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Zusammenarbeit

Wie ist eine gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft möglich, wenn wir in fast allen Einzelfragen unterschiedlicher Meinung sind? – Es geht nur, entweder über einen Machtapparat, der die Menschen zu ihrem »Glück« zwingt, oder durch Abstimmungen, deren Ergebnisse die Unterlegenen akzeptieren.

Wie können wir Menschen aber überhaupt zusammenleben, wenn wir so unterschiedlich sind, in unserem Denken, Fühlen, Wollen, Empfinden? Anpassung meint wohl auch, auf die Durchsetzung jeder eigenen Meinung zu verzichten und das Wirken der Anderen (Mächtigeren) zu ertragen und zu dulden.

Wie können zukünftig gemeinsam Entscheidungen auf den Weg gebracht werden, wenn wir das bisherige System der Parlamentarischen Demokratie nicht mehr wollen und Direkte Demokratie für sinnvoller erachten?

Wenn wir uns nur zu Einzelfragen miteinander verbünden, so erscheint dies erstmal sinnvoll und praktikabel. Schauen wir jetzt aber genauer hin: Wir machen eine Gruppe, die sich für kostenlosen ÖPNV einsetzt. Da sich das Thema ÖPNV aber nicht ablösen lässt von einer allgemeinen Diskussion über die gesellschaftlichen Verhältnisse, wird ebenfalls über andere Themen des täglichen Lebens gesprochen. Nun haben wir Menschen, die sich für eine Neugestaltung des ÖPNV einsetzen, die aber in Fragen der Zuwanderung völlig anderer Meinung sind, die in einem Fall eher nationalistische Tendenzen unterstützen, die andererseits mehr libertäre Ansichten und universelles Recht sich vorstellen können. – Wie geht das in der Zusammenarbeit zusammen?

Grundsätzlich ist einmal festzustellen, dass alle Menschen Teil der Bevölkerung sind. Wer nicht im Gefängnis sitzt, hat wie jeder andere Mensch auch, uneingeschränkte Bürgerrechte und die Mitwirkungschance. Ob wir im Einzelfall mit diesen Personen zusammenarbeiten, sollten wir individuell klären. Für den einen ist die Grenze überschritten, für den anderen nicht, wenn der »Nationale« sich konkret zu Themen äußert. Es gibt keinen Königsweg. Wer unterstellt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen im eigenen Interesse und zum Schaden der Mitmenschen sich bereichern, vertritt eine Tendenz. Wer behauptet, dass im Land sich Geheimarmeen befinden, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß, skizziert eine weitere. – Mit welchen Menschen wollen wir uns gemein tun, um zu einer konkreten Sache Erfolg zu haben?

Hier ist zu sehen, dass alles gar nicht so einfach ist. Wir Menschen sind babylonische Wesen, die sich nur mit Mühe in gemeinsame Bahnen bringen lassen. Aber wenn es gelingt, können wir in unserem Wirken sehr erfolgreich sein. 😕

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National

Klingt wie »banal«, ist es aber nicht ganz. – Manche Menschen können das fühlen, was »national« bedeutet. Wer es wagt, dies öffentlich zu machen, wird von Drohzecken angegriffen, die sofort »Nazi« schreien.

Dabei ist der Begriff »national« in anderen Ländern durchaus akzeptiert, etwa bei den »Siegermächten« USA, Russland, England und so weiter. Hier wird er oft gleichgesetzt mit »patriotisch«. Also verteidigen, das Recht (im eigenen Land) gegen das Unrecht (im anderen Land). – Es kann aber passieren, dass das damals einmal gültige Recht schon längst verwirkt ist, in der Gegenwart, weil das Unrecht mittlerweile auch im eigenen Land überhand genommen hat.

Das führt dazu, dass der eigentliche Hebel ins Blickfeld gerät, der die jeweiligen Argumente in die Ausführung bringt: Macht und Kraft, gegen das Andere siegreich zu sein.

Die Diskussion über die Argumente, Weltsicht und Kultur einer bestimmten Gruppe, wird davon abhängig, ob sie »Macht und Kraft« hat, oder nicht. Die Gruppe, die die Oberhand behält, deren Kultur wird anders diskutiert, deren Lebensweise bekommt in der Welt einen anderen Stellenwert, als es bei den anderen der Fall ist.

