem Leben wichtig und nicht »welcher Arbeitsideologie welches Politikers muss ich mich fügen, weil dieser dementsprechende Gesetze erlassen hat, die mich in die von ihm präferierte Richtung lenken sollen«.

Und wäre es dem Menschen, der Ausgangspunkt dieses Beitrags war, möglich gewesen, seine persönliche Situation in den Vordergrund zu stellen und sich nur dieser zu widmen, wenn er gespürt hätte, dass das notwendig ist, dann wären die Dinge vielleicht anders ausgegangen.

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Streiks in der Wirtschaft

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Es gibt seit Jahren und Jahrzehnten Themen, die die Menschen sehr schnell in die eine oder andere Richtung wütend und aggressiv werden lassen. Dazu gehören der Nahost-Konflikt und Streiks.

Streiks behindern die Menschen in ihren täglichen Verrichtungen, um höhere Einkommen, teils auch bessere Arbeitsbedingungen und finanzielle Absicherungen zu erzwingen. Sowohl bei Streikgegnern als auch bei Streikbefürwortern liegen schnell die Nerven blank und über wüste Drohungen und Gewaltbereitschaft ist der Schritt nicht weit zu handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Amazon hatte am vergangenen Mittwoch erneut deutlich gemacht, dass es keine Verhandlungen geben wird. »Wir sind fundamental davon überzeugt, dass ein dritter Partner im Unternehmen immer nur die zweitbeste Lösung ist«, sagte der Regionalmanager Nordost, Armin Cossmann, bei einem Werksbesuch in Leipzig. Die Bezahlung der Mitarbeiter sei mit einem Einstiegsgehalt von 9,55 Euro sowie 10,99 Euro nach zwei Jahren am oberen Ende dessen, was in der Logistik üblich sei.

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Auch wenn die Unzufriedenheit über die Streiks mehr als verständlich ist, wäre es doch angebracht, von Seiten der Firmenleitungen, ein anderes Verhalten an den Tag zu legen.

Sich lange und ausführlich über die gewerkschaftlichen Machtstrukturen auszulassen ist gar nicht nötig, denn die Arbeitnehmer würden sich diesen Organisationen nicht anschließen, wenn sie ihren Lebensumständen entsprechend, am Arbeitsmarkt Angebote vorfänden und ihnen ein existenzsicherndes Einkommen unabhängig von den Wechselfällen in der Wirtschaft, garantiert wäre.

Zu diesen Sachverhalten aber müssen Arbeitgeber ein glaubwürdiges Verhalten entwickeln, was heute noch nicht erkennbar ist.

Eine Vielzahl von Fragen stehen im Raum, für die es nicht sofort eine Antwort gibt. Wer verfügt über den Gewinn, der über die Arbeit erzielt wird. Nur der Eigentümer? Warum haben die Beschäftigten nicht wenigstens einen Überblick darüber, wie viel Gewinn erzielt wird, und was aktuell mit diesem geschieht?

Wie viel vom Gewinn muss reinvestiert werden. Wer entscheidet das? Wie viel vom Gewinn kann verkonsumiert werden. Von wem. Sind die Mitarbeiter dabei ausreichend beteiligt?

Fragen über Fragen. Dass die Firmenleitungen diese in einem akzeptablem Ausmaß mit ihren Projektbeteiligten (altdeutsch: Mitarbeitern) diskutieren und reflektieren, ist zu bezweifeln.

Streiks gibt es dann deshalb, weil für viele Mitarbeiter nicht klar ist, was die Firmenleitungen mit dem Gewinn machen und ob das so in Ordnung ist. Und natürlich werden die Gewerkschaften für interessierte Mitglieder genau diese Diskussion führen und anbieten. – Da ist die Schwäche der Firmenleitungen zu sehen.

Wie sehen zukunftsweisende, moderne Firmenleitungen in einer Wirtschaft aus? Sie müssen den Gewinn »zur Diskussion stellen« und die Gewinnsituation transparent darlegen. Sie sollten die Wichtigkeit der Unternehmensaktivitäten herausstellen, wenn in der Bevölkerung eine große Zustimmung für das Angebot besteht. Sie sollten sich gegenüber den Mitarbeitern verständnisvoll und solidarisch verhalten, dann können sie auch Solidarität gegenüber der Firma verlangen. Der Firmenleitung muss bewusst sein, dass die Menschen dauerhaft in existenzieller Sicherheit leben wollen. Den Firmen muss dazu eine Erklärung einfallen, in welcher Weise sie dem Rechnung tragen können. Und wenn sie es nicht können, müssen sie sich für eine gesellschaftliche Ordnung einsetzen, in der dies möglich ist. – Geschieht dies nicht, fällt es der Gegenseite leicht, die »Bonzen« zu denunzieren oder gar zu Recht anzuklagen.

