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Loyalität und Gemeinschaft

In den Texten von Sascha Liebermann erscheint immer wieder das Bild des »Bürgers«, der der Souverän im Land ist, und der seinen Bürgerstatus »leistungslos« inne hat und ausfüllen kann. – Gegründet ist dieses Recht aus seiner Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Ist diese bestätigt, dann erwächst ihm daraus eine »Würde«, die nicht relativiert, also an Bedingungen geknüpft werden kann.

.. nur wenn der Einzelne von sich aus bereit ist, unsere politische Ordnung zu tragen und Verantwortung zu übernehmen, kann ein demokratisches Gemeinwesen überhaupt bestehen. Wie wir also selbstverständlich auf diese Bereitschaft setzten, genauso selbstverständlich ist er Bürger, ohne irgendeine Pflicht zur Leistung erfüllen zu müssen. Er ist es leistungslos und zweckfrei, einfach Bürger um des Bürgerseins willen. An diesem Selbstverständnis unserer politischen Ordnung wird deutlich, worauf wir schon lange setzen, ohne ernsthaft daran zweifeln zu können: Ohne die Loyalität der Bürger, ihre Bereitschaft, sich an das Gemeinwesen zu binden, funktionierte in unserem Land gar nichts.

S.104 [1]

»Loyalität« halte ich für ein zu schwaches Bindemittel. – Zwar sagt Liebermann, diese Haltung sei in uns Menschen begründet, und durch unsere Sozialisation zustande gekommen, aber ich vermute, dass es sich dabei mehr um einen Wunsch des Autors handelt, als das dies bei den meisten Menschen tatsächlich sich so ereignet hat. – Und gegenüber was sollen wir »loyal« sein? Gegenüber Staat und Nation? Diese Begriffe sind entwertet. Wer sie noch verwendet, wird konservativ, traditionell oder noch schlimmer genannt. – Und selbst wenn wir es »Gemeinwesen«, Gemeinschaft nennen, dann wären wir einer anonymen Masse gegenüber loyal. Warum sollten wir das tun?

Heute, aus dem Stand heraus, würde ich meinen, können wir nicht mehr loyal sein. Weil zu viel Negatives sich in unseren Beziehungen abgespielt hat, zu viele Verletzungen gegenseitig sich zugefügt wurden, als das so ohne Weiteres es möglich wäre, füreinander einzustehen. – Heute arbeiten und leben wir »nebeneinander her«, ohne uns noch recht wahrzunehmen, immer beschäftigt mit dem »eigenen Kram«. – Der Umgang miteinander wird immer rauer, ruppiger, jeder ist sich selbst der nächste. Armut und Elend wird schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Es ist halt so. Und wir gehen weiter unseres Weges und versuchen uns wegzuducken, damit »das Unglück dieser Zeit«, uns nicht allzu heftig trifft.

Was ich mir hingegen vorstellen könnte, ist, dass wir Bürgerinnen und Bürger einen »Zusammenhalt« untereinander für wichtig erachten, aus Einsicht heraus, und diesen »neu« begründen und uns erarbeiten. – Und die schlechte Entwicklung, die dieses Land hinter sich hat, zurücklassen und von Neuem beginnen, mit einer Vision von Bürgergesellschaft, die die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens vorwegnimmt. Und darauf aufbauend gründen wir diese Gemeinschaft, mit dem Wissen, das wir uns bereits über die Beschäftigung mit dem bGE erarbeitet haben. – Und dann würde ich jenes, was sich da entwickelt nicht »Loyalität« nennen, sondern einen Zweckverband von Individuen, der sachlich in Betracht zieht, dass ein Zusammenwirken, Zusammenarbeiten, Kooperieren sinnvoll ist, um ein Gemeinwesen für alle Menschen so zu gestalten, dass deren Würde geachtet und erhalten bleibt.

Gelingt uns das, wird sich daraus in der Folge Vertrauen bilden, welches unser Zusammen-Tun weiter stärken wird.

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Götz W. Werner ; Ein Grund für die Zukunft: das Grundeinkommen – Interviews und Reaktionen

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Gezackere

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Ja, man muss nicht der Meinung Henryk M. Broders sein. Aber mir ging es schon ähnlich, wie er seine Reaktionen beschreibt, als die Nachrichten über 9/11 zu sehen waren.

Was will der Ludwig-Börne-Preis?

Die Ludwig-Börne-Stiftung verleiht alljährlich den Ludwig-Börne-Preis, der deutschsprachige Autoren ehren soll, die im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage Hervorragendes geleistet haben. Die Preissumme beträgt 20.000 Euro.

Wenn die Stiftung geforscht hat, und der Meinung ist, Sloterdijk hat die 20000 Euro verdient, dann was jetzt. Vielleicht liegt es an der Bedeutung der Preisträger, oder an der Bedeutungslosigkeit im Sinne von »normal«, Normalbürger. Muss jetzt Sloterdijk so bedeutend sein, dass seine Äußerungen zu 9/11 ausreichen, ihm die Anerkennung zu verweigern. Oder kann man nicht feststellen, dass der Herr Philosophisches von sich gibt und manchesmal eben nicht. Denn das ist ja der Punkt. Je höher die Herrschaften in der Bewertung durch »Preisverleiher« stehen, umso reizvoller ist es, der konstruierten Bedeutsamkeit auch noch mehr Verantwortung anzudichten, als es möglich ist. Da ist es die Eitelkeit der Betroffenen, die ihnen zum Schaden gereicht. Wer würde einem Bürger, der auch Philosophisches von sich gibt, nicht zugestehen wollen, dass er mit seinen Ansichten und Haltungen mal daneben liegt. Aber so. Und was ist mir nun lieber, Menschen, die ungeheuer bedeutsam sind, und wenn sie Scheitern, einen Fehltritt machen, gnadenlos verrissen werden, oder der Normalbürger, der zusätzlich und manchmal oder von mir aus öfters, Großes zustande bringen kann? Na ja, ich tendiere zum Normalbürger. Das ist weniger anstrengend und aufregend, aus der Position des Betrachters. – Lieber »Schwarmintelligenz« als Superman.

Bei Broders Einsatz geht es auch um Loyalität. Für und gegen Juden, für und gegen den Islam. Für und gegen Amerika. Für und gegen den Westen. Für und gegen das linke Establishment. Und, und. Man darf halt nie eins vergessen. Wenn man gegen jemanden ist und sich echauffieren will, und derjenige wohnt eine Etage tiefer, im Nachbarhaus, in derselben Straße, im selben Ort, im selben Land, dann gehen viele mit ihren Äußerungen automatisch anders um, als wenn diejenigen über die man schimpft, tausende Kilometer entfernt wohnen. – Der Alltag und seine Bedeutung für das Verhalten, wird immer außer Acht gelassen.

achgut–intellektuelle-als-doppel-pack

Rene Scheu schreibt zu Henryk M. Broders Angriffen gegen Peter Sloterdijk eine sehr überzeugende Replik. Hervorstechend ist der Hinweis auf die Originalbelege. Sieh an, ich habe sie auch nicht gelesen und war schnell dabei, »ein bisschen« dem Broder recht zu geben. Allerdings auch danke Henryk M. Broder selbst. Denn ohne sein Zutun wäre diese Information nicht an mich gelangt. Die Schweizer Weltwoche kann nur lesen, wer Geld zahlt.