Wird also das »Nationale« argumentativ behandelt, und wird der Aspekt der Macht als ein separates Feld angesehen, dann muss die Frage lauten, welche Optionen bietet das »Nationale«, um die Aufgaben der Gegenwart zu bewältigen und die Gesellschaften der Zukunft zu gestalten.

Sofort auffällig ist der Aspekt der Abgrenzung. Denn das Nationale kann nur benannt werden, wenn es Nicht-Nationales gibt. Es müssen also Menschen ausgegrenzt werden, um dem Begriff des Nationalen einen Sinn zu geben. – Sicher fällt den meisten spontan ein, dass ein nationaler Staat einer ist, der sich eher minderheitenfeindlich, eher Flüchtlingen gegenüber ablehnend verhält. – Dabei ist der »Flüchtling« nur ein Synonym für den modernen Menschen, der sich die Orte einfach aussucht, an denen er leben möchte, ohne belästigt zu werden, von örtlichen »Nationalen«, die meinen, ihnen würde das Land gehören. Sofern die Wanderbewegungen für unsere Erde verkraftbar sind, gibt es keinen Grund, dass sich selbsternannte »Bodenwächter« den umherziehenden Menschen in den Weg stellen. – Der Mensch muss frei sein, seinen Aufenthaltsort wählen zu können. – Natürlich muss dieses Recht dann auch für alle gelten. Wer in Afrika leben möchte, sollte dies tun können, ohne von Ortsansässigen bedroht zu werden.

Allerdings hat sich die westliche Welt, als »moderne« Staatengemeinschaft, als »Zivilisation«, selbst in Misskredit gebracht. Wir sollten schleunigst dazu beitragen, dass wir eine funktionierende Weltgemeinschaft haben, in der die Menschenrechte oberste Maxime sind. Dann werden wir auch wieder in der Welt Verständnis vorfinden, für unsere persönlichen Anliegen.

Dass »das Nationale« irgendetwas an sich hat, welches sich heute wieder ausbreiten sollte, damit wir voran kommen, das kann ich nicht erkennen, auch wenn es als »Gefühl« immer mal in den Menschen aufflammen mag. Übrigens waren die beiden Kriegs-Vorkommnisse im 20. Jahrhundert Beispiel dafür, wie der Nationalismus (hier bei uns) irrtümlich für einen Ausweg gehalten wurde. Beides mal führte dieses »Gefühl« ins Unglück.

Menschenwege – Demonstrationsrecht trotz Störungen

taz–Essay-Nationalismus-in-Europa

Micha Brumlik schreibt über Nationalismus, die Ukraine und das »Weltbürgerrecht«.

Tatsächlich ist der »Nationalismus« heute ein Thema, insbesondere wenn es darum geht, die Wanderbewegungen der Menschen einschränken zu wollen. Und Herr Brumlik erwähnt Immanuel Kants Idee vom »Weltbürgerrecht« , dass den umherziehenden Menschen aber keinen Freibrief ausstellte:

Dabei ging es gewiss nicht um ein kategorisches Recht auf Einwanderung, wohl aber um das Recht, aus Not gerettet zu werden.

»Notlagen« werden aber von Macht-Organisationen definiert (siehe die Hartz4-Gesetzgebung) und der Willkür ist Tür und Tor geöffnet.- Ja, warum nicht ein unumwundenes Recht auf »Wanderung«? – Das würde einem »Weltbürgerrecht« sehr gut zu Gesicht stehen. Und da könnte die Idee drinstecken, dass die freie Wahl des Aufenthaltsortes für uns Menschen denkbar ist.

Und Brumlik diskutiert den »Nationalismus« anhand der Ukraine, dabei wäre es doch viel lohnender gewesen, diesen am Beispiel von Russland zu behandeln. Doch wer will sich schon mit dem »großen Bären« anlegen. – Die in den letzten Jahren arg gezausten Menschen in der Gegend »Ukraine«, sind da ein einfacheres Klientel. Jedoch, was geben sie her, um den Nationalismus zu beweisen. – Wahrscheinlich gibt es so viele Gründe, warum die Menschen dort sich für Veränderungen einsetzen, dass sie selbst nicht genau wissen, welche Faktoren sie alle antreibt.