Wirtschaft muss als ein »gemeinsames Projekt« verstanden sein, bei dem alle Beteiligten wichtige Aufgaben übernehmen. Nicht nur die Gründer von Firmen, die Erfinder von Produkten, die Schöpfer von Software, sind wichtig. Alle, die in einem Projekt, Unternehmen, in einer Firma Aufgaben übernehmen, sind notwendig (sonst hätte niemand sie gerufen) und müssen auch wahr- und ernstgenommen werden, mit ihren Anliegen.

Deshalb kann die erstbeste Lösung nur eine sein, die von den Beschäftigten mitgetragen wird.

Neo-Liberalismus und Freie Marktwirtschaft

Die Analysen des Volkswirtschaftlers Bernd Senf halte ich für sehr lehrreich. Sie sind in vielen Videos zugänglich. Ich möchte mich hier auf das Video »(4) Der Tanz um den Gewinn – Raubbau an Menschen und Natur« beziehen.

In diesem Video vergleicht und analysiert Herr Senf die beiden Wirtschaftssysteme »Planwirtschaft« und »Marktwirtschaft«. Ich möchte mich auf den letzten Teil dieses Videos beziehen, ab etwa 2:10:00.

Herr Senf weist darauf hin, dass Unternehmen drei betriebswirtschaftliche Rechnungslegungen kennen. Die betriebsinterne Bilanz, die steuerliche Bilanz und die Handelsbilanz. Die betriebsinterne Bilanz gibt dem Unternehmer Auskunft über seinen Betrieb, die steuerliche Bilanz ist diejenige, die dem Staat gegenüber (und den Steuerbehörden gegenüber) ausgewiesen wird und die Handelsbilanz ist jene, die gegenüber den Anteilseignern und den geldgebenden Banken gegenüber veröffentlicht wird.

Die Handelsbilanz und die Bilanz gegenüber dem Finanzamt sind nicht selten verfälscht. Es dürfte eigentlich nur die betriebsinterne Bilanz gegenüber allen Gesprächspartnern Gültigkeit haben. Herr Senf zeigt auf, dass nicht nur in der Planwirtschaft mit nicht korrekten Kennziffern gearbeitet wird, sondern auch in der Marktwirtschaft.

Die Marktwirtschaft ist so konzipiert, dass Gewinne anfallen müssen. Die Gewinne stehen den Kosten gegenüber. Wer als Unternehmer keine Gewinne erzielt, fliegt aus dem System heraus. Verluste »vernichten« den Teilnehmer in der Marktwirtschaft.

Kostenrechnung in der Marktwirtschaft

betriebliche-Kostenrechnung-a3

a)
Bei den Maschinenkosten ist der Unternehmer bemüht, nach Abnutzung der Maschine, diese wieder zu ersetzen. (Abschreibung und Erneuerung)

b)
Wird bei der Produktion »Material« aus der Natur verwendet, muss diese Natur ersetzt werden. Das nennt sich »Nachhaltigkeit«. Zum Beispiel beim Holzverbrauch in der Forstwirtschaft. Dieses seriöse Wirtschaften ist vielleicht in den Industrienationen, in Europa üblich. Aber in anderen Ländern kann das nicht garantiert werden. Da diese Länder aber im »globalen Wettbewerb« mit uns stehen, betreiben sie Raubbau an ihrer Umwelt, um mit uns mithalten zu können und Arbeitsplätze für ihre Menschen zu ermöglichen, was Einkommen bringt. Aber irgendwann haben sie den letzten Baum gefällt, oder den ausländischen Rohstofffirmen die letzten Bodenschätze zur Verfügung gestellt und dann haben sie kein »Material« mehr, das sie verwerten können.