Und dann dieser Punkt:

In der hiesigen Publizistik erschien der „Maidan“ als Freiheitsfeier im Geiste der Französischen Revolution. ………. Transparente mit Namen und Bild des ukrainischen Nazikollaborateurs Stepan Bandera jedenfalls wurden von den Demokraten auf dem Maidan weder untersagt noch entfernt.

Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Demonstrationsrecht sind hohe Güter. Sie zu beschädigen wäre eine Schande. Deshalb sollten wir uns bemühen, diese Rechte zu hegen und zu pflegen.

Schon bei Inge Hannemann fiel mir auf, wie schnell auf das Demonstrationsrecht verzichtet wurde, nur weil die Möglichkeit bestand beziehungsweise das Gerücht im Umlauf war, es könnten »Nazis« an der Demonstration gegen Hartz4 teilnehmen. – Allein der Verdacht einer Störung der Versammlung reichte aus, um die Organisatoren dazu zu bringen auf diese wichtige Demonstration gegen ein deutsches Unrecht zu verzichten. – Unfassbar.

Bei Demonstrationen wird entweder eine Strecke gelaufen, oder die Leute stehen die ganze Zeit auf einem Platz. An einer Demonstration können zum Beispiel 5, 50, 500 oder 5000 Leute teilnehmen. Um Demonstranten herum wird kein Absperrband gewickelt, so dass scharf zwischen »öffentlichem Raum« und Gruppe der Demonstranten unterschieden werden kann. Während einer Demo können Teilnehmer schnell mal beim Bäcker verschwinden, sich etwas kaufen, und sich dann wieder der Demonstration anschließen. Manche Demonstranten stehen dicht beisammen, andere stehen alleine oder in kleinen Gruppen ein paar Meter neben der Hauptgruppe. Manche Demonstrationen sind so groß, dass der Anmelder der Demonstration nicht überblicken kann, wo die Demo anfängt und wo sie aufhört. Manche Leute laufen 20 Minuten mit und verabschieden sich schon wieder. Die Grenzen zwischen Passanten und Demonstranten verschwimmen teilweise. Das hängt auch von den räumlichen Gegebenheiten ab.

Wenn nun an irgendeiner Stelle einer unübersichtlichen Demonstration plötzlich Transparente mit Naziinhalt auch nur für einen kurzen Moment hochgehalten werden, und in einer abgesprochenen Aktion ein bestellter »Journalist« das ablichtet, im Hintergrund der Demonstrationszug, wer soll das verhindern? – Aber selbst wenn die Organisatoren und »Demokraten« direkt neben einer solchen Provokation stünden, sollen sie eine gewalttätige Auseinandersetzung riskieren? Natürlich müssen solche Vorkommnisse der Polizei gemeldet werden. – Und wenn überhaupt jemand aktiv vorgehen könnte, gegen solche Provokationen, dann die Polizei.

Was nun genau in der Ukraine bei den Demonstrationen vorgefallen ist, darüber spekulieren wohl auch diejenigen, die über diese Ereignisse schreiben. – Aber es möge sich doch nur jemand einmal vorstellen, wenn solche Provokationen gezielt veranstaltet werden, um Demonstrationen zu verhindern, zukünftig, was das für eine negative Folge wäre, für die in den Menschenrechten verbriefte Versammlungs- und Meinungsfreiheit. – Mit solchen Provokation ließe sich doch das Demonstrationsrecht komplett lahmlegen. Und um das zu verhindern, sollten diese Vorgänge gar nicht so aufgebauscht und hochgehängt werden. – Es genügt festzustellen, dass die Versammlungsleiter die Pflicht haben, solche Vorgänge der Polizei zu melden, damit diese die nicht erlaubten Transparente entfernt. – Das war es.

Aber durch solche Andeutungen, wie sie Brumlik macht, wird doch der Eindruck erweckt, als wollten die Veranstalter solche nationalistischen Transparente. – Beweise hat er für diesen Verdacht scheinbar nicht.

Wo wohne ich

cicero–nahostkonflikt-israel-hat-keine-schuld-am-antisemitismus

Es sind Stimmen, wie die des Nahostexperten Jürgen Todenhöfer, die den Konflikt mit Argumenten aus dem vergangenen Jahrhundert anheizen. Eine Argumentation, die so harmlos daherkommt: Israel sei eine europäische Kolonie auf arabischem Boden, erzählt er bei Anne Will. Genau das ist die Logik, die diesen Konflikt bis heute bestimmt. Die Kategorie „geraubtes Land“, die der ehemalige CDU-Politiker immer wieder aufmacht, erinnert an eine völkische Blut-und-Boden-Philosophie. „Wenn sie die Schuldfrage stellen“, entgegnet Todenhöfer „würde ich als allererstes die Nazis und Hitler nennen.“ Hitler sei Schuld am Problem. Am Problem Israel – weil er den Arabern durch seine Vernichtungspolitik die Juden ins Land getrieben hat. Wer so argumentiert, wer Israel zum Räuber macht, zum ewigen Stachel im arabischen Fleisch, zum Problem, das man den Nazis zu verdanken habe, der kann in letzter Konsequenz gar nicht anders, als Israel das Recht auf Existenz abzusprechen.

Diese Diskussion »um Land« wird ja von den wenigsten geführt. – Die Israelkritiker beziehen sich auf die Kriegshandlungen der Israelis, wollen aber mit der Landfrage nichts zu tun haben. – Aber das geht nicht. Auch zu der Landfrage muss eine Haltung formuliert werden: Sollen, können die Juden in diesem Gebiet leben, ja oder nein? Jeder, der in dieser Sache sich zu Wort meldet, wird offen oder indirekt auch auf diese Situation hin angesprochen.

Aber die meisten Kritiker verzichten auf eine Bezugnahme zu dieser Frage und beschränken sich auf die Auseinandersetzung mit den tagespolitischen Themen, wie etwa der »Kulturredakteur« einer Obdachlosenzeitung.

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Wenn wir wissen, im Jahr 2005 lebten in Europa zwischen 42 und 53 Millionen Muslime, das sind etwa 6 bis 7,5 % der über 700 Millionen Einwohner des Kontinents, warum sollte es dann nicht möglich sein, dass 8 Millionen Israelis im arabischen Raum leben?

wikipedia–Islam-in-Europa
wikipedia–Israel

Und sie haben den Ort ja nicht beim Würfeln herausgefunden. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Jahrhunderte und Jahrtausende alter Bezug zu dieser Gegend besteht. – Das ist also keine willkürliche Entscheidung.

Natürlich muss niemand dieser Sicht zustimmen, aber es wäre eine Überlegung wert.

Und schon längst leben Menschen, wollen Menschen dort leben, wo sie es hinverschlägt, wo sie ankommen. – Niemand will vertrieben werden aus »Blut-und-Boden« Gründen. Viele der Argumente gegen solche Lebensumstände und Lebensläufe sind »nationalistisch« begründet. – Wer aber will nationalistische Positionen weiter verteidigen?

Zumindest wäre es wert, einmal die Wanderbewegungen der Menschen und ihre Aufenthalte mehr mit der Verantwortung einzuschätzen, die jeder Einzelne aus seiner Position in der Weltgemeinschaft heraus empfinden könnte.

Reporter oder Bürger

Alle Berichte triefen nur so von Parteinahme und gefährden irgendeine Seite. – Es sind die Methoden von vor 50 Jahren, als der Bürger nicht wusste, was los ist in der Welt und sich jemand aufmachen musste, um es zu erfahren und zu berichten. – Heute erzählen Verwandte und Bekannte, andere Internetuser, die vor Ort sind, es wird mit dem Smartphone ein Interview gemacht oder »live« gefilmt und »sofort« weiterverbreitet. Bewerten und einschätzen müssen wir »Citizen« immer selbst. – Die Idee, dass andere für uns urteilen, ist genauso überkommen und nicht mehr zeitgemäß, wie die »Reportage«. Egal ob über den Gezi-Park, den »Himmlischen Frieden«, über Vorgänge im Osten, im Westen, wir sind es selbst, die entscheiden müssen, wie dort die Sachlage ist und wie wir sie einschätzen, während die Medien und ihre Vertreter in den letzten Jahren Teil eines riesigen Propaganda-Apparates geworden sind. Die Propaganda besteht in der Rückwärtsgewandtheit, mit dem Beharren auf alten, überkommenen und nicht mehr zeitgemäßen Strukturen und dem Festhalten an erworbenen Besitzständen. – »Reaktionär« sind plötzlich alle Vertreter der herrschenden Gruppen und ihre Unterstützer, und »entlarvt« werden sie durch weltweite Unruhen und Krisen, bei denen es nötig ist, das alle Bürgerinnen und Bürger Partei ergreifen und Position beziehen. Welche Werte müssen wir verteidigen, welche Gesellschaften sind es heute »wert«, geschützt zu sein? – Wenn die Gesellschaften nur »Beute« eines Teils der Bevölkerung sind, braucht sich niemand für diese zu opfern. Sind die gesellschaftlichen Ordnungen auf einmal in Gefahr, erkennen die Lobbyisten, wie wenige sie eigentlich sind und das sie »ihre« Gesellschaften gar nicht verteidigen können. – Jetzt plötzlich brauchen sie »die Masse der Bevölkerung«, als »Krieger für die gerechte Sache«, die in Wirklichkeit eben nicht gerecht ist. – Wie das »Stimmvieh« noch vor 70 Jahren verheizt wurde, so ist heute anzunehmen, dass die Menschen gebildeter und insbesondere »wissender« sind, um die Propaganda zu durchschauen, sich selbst ein Urteil zu bilden und demgemäß zu handeln.