c)
Die »optimale Allokation der Ressourcen« soll nach den Vorstellungen der Neo-Liberalen und Marktradikalen nicht nur auf den Gütermärkten, sondern auch auf den Arbeitsmärkten Gültigkeit haben. Dass heißt, der »optimale Preis« (für einen Arbeiter) würde sich im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ergeben. Tatsächlich ergibt sich aber bei einem »Überangebot« an Arbeitskräften ein nicht mehr existenzsichernder »Gleichgewichtslohn« in der Freien Marktwirtschaft, der das Leben der Menschen bedroht. – Während im Sozialismus immerhin alle Menschen, wenn auch einen bescheidenen, aber doch existenzsichernden Lohn erhielten. In der Marktwirtschaft hingegen sind die Arbeitslosen »Opfer gesellschaftlicher Umwälzungen, für die sie individuell keine Schuld haben«.

Der in den vergangenen Jahrzehnten erreichte Wohlstand, durch soziale Absicherung, bricht weg und wird ersetzt durch einen neuen Raubtierkapitalismus. – Die Frage stellt sich, für wen ist die »Allokation der Ressourcen« optimal?

Die »Reproduktion« bei den Menschen ist nur möglich bei »existenzsichernden Einkommen«. In der Marktwirtschaft aber, ist die Bestandserhaltung (wie bei den Maschinen) für die Menschen nicht vorgesehen.

d)
Die Gelder zur Finanzierung (Finanzierungskosten, eingesetztes Kapital) sollen nicht nur erhalten bleiben (einfache Rückzahlung des verliehenen Geldes), sondern sie sollen verzinst werden. – Ein krebsartiges Wachstum (exponentielles Wachstum) der Geldvermögen findet statt.

Die Vermehrung des (verliehenen) Geldes ist in der »Freien Marktwirtschaft« fest eingeplant und stellt eine »Privilegierung des Geldkapitals« da.

Systemimmanente Grundlagen der Marktwirtschaft

Somit sieht die Schlussrechnung wie folgt aus:

betr-Kost-Marktwirtschaft-Schlussrechnung-b1

Während in der »Freien Marktwirtschaft« immerhin für Maschinen eine Erhaltungsleistung eingeplant ist, wird insbesondere in den Schwellenländern darauf verzichtet, eine »nachhaltige« Wirtschaft zu betreiben und die Natur zu schonen. Und in den Industrienationen, besonders auch in Europa, ist der Kostenfaktor »Mensch« massivst bedroht, (in Deutschland besonders durch die Hartz4-Sanktionen), weil sich die Arbeitslosen »nicht rechnen« und man sie am liebsten los werden würde. Noch schlimmer ist es in den Schwellenländern, dort werden die Menschen tatsächlich dem Marktgötzen geopfert, etwa durch wahnwitzige Arbeitszeiten, die die Menschen physisch ruinieren, durch noch schlechtere Arbeitsbedingungen, als wir sie in Europa haben, durch noch geringere Betriebssicherheit und schwächere Umweltauflagen. (Siehe auch das Buch von Raphael Fellmer, in dem Beispiele aus verschiedenen Ländern genannt sind.)

Einziger Gewinner in dieser Wirtschaft ist das Geldkapital, weil durch die Zwangsverzinsung der geliehenen Gelder die Gläubiger bei diesem System einen Vorteil erzielen.

Bernd Senf fügt zwar hinzu, dass dies nicht immer so war. Also zu Beginn der Entstehung dieses Systems der Markt sich gegen die Feudalherren behaupten musste, aber es sich letztlich so entwickelt hat, wie wir es heute kennen.

Der Neo-Liberalismus predigt den »Freien Markt«. Dieser führt auf Unternehmerseite zur Ausbeutung der Natur, der Arbeitnehmer, führt zur Selbstausbeutung, führt zu Kampf gegen Konkurrenten und Wettbewerber. Der Neo-Liberalismus will Freiheit (der Unternehmer) und Wettbewerb, auf Kosten von sozialen Errungenschaften und staatlicher Verantwortung für das Gemeinwohl. – Die globale Konkurrenz prämiert geradezu noch den brutalen Raubbau.

Marktfundamentalismus und Liberalismus wollen »Deregulierung«, wollen die Befreiung des Raubtiers »Markt«, um Gewinn- und Finanzinteressen zu befördern. Bernd Senf kommt zu dem Ergebnis, dass »Freie Marktwirtschaft« nicht sinnvoller als Planwirtschaft ist, weil es das Geldkapital bevorzugt, den Arbeitssuchenden benachteiligt und die Natur verwüstet.

Allerdings könnte die Lösung für eine angemessene Wirtschaft seiner Meinung nach so aussehen, dass zwar Gewinne anfallen dürfen, aber die Kostenfaktoren »Mensch und Natur« eine »Bestandserhaltung« zugesichert bekommen, wie es bereits der Maschine zugestanden wird, und das das scheinbar natürliche, aber in Wirklichkeit krebsartige Wachstum der Geldvermögen aufhört.

Wirtschaft – Ein Thema für uns alle

Die Idee ist nicht schlecht. Eine gemeinwohl-orientierte Wirtschaft. [1]

Der Österreicher Christian Felber, Mitbegründer von »attac«, propagiert eine mit diesem Begriff verknüpfte Idee, die auf den ersten Blick verblüffend einfach aussieht:

Die Werte, denen sich die Wirtschaft verpflichtet fühlen sollte, sind die gleichen, die grundlegend für gute Beziehungen sind: Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung, Bedürfnisbefriedigung, Verantwortung, gegenseitige Hilfe, Mitgefühl und Kooperation. [2]
Und Menschenwürde, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz und demokratische Mitbestimmung sollen dazugehören. [3]

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist als Unternehmer-Initiative gedacht. »Menschliche Stärken und mehrheitsfähige Werte« sollen der Maßstab sein, für gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften.

Wie sollen diese Ziele erreicht werden?

Die Unternehmen erstellen einmal im Jahr eine Gemeinwohl-Bilanz, in der sie sich selbst einschätzen, inwieweit sie gemeinwohl-orientiert arbeiten. »Gemessen« wird dies anhand eines Katalogs von Kriterien, die die Gemeinwohl-Ökonomie-Organisation (GÖO) erarbeitet. Ein Vertreter dieser Organisation überprüft dann nochmal die Selbsteinschätzung des Unternehmers und gibt sein O.K. zur Veröffentlichung, wenn alles stimmt. – Die Indikatoren zur Messung der Gemeinwohlorientierung werden fortlaufend von der GÖO erarbeitet.

Leider konnte ich keine Auflistung dieser Kriterien auf der Homepage der Organisation finden. Vielmehr scheinen diese Informationen nur für die Mitglieder gedacht zu sein, die sich »anmelden« müssen und einen »Mitgliedsbeitrag« zahlen sollen. Der Schlüssel ist dann eine Excel-Tabelle, in der die Daten sich befinden.

Langfristig ist geplant, die »Bilanzprüfungsergebnisse« staatlichen Stellen zugänglich zu machen, damit diese Anreize für die Unternehmer schaffen, gute Ergebnisse zu erhalten. Schlechte Ergebnisse würden bestraft, oder doch zumindest benachteiligt.

Insgesamt also eine gute Idee?

Ich denke, auf alle Fälle. Denn die Menschen wollen die Wirtschaft, wie sie heute ist, nicht mehr, und es muss sich einfach etwas ändern. Wenn es so läuft, dass sich die Unternehmer selbst eines Wertekanons verpflichten, um so besser. Als Kunde, Konsument, kann ich mich an dem Gütesiegel der GÖO orientieren, muss es aber nicht.

Kritikpunkte?

Die »(nichtmonetären) Nutzwertindikatoren« [4], die Grundlage für eine Bewertung von Unternehmen sind, sollten für alle Bürgerinnen und Bürger einsehbar sein, sonst entsteht ein »geheimer Zirkel« von Eingeweihten, und die Schlüssel zu einer guten Bewertung bleiben im Verborgenen. Das kann nicht gut gehen und würde dem Transparenz-Anspruch widersprechen.