Es besteht somit Hoffnung, dass es zukünftig anders ausgehen wird, als in den vergangenen Jahrzehnten. – Dass wir Bürgerinnen und Bürger nicht mehr berichtet und »erklärt« bekommen müssen, was in der Welt vor sich geht und wir unser eigenes Wertesystem entwickeln, worüber wir entscheiden, in welche Projekte stecken wir unsere Energien und für was riskieren wir unsere Gesundheit.

Konkurrenz und Neid

Jonathan Jay Pollard, Jahrgang 1954, sitzt jetzt seit bald 30 Jahren im Gefängnis, weil er Informationen ausspioniert und weitergegeben hat. Ausgerechnet von den USA wurde er dafür ins Gefängnis gesteckt, von dem Land, dass durch NSA und die Enthüllungen des Edward Joseph Snowden in dieser Hinsicht weltbekannt ist. – Ist es nicht besonders perfide, dass die Verantwortlichen trotz dieser Vergleichbarkeit der »Taten«, nicht schleunigst den Verurteilten freilassen?

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Pollard niemanden getötet, geschlagen und sonst wie misshandelt hat, er hat bloß Daten gesammelt und an andere übermittelt. Er hat also das gemacht, was tausende von Amerikaner, Engländer, Australier, Kanadier auch jeden Tag machen. So müssten doch all diese Menschen, die in Zusammenhang mit NSA entlarvt wurden, ebenfalls mindestens 30 Jahre ins Gefängnis gesteckt werden. – Und hatte man der Weltbevölkerung nicht bei der Snowden-Affäre erklärt, dass es »üblich und normal« sei, wenn Geheimdiensttätigkeiten überall stattfinden?

Nun wird hinter vorgehaltener Hand und teils offen darüber spekuliert, ob die hartnäckige Weigerung der amerikanischen Entscheider, Pollard freizulassen, nicht vielmehr Ausdruck eines Antisemitismus ist. Denn Pollard ist amerikanischer Jude und die gesammelten Informationen hatte er an Israel weitergegeben. Das war Anfang der 80er Jahre.

Diese Frage ist deshalb interessant, weil dabei zu den Quellen des Antisemitismus vorgedrungen wird. Es fällt auf, dass die Befürworter der weiteren Inhaftierung gerne öffentlich und namentlich zu ihrer Haltung stehen, unter anderem Bill Clinton. Und diese Inhaftierung muss durchaus als unmenschlich angesehen werden, da der Beschuldigte keinem Menschen physisch geschadet hat (auch wenn konstruiert wird, die von ihm weitergegebenen Informationen könnten anderen Spione gefährdet haben). – Dabei ist anzunehmen, dass die Befürworter der weiteren Inhaftierung Pollards sich sicher sind, in ihrer Haltung. Das passt aber gut zu dem Antisemiten, der ja auch gerne »triumphierend« seine Erkenntnisse und sein Wissen öffentlich macht, wenn er glaubt, in seinem ersten Urteil (Vorurteil) durch Ereignisse bestätigt zu werden.

Loyalität

Im Nationalstaat der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war in einem männerbündlerischen, völkischen Sinne Loyalität nur gegenüber der eigenen Gruppe möglich. Wer dies nicht leistete, war ein Verräter und Feind. Und schon immer war der Antisemit der Meinung, dass die Juden, egal wo sie wohnen, doch nur ihrem eigenen Volk sich verpflichtet fühlen. – Heute spielt diese Sicht kaum noch eine Rolle, weil die »völkischen, männerbündlerisch organisierten Nationalstaaten« am Verschwinden sind oder bereits in moderne, für alle Menschen, egal welcher Herkunft, geeignete »Lebensräume« sich umgewandelt haben oder dabei sind, sich umzuwandeln. In den 80er Jahren waren diese Vorstellungen aber bestimmt noch bei Einigen oder Vielen in den USA zu finden. Die Idee dieser »späten Nationalisten« ist, dass der Delinquent gegenüber seinem Wohn- und Geburtsland hätte loyal sein müssen und nicht gegenüber Israel. Und dem Antisemiten wird ein »Beweis« geliefert, dass seine ersten Urteile doch richtig sind, dass nämlich »der Jude« immer nur den Vorteil »seines Volkes« im Blick hat und nicht den Vorteil der Menschen seines »Wohnortes«, und er daraus berechtigt ist, besonders hart gegenüber dem Beschuldigten handeln zu dürfen. Das wäre dann die Ebene der Konkurrenz. Der Antisemit sieht in dem Juden einen Konkurrenten, der auf gleicher Ebene wie er, sich um Vorteile bemüht. Der »völkische, männerbündlerische Nationalist« sieht in dem Juden einen Konkurrenten, der dasselbe vorhat wie er, sich aber damit auf »fremden Boden« aufhält.

Wer aber nicht in der Dunstwolke des völkischen, männerbündlerischen Nationalstaates drinsteckt, kann vielleicht wahrnehmen, dass zum einen die Bedeutung solcher Staaten, wie schon eben bemerkt, rapide am Sinken ist, weil die Bevölkerungen immer stärker durchmischt sind, und ein Denken in Völkern eher hinderlich ist bei der Lebensbewältigung, und zum anderen, könnte die Einsicht möglich sein, dass ein Jude »für sein jüdisches Volk« sich einsetzen kann, ohne die Absicht zu haben, dabei den Nicht-Juden schaden zu wollen. Es kann ihm einfach darum gehen, sein Volk zu schützen und zu erhalten, ohne gegen Nicht-Juden feindselig zu sein.

Aber auch wenn so weit die Einsicht vorgedrungen ist, lauert eine neue »Wahrheit« für den Antisemiten. Denn jetzt überkommt ihn der Neid. Vorher war es das Konkurrenzgefühl und nun der Neid. Denn jetzt sieht er, dass im Land und bei den eigenen Leuten keine völkische Stimmung mehr aufrechterhalten werden kann, weil die Menschen für ein solches Denken nicht mehr zugänglich sind, das Leben sich über andere Bahnen gestaltet, und ihn überkommt eine Trauer vermischt mit Neid, dass es einem Volk doch gelingt, was allen anderen Völkern verloren zu gehen scheint. Und er wird aus einem Neidgefühl heraus sich feindselig zeigen.

Korrekterweise kann hinzugefügt werden, dass die Nationalstaats- und Volksidee sich in der Folklore und im Brauchtum erhält, und wer will, dies auch pflegen kann, und dass das jüdische Volk nicht ganz von den weltweiten Entwicklungen verschont ist. Auch in diesem passiert es, dass die Religion an Bedeutung verliert, verlieren kann, dass ein Säkularisierungsprozess stattfindet, dass das Festhalten an der Religion nicht unbedingt, sondern freiwillig ist.

Mit anderen Worten, die Dramatik, mit der viele Menschen ihren Alltag gestalteten, erweist sich heutzutage immer mehr als unangemessen und das künstliche Aufrechterhalten dieser Spannung ist langweiliger denn je (siehe hierzu zum Beispiel die Filme Iron Man 2, Pacific Rim oder The Amazing Spider-Man).

wikipedia–Jonathan_Pollard

wikipedia–NSA

wikipedia–Edward_Snowden

washingtonpost–kerry-detours-to-middle-east-to-try-to-rescue-peace-talks

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