Dass der Staat ein Belohnungs- und Benachteiligungssystem erstellen soll, mit dem die Unternehmer an die Kandare genommen werden, ist eher nicht zu unterstützen. Hier hätten wir wieder einen Kontroll- und Bestrafungsstaat, der die öffentlichen Bediensteten in eine nicht wünschenswerte Position bringt. Was solche Machtpositionen anrichten, sieht man gerade bei Hartz4 oder beim NSA-Skandal. Die »Aufgabe« verselbständigt sich, und auf einmal hat der Bürger den Staat als Gegner. – Eine Kontrollbürokratie ist das Einfallstor in totalitäre Verhältnisse und ist deshalb abzulehnen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie wäre somit nichts anderes, als eine Fortsetzung der bereits bestehenden Ansätze. Zum Beispiel bewertet die Zeitschrift »test« schon seit einigen Jahren neben den Produkten auch die Produktions- und Arbeitsbedingungen in den Herstellerbetrieben, die sich nicht selten weit weg im Ausland befinden. Das nennt sich dann »Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung« (Corporate Social Responsibility), CSR.

So wird ein Großteil der Kleidung heute in asiatischen Ländern, wie China, Indonesien, Bangladesch und Vietnam produziert, nach Designvorgaben. Um herauszufinden, ob die Entlohnung angemessen ist, die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind und der Umweltschutz beachtet wird, müssen die »Prüfer« erst einmal in diese Länder reisen, um für ein paar Tage sich umzuschauen. – Ob man den Ergebnissen solcher Untersuchungen trauen kann, ist eine andere Sache.

Zur Erinnerung. Wir im Westen waren es, Ende der 90er Jahre, deren Regierungsvertreter (in erster Linie Gerhard Schröder) vorlaut verkündeten, die europäischen Arbeitnehmer müssten im »Wettbewerb« mit den anderen Ländern bestehen, und das ginge nur, wenn wir uns deren niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen anpassen würden. Nur so blieben wir wettbewerbsfähig. – Stattdessen hätten wir schon damals die miesen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den anderen Ländern verurteilen müssen und die »Wettbewerbslogik« in Frage stellen sollen. Es ist aber nicht geschehen. Heute rennen wir den »fairen« Wirtschaftsverhältnissen hinterher, nachdem wir sie hier zerstört haben. Zynisch kann man sagen, ein Gutes hat es. Denn jetzt können wir weltweit, also auch in Deutschland, Armut bekämpfen und für gute Arbeits- und Entlohnungsbedingungen eintreten. Den Menschen geht es (fast) überall gleich schlecht (die Eliten und erfolgreichen Lobbyisten einmal ausgenommen).

Bei der Herstellung einer Ware sind verschiedene Abschnitte und Produktionsstufen zu berücksichtigen, die oft nicht alle einsehbar sind, um letztlich beurteilen zu können, ob das Produkt wirklich »fair« hergestellt wurde. Auch täuscht der »Gemeinwohl-Ökonomie« Ansatz darüber hinweg, dass ein Siegel dieses Bewertungssystems keinen Kunden zwingen kann, nur von diesen Anbietern zu kaufen. Und der gut gemeinte Hinweis auf die »getesteten« Produzenten nützt nichts, wenn der Preis für den Kunden viel zu hoch ist, zum Beispiel weil den Mitarbeitern »faire« Löhne gezahlt werden oder die Produktionskosten durch Umweltauflagen in die Höhe schnellen. In abgewandelter Form haben wir dieses Dilemma schon heute, wenn etwa für einen Teil der Bevölkerung die Preise in den Öko-Läden zu hoch sind, und sie deshalb gezwungen werden bei den Discountern einzukaufen. Oder ein »Natur« Laden zwar tolle T-Shirts anbietet, mit Ökosiegel, aber der Hartz4-Empfänger aufgrund seiner knappen Mittel doch woanders einkaufen muss.

Die Stiftung Warentest schrieb 2012 über das Produktionsland China [5]:

In der Region Iiangmen zum Beispiel liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 950 Yuan, umgerechnet 122 Euro im Monat für eine 48-Stunden-Woche. …. Der Lohn reicht aber kaum zum Leben. Daher sind Überstunden an der Tagesordnung. Extrembeispiel: ln der Nähfabrik, die für Salewa fertigt, machten im März 2012 fast alle Arbeitnehmer 83 bis 87,5 Überstunden – gesetzlich erlaubt sind 36 Stunden im Monat.

Was würde die Gemeinwohl-Ökonomie des Christian Felber an diesen Umständen ändern?

Im übrigen ist die Gemeinwohlorientierung ja kein völlig neuer Gedanke. Seit fast hundert Jahren ist diese Perspektive Teil der anthroposophischen Weltsicht und Lebensgestaltung. Möglicherweise hat sich Herr Felber ja ein bisschen an diese Überlegungen angelehnt, ohne den schwergewichtigen Unterbau mitschleppen zu müssen.

Felber will sich an Grundwerten [6] orientieren, in einem neuen Wirtschaftssystem [7]. Damit wird ein Bereich der Lebenswelt in den Fokus genommen und »passend« gemacht. – Während die Steinerschen Überlegungen [7a] ja von universellen Gesetzmäßigkeiten ausgehen, denen der Mensch unterworfen ist, und die er wahrnehmen und anerkennen sollte. Auch beobachtete Steiner die Vorgänge in der Wirtschaft, um daraus seine Schlüsse zu ziehen, wie ein organisches Wirtschaften aussehen könnte, wenn es von den krankhaften Auswüchsen bereinigt ist. Ein menschengemäßes, den universellen Gesetzen entsprechendes Wirtschaften war sein Anliegen.

Felbers Entwurf ist im Vergleich dazu einfacher gestrickt, schneller versteh- und umsetzbar. Ein Angebot für jene, die nicht lange warten wollen?

In seiner lesenswerten Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie schreibt Andreas Exner unter anderem [8]:

Schließlich ist die “Gemeinwohl-Ökonomie” vor allem ein Marketingkonzept, das die Person Christian Felber für sich maßgeschneidert und – potenziell einkommensträchtiger als ein Migrantinnenprojekt – an dafür empfängliche Unternehmerinnen und Unternehmer gekoppelt hat. Es trägt weniger inhaltlich, sondern beruht wesentlich auf der Sehnsucht nach Erlösung, deren Erfüllung die Fangemeinde in seine Person projiziert.

Auch wenn ich nicht ohne weiteres den Lösungsansätzen des Herrn Exner zugeneigt bin, so vermittelt dieser Autor doch interessante Einblicke in die NGO-Organisation attac, in der Felber sein Projekt ansiedelt.

Betrachtet man den Ansatz der »Gemeinwohl-Ökonomie« aus der Grundeinkommens-Perspektive, dann kann man diese Bemühungen erstmal (in eingeschränkter Form) begrüßen. Unternehmer, die für soziale und Umwelt-Fragen sensibilisiert sind, werden gebraucht. Aber abzulehnen ist die Idee des Kontroll-Staats, die ebenfalls in dem Konzept steckt. – Was ich weiterhin nicht in der »Gemeinwohl-Ökonomie« gefunden habe, ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, welche Aufgabe die Wirtschaft überhaupt hat.

Mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen (bGE) in der Tasche der Citoyen, büßt der »Gemeinwohl-Ökonomie« Ansatz schnell an Bedeutung ein. In einer Internet-Gesellschaft spricht es sich herum, welche Unternehmen Umweltschutz- und Arbeitsschutz-Richtlinien missachten, schlechte Löhne zahlen und schlechte Arbeitsbedingungen bieten oder auch akzeptable (siehe die Amazon-Diskussion). Und der Bürger hat mit einem bGE die Freiheit, unabhängig von Arbeitsplatznot zu entscheiden, welche Wirtschaft er will. Außerdem ist er es selbst, der bewertet und Kriterien aufstellt, und nicht eine ominöse Organisation, ein bürokratischer Wasserkopf, von dem er dann wieder abhängig wäre. Mit einem bGE ist es der Bürgerin und dem Bürger freigestellt, einem eigenen Wertekatalog gemäß, Produkte nicht, oder doch zu kaufen, Arbeit nicht, oder doch anzunehmen. – Die Institution Gemeinwohl-Ökonomie, mit ihren »(nichtmonetären) Nutzwertindikatoren« wäre womöglich überflüssig.

[1]
gemeinwohl-oekonomie.org

[2]
sein–gemeinwohl-oekonomie-wirtschaften-fuer-das-wohl-aller

[3]
berlin.gwoe–dbu-foerderprojekt

[4]
gemeinwohl-oekonomie.org–ein-wirtschaftsmodell-mit-zukunft

[4a]
soziales-kapital.at

[5]
Stiftung Warentest, August 2012, Test Funktionsjacken; »Zum Leben zu wenig – Produktionsbedingungen«

[6]
Grundwerte;
Wikipedia:
Die grundlegenden Wertvorstellungen einer … Gruppierung

[7]
System;
Wikipedia:
Der Begriff System (von griechisch σύστημα, altgriechische Aussprache sýstema, heute sístima, „das Gebilde, Zusammengestellte, Verbundene“; Plural Systeme) bezeichnet allgemein eine Gesamtheit von Elementen, die so aufeinander bezogen bzw. miteinander verbunden sind und in einer Weise interagieren, dass sie als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können.

[7a]
Rudolf Steiner – Nationalökonomischer Kurs
Vorträge als PDF
Rudolf Steiner Online Archiv

[8]
streifzuege.org–solidarische-oekonomie-statt-gemeinwohl-oekonomie

Mindestens ein Lohn

achgut–maybrit-illner-ein-hoch-auf-die-planwirtschaft

Der flächendeckende allgemeinverbindliche Mindestlohn ist eine Anmaßung – es ist ein gefährlicher Schritt in die Planwirtschaft.

Jahrelang brüstete sich die Innung, dass sie Zehntausende Jugendliche über Bedarf ausbilden. Damit haben sie ein Überangebot an Arbeitskräften geschaffen, das natürlich die Löhne drückt.

Lieber Herr Ederer

Sie blenden leider aus, warum der Mindestlohn überhaupt in der Diskussion ist: die Menschen brauchen ein Einkommen. Ohne Gängelung, ohne Schikane, ohne Sippenhaft in der »Bedarfsgemeinschaft«, bei Achtung der Menschenrechte und natürlich keine »Zwangsarbeit«.

Falls sie mal Zeit haben, eine Beschäftigung mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen ist lohnenswert. Dann wird ihnen auch bewusst, dass es sich beim Mindestlohn im Grunde genommen um ein Mindesteinkommen handelt.

Aber sie haben recht. Nicht die Wirtschaft, also Privatpersonen, sollten den Zugriff auf die existenzsichernden Güter und Dienstleistungen ermöglichen, sondern die Gemeinschaft, der Staat.

Projektbeteiligte

Wenn wir Menschen ein Projekt starten, dann hat vielleicht der eine die Idee, und andere sind damit involviert, diese Idee umzusetzen, zu realisieren. Das Projekt kann sich dann »Firma« nennen, eine Rechtsform haben (GmbH?) und die Beteiligten nennen sich Firmeninhaber, Geschäftsführung, weitere Mitarbeiter.

Nun wird behauptet, dass es »natürlich« sei, wenn die Firmenleitung Gewinn und Profit machen will und die Löhne und Gehälter als Kosten abgerechnet werden. Im Kapitalismus sei der Egoismus eine ganz natürliche Angelegenheit. Man könnte jetzt einfach sagen, das sei dummes Zeug, Firmen sind auch ganz anders gründbar, eine völlig andere Struktur innerhalb des Unternehmens ist möglich. Wenn dazu die Freiheit besteht, warum gibt es dann nicht viel mehr Unternehmen, die so arbeiten?

In der Regel sind Unternehmen hierarchisch aufgebaut, das heißt, der »höher« eingestufte Mitarbeiter ist dem Untergebenen gegenüber weisungsbefugt. Warum ist das so festgelegt, geht es wirklich nicht anders?

Jedes Projekt, wenn es denn nicht einen reinen Selbstzweck hat, ist eine Arbeit für andere. Wie sind »flache Hierarchien« möglich? Es könnte so laufen, dass die Aufgabenverteilung, einmal besprochen, den Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich in der Art einzubringen, wie es eben möglich ist. Kündigungsschutz macht da keinen Sinn, denn es muss aus freien Stücken zusammengearbeitet werden. Aber es sollte von Seiten der Unternehmensgründer der Impuls ausgehen, ein dem Menschen gemäßes Arbeiten zu ermöglichen. Was das nun ist, welche Arbeitsbedingungen das meint, sollte fortlaufend von den Mitarbeitern und der Geschäftsleitung gemeinsam definiert und erarbeitet werden. Also eine selbsterstellte interne Interessensvertretung für die Anliegen aller Mitarbeiter (zu denen dann auch die Firmenleitung zu rechnen wäre).

Bausteine einer solchen sinnvollen gemeinsamen Projektarbeit könnten sein, die Anerkenntnis, dass alle Mitarbeiter samt Unternehmensleitung von den Ergebnissen des gemeinsamen Tuns leben. Also Löhne, Gehälter eben keine Kosten sind, sondern anteiliger Gewinn. Und auch das deutlich wird, dass alle Beteiligten gleichermaßen in ihren Anliegen als Menschen innerhalb der Firma Beachtung finden sollen.

Dies habe ich hier nur grob skizziert, wie hilfreiche Interessenvertretung der Mitarbeiter durch Unternehmensleitungen selbst in Gang gebracht werden kann. Betrachtet man nun die heutige Wirtschaft, so ist nicht festzustellen, dass derlei bereits überwiegend umgesetzt sei. Aber genau aus diesem Mangel heraus lässt sich nur das erklären, was heute die Gewerkschaften machen. Ich kann mich nun nicht erinnern, dass mir das Verhalten der Gewerkschaften je sympathisch war. Mir schien der Monatsbeitrag immer zu hoch, die Vertretung vor Gericht nicht ausreichend und die Art, wie diese Organisation für ihr Klientel höhere Löhne den Arbeitgebern abpresst, nämlich das sie der Bevölkerung, die die Züge und Bahnen nutzen möchte oder andere Dienste verwenden will, die Angebote blockiert, hat mir nie gefallen. Für mich roch das immer nach Erpressung.
Und was ich nun auch nicht das erste mal erlebe, auch wenn es sich im europäischen Ausland abspielt, ist eine unangemessene Solidarisierung der Organisation mit Mitgliedern, die sich offensichtlich in ihrer Berufstätigkeit zum Schaden von Personen, die ihnen anvertraut waren, verhalten haben in einer Art und Weise, die selbst für Außenstehende als bedenkenswürdig bezeichnet werden kann.

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Ja, da wäre es natürlich nicht schlecht, wenn die Zusammenarbeit in Projekten von den Beteiligten selbst organisiert würde, statt von außen mit Gewalt die Dinge regeln zu wollen. 😎

Arbeitnehmerrechte und Gewerkschaften

heise–Amazon-Mitarbeiter-in-Bad-Hersfeld-streiken-erneut-fuer-Tarifvertrag

Zu den Streiks bei Amazon fallen mir folgende Aspekte ein:

Das Wichtigste ist, dass der Händler für die Bevölkerung ein gutes und durchdachtes Angebot parat hält. Und genau das tut diese Firma. Es gibt also keinen Grund, diesem Dienstleister zu schaden.

Was angemessen ist, ist einmal eine subjektive Frage, sowie eine Frage von allgemeinem Interesse. Sind die Arbeitsbedingungen bei Amazon und ist die Bezahlung der Mitarbeiter angemessen?

Arbeitnehmer können und sollen sich organisieren. In Freiheit und ohne Zwang. Wer glaubt, sich nicht organisieren zu müssen und selbst seine Interessen vertreten will, darf nicht von anderen Organisierten unter Druck gesetzt werden. Wer eigene Organisationen gründen will, soll das tun.

Arbeitnehmerinteressen in der Arbeitswelt sind real! In der heutigen Zeit knapper, guter Arbeitsplätze, ist insbesondere Mobbing ein Problem, aber auch Lohndumping und insgesamt schlechte Arbeitsbedingungen, die mit dem Argument »verschärfter wettbewerblicher Rahmenbedingungen« den Mitarbeitern verkauft werden sollen.

Für Firmeninhaber, Selbständige und Unternehmer gilt: nicht warten, bis die Gewerkschaftsmitglieder (zurecht?) in der Firma auftauchen, sondern von Anbeginn an den Kollegen und Kolleginnen klar machen, dass man an einem gemeinsamen Projekt arbeitet und die Situation der Mitarbeiter aufmerksam behandelt wird. Also die Arbeitnehmerinteressen von Anfang an, als ein Aufgabenfeld des Firmenauftrags wahrnehmen und sachgemäß behandeln.

Bei Amazon geht es ja darum, dass die Firma »nicht schlecht« bezahlt, sondern »noch besser« bezahlen soll. 🙂

Und nicht zu vergessen, die Gewerkschaften setzen sich nicht für die Abschaffung von Hartz4 ein. Im Gegenteil. Sie waren sogar bei der Ausarbeitung dieser Regelungen mit beteiligt. Ja, sie lehnen sogar das Bedingungslose Grundeinkommen ab. Kann man noch rückschrittlicher sein? 